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3. Anwerbestrategien

3.1 Tarnung

Das früher beliebte Missionieren auf der Straße und an der Haustür hat heute eine mehr untergeordnete Bedeutung. In der Anwerbung spielen in zunehmendem Maß Unter- oder Tarnorganisationen eine Rolle, die zu Dutzenden bis Hunderten ins Leben gerufen wurden. Vorsichtige Schätzungen für Scientology in Deutschland gehen von mehr als 100, für die Mun-Sekte (Vereinigungskirche) von ca. 300 Tarnorganisationen aus. Häufig distanzieren sich die Mutterorganisationen nach außen von ihren "Töchtern". Die Dunkelziffer macht die Aktivitäten der Sekten unübersichtlicher und damit für das Bewußtsein der Öffentlichkeit problematischer.
 

3.2 Utopien: Vergleich

Die Sekten selbst haben sich zu Spezialisten im Erkennen menschlicher Schwächen und Ängste entwickelt. Sie haben sowohl ihre Indoktrinierungsmethoden als auch die Verkündigung der “Heilslehren” auf die Bedürfnisse der jeweiligen Klientel perfekt angepaßt. Die psychische Beeinflussung beginnt beim ersten Kontakt mit möglichen Interessenten. Die Mitglieder verfolgen von Beginn an das Ziel, bei den umworbenen Personen Sehnsüchte zu wecken und deren Erfüllung in Aussicht zu stellen.

Die Utopie, ein notwendiger Bestandteil jeder Ideologie, muß diesen Part leisten. Im Bedarfsfalle, z.B. bei Änderung der äußeren, politischen Verhältnisse, werden Utopien einfach abgeändert. Als Beispiel mag die Utopie von der göttlichen Hilfe dienen: “Hilft er nicht zu jeder Frist, hilft er doch wenn’s nötig ist”. Und wird nichts draus in dieser Welt, so wird’s vielleicht in Bitterfeld, oder im nächsten Leben oder im Alter oder...! Hierin gleichen sich übrigens religiöse und politische Ideologien. Es ist sehr interessant die inneren Strukturen von Naziparolen und bolschewistischen Aussagen im Kontext zu religiösen Angeboten zu sehen.
Beispiele sind:
- Nazis: Am deutschen Wesen muß die Welt genesen. Wir wollen weitermarschieren, und wenn alles in
  Scherben fällt. Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt. Schrecklich dumme Sätze und
  eigentlich ist eine Wiederholung nicht auszudenken!
- Bolschewisten: Der Kampf des Proletariats geht weiter. Der Kommunismus wird siegen! Mit seinem
  Endsieg beginnt das “Goldene Zeitalter” in dem aller Mangel ein Ende hat. Schrecklich dumme Sätze und
  eigentlich ist eine Wiederholung nicht auszudenken!
- Sekten: “Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt
  werden” (Markus16,16). “Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht
  mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
  (Offenbarung 21,4)

Über Auswirkungen und Erfüllung von Utopien haben wir - soweit sie dieseitsgerichtet sind - einige Kenntnisse: Utopien treten nie ein, das eben ist ihr Wesen. Bei den jenseitsgerichteten können nur die Illusionen und Leiden der Verführten gesehen werden. Das Eintreten läßt sich ebensowenig behaupten wie das Nichteintreten. Allerdings sollte die Beweislast bei denen liegen, die eine Behauptung aufstellen.

Ideologien folgen bedeutet, der jeweiligen “göttlichen” oder “erleuchteten” Führung blind zu glauben, gleichgültig wie unwahrscheinlich die gemachten Aussagen sind. Der Endsieg Gottes, der Idee, der Partei (Bibel: “.. wird alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße legen..”) spielt eine wesentliche Rolle und läßt die Gläubigen und ihre Opfer Mut schöpfen, auf den holprigen Pfaden fehlgeleiteter Religiosität weiterzugehen. Nietzsche merkt an: Der Mensch erträgt jedes “Wie” solange er ein “Warum” hat! Deshalb machen Ideologien auch ebenso süchtig wie Heroin. Fragen Sie einmal Menschen, die “an der göttlichen Nadel” sind, ob sie diese lassen wollen. Nein, und wenn es das Leben kostet!

Gesundheit, Freude, Glück: Alles ist den Gläubigen verheißen. Die Realität läßt sich durch Parolen freilich nicht verbiegen. Die Auflösung der entstehenden Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird in die ferne Zukunft, das Leben nach dem Tode oder das nächste Leben nach der Re-Inkarnation oder ins Goldene Zeitalter verlegt. Vermutlich wegen dieses so ähnlichen Stallgeruchs der Utopien, haben Ideologien sich gegenseitig immer als Konkurrenz empfunden und sind sich zu keiner Zeit gegenseitig grün gewesen (im vergangenen Jahrhundert besonders Christen und Kommunisten). Tucholsky sagt: “Der Mensch lebt gerne zu Klumpen geballt. Jeder Klumpen haßt die anderen Klumpen, weil sie die anderen sind und die eigenen Klumpen, weil sie die eigenen sind”.

 3.3 Ideologie: Zielsetzungen und Wahrhaftigkeit 

Ein Gespräch mit außenstehenden Personen wird von den Sektenanhängern nicht zweckfrei geführt; sie haben stets die versteckte Absicht, neue Mitglieder zu werben und verschweigen natürlich alle noch bevorstehenden Druckmittel und Realitätsverluste. In der Phase der Anwerbung scheuen sich die Mitglieder aus taktischen Gründen nicht, ihre Sektenzugehörigkeit und notfalls die vertretene Heilstheorie zeitweise zu verleugnen. Freund Paulus meint dazu: “Den Juden bin ich geworden wie ein Jude, auf daß ich die Juden gewinne... Denen ohne Gesetz bin ich wie ohne Gesetz geworden - so ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern in dem Gesetz Christi - auf daß ich die ohne Gesetz gewinne.(1. Korinther  9, 20 - 21). Klingt zwar unehrlich, ist aber geeignet, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Der Zweck heiligt eben die Mittel! Ein anderes Paradebeispiel für die unwahrhaftige, aber gekonnte Dialektik des Paulus, ist seine Bekehrung der Athener (Apostelgeschichte 17, 22 - 34). Seine Nachfolger haben von ihm gelernt.

Um die Ängste Interessierter, welche durch die laut werdende öffentliche Kritik hervorgerufen werden, abzubauen, bekommen Interessenten teilweise fingierte, nicht nachprüfbare oder sehr vage mündliche Informationen. Haben Sie schon mal Rechenschaftsberichte oder Statements eines Wirtschaftsprüfers der Scientologen, der Neuapostolischen oder der Zeugen Jehovas über die Höhe ihrer Einnahmen und deren Verwendung gelesen? “Vertrauen sie uns einfach, wir wissen was wir tun!” So oder ähnlich lautet bei Nachfragen die Antwort. Daher rührt unter anderem der den Sekten oft gemachte Vorwurf, ein Staat im Staat zu sein.

Interessierte werden zunächst mit einer Überdosis an Zuwendung und Gruppensolidarität in ein bisher kaum erlebtes euphorisches Bad der Emotionen geworfen. “Anfüttern” war ein kircheninterner Ausdruck der Neuapostolischen hierfür. Das Selbstbewußtsein (nicht das gesunde Selbstwertgefühl) wird künstlich aufgebaut. Alle kritischen Gedanken und Fragen werden durch emotionale Verwirrung ausgeblendet. Die “Zeit der ersten Liebe” nennt man das in der Neuapostolischen Kirche und ist sich bewußt, daß unter diesen Voraussetzungen große Persönlichkeitsveränderungen bewirkt werden können. Man nutzt diese Zeit entsprechend. Selbstverständlich können solche Veränderungen für Menschen positiv sein, wo sie aber dazu mißbraucht werden, ein Schäflein aufs Scheren vorzubereiten, scheinen sie eher verwerflich.
Es wird dem Interessierten das Bild einer großen, glücklichen Gemeinschaft vermittelt, die nichts mehr ernst nimmt als das Verhältnis zu... ja, zu wem eigentlich?
Always look on the bright site of life! Da hängen Menschen am Kreuz und können noch fröhlich singen! Im neuapostolischen Gesangbuch finden sich Texte wie: “Auch unter Kreuzesdruck und Schmerz bleib ich Dein fröhlich Kind” oder “Ich brauchs Herr, schlage zu”. Hierzu möchte ich lieber nichts kommentieren!
Dieser glücklichen Gemeinschaft darf man bei Wohlverhalten - das meint Gehorsam, Unterordnung und Hingabe - vielleicht künftig angehören. Außenstehende sind oft bezaubert von der perfekten Harmonie, die nach übereinstimmender Meinung der Fachleute und der intimen Kenner der Szene jedoch nur vorgeführt wird.

Eine wirksame Methode der Indoktrinierung ist das eigene Bekenntnis der altgedienten Sektenanhänger, wonach ihr Leben mit Annahme des “wahren” Glaubens eine positive Wendung genommen hat. Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Alkoholiker hören auf zu trinken! Da die Sektenmitglieder dazu erzogen werden sehr freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit aufzutreten, sehen die Interessenten keinen Grund, ihnen zu mißtrauen.
Die rauhe Wirklichkeit dahinter sieht ganz anders aus. Der Bezirksprediger einer Sekte sagte mir mal: “Jeden Morgen steht ein Dummer auf. Ich habe die Aufgabe ihn zu finden!” Das scheint mir nun doch eine  zynische, menschenverachtende Einstellung.

Was allen Ideologien anhaftet, davon sind auch Sekten nicht ausgenommen: Verrat an ihren eigenen höchsten Zielen und Utopien:
- Kommunistische Regierungschefs hatten einen größeren PKW-Park als westliche Kapitalisten und die  Funktionäre haben z.T. gegenüber parteilich anders Orientierten eine wahre Schreckensherrschaft ausgeübt. Die Macht ist immer bei den Apparatschiks! (Stichwort Gleichheit).
- Die Französische Revolution hat vermutete Gegner, darunter die eigenen Führer, auf der Guillotine hingerichtet (Stichwort Brüderlichkeit),
- das sanfte Christentum hat in Kreuzzügen, Ketzer- und Hexenverbrennungen und sonstigen wenig lustigen Autodafes (von lat. actus fidei, Glaubensakt, gemeint sind Ketzer- und Bücherverbrennungen) nach realistischen Schätzungen 50 Millionen Menschen in ein hoffentlich besseres Jenseits befördert
 (Stichwort Liebe, auch Nächstenliebe oder wenn Dir einer auf die linke Wange schlägt halt ihm auch die rechte hin).

Was kann normale Menschen zu solchen Handlungsweisen hinreißen? Der blinde Glaube an die Sache und der blinde Gehorsam gegenüber einer “Führung”. Dinge also, die wir aus einer unseligen politischen Vergangenheit kennen. Vermutlich deshalb sagte Churchill im Hinblick auf eine Ideologie: “Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!”. Es wird normalerweise als unbequemer empfunden selbst zu denken oder gar gegen den Strom zu schwimmen. Davon profitieren Ideologen und ihre Organisationen.

Öffentliche Verbrennungen Andersdenkender sind ja etwas aus der Mode gekommen, denn in Demokratien ist die Macht anders verteilt als in Theokratien. Aber denke niemand: “Die Zeiten sind vorbei!” Ja, Sekten haben heute wenig Macht über Leben und Tod der Menschen. Aber wer möchte erproben, wie es aussähe, wenn die Macht der Kirchen - wie im Mittelalter - uneingeschränkt und unkontrolliert wäre? Das Schreckensregime der Calvinisten in Genf ist dafür ein gutes Beispiel. Der Schafspelz hat sich vielleicht geändert aber die inneren Strukturen der Gemeinschaften (undemokratische Machtausübung, Ideologie und Führung der Sekte durch Menschen, die diese Strukturen lieben) sind dieselben geblieben!