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4. Einführung in die Heilslehre: Wege der Rettung
Für den sachlichen Normalmenschen und Außenstehenden ist besonders der
missionarische Eifer lästig, mit dem Sekten zu Felde ziehen. Viel
schlimmere Folgen hat jedoch das Aufpfropfen fremder Ideologien für die
Umworbenen.
Wenn die Interessenten durch Heilsversprechungen geködert sind und ihre
Sehnsucht nach einem perfekteren Leben geweckt ist, wird zunächst die
Gefühls- und Gedankenkontrolle der Sekte über den Betroffenen verstärkt.
Dabei wird das Ziel verfolgt, den Anzuwerbenden sachte an Ideologie und
Kult heranzuführen.
Was wird dabei in der Regel angeboten? Wege und Ziele der “Rettung”. Ein
Erlösungsziel (z.B. in den Himmel kommen) braucht einen Rettungsweg. Er
liegt auf jeden Fall in der strikten Befolgung der Lehre unter Verneinung
aller anderen Gedankengänge (Heilsegoismus). Wege können sein:
- Rettung durch Sexualpraktiken von totaler Enthaltsamkeit und Askese
bis zum Gruppensex (Kinder
Gottes, Baghwan) oder zur Bestimmung des Partners durch den geistlichen
Führer (Mun-Sekte
Vereinigungskirche).
- Rettung durch Mitarbeit im “Weinberg des Herrn” (andere bekehren, Flugblätter
verteilen, Kurse kaufen
bzw an Dritte verkaufen, Chor, Musikgruppen)
- Rettung durch Hausarbeit (reinigen und schmücken der Versammlungsräume,
Außenanlagen, kochen für
die Gemeinschaft etc.)
- Rettung durch Negieren. Totale Umkehr des christlichen Wertesystems
und Durchführung der
entsprechenden Rituale (Jugendsatanismus), Verabsolutierung des
Bösen, Ritual der schwarzen Messe
als Umkehrung der christlichen Messe. In diesen Fall ist das höchstes
Ziel die Herrschaft des Bösen auf
der Erde.
Die genannten Aktivitäten bezwecken im wesentlichen eine Einschränkung
der Zeit, in der das Sektenmitglied sonst zum Nachdenken kommen
oder sich mit Dritten über Sinn und Unsinn seiner Ideologie auseinandersetzen
könnte. “Man soll sich nicht mit Fleisch und Blut besprechen” heißt das
im Jargon der Neuapostolischen.
Die Einführung in die Sektenziele erfolgt in erster Linie durch Kurse
(Orientierungsabende für unsere lieben Gäste), Seminare, Bibelstunden,
Tonbänder und ähnliches. Ebenso wird in “musikalischen Feierstunden” die
Werbetrommel gerührt, vergleichbar den Kaffeefahrten, bei denen es in
Wirklichkeit um den Verkauf von Lamadecken und Silberbesteck zu überhöhten
Preisen geht (Etikettenschwindel).
Am wichtigsten sind allerdings persönliche Gespräche mit den erfahrenen
Kultanhängern, die bei den neuen Mitgliedern bald eine Vertrauensstellung
einnehmen. Die Überbetonung der Gefühlsebene, das fordern und fördern
von starken Zuneigungsgefühlen, gehört zur Strategie der Sekten. Unter
deren Eindruck erscheint es den Betroffenen als schäbig, Ideologie und
Heilsversprechungen zu hinterfragen. Die Heilslehre wird den Angeworbenen
in dem Maß nahegebracht, wie seine Kritikfähigkeit erlischt
und er zur Unterwerfung bereit scheint. Sonst könnten seltsame Praktiken
und offensichtliche Widersprüche Mißtrauen erwecken und zur Abwendung
führen.
Eine wesentliche Vereinfachung und Beschleunigung der Indoktrinierung
wird bei manchen Sekten durch möglichst kasernierten Aufenthalt in Ausbildungs-
und Freizeitlagern erreicht. Es sei in diesem Zusammenhang an andere totalitäre
Ideologien erinnert (im Dritten Reich üblich: Ferienlager Kraft-durch-Freude
mit ähnlichen Zielsetzungen).
Die neuen Anhänger sollen schnell Heilserlebnisse erfahren, aber die angebliche
Befreiung muß schwer erarbeitet oder teuer erkauft (Scientologen) werden.
Das "absolute" Heil werden die Anhänger nie erreichen. Es ist
das oberste Gebot der Indoktrinierung, dass dem Opfer das Ziel, die Utopie,
fern bleibt. Wäre dieses Ziel zugänglich, so würde die Gruppe als Vermittler
überflüssig und verlöre die Macht über den Anhänger.
Man ist unwillkürlich an den Esel erinnert, dem sein Besitzer, auf ihm
reitend, an einer Stange unerreichbares Heu vor der Nase baumeln läßt.
Ist das nicht ein schöner Ansporn!?
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