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Werden und Vergehen -
Entwicklungszyklen der Religion
Betrachtet man die Entwicklung der einzelnen Religionen, fällt zunächst
deren Verknüpfung mit Werden und Vergehen der Stämme und Völker ins Auge.
Familien-, Stammes- und Volksreligionen sterben häufig aus, wenn das
Volk untergeht. Dann werden fremde Kulte übernommen und für richtig
befunden was diese lehren. Im europäischen Bereich sind als bekanntere
Beispiele zu nennen: Die germanische Religion, die finnisch-ugrische Religion,
die keltische Religion, die griechischen Mysterienreligionen und die einmal
so mächtige römische Staatsreligion. Ungeheuer ist die Zahl von Lehrmeinungen,
deren jede sich im Laufe der Geschichte für den Nabel des Universums hielt
und die von den Geschichtsabläufen überrollt wurden und vergangen sind.
Vom Sterben der Religionen wird jedoch das religiöse Bedürfnis nach Weltdeutung,
sittlichen Maßstäben, einer mystischen Vereinigung mit dem Unerklärlichen,
das Fühlen einer heiligen Macht nicht berührt. Der Mensch sucht
die führende Hand, die im hilft seine Lebensprobleme zu lösen, ewigen
Ausgleich bietet für eine ungerecht erscheinende Welt oder ihn als Teilchen
in das kosmische Geschehen integriert. Die Sehnsucht nach Führung ist
auch in der engen Verbindung zwischen realen irdischen und vorgestellten
ewigen Mächten zu erkennen: Thron und Altar stützen sich oder gehen miteinander
unter. In der Demokratie, die den “Thron” ablehnt und das Individuum als
Mitgestalter der Welt sieht, verliert auch die autoritäre Religiosität
stark an Boden und muss sich neue Wege und Formen erschliessen. Aus dieser
Sicht sind auch die derzeitigen religiösen Umbrüche sehr begreiflich.
Wir stehen sicherlich an der Schwelle einer neuen, andersgearteten Religiosität.
Die kommunistische Ideologie mit ihrer Sicht auf ein goldenes Zeitalter
ist als Versuch zu werten, jenseitsbezogene in dieseitsbezogene Utopien
zu ändern: ein beachtlicher Zweig der Uotpieforschung beschäftigt
sich mit diesen Phänomenen.
Die Religionsform der Universalreligion, deutlich weniger an politische
und staatliche Systeme gebunden, erscheint in diesem Lichte in besonderem
Maße als Übergangsform.
Die Entwicklung der Religionen erfolgt offensichtlich nicht geradlinig.
Es gibt in der einzelnen Religion kein kontinuierliches Wachstum und kein
Fortschreitens zur höheren Vollkommenheit. Dagegen fällt auf, daß alle
Religionen typische Entwicklungsstadien durchlaufen.
In der weiteren Betrachtung folge ich im wesentlichen den Einteilungen
von Mensching hinsichtlich der einzelnen Entwicklungsphasen der
Religion.
1. Das Stadium der Anfangsverbundenheit
2. Das Stadium der Dogmatisierung und Konfessionalisierung
3. Das Stadium der Organisierung
4. Das Stadium der Reformation
5. Das Stadium des Untergangs
Zu 1. Anfangsverbundenheit
Diese herrscht offensichtlich dort
- wo ein Gründer Nachfolger und Jünger gefunden und berufen hat,
- wo sich Menschen um eine Idee scharen und sich in der “ersten Liebe”
vereinen wie dies z.B. Paulus für das Christentum beschrieben hat.
Es handelt sich hierbei um eine erlebte Einheit,
- in der alles oder zum mindesten vieles geteilt wird,
- in der man sich im Jüngerkreis verbunden fühlt,
- in der die Isolierung anderen Systemen gegenüber sich einstellt.
In dieser Phase wird besonders stark das numinose Moment, das “Heilige”
erlebt, frei von intellektuellen Zutaten und ideologischen Beimischungen
und gekennzeichnet durch unmittelbare Verbundenheit mit dem übergeordneten
Prinzip (Gott, Kosmisches Gesetz u.ä.) . Es sind die Zeiten des Enthusiasmus,
des Erfülltseins von der Gottheit und dem Weltprinzip.
Zu 2. Dogmatisierung und
Konfessionalisierung
Mit zunehmender zeitlicher Distanz vom Meister stellt sich die Frage,
wie Normen, Werte und erlebtes Glück weitergegeben und tradiert
werden sollen. Einen sehr deutliches Gefühl dafür kann man sich durch
Beschäftigung mit der frühen Patristik – z.B. den Briefen der griechischen
Kirchenväter verschaffen. Sie zeigen hervorragend die Entwicklung vom
Kirchenvater zum Kirchenlehrer, von der verschwommen-gefühlsbezogenen
Anfangsverbundenheit zur kühlen Nüchternheit tradierter Lehre.
Auf jeden Fall sind Kanäle nötig, die das Wissen um die Anfänge übermitteln
und durch die eine erneute Deutung der überlieferten Worte durchgeführt
wird (Schaffung eines Kanons von heiligen Schriften). Die Folge dieser
verbal-logischen Überlieferung ist der Verlust der Unmittelbarkeit
und schöpferischen Kraft. In dieser Phase entstand im Christentum ein
eigener Berufsstand, das in der Urgemeinde unbekannte und unnötige Priestertum,
das nicht mehr Moderator des religiösen Erlebnisses war, sondern zu dessen
Erklärer wurde. Andere Weltreligionen bildeten tradierende Mönchsorden
(Buddhismus) oder geistliche Hochschulen (Islam) aus.
Die spätere Generation wartet nicht gläubig auf Wunder, sie verlangt eindeutig
vermittelbare, schlichte, verständliche "Wahrheiten". Es
entstehen die ersten Glaubensbekenntnisse, Vorformen der späteren Dogmen.
Wo Bekenntnisse sind, wird auch über Bekenntnisse gesprochen und gestritten.
Ist schon das prägende Bild des Meisters von den Jüngern verschieden gesehen
worden, so wächst diese Verschiedenheit und Divergenz der Bilder
mit zeitlicher Entfernung vom Meister. Es entstehen Gedankengänge darüber,
welches der beste, womöglich einzig richtige Heilsweg sei. Da der Heilsprozeß
verschieden ausgelegt wird, die ihn auslösenden numinosen Momente verschieden
empfunden werden, entstehen Konfessionen, besondere Bekenntnisse
zu einem Aspekt der Gründerlehre. Es werden Dogmen aufgstellt und deren
Unterschiedlichkeit betont. Der Buddhismus hat versucht von Anfang an
durch ein Verbot schriftlicher Überlieferungen und Bilder der Dogmatisierung
zu steuern – vergeblich. Trotz aller überlieferter Warnungen und Beispiele
des Gründers Buddha und trotz der eingebauten hohen Toleranzschwelle gegenüber
dem Hinduismus und Andersdenkender aller Art. In der Diskussion mit dem
sehr gebildeten Abt eines buddhistischen Klosters erklärte mir dieser:
“Das ist für das Volk!” Ähnliche Begründungen findet man allerorten
im Christentum. Die strikte Trennung zwischen der Priesterkaste und dem
Kirchenvolk scheint einem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Hierarchie
zu entspringen.
Die von Luther geforderte “verbo conformis” ist im Falle des Vorliegens
Heiliger Schriften immer eine Illusion gewesen. Überall beginnt
man sich auf besondere Aspekte der Religion zu berufen und deren Wichtigkeit
zu betonen. Sunniten, Schiiten und Charismatiker im Islam, kleines, großes
und diamantenes Schiff im Buddhismus: Die Zahl der dogmatischen Spaltungen
ist unendlich. Nicht zu unterschätzen ist natürlich in diesem Zusammenhang
der sehr realpolitische Wille zur Macht und zum Einkommen, das
solche “Gegendogmen” gewähren. Der Dreissigjährige Krieg war nicht nur
Religionskrieg, sondern zielte auch auf geistlichen und fürstlichen Machterhalt
und -gewinn ab.
Aus all diesen Gründen setzt also eine intensive Dogmatisierung und Konfessionalisierung
ein.
Zu 3. Stadium der
Organisierung
Mit der Zunahme der religiösen Aktivitäten, mit der Ausweitung geistlicher
Amtsfülle und mit der Menge der Nachfolger entsteht ein starkes Bedürfnis
nach Organisation. Werden in der Urreligion Wunder spontaner religiöser
Erfahrung erlebt, so muß in der organisierten Kirche eine Wendung ins
Unpersönliche erfolgen. Die Kirche als Anstalt der Gnade mit beamteten
Funktionären entsteht. Die charismatischen Gnadengaben gehen verloren.
Religiöse Spontanität wird umgesetzt in ein System von Veranstaltungen,
in denen und durch die Gnade vermittelt wird. Priesterliche Weihen spielen
eine zunehmende Rolle. Es entsteht die für alle Massenorganisationen typische
laxe, ermäßigte Moral, die bestimmend wird für die Struktur der Gnadenorganisation.
Eine kasuistische Ethik verdrängt die persönliche Entscheidung in Glaubensfragen,
die Organisation versucht ein Minimum an religiöser und ethischer Haltung
zu garantieren. Gefordert aber kann nur werden, was kontrollierbar ist:
äußeres Verhalten, Teilnahme am Kultus, Werke. Darüber erlischt eigentliches
religiöses Leben. Religiöse Massen verlangen, wie das Le Bon, Ortega y
Gasset und zuletzt Umberto Eco festgestellt haben, nach Autorität. Freiheit
heißt für die Masse Zuchtlosigkeit und Willkür. So haben alle Religionen
in diesem Stadium ihrer Geschichte starke institutionelle Autoritäten
aufgerichtet und an die Stelle der inneren Freiheit gesetzt. Damit hängt
auch die in der Organisationsperiode ständig drohende Mechanisierung des
Kults zusammen. So entsteht eine Observanz-Religion, die von der Masse
“geleistet”, von der etablierten Kirche kontrolliert wird. Damit ist notwendig
eine Trennung der ethischen Ideale von der äußeren Moral verbunden. Dem
sich anbahnenden äußeren Schisma geht das innere Schisma der Trennung
von gelebter Moral und Gründerzeit-Ethik voraus. Die Kirche wird zur
sakralen Anstalt, die übernatürliche Ursprünge für sich behauptet, unfehlbare
Lehrautorität und Exclusivität in Anspruch nimmt und Herrschaft über die
Gläubigen ausübt.
Die Phase der Dogmatisierung legt auch eine Überwachung der Dogmen nahe.
Herätikern drohen Ketzerverfolgung und Inquisition als Machtmittel,
mit denen die Institution ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten sucht.
Zu 4. Die Reformation
Wenn die Veräußerlichung, Verweltlichung des Klerus, Komplizierung
und Mechanisierung des religiösen Kults unerträglich genug ist, entsteht,
wie immer in der Religionsgeschichte, das Stadium der Reformation. Die
auftretenden Reformatoren sind keine Religionsstifter, sondern sie versuchen
die erstorbenen Lebenskräfte der Urgemeinde neu zu erwecken. Reformatorische
Frömmigkeit ist dynamisch, spontan und unmittelbar, ähnlich der
Frömmigkeit der Propheten des Alten Testaments. Sie versucht mit leidenschaftlichem
Pathos einzelne Motive der Verkündigung in den Mittelpunkt zu stellen
- dogmatisiert also insoweit ebenfalls - und gibt damit der Religion
unter Umständen eine schmalere Basis. Dies ist am Beispiel Luthers
und seiner Zusammenfassung der Evangeliums zur “Rechtfertigung durch den
Glauben” im Gegensatz zur katholischen Werksfrömmigkeit deutlich zu sehen.
Selbstverständlich wird viel wertvolles Erbgut in einer Reformation wiederbelebt.
Es ist eine Tragik der Reformatoren, daß auch die von ihnen geschaffenen
reformierten Gemeinschaftsgebilde wieder dem Gesetz der Organisierung
folgen und in Erstarrung verfallen.
Zu 5. Der Untergang
Wir können in der Religionsgeschichte beobachten, daß unter bestimmten
Bedingungen Religionen untergehen. Dies gilt natürlich für Stammes- und
Volksreligionen besonders, denn dort sind die Religionen mit den politischen
Schicksalen ihrer Träger verknüpft. Shintoismus und Judentum sind hierbei
(bis jetzt) als Ausnahmen anzusehen. Universalreligionen und deren reformierte
Zweige nehmen eine offensichtlich andere Entwicklung. Sie erreichen ein
Maß der Verflachung, das die Religion unerträglich ihres Sinns
entkleidet. Es läßt sich ein Anwachsen profaner Zwecke und Veranstaltungen
feststellen. Die Religion findet nur noch wenige und laue Befürworter
und viele entschlossene Gegner.
In Universalreligionen wie dem Christentum, entstehen zunächst viele mystische,
auf Ursprünglichkeit und Direktheit der persönlichen Erfahrung gerichtete
Kreise, so wie dies derzeit in Europa in der Belebung z.B. der keltischen
Stammesreligion und im Anwachsen esoterischen und spiritualistischen
Gedankenguts zu beobachten ist.
Die dort gewonnene häufig wenig wünschenswerte und sehr oft für persönliche
Zwecke genutzte Spiritualität ist gleichwohl im religiösen Sinne nützlich:
Sie dient der Vorbereitung einer neuen messianischen Idee, die
größere Umfänge anzunehmen und die entstandenen Mängel auszugleichen in
der Lage ist: Der Zyklus der Religionsentwicklung beginnt von Neuem. Sind
die alten Formen erst weggefegt, dann ergibt sich aus den neuen Gedanken
ein neuer Hunger nach Beeinflussung und ein ebenso großes Verlangen nach
Führung, Inquisition und Gewissenskontrolle.
In diesem Sinne wohl weist Nietzsche darauf hin, daß die Einführung des
Christentums im römischen Reich dazu geführt habe, die Menschen um die
in der milden Abendsonne der heidnischen Zeit reifenden Früchte
der damaligen Religion zu bringen.
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