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Buddhismus, Kritische Anmerkungen
Lange Zeit galt der Buddhismus in der Öffentlichkeit als Prototyp
einer sanften Religion: weitgehend undogmatisch, antiautoritär, friedliebend
und menschenfreundlich. Unbestritten könnte er eine Alternative zu
den imperialistischen Weltreligionen Islam und Christentum sein. Diese
verklärende Sichtweise ist aus mehreren Gründen einseitig: Nicht
weil etwas anders ist, ist es auch besser.
- Das erste Ziel meiner Kritik ist der Karma-Gedanke.
Nach ihm wird das Lebensschicksal des Menschen durch gute und schlechte
Taten des vorhergehenden Lebens bestimmt.
- Der nächste Kritikpunkt ist die Vorstellung von allem Leben
als Leiden, ähnlich den christlichen Vorstellungen der Welt
als Tränen- und Jammertal. Sie wird der Wirklichkeit augenscheinlich
nicht gerecht. Leben scheint mir eher eine bunte Mischung aus Regen und
Sonne, Sommer und Winter zu sein. Einseitige Betrachtungen sind unrealistisch
und führen zu einseitigen "bitteren" Reaktionen, zu Lebensverneinung
und zu Fatalismus hinsichtlich der Möglichkeiten "selbstverschuldetes
Leiden" durch eigene Entwicklung zu ändern.
- Des weiteren habe ich Probleme mit der praktischen
Ausübung dieser Religion z.B. auf Sri Lanka, wo sie sich
auf verheerende Weise herrschaftsstabilisierend und unterdrückend auswirkt.
Trotz der äusseren Friedfertigkeit bilden sich starke innere Unterdrückungsmechanismen
für Andersdenkende aus, im Falle Sri Lankas der Tamilen. Diese sind,
da nicht "rechtgläubig" für Regierungs- und Beamtenwesen
nicht zu gebrauchen, Buddhisten werden hier vorgezogen. Dadurch werden
die Nichtbuddhisten sozial, nach Einkommen und nach Entwicklungsmöglichkeiten
auf die Stufe der "armen Brüder" herabgedrückt und
haben deshalb angefangen zu rebellieren. Der Staat, in dem sie einen erheblichen
Anteil der Bevölkerung ausmachen, ist in keiner Weise ihr Staat,
sie sind nicht integriert und werden z.B. in Süd- und Mittel- Sri
Lanka überwiegend als Gelegenheitsarbeiter und Teepflücker "verwendet".
- Bei den modernen Spielarten des Buddhismus gibt es noch störendere
Erscheinungen. Die Veräusserlichung der Lehre
hat zu Irrrationalismen geführt, denen ich z.B. die autoritäre
Rolle des Dalai Lama und der tibetanischen Äbte zurechne und ebenso
die veräußerlichten, gebetsmühlenartigen Ausrufungen,
die irgendwelchen Segen bewirken sollen.
Offensichtlich besteht zwischen religiösen Zeremonien und der Ausübung
religiöser Autorität ein enger Zusammenhang: Der Priester
entrückt
sich durch das Zeremoniell dem Volke und wird Teil des Verehrungsgegenstandes,
der Gottheit. Er gewinnt die mächtige Funktion des Stellvertreters.
Damit ist er berechtigt "göttliche" Autorität
auszuüben.
Er bestimmt z.B. wegen seiner Macht zur Freisprechung von Sünden
(z.B. Löse- und Bindegewalt im Christentum) darüber, wer in
den Himmel darf, wer in die Hölle muss. Unbedingter Gehorsam gegenüber
seinem Wort bestimmt über das "ewige Heil". Solche
religiösen
Praktiken stufe ich nicht nur im Christentum als entwürdigenden
und menschenverachtenden Mummenschanz ein. Wo Rituale praktiziert werden,
lässt dies auf Machtstrukturen schliessen und diese ermöglichen
auch den Machtmissbrauch.
In diesen Zusammenhang muss natürlich gesehen werden, dass keine
Religion ohne verschleiernde Mythen auskommt. Die Frage ist nur, inwieweit
diese zur psychischen Repression und zur Abkehr von der Vernunft eingesetzt
werden. Ein Beispiel dafür ist die Hare-Krishna-Sekte mit ihren öffentlichen
Übungen und ihrer inneren, autoritär-ausbeutenden Struktur.
- Ebenso unnatürlich erscheint mir das Zölibat
der buddhistischen Mönche und Nonnen.
- Am meisten schreckt mich jedoch die Abkehr von
der Ethik Buddhas (wie bei Christus) mit der Zeit ab. Während
die ursprüngliche Buddhalehre nichts von äusseren Formen hält,
sind im Laufe der Zeit Tempel- und Bilderkulte angewachsen. Der Abt eines
Klosters, das für die Vielzahl seiner Bilder aus dem Leben Buddhas
und seiner Jünger berühmt ist, sagte mir in einem Gespräch
hierüber: "Die Bilder sind Verehrungsobjekte für das Volk".
Hier wird eine starke Veräusserlichung sichtbar.
- Zentrales Problem des Buddhismus ist aber, dass er sich von
der Philosophie zur Religion entwickelte. Die ursprüngliche
Buddhalehre hatte eher philosophischen als religiösen Charakter.
Die Lehre Buddhas ist nicht als absolute Wahrheit zu betrachten, der man
anhängen sollte, sondern als Floß, das man benutzt, um einen
Fluss zu überqueren und nachher stehenlässt. Ihr fehlte die
Bindung an Götter oder an irgendeine "höhere Macht",
sei sie auch noch so schwer zu definieren; und es fehlt auch ein Kult.
Buddha selbst steht in einer philosophischen Tradition; er bildet mit
seiner Lehre einen Höhepunkt indischer Philosophie. Die ursprüngliche
buddhistische Lehre kam ohne jegliche Form religiöser Hierarchie
aus. In ihrem Zentrum stand allein das Individuum, das seinen Weg zur
Überwindung des Leidens mit Hilfe der buddhistischen Lebenstechniken
für sich finden musste. Dies alles änderte sich erst nach Buddhas
Tod, als die buddhistischen Gemeinden neue Organisationsformen wählten
und sich durch die Integration fremder religiöser Kulte mehr und
mehr von der buddhistischen Ursprungsidee entfernten.
Alle erwähnten Probleme des Buddhismus sollten skeptisch denkende
Menschen aber nicht daran hindern, diesen in seiner Urform als Philosophie
kritisch wertzuschätzen.
Nebenbei: Liest man Buddha philosophisch, kann man interessante Parallelen
zu anderen bedeutenden Philosophen feststellen, z.B. zu dem in konfessionslosen
Kreisen zu Recht hochgeschätzten Epikur. Wie Epikur wollte auch Buddha
den Menschen die Angst vor dem Einfluss vermeintlicher Götter nehmen
und den Machtanspruch religiöser Hierarchien schwächen. Wie
Epikur versuchte auch Buddha einen "Weg der Mitte" jenseits
der Extreme zu etablieren.
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