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Sekten - Befreiung durch Unterwerfung?
O heilige Einfalt!! Hus auf dem Scheiterhaufen
1415
Wir sind Narren um Christi willen. 1.
Korinther 4,10
Wer Gutes tun will, tue es in kleinen Schritten; das “allgemeine Gute”
ist die Ausrede der Patrioten, Politiker und Schurken!
Samuel Butler
Du sollst Dich nicht nach einer volkommenen Lehre sehnen, sondern
nach Vervollkommnung Deiner selbst! Hermann
Hesse
Halt an! Wo läufst Du hin? Der Himmel ist in Dir!
Suchst Du Gott anderswo, Du fehlst ihn für und für.
Angelus Silesius, Der Cherubinische Wandersmann
Wer weiter geht, sieht mehr! Christof
Columbus
Ich schreibe diese Abhandlung
- aus meiner allgemeinen Kenntnis der Sekten
- als Information für Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände geneigt
wären, Verführern ein Ohr zu
leihen und als Verständnishilfe für die nahestehenden Menschen
Verführter
- unter besonderer Berücksichtigung der Praktiken der Neuapostolischen
Kirche, von der ich besonders intime Kenntnisse habe.
Ich schreibe diese Zeilen auch in Trauer über die Unausrottbarkeit menschlicher
Torheit!
1.1 Sektenbegriff
Das Wort "Sekte" leitet sich vom lateinischen "secta"
(Richtung, Richtlinie) ab und ist ursprünglich wertfrei. In der frühchristlichen
Zeit galten die Christen aus der Sicht der Juden als Sekte. So erläuterte
Paulus dem Landpfleger Felix: “Das bekenne ich aber Dir, dass ich nach
diesem Wege, den sie eine Sekte heissen, diene also dem Gott meiner Väter...”
(Apostelgeschichte 24, 14). Als Sekte wird heute meistens die Abspaltung
von einer vorherrschenden oder bestehenden Religionsgemeinschaft bezeichnet.
Besonders eine starke Ausprägung der Manipulation von Menschen gilt als
Kriterium für die Zurechnung einer Gruppe zu den Sekten.
In Deutschland gibt es nach vorsichtigen Schätzungen über 1. 000 Sekten
mit 0,5 - 2,5 Millionen Mitgliedern und ihre Zahl steigt fast täglich.
Diese Glaubensrichtungen sind häufig - auch wegen der extrem starken Bindung
innerhalb kleiner Gemeinschaften und der Anfangsverbundenheit in der Gründerphase
- gefährlich für Staat und Individuum.
Zunächst: “Die” Sekte als eine Gemeinschaft mit allen Negativmerkmalen,
gibt es nicht. Das Erscheinungsbild ist vielmehr sehr unterschiedlich.
Neben jungen, kleinen, aggressiven Newcomern gibt es beispielsweise innerhalb
großer Kirchen reformerische Gruppen, die mit sektiererischem Eifer und
Charakter zu Felde ziehen.Opus Dei, das Einfluß und Denkweisen der katholischen
Kirche des Mittelalters wieder herstellen will, mag als eines der Beispiele
dienen. Ähnlich charismatische Gruppierungen sind auch innerhalb der evangelischen
Landeskirchen zu finden.
Als Definitionsmerkmal der Sekte soll hier eine Form des Auftretens dienen,
die geeignet ist, Menschen mit einer Utopie anzulocken, zu manipulieren
und/oder persönlich und kommerziell auszubeuten. Dabei nimmt die Sekte
in Anbetracht der von ihr behaupteten “absoluten” Wahrheiten, des von
ihr vertretenen “alleinigen” Heils und der angebotenen exklusiven
Erlösung keine oder wenig Rücksicht auf die Belange ihrer Mitglieder und
der übrigen Welt.
1.2 Geschichtliches
Im Jahr 1648 wurde im westfälischen Frieden am Ende des verheerenden
30-jährigen Kriegs, eines Religionskriegs, der die europäische Bevölkerung
auf ein Drittel dezimierte, bestimmt, dass außer der katholischen, der
evangelischen und den reformierten Kirchen keine "Religionen
und Sekten" in Deutschland geduldet werden dürften. Das nimmt
nicht Wunder. Soeben hatten ja Sekten wie Wiedertäufer und Bilderstürmer
hemmungslos gehaust, viele Menschen umgebracht und ungezählte Kulturgüter
unter Berufung auf “höhere Werte” vernichtet.
Die noch in mittelalterlicher Enge denkenden und fühlenden Menschen
erlebten plötzlich, dass die Gruppenzugehörigkeit im Religionskrieg nicht
Geborgenheit sondern Tod bedeutete. Auch weltliche Herrschaft wurde angesichts
der absoluten Macht des Adels fragwürdig. Von nun an stützten sich Thron
und Altar - vorher Jahrhunderte erbittert verfeindet und in blutigen Kämpfen
um die Vorherrschaft befangen - gegenseitig. Zur Festigung dieser Allianz
trug in der Folgezeit die Aufklärung bei, der viele konservativ-mittelalterlichen
Vorstellungen zum Opfer fielen und die liberales und demokratisches Gedankengut
unter die Meinungsträger und Multiplikatoren der Menschheit brachte. Unter
diesen Eindrücken schrieb Lord Chesterfield 1749: “Die Herde Mensch denkt
nicht nach - und das ist richtig so... Allgemein verbreitete Vorurteile
tragen mehr zur Ruhe und Ordnung bei als es die eigenen privaten Überlegungen
tun würden, unkultiviert und unverbessert wie sie nun einmal sind. Wir
haben eine ganze Reihe dieser nützlichen Vorurteile in unserem Land und
ich wäre sehr traurig wenn sie abgeschafft würden”.
Im Zuge der Aufklärung und der französischen Revolution wurden Sekten
infolge der Gedanken von Glaubens- und Gewissensfreiheit wieder als zulässig
betrachtet. Jedem Individuum wurde freie Religionsausübung zugestanden.
Seit Auflösung der Staatskirche im Jahr 1919 ist der Begriff "Sekte"
in Deutschland nicht mehr juristisch definiert.
1.3 Einstellung Intellektueller
Wo der barocke Kirchendichter Paul Gerhardt (1607-1676) noch
ermahnte:
“Befiehl Du Deine Wege, und was Dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt.”
da kam bereits der aufklärerische Goethe zu dem Schluß:
“Dich betrügt der Staatsmann, der Pfaffe, der Lehrer der Sitten,
und dies Kleeblatt, wie tief betest du, Pöbel, es an!”
Unter dem Eindruck der Auswirkungen religiösen Denkens erkärte Karl
Marx in seinem
Aufsatz “Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie” (1843):
“Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen
Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des
Volkes.”
Und angesichts der sich wiederholenden Geschichte machte Nietzsche
kurz vor der Jahrhundertwende - der Zeit des Aufblühens des Sektenunwesens
- die bekannte Aussage, das Christentum bringe die Menschen um die schönsten
Früchte des Heidentums.
In einem lesenswerten Gedicht bemerkt der demokratisch eingestellte
Vormärz-Dichter Heinrich Heine zum Verhalten der Geistlichkeiten
aller Couleur:
“...Ich weiss, sie tranken heimlich Wein
und predigten öffentlich Wasser.”
Und er forderte seine Leser auf:
“den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen!”
Wilhelm Busch, als ein sehr unabhängiger, freier und geistvoller
Mann geschätzt, stellte fest:
“Glaube beruht auf Ursachen, nicht auf Gründen.”
Die Blüte des Geistes hatte ihr Urteil über Christentum und Sekten gefällt
und man darf vermuten, dass es angesichts der Geschäftspraktiken heutiger
Sekten um einiges härter ausgefallen wäre!
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