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Ich diskutiere nicht ob falsch ob wahr,
Ich propagiere nicht - ich stelle dar.
Arno Holz
Religion - Begriff, Entstehung,
Wesen
Begriff
Das Wort "religio"
stammt aus dem antiken Rom. Man verstand darunter die Erfüllung der Pflichten
gegen staatlich anerkannte höhere Mächte. Der christliche Schriftsteller
Lactantius (4. Jh.) gab dem Wort einen neuen Sinn; er wollte darunter
die gefühlsmässige Verbindung des Menschen mit einem Gott, dem
Urgrund aller Dinge, verstehen. Heute hat Religion umgangssprachlich verschiedene
Bedeutungen: Im europäischen Kulturkreis sind jenseitsgerichtete Heilslehren
gemeint, im ostasiatischen Raum die Gültigkeit von Weltgesetzen und/oder
das Weiterexistieren in einem nächsten Leben (Reinkarnation).
Auch die Inhalte von Religionen ändern
sich mit der Zeit ungemein stark. Ein interessantes Beispiel dafür
ist die Jenseitserwartung im Judentum. So geht aus dem alten Testament
eindeutig dessen Konzipierung als Gerechtigkeitsreligion
(Auge um Auge, Zahn um Zahn, im Gegensatz zur christlichen “Gnadenreligion”)
hervor. Das Schaffen von ausgleichender Gerechtigkeit ist als Konzept
ist schlüssig, da im frühen Judentum kein Glaube an ein ewiges Leben oder
eine Vergeltung nach dem Tode nachzuweisen ist. Im Umgang mit den
ägyptischen und babylonischen Riten (Gefangenschaften) änderte sich die
israelitische Religion und entwickelte Jenseitsbezogenheit. Zur Zeit Jesu
waren immerhin die Sadduzäer noch der Meinung, es gäbe keine Auferstehung
der Toten (Matthäus 22,23-32). Die Gnadenreligion
Christentum kommt aber ohne den Ausgleich durch ein besseres Jenseits
und/oder eine ewige Verdammnis nicht zurecht. Bedeutungen und Inhalte
der Religion mussten sich daher wandeln. Die “Auferstehung” zu einem neuen,
ewigen Leben wird zentrales Thema und grenzt das Christentum deutlich
zur jüdischen Lehre ab.
Der Bedeutungswandel des Wortes Religion läßt nicht nur im jüdisch-christlichen
Bereich erkennen, dass Lehren, Rituale und Einrichtungen dauernder Veränderung
unterliegen. Eine Entwicklungstendenz der meisten Religionen ist: Statt
der vielen Götter, ein Gott; statt magischer Riten, die reibungslose Lebensabläufe
ermöglichen sollten, vorwiegend vergeistigte Riten (Abendmahl, Kommunion),
welche die seelische Hinwendung zu einem Gott ermöglichen sollen.
In der Definition des Religionsbegriffs folge ich H. v.Glasenapp:
“Religion ist der im Denken, Fühlen und Handeln betätigte Glaube an
das Dasein übernatürlicher, persönlicher oder unpersönlicher Mächte, von
denen sich der Mensch abhängig fühlt, die er zu gewinnen oder zu denen
er sich zu erheben trachtet.” (H.v.Glasenapp, Die nichtchristlichen
Religionen)
Damit ist eine Abgrenzung zu anderen Ideologien (wie z.B.
Marxismus, Leninismus) gegeben, deren Utopien ebenfalls auf ein künftiges
goldenes Zeitalter verweisen, in dem keine abweichenden Lehrmeinungen
mehr existieren. Die umfassende Aussage, der Mensch versuche persönliche
oder unpersönliche Mächte zu gewinnen, schließt auch den Buddhismus ein,
der kosmische Gesetze der Vergeltung annimmt, also an ein unpersönliches
Absolutum glaubt.
Entstehung
Über die Entstehung der Religionen gibt es verschiedene Theorien,
basierend auf Texten, Kunstwerken und Ausgrabungen. Die spärlichen Zeugnisse,
die als gesichert angesehen werden können, kann man etwa wie folgt zusammenfassen:
1. Auftreten ordnungsgemäßer Bestattung
von Toten, denen Dinge mit ins Grab gegeben wurden, offensichtlich,
weil man eine Nutzung dieser Gegenstände nach dem Tode annahm (Neandertalzeit
um
150 000 vuZ).
2. Bildliche Darstellungen von Frauen,
Tieren usw., die auf das Vorhandensein von Fruchtbarkeitskulten und
magischen Handlungen, wie dem Jagdzauber hinweisen (Jungpaläolitikum
140 000 vuZ.).
3. Vorkommen von mit Rötel und Ocker gefärbten, gewaltsam geöffneten
Schädeln, denen das Gehirn entnommen ist. Hier scheint es sich um kultischen
Kannibalismus zu handeln (Mesolitikum ca. 10 000 - 5000 vuZ.).
4. Als weitere Erkenntnisquelle wird die Märchenforschung
(Jung, kollektives Unterbewußtsein, Archetypen) herangezogen. Die Resultate
haben bisher keine allgemeine Anerkennung gefunden.
5. Eine Sonderstellung nimmt die Religion der
sogenannten Primitiven ein, soweit sie heute noch unverfälscht
zugänglich ist. Die Ethnologen haben Aborigines und andere Stämme nach
ihren religiösen Vorstellungen befragt und Kultobjekte und Riten studiert.
Oft hindert die Befragten allerdings eine heilige Scheu daran, etwas
zu offenbaren. Aber in einigen Fällen ist man fündig geworden.
Es gibt drei neuere grundsätzliche Theorien, die versuchen, die Religionsentstehung
verständlich zu machen:
1. Die animistische Theorie des Anthropologen E.B. Tylor (1832
- 1917), der davon ausging, daß der Primitive durch das Erlebnis des Traumes
zur Annahme einer vom Körper abtrennbaren Seele gekommen sei. Danach hätte
er zunächst in Tieren, Pflanzen und Gegenständen Auslöser für seine Träume
gesucht. Die weitere Entwicklung habe zur Ausbildung der Vorstellung von
Geistern und schließlich zur Vorstellung von Göttern geführt.
2. J.H. King und R.H. Marett hatten kurz vor 1900 die Existenz von Völkern
festgestellt, welchen der Glaube an derartige individuelle Seelenwesen
abgeht. Die mehr unpersönlich gedachten Kräfte, die in der ganzen Welt
verbreitet sind, und die der Mensch sich dienstbar machen muß, führte
zur Vorstellung des Dynamismus.
3. Der schottische Dichter Andrew Lang hat 1898 in seinem Buch "The
making of religion" behauptet, der bei einigen Primitiven vorhandene
Glaube an einen Urheber aller Dinge sei die wahre Quelle aller Religion.
Pater Wilhelm Schmidt hat diesen Gedanken in seinem Werk "Der Ursprung
der Gottesidee" 1912 aufgegriffen. Nach seiner Meinung hat dort,
wo dieser Glaube nicht mehr vorhanden ist, eine degenerative Entwicklung
zu Zauberbräuchen, Dämonismus und Polytheismus stattgefunden. Diese Theorie
des Urmonotheismus wird gefühlsmäßig von theistischen Richtungen
(Christen, Juden, Moslems aber auch theistische Hindusekten, wie Visnuiten
und Shivaiten) wegen ihrer Übereinstimmungen mit der Bibel vertreten.
Gegen diese Theorie spricht, daß der Urheberglaube der meisten Primitiven
kein echter Theismus ist sondern meistenteils eine Befriedigung des Bedürfnisses
nach einer Erklärung des Ursprungs der Welt. Religiöse Elemente des Gottesglaubens
(Einwirkung auf das Weltgeschehen, Belohnung und Bestrafung für Handlungen)
fehlen ebenso wie Einstellungen des Menschen gegenüber Gott (Liebe, Vertrauen,
kultische Verehrung). Ein Mangel aller Theorien scheint zu sein, daß der
heutige Zustand der Naturvölker auf den Zustand früherer Menschen einfach
zurückprojeziert wird ohne daß geschichtlicher Wandel und eine andere
Mentalität dabei Berücksichtigung findet.
In den 6 Jahrtausenden, in denen wir Religionsgeschichte einigermaßen
überblicken können, da schriftliche Zeugnisse bestehen, kann man eine
Entwicklung von Haus- und Stammesreligionen zu Volks- und schließlich
zu Weltreligionen feststellen. Unter Haus- und Stammesreligionen sind
solche zu verstehen, die nur einer bestimmten Familie (Ägyptische Hausgötter
im Niltal: Jede Familie hatte ihren eigenen Beschützer und Fruchbarkeitsgott).
In Stammes- und Volksreligionen trägt der der beschützende und
segnende Gott nationalen Charakter (indianische Religionen, japanischer
Shintoismus, Israeliten). Unter Weltreligionen versteht man Religionen,
die sich von nationalen oder stammesmäßigen Bindungen unabhängig gemacht
haben, wie dies neben dem Christentum beispielweisweise im Islam und Budhismus
der Fall ist.
Wesen, Grundzüge
Objekt und Subjekt der Religion
Religion hat eine subjektive und eine objektive Seite.
Subjekt ist der Mensch, Objekt sind die von ihm vorgestellten Wesen und
Ideen.
Als Objekte kommen Steine in merkwürdiger Form, Geister und Tote, Himmelskörper,
Pflanzen, Tiere, Menschen oder ein gedachtes höchstes Prinzip (Gott),
ein kosmisch-moralisches Weltgesetz oder eine unfaßbare Leere (Nirwana)
in Frage. Entsprechend vielfältig sind die subjektiven Formen der Verehrung.
Neben der Erklärung der Welt (z.B.
in Schöpfungsgeschichten) hat auch emotionales Erleben seinen Platz
in der Religion. Ehrfürchtiges Erschauern vor dem großen Weltschöpfer,
das Glücksgefühl der Freiheit von Erdenschwere in der unio mystico, das
Gefühl der Einheit mit dem Universum und des Eingebettetseins in transzendente
Gesetze sind dafür Beispiele.
Als Riten der Verehrung kommen z.B. in Frage:
Taburegeln (Du sollst nicht.......),
totemistische Vorschriften (z.B. Verbot von Berührungen)
Kontemplation (meditative Verhaltensweisen),
Menschenopfer (Inka-Kultur u.a.),
Selbstentsagung (Christentum).
Die heiligen Silben “o mane padme hum” und das Drehen der Gebetsmühlen
zwingt dem Lamaisten andächtigen heiligen Schauder ab. Für den Christen
ist es eine sinnentleerte Handlung. Umgekehrt haben Buddhisten für die
Lobpreisung des Weltschöpfers und seiner Gnade kein Verständnis, weil
sie nicht an einen persönlichen Gott glauben.
Ebenso sind in der Lebensführung beträchtliche Unterschiede
festzustellen. Fromme Juden genießen dankbar das Fleisch der Tiere, die
Gott zu diesem Zweck für sie erschaffen hat und den Saft der Reben, der
das Herz erfreut. Einschränkungen gibt es bei bestimmten Tieren. Der Dschaina
hingegen betrachtet Fleisch- und Weingenuß als eine fundamentale Sünde
gegen heilige Gesetze. Während der Moslem im ehelichen Liebesakt einen
Vorgeschmack der paradiesischen Wonnen sieht (der Theologe Al Ghasali
bemerkt, daß Moslems auf dem Höhepunkt ein "Allah akbar" (Gott
ist groß) ausstoßen). Für die Manichäer und andere christliche Gruppierungen
ist hingegen der Geschlechtsverkehr der sicherste und direkteste Weg zur
Hölle.
Ebenso vielfältig ist die Denkweise hinsichtlich der Deutungsversuche
des Unergründlichen. Neben der Kette der Wiedergeburten (Reinkarnation)
steht die Auferstehung der Toten zu einem Endzustand in Himmel oder Hölle.
Andere Religionen lehnen ein Leben nach dem Tod völlig ab.
Jedenfalls befriedigt Religion Bedürfnisse, die sich nur durch
Spekulation, nicht aber durch Intellekt stillen lassen. Die Erklärungsversuche
für das Böse, die sich in Teufeln und Heiligen niederschlagen, das Fragen
nach dem Ursprung, das sich in Mythen zeigt, ändern sich durch ein fortschreitendes
Wissen ständig. Es bleibt jedoch das Erschauern vor dem Unfaßbaren,
Heiligen, die selige unio mystico mit ihrer scheinbaren Loslösung
von den Zwängen der Materie und das Gefühl, das Unfassbare lieben zu können,
und von höheren Mächten wieder geliebt zu werden. Im Handeln, auch im
sozialen und politischen Handeln, findet Religiosität einen tiefen Ausdruck.
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