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6.  Entfremdung und Isolation

6.1 Der Haß der Welt und die Güte Gottes

Schon bei Anwerbung und Einführung in die Heilslehren versuchen die Sekten die neuen Anhänger von der Umwelt zu entfremden, aber die Isolation beginnt erst richtig nach der Einbindung in die Gruppe.

Vielzitierte, wenngleich einfältige Gedanken in diesem Zusammenhang sind:
1. Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist.....die Welt vergeht mit ihrer Lust...(1.Johannes 2,
15-17). Dass ohnehin für jeden Menschen einmal die Welt vergeht wird verdrängt: Auf Grund höherer
Einsicht wird ja ewiges Leben in Aussicht gestellt! Der Gegenbeweis kann dann nach dem Tode
angetreten werden. Außerdem ist Lust verpönt, sofern sie Lust an etwas anderem ist, als den von der
Sekte für zulässig erklärten Zielen.

2. “Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch sitzt wo die Spötter sitzen!”  mahnt der
Psalmdichter (Psalm1,1). Die Sekte erklärt nicht, wie das im Alltag geschehen soll. Ein politischer Rückzug etwa (Wahlverweigerung der Zeugen Jehova) oder eine Verweigerung der Teilnahme am Wirtschaftsleben oder  ein Rückzug aus sozialen Bindungen wie Ehe und Familie, falls der Partner anders denkt? Jedenfalls wird von den Sekten zur inneren, besonders intellektuellen, Abwendung von der Welt im Elfenbeinturm der “Splendid Isolation” geraten. “Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen.... Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?” (1. Korinther 6, 14). Das sekteneigene, nicht das fremde Joch soll getragen werden.

3. Andererseits wird gelehrt:
... das verkündigen wir Euch, auf dass auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft  ist mit dem Vater..... (1. Johannes 1, 13). Verkürzt wird behauptet: “Habt Gemeinschaft mit uns, dann habt ihr Gemeinschaft mit Gott”, ein Standpunkt, dem eine paranoide Komponente mit entsprechenden Folgen nicht abzusprechen ist. Die Hölle? - Das sind die Anderen! (Sartre). Der gute Erlöste gegen den bösen Rest der Welt oder vielmehr der böse Rest der Welt gegen ihn, den Dulder. Damit wird die Weltsicht weiter verengt und auf die Ziele der Sekte zentriert.  Mit der Schlange spricht “man” nicht und wer vom Baum der Erkenntnis essen will, muß das “Paradies” verlassen.

4. Eventuelles Unverständnis der Umwelt wird in Unaufgeklärtheit oder teuflische Bosheit gegenüber den göttlichen Plänen, dem kosmischen Gesetz etc. umgedeutet, die man um Gottes oder der Ideale willen ertragen müsse. Die paranoide Einstellung spiegelt sich recht deutlich in Sätzen wie “Selig seid ihr so Euch die Menschen hassen” (Lukas 6,22) oder “Wäret ihr von der Welt so hätte die Welt das ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählt, darum haßt euch die Welt (Johannes 15, 19). Das Gottes- bzw Führerbild der Sekte bietet hier wieder einen idealen Ausgleich: Kirchenlied O-Ton: “Du kannst den Schmerz verstehen, den keiner sonst versteht, Du kannst die Wunde sehen die jedem Blick entgeht!” Ganz für mich ist Gott da! Da kommt Freude auf.

6.2 Sekten und Wissenschaft

Vernünftige Bedürfnisse wie Bildung, Kunst, Reisen usw. werden häufig als Ablenkung von den “erhabenen” Zielen der Ideologieumsetzung gesehen. Theater, Kino, Schlager, Fernsehen, Bücher, sogar ein ernst genommenes Berufsleben. Daher rührt auch der weltfremde Eindruck, den man von manchen Sektenmitgliedern hat. Man kann sich die Entrüstung der “linientreuen” Sektierer über Kunst kaum vorstellen! Für christliche Bilderstürmer sind Buddhas, chinesische Steinschneidereien oder indianische Totems nicht Zeugnisse der Kunstfertigkeit eines Volkes, sondern bereits fremde Götter. Dies habe ich selbst erlebt.
Ein neuapostolischer Bischof sagte einer seiner Gläubigen, sie solle lieber Kirchenlieder singen, als er sie bei dem Lied “Es steht eine Mühle im Schwarzwäldertal” ertappte. Der “Vorfall” wurde dann noch in einer Veranstaltung für Amtsträger als abschreckendes Beispiel ausgewertet. Man sollte dies nicht als Episode ansehen, sondern als symptomatisch und systemimmanent. Für den Realitätsverlust überzeugter Sektenmitglieder ist es bezeichnend, dass sie sich solche - und erst recht Einmischungen noch ganz anderer Art - gefallen lassen. Bedingt durch die Indoktrination werden Schuldgefühle entwickelt. Jedenfalls ist die Kleingeistigkeit hier besonders deutlich erkennbar!

Die Isolation soll vor allem im Bereich des Wissens vorangetrieben werden: Nur ein “geistig armes” Sektenmitglied ist ein gutes Sektenmitglied, das auch für reflektierenden Zweifel und Skepsis unzugänglich ist und sich dem höheren Wissen der “Propheten” ausliefert. Wer in Glaubensdingen den Verstand befrägt, kriegt unchristliche Antworten (Wilhelm Busch). Ein Prediger der Neuapostolischen Kirche riet mir: “Hör auf Bücher (Sachbücher über vergleichende Religionsforschung, wissenschaftliches Quellenmaterial zur Ideologie- und Utopieforschung) zu lesen und Dich mit Philosophie zu beschäftigen, sonst verlierst Du noch Deinen Glauben!” Wie recht er hatte! Wichtiger als die persönliche Freundschaft war ihm auch, dass ich die Ideologie vertrat. Als ich dies nicht mehr mit meinem Denken vereinbaren konnte, wurde die “Freundschaft” umgehend gekündigt.
Niemals zählt der Mensch, nur das Mitglied, das bereit ist, die Ziele der Organisation umzusetzen.

Wenn die Sektenlehre mit objektiven Tatsachen oder aus ihrer Sicht “feindlichen” wissenschaftlichen  Theorien in Konflikt gerät, werden diese entweder vor den Mitgliedern verheimlicht, selektiv wiedergegeben oder als lächerlich dargestellt. Ich erinnere mich sehr deutlich an einen Jugendgottesdienst der Neuapostolischen, in dem die Darwinsche Theorie, von allen einschlägigen Fakultäten deutscher und ausländischer Hochschulen als Lehrgrundlage anerkannt, in dummdreister Weise lächerlich gemacht wurde.
Wörtliche Bibelauslegung ist hier die Quelle vieler Übel bei geistig schlichteren Vertretern der Sekten, die ihrerseits Wissen für Dummheit halten. Beispielsweise wird die Abfolge der Schöpfungsgeschichte sehr ernst genommen. Darin schuf Gott die Pflanzen vor der Sonne und der Interessierte wird niemand finden, der ihm die  “Photosynthese bibeltreuer Christen” erklären kann.
Einem Sektenmitglied hatte ich geraten, einen neurologischen Facharzt aufzusuchen, weil offensichtliche Verwirrung auf krankhafte Vorgänge schließen ließ. Dies hat sich auch bewahrheitet und wurde im Rahmen einer medikamentösen Theraphie soweit gebessert, dass die Patietin ihren Alltagsaufgaben wieder nachkommen konnte. Das überwältigende Echo bestand in einem strengen Verweis des zuständigen Kirchenoberen. Für die Frau zu beten, sei besser. Schliesslich heiße es: Ich bin der Herr, Dein Arzt!  Die Anmaßung solcher Kurpfuscher scheint mir ebenso unerträglich als unverständlich. Warum nur? Ist es die tiefgefühlte Anmaßung  gottgleicher Macht? Ignorabimus! Wir werden es nie wissen!
Jedenfalls handelt es sich bei der Wissenschaftsfeindlichkeit um Gedankengut des frühen Mittelalters, das man leicht auf den Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225 - 1274) zurückführen kann. Er untersuchte die Frage, ob die Theologie von höherem Rang sei als die “übrige Wissenschaft” und kommt zum Ergebnis: “...sie bedient sich ihrer (der übrigen Wissenschaften) als der niederen und Mägde” (Thomas von Aquin, Summa theologica, 1.Untersuchung, 4. Artikel). Ein aus Sicht der Sekten heute noch erstrebenswerter Zustand.
Es sei erlaubt, an dieser Stelle das Gedicht “Vom Pythagoräischen Lehrsatz” von Adalbert von Chamisso einzufügen

Die Wahrheit, sie besteht in Ewigkeit,
Wenn erst die blöde Welt ihr Licht erkannt;
Der Lehrsatz, nach Pythagoras benannt,
Gilt heute, wie er galt zu seiner Zeit.

Ein Opfer hat Pythagoras geweiht
Den Göttern, die den Lichtstrahl ihm gesandt;
Es thaten kund, geschlachtet und verbrannt,
Einhundert Ochsen seine Dankbarkeit.

Die Ochsen seit dem Tage, wenn sie wittern,
Daß eine neue Wahrheit sich enthülle,
Erheben ein unendliches Gebrülle;

Pythagoras erfüllt sie mit Entsetzen;
Und machtlos, sich dem Licht zu widersetzen,
Verschließen sie die Augen und erzittern.

Auch wenn es im Einzelfall schwerfällt: Es ist häufig besser auf “Freundschaften” mit Fanatikern zu verzichten, um sich nicht in deren Dunstkreis aus persönlichen Gefühlen heraus zur gleichen Lebenshaltung zu entwickeln. Deutlich spüren die Sektenopfer, wenn Sie denn noch fähig sind darüber zu reflektieren, die persönliche Korruption, mit der die Gruppe sie festzuhalten sucht. Ich persönlich habe weiterhin die intellektuelle Auseinandersetzung gesucht und mich gelöst. Vernünftiges durchdenken der Glaubensinhalte beschädigt die Dogmen, aber selten bringen die einmal Bekehrten genug Kraft auf, sich zu lösen. (Eine hervorragende Darstellung dieser Aspekte finden Sie bei Hammerstein: Ich war ein Munie). In erster Linie wollen Sekten die neuen Mitglieder von Angehörigen und Freunden isolieren, da von den Bezugspersonen die größte Gefahr ausgeht. Deshalb verfrachten einige Gruppen ihre Mitglieder ins Ausland (z.B. die Vereinigungskirche Mun-Sekte, die Mormonen und die Kinder Gottes).

6.3  Manipulation von Vergangenheit und Zukunft

Wenn sich die Sektenmitglieder nicht ständig als Sünder fühlen wollen, müssen sie ihr früheres Leben verdrängen, verwerfen und damit die Sektenidentität verstärken. Die z.T. extreme Arbeitsbelastung (Zeugen Jehovas ca. 16 - 17 Stunden /Woche ) ist das einfachste und unverdächtigste Mittel zur Isolation (“Weihet die besten Kräfte dem Herrn Jesus Christ” heißt es in einem neuapostolischen Kirchenlied). Die Mitglieder werden angetrieben, ihre Missionsziele so rasch wie möglich umzusetzen, weil sie die einzigen sind, die den Untergang, den Satan aufhalten oder das Reich Gottes auf Erden vorbereiten können.

Ihr wahres Gesicht zeigen Sekten auch, wenn es um die Wahl des Lebenspartners geht. Gelingt es den Sekten nicht, den Partner in die Bewegung hineinzulocken, weil er kritisch denkt, versucht die Sekte mit moralischen Druckmitteln gegen das Sektenmitglied, dieses zu trennen (Neuapostolische Kirche, Zeugen Jehovas). Beliebte “Denkansätze”, die dem Gläubigen nicht nur als Wegweisung dienen sollen: Überleg Dir, ob eine Ehe ohne Gottes Segen gut gehen kann. Wer sich abwendet verliert das "ewige Leben"; wer die Hand an den Pflug legt und zieht zurück, der ist meiner nicht wert usw.

Bei Scientology müssen immer wieder auf auszufüllenden Formularen sehr persönliche Fragen beantwortet werden. Es wird sogar, wie ich mich selbst überzeugte, eine Art von Lügendetektor eingesetzt, u.a. um zu erfahren, ob kritische Personen sich im Umfeld aufhalten.

Sekten benutzen auch Sprachregelungen zur Indoktrination. Viele Sekten haben eine eigene Sprache entwickelt. Ich habe eine gläubige Frau erlebt, die sich mit indischen Sekten abplagte und schließlich schwer erkrankte. Sie berichtete mir, dass der Arzt ihr gesagt habe, wenn sie ihre Leiden schildern wolle, müsse sie das unter Verwendung des üblichen Wortschatzes tun. Mit  Angaben über Energiefluß, Schwingungen und Karma könne sie nicht zur Anamnese beitragen und er keine Diagnose erstellen. Durch die Sprache wird den Mitgliedern das Gefühl gegeben, dass sie in eine spirituelle, mystische, religiöse kurrzum heilige Sphäre vorstoßen. (Die Welt versteht uns nicht, aber Gott/Jehova/Das 3.kosmische Gesetz versteht uns). In diesen Bereich gehören auch geheime Zeichen, die den Gläubigen als "Adept", als zugehörig ausweisen.