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Religionskritik aus der Sicht europäischer Denker
von 1500 - 2000
Religionskritische Autoren: Zusammenstellung
Texte (Wird laufend ergänzt)
Es erhebt sich die Frage, warum noch Religionskritik noch stattfindet,
da sich doch offensichtlich der Gegenstand der Kritik weitgehend verflüchtigt
hat. Diese Frage ist aus mehreren Erwägungen falsch gestellt. Gerade die
neuerdings auftretenden Bemühungen von Sekten und esoterischen Richtungen
machen deutlich, daß immer wieder neue Zugangsweisen zur Religion
entstehen. In diesem Zusammenhang sollen auch die vielen auf asiatischem
Gedankengut basierenden mystischen Bewegungen genannt werden. Mit etwas
abgewandelten Worten, aber mit unendlicher Flexibilität werden hier denkbare
und gestern noch undenkbare Varianten der Religiosität für alle möglichen
und unmöglichen Zwecke in Anspruch genommen. Während die erkennbare
Wirklichkeit, zumindest soweit sie bekannt ist, nüchtern überschaubar
ist, ist die Phantasie des Menschen im Umgang mit Ideen schier
unerschöpflich. Seit dem ersten Götterbild und seit Platons Überlegungen
zu idealen Kreisen haben sich Ideen und Utopien fortgesetzt. Es
hat sich ein neuer Zweig, die Utopieforschung, entwickelt. Sie ist nicht
nur auf religiösem Gebiet i.e.S. sondern auch auf dem Gebiet der Ersatzutopien
(z.B. politischer Art tätig).
Es haben sich zwar Inhalte und Begriffe des idealistischen Denkens
geändert, es sind zwar Worte wie Gott, Wahrheit, Religion oder
Glaube heute ganz anders belegt als am Beginn der Periode, die hier behandelt
werden soll; jedoch ist der unkritische Umgang mit den damit verbundenen
Empfindungen bei vielen Menschen gleich geblieben. Der phantastische,
dramatisierende, gläubige oder schutzsuchende Zug der menschlichen Seele
wird in der Nüchternheit des Alltags stark durch Mythen, Symbole und Träume
angeregt.
Die Denkweise einer Zeit und die Art der Schmerzen des Individuums
stehen in einem engen Zusammenhang. Wir denken kaum noch daran, daß Freud
in erster Linie durch das Auftreten von Hysterien (Ohnmachtsanfällen)
bei weiblichen Patienten zu seinen Forschungen über die menschliche Seele
angeregt wurde. Seine Erkenntnisse über Reaktionsmechanismen waren
von den sexuellen Sitten seiner Zeit bestimmt. Diese Mechanismen bestimmten
die Schmerzen der Menschen. Heute können wir noch nicht sagen, was “die”
Schmerzursache in den nächsten 50 Jahren sein und wie deren Behandlung
aussehen wird und sollten die Erforschung der Religion auch aus diesem
Grunde nicht vernachlässigen. Augenblicklich spricht alles für religiöse
Probleme im Zusammenhang mit medizinischen Problemen (Wunderheilertum,
Schamanismus).
Es soll trotz kritischer Betrachtung auch die Verinnerlichung und
Spiritualität durch Religion, religiöse oder sonstige ideologische
Bewegungen nicht übersehen werden. Kritische Theologen exegetischer Richtungen,
der Frauenbewegung, der Gott-ist-tot-Theologie oder der feministischen
Theologie wären ebenfalls betrachtenswert gewesen. Hier wird jedoch eine
Beschränkung auf die allgemeineren Standpunkte vorgenommen. Nicht
nur die Atheisten kommen zu Wort. Von ihnen wird zu Recht behauptet, daß
ihr Kampf gegen die Religion Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Religion
sei. Auch agnostische Denker sind berücksichtigt, die sich den zurückhaltend-weisen
Satz des Protagoras
sich zu eigen gemacht haben:
"Von den Göttern vermag ich nichts festzustellen, weder, daß
es sie gibt, noch, daß es sie nicht gibt, noch, was für eine Gestalt sie
haben; denn vieles hindert ein Wissen darüber: Die Dunkelheit der Sache
und die Kürze des menschlichen Lebens" (Capelle, Vorsokratiker).
Es wird hier also vor allem Kritik an dem umfassenden Wahrheitsanspruch,
einzelnen konfessionellen Ausprägungen, dem durch Religion bedingten Verhalten
ihrer Priester und ihrer Anhänger dargestellt.
Humanismus und Renaissance übten aus mittelalterlicher Erfahrung
vor allem Kritik an
- der Fremdbestimmung und Außensteuerung des Menschen (seelische Abhängigkeit
von religiöser Anweisung)
- praktischer Machtausübung (Inquisitorische Ketzerverfolgungen und Hexenverbrennungen)
- Anmaßung der Beurteilung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Religion
aus Gründen der Verteidigung von Dogmen (z.B. Galilei, Kolumbus: Erde
ist nicht Scheibe und Mittelpunkt des Kosmos sondern Kugel und nur ein
Planet im Sonnensystem)
Bei ihrer Kritik mußten die Denker dieser Zeit auf politische und religiöse
Machthaber Rücksicht nehmen und bereiteten eine fundierte Religionskritik
eigentlich nur vor.
Die mittelalterliche Unterscheidung zwischen vera religio und
falsa religio, zwischen Wahrheit und Häresie, geht am Beginn
der Neuzeit verloren. Humaninisten wie Erasmus von Rotterdam kleideten
ihre Kritik in Satire, bei Pico
de Mirandola ist sie ein vorsichtig tastendes Verfahren um die Wahrheit
in kirchengeeigneter Dosierung ans Licht zu tragen.
Die Religionskritik des Barock betrachtet den Zusammenhang zwischen
fürstlichem Feudalismus und Religion und beschäftigt sich mit den 30-jährigen
Religionskrieg. Die Religion hat einen Januskopf: Macht ist nicht ohne
Religion, Religion nicht ohne Macht denkbar. Diese beiden Aspekte sind
auch Ursachen des Krieges. Häufig ist man an das Koan des Abtes eines
budhistischen Zenklosters erinnert, der seine Hände zusammenschlug und
dann seinen Schüler fragte: "Hörst du das Klatschen der linken Hand?".
Am Ende des 30-jährigen Krieges wird Religion nicht mehr über einen besonderen
Wahrheitsanspruch sondern rechtlich und über ihre öffentliche Bedeutung
definiert. In Staatsangelegenheiten soll ihr keine bestimmende Rolle mehr,
sondern noch ein Anhörungs- bestenfalls ein Einspruchsrecht zugestanden
sein. Bereits im Augsburger Religionsfrieden 1555 ist festgelegt: Der
Fürst ist oberster Priester der Religion und Herrscher von Gottesgnaden.
Ihm folgen in seiner Auffassung alle Gläubigen (Cuius regio, eius religio).
In der Wegentwicklung von “ewigen, alleinseligmachenden” Wahrheiten und
in der Versachlichung der Diskussion liegt der Keim der Aufklärung und
der Gedanke Friedrichs des Großen: Jeder möge nach seiner Fasson selig
werden.
Die Aufklärung sieht insbesondere den Zusammenhang zwischen Bildung
und Religion und die mangelnde Toleranz der christlichen Konfessionen.
Lessings "Nathan der Weise" trifft in der Ringparabel den Kern
aufklärerischen Denkens. Diese ambivalente Toleranz besteht nicht nur
gegenüber den Religionen sondern sie verlangt auch, die Erfüllung des
Toleranzgebots durch die Religionen selbst. Militante Bekehrungen, wie
noch bei der Unterwerfung Südamerikas 150 Jahre zuvor, dürfen nicht mehr
stattfinden, wird gefordert.
Die in der Aufklärung entwickelten Gedanken von Glaubens- und Gewissensfreiheit
bringen ein ungeheueres Spektrum religiöser Betätigung hervor: Von der
konservativsten, zutiefst mittelalterlichen, nach Geborgenheit suchenden
Gläubigkeit bis zu skrupellosen Ausnutzung der Religion für Geschäfte
und den Lebensstil ihrer Begründer. Die Religion selbst stellt sich als
“missbrauchte Magd Gottes” dar. Das allgegenwärtige Schlagwort "Priesterbetrug"
(Goethe) hat aus Sicht der Zeitgenossen nur noch für die Vergangenheit
Bedeutung. Die gegenwärtige Generation mit ihren neuen Formen der Verehrung
wird alles besser machen.
Im Biedermeier, der Zeit des Bürgertums, der Restauration und
des beginnenden politischen Sozialismus, wird Kritik aus diesen Lagern
vorgebracht. Wo Gottesfurcht als Tugend des Kontoristen gegenüber seinem
Prinzipal und des Bürgers gegen den Adeligen gelehrt wird, wo die frühe
Industrialisierung riesige soziale Probleme schafft, die von Seiten der
Religion eher noch vertieft werden, dort wird sich Religionskritik sehr
schnell auf die Seite des Atheismus schlagen. In dieser Zeit wird auch
Kenntnis genommen von der religiösen Welt des Ostens, die mindestens ebenso
ansprechende Züge trägt als das Christentum. Die allgemeine Begeisterung
für den Orient und den fernen Osten drückt sich nicht nur aus in archäologischen
Grabungen, im Gebrauch der Chinoiserie in den Wohnungen, in Theaterstücken
und Operetten mit östlichen Themen. Vielmehr wird auch von der geistigen
Führungsschicht gesehen, welche Vorzüge andere, tolerantere Systeme haben.
Marx spricht von der Religion als Opium des Volkes; Feuerbach sucht nach
den Ursachen der Religiosität und findet, daß sie ein Hineinprojezieren
guter menschlicher Qualitäten in das Bild eines Gottes ist. Er nimmt alte
griechische Gedankengänge auf, wie diese auch von Xenophanes
von Kolophon vertreten wurden:
“Doch die Sterblichen wähnen, die Götter würden geboren und hätten Gewand,
Stimme und Gestalt ähnlich wie sie selber. Die Äthiopier stellen sich
ihre Götter schwarz und stumpfnasig vor, die Traker dagegen blauäugig
und rothaarig. Wenn Kühe, Pferde und Löwen Hände hätte und damit malen
und Werke wie die Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde pferdeähnliche,
die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen,
wie sie selber haben.”
Aus dieser Zeit stammt die heitere Überlegenheit des Agnostikers Wilhelm
Busch ebenso, wie die auf griechischen Vorläufern aufbauende Kritik von
Helvétius und d' Holbach. Der Sophist Kritias
wird mit seinem Drama Sissiphos zitiert:
"Es gab einmal eine Zeit, da war das Leben der Menschen jeder Ordnung
bar, ähnlich dem der Raubtiere, und es herrschte die rohe Gewalt. Damals
wurden die Guten nicht belohnt und die Bösen nicht bestraft. Und da scheinen
mir die Menschen sich Gesetze als Zuchtmeister gegeben haben, auf daß
das Recht in gleicher Weise überall herrsche und den Frevel niederhalte.
Wenn jemand ein Verbrechen beging, so wurde er nun bestraft. Als so die
Gesetze hinderten, daß man offen Gewalttat übte und daher nur insgeheim
gefrevelt wurde, da scheint mir zuerst ein schlauer und kluger Kopf die
Furcht vor den Göttern für die Menschen erfunden zu haben, damit die Übeltäter
sich fürchteten, auch wenn sie insgeheim etwas böses täten oder sagten
oder auch nur dächten. Er führte daher den Gottesglauben ein: Es gibt
einen Gott, der ewig lebt, voll Kraft, der mit seinem Geiste sieht und
hört und übermenschliche Einsicht hat; der hat eine göttliche Natur und
achtet auf alles. Der hört alles, was unter Menschen gesprochen wird und
alles was sie tu kann er sehen. Und wenn du schweigend etwas schlimmes
sinnst, so bleibt es doch den Göttern nicht verborgen, denn sie besitzen
eine übermenschliche Erkenntnis. Mit solchen Reden führte er die schlaueste
aller Lehren ein, indem er die Wahrheit mit trügerischem Worte verhüllte.
Die Götter sagte er, sie wohnen dort, wo es die Menschen am meisten erschrecken
mußte, von wo, wie er wußte, die Angst zu den Menschen herniederkommt,
wie auch der Segen für ihr armseliges Leben: aus der Höhe da droben, wo
er die Blitze zucken sah und des Donners grauses Krachen hörte, da wo
des Himmels gestirntes Gewölbe ist, das herrliche Kunstwerk der Zeit,
der klugen Künstlerin, von wo der strahlende Ball des Tagesgestirns seinen
Weg nimmt und feuchtes Naß zur Erde herniederströmt. Mit Ängsten solcher
Art schreckte er die Menschen und wies passend und wohlbedacht der Gottheit
an geziemender Stätte ihren Wohnsitz an und tilgte den ungesetzlichen
Sinn durch die Gesetze. Und kurz darauf setze er noch hinzu, so hat jemand
glaube ich zuerst die Menschen glauben gemacht, daß es ein Geschlecht
von Göttern gibt". (Capelle Vorsokratiker)
Die positivistische Soziologie, fußend auf solchen Betrachtungen,
würdigt die Funktion der Religion für die Gemeinschaft hinsichtlich ihrer
forensischen wie ihrer caritativen Beiträge. Animistische und dynamistische
Theorien über die Religionsentstehung werden entwickelt.
Die Religionskritik der Moderne betrachtet mit Freud
eine andere Seite der Sache: Die soziale und psychologische Sicht, die
Auswirkung der Religiosität auf die Seele und die Formen des menschlichen
Zusammenlebens ist ihr Gegenstand. Die Kritiker untersuchen inwieweit
Religion die seelische Gesundheit stört, tolerantes Zusammenleben der
Menschen beeinträchtigt und in Konflikten durch militärische Seelsorge
dem Erhalt der zerstörerischen Kampfkraft dient. Sie betrachten auch inwieweit
und mit welchem Erfolg Religion dem selbst gesteckten Ziel, der Verwirklichung
des Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden nachzukommt.
Wo Religion sich ereignet, sind Mängel vorhanden: Im Wissen, in der Ethik
oder in der Lebensführung.
Religionskritische Autoren: Zusammenstellung Texte
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