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Seneca Lucius Annaeus

Trostschrift an Polybius (1)
Ad Polybium de consolatione

I. (XX.) (1.) [Wenn man unsern Körper mit Werken von Menschenhand] vergleicht, so sind sie dauerhaft, wenn man sie [aber] auf das Verhältniß zur Natur zurückführt, die Alles zerstört und eben dahin zurückbringt, woher sie es genommen hat, sind sie hinfällig. Denn was könnten wohl sterbliche Hände Unsterbliches schaffen? Jene sieben Wunderwerke und was etwa die Eifersucht der folgenden Jahre noch viel Bewundernswürdigeres geschaffen hat, wird man irgend einmal dem Erdboden gleich gemacht sehen. So ist es; Nichts ist ewig, Weniges von langer Dauer; das Eine ist auf diese, das Andere auf jene Art zerbrechlich; das Ende der Dinge ist verschieden, aber Alles, was angefangen hat, hört auch einmal auf. (2.) Manche drohen der Welt den Untergang, und dieses All, welches alles Göttliche und Menschliche umfaßt, wird, wenn man's glauben darf, irgend ein Tag zerstören und [wieder] in die alte Verwirrung und Finsterniß versenken. Nun so gehe denn Einer hin und beklage das Leben Einzelner; er jammerte über Carthago's, Numantia's und Corinth's Asche und wo sonst noch etwas Höheres zusammengestürzt ist, wenn sogar das untergehen wird, was keinen Raum hat, in den es fallen kann. Er gehe hin und klage das Schicksal an, das einst ein so großes Verbrechen wagen könne, auch ihn nicht zu verschonen.

II. (XXI.) (1.) Wer besitzt eine so übermüthige und zügellose Anmaßung, daß er bei diesem nothwendigen Naturgesetz, welches Alles demselben Ende zuführt, blos sich und die Seinen ausgenommen wissen und dem auch der Welt selbst drohenden Einsturze ein einzelnes Haus entziehen wollte? Der größte Theil also ist, zu denken, daß uns begegnet sei, was Alle vor uns erlitten haben und Alle erleiden werden; und mir scheint die Natur das, was das Schwerste ist, deshalb Allen gemeinschaftlich gemacht zu haben, damit die Gleichmäßigkeit für die Grausamkeit des Schicksals trösten sollte. (2.) Auch das wird dir nicht wenig helfen, wenn du bedenkst, dein Schmerz werde nichts nützen, weder dem, nach dem du dich sehnst, noch dir selbst; denn du kannst nicht wünschen, daß Etwas lange währe, was vergeblich ist. Ja wenn wir durch Traurigkeit Etwas erreichen könnten, so würde ich mich nicht weigern, alle die Thränen, die mir mein Geschick noch übrig gelassen hat, für das deinige zu vergießen; ja ich würde auch jetzt noch Etwas finden, was diesen schon durch Beweinen des eigenen Schicksals erschöpften Augen entströmte, wenn es nur dir zu Gute kommen würde. Was zauberst du? Laß uns zusammen klagen und ich will deine Sache zu der meinigen machen. (3.) O Schicksal, nach dem Urtheil Aller das Unbilligste, bisher schienst du dich noch des Mannes enthalten zu haben, der durch dein Geschenk einer solchen Verehrung theilhaft geworden war, daß, was selten Einem begegnet, sein Glück dem Neide entging. Siehe, jetzt hast du ihm den größten Schmerz aufgebürdet, der ihn, so lange der Kaiser lebte, treffen konnte, und nachdem du ihn von allen Seiten umschlichen, hast du gemerkt, daß er nur auf dieser Seite deinen Schlägen zugänglich sei. (4.) Denn was solltest du ihm sonst anthun? solltest du ihm Geld entreißen? nie war er ein Sklave desselben; auch jetzt wirft er, so viel er kann, von sich, und bei so günstiger Gelegenheit dasselbe zu erwerben, sucht er keinen andern Nutzen davon, als seine Verachtung. Solltest du ihm Freunde entreißen? Du wüßtest, er sei so liebenswürdig, daß er an die Stelle der verlornen leicht wieder Andere setzen konnte. Denn ihn allein glaube ich unter Allen, die ich im kaiserlichen Palaste etwas gelten sah, als einen solchen kennen gelernt zu haben, den zum Freunde zu haben zwar Jedem Nutzen bringt, jedoch weit mehr noch Freude macht. (5.) Solltest du ihm seinen guten Ruf entreißen? Dieser steht bei ihm fester, als daß er selbst von dir erschüttert werden könnte. Solltest du ihm seine gute Gesundheit entreißen? Du wußtest, daß sein Geist durch die edeln Wissenschaften, mit denen er nicht nur genährt, sondern verwachsen ist, eine solche Grundlage hat, daß er über alle Schmerzen des Körpers erhaben ist. Solltest du ihm das Leben entreißen? Wie wenig hättest du ihm [dadurch] geschadet! Der Ruhm seines Talents verspricht ihm das längste Dasein. (6.) Dafür hat er [schon] selbst gesorgt, daß er dem bessern Theile seines Wesens nach fortdauert und durch Abfassung trefflicher Werke der Beredsamkeit vor der Sterblichkeit sich schützte. So lange den Wissenschaften irgend eine Ehre gezollt, so lange die Kraft der Lateinischen oder die Anmuth der Griechischen Sprache bestehen wird, wird er fortleben mit den größten Männern, deren Geiste er sich gleich gestellt, oder, wenn dies seine Bescheidenheit zurückweist, [wenigstens] genähert hat.

III. (XXII.) (1.) Das allein also hast du dir ausgedacht, wie du ihm am meisten schaden könntest. Denn je besser Einer ist, desto öfter hat er es mit dir aufnehmen müssen, da du ohne alle Auswahl wüthest und selbst bei deinen Wohlthaten zu fürchten bist. Wie wenig kostete es dich, den Mann mit solcher Unbill verschont zu lassen, dem deine Gunst aus einem sichern Grunde zugekommen, nicht deiner Sitte nach blindlings zugefallen zu sein schien? (2.) Laß uns, wenn du willst, zu diesen Klagen noch hinzufügen, daß die Anlagen jenes Jünglings selbst in ihrer ersten Entwickelung für immer unterbrochen worden. Er war eines Bruders, wie du, würdig, du aber in der That am würdigsten, dich selbst über einen deiner unwürdigen Bruder nie betrüben zu müssen. Ihm wird ein einstimmiges Zeugniß aller Menschen ausgestellt; er wird vermißt zu deiner, er wird gepriesen zu seiner eigenen Ehre; es war Nichts an ihm, was du nicht freudig anerkannt hättest. Du wärst freilich auch gegen einen minder guten Bruder gut gewesen; an ihm aber hat sich deine brüderliche Liebe, da sie eine passende Gelegenheit gefunden, noch viel freier ergangen. (3.) Niemand hat seinen Einfluß durch ein ihm angethanes Unrecht gefühlt, niemals hat er Einem mit dir, als seinem Bruder, gedroht. Nach dem Muster deiner Bescheidenheit hatte er sich gebildet und bedachte, welche Zierde, aber auch welche Last du für die Deinigen seiest. Er aber zeigte sich dieser Bürde gewachsen. O hartes und gegen keine Tugend gerechtes Geschick! Ehe noch dein Bruder sein Glück kennen lernte, wurde er hinweggerafft. Ich weiß wohl, daß mein Unwille nicht groß genug ist; denn Nichts ist schwerer, als für einen großen Schmerz entsprechende Worte zu finden. (4.) Laß uns jedoch jetzt zusammen klagen, wenn wir Etwas [dadurch] erreichen können. Was hast du gedacht, du so ungerechtes und so gewaltiges Schicksal? Hat dich deine Zärtlichkeit so schnell gereut? was ist das für eine Grausamkeit? Du wolltest mitten hinein auf Brüder einen Angriff machen und durch blutigen Raub die einträchtigste Schaar verringern, das so schön vereinigte, in keinem der Brüder ausartende Haus der trefflichsten jungen Männer in Verwirrung setzen und ihm ohne alle Ursache Abbruch thun? (5.) Nichts also hilft die sich nach jedem Gesetz pünktlich richtende Unschuld, Nichts die alterthümliche Mäßigkeit, Nichts die Macht des höchsten Glücks, Nichts die streng bewahrte Enthaltsamkeit, Nichts die reine, sich sicher fühlende Liebe zu den Wissenschaften, Nichts die von jedem Makel freie Seele? Polybius trauert, und durch den einen Bruder daran erinnert, was er auch hinsichtlich der andern fürchten könne, ist ihm sogar für den Trost in seinen Schmerzen bange. Unwürdiger Frevel! Polybius trauert und hat, obgleich ihm der Kaiser gnädig ist, einen Kummer! Darum ohne Zweifel, zügelloses Schicksal, war es dir zu thun, daß du zeigen wolltest, Niemand könne gegen dich geschützt werden, selbst vom Kaiser nicht.

IV. (XXIII.) (1.) Noch länger können wir das Schicksal anklagen, [aber] ändern können wir es nicht; es bleibt hart und unerbittlich. Niemand rührt es weder durch Vorwürfe, noch durch Thränen, noch durch Gründe; nie schont es Einen, nie läßt es Einem Etwas nach. Nun laß uns die Nichts fruchtende Thräne sparen; denn leichter wird uns dieser Schmerz Jenen zugesellen, als sie uns zurückbringen. Wenn er uns auch quält, er hilft doch Nichts; im ersten besten Augenblicke müssen wir ihn aufgeben und das Gemüth von nichtigen Tröstungen und einem gewissen bittersüßen Schmerzgefühl zurückrufen. Denn macht nicht die Vernunft unsern Thränen ein Ende, das Schicksal macht es nicht. (2). Wohlan, blickte hin auf alle Menschen um dich her: überall ist reichlicher und unaufhörlicher Anlaß zum Weinen. Den Einen ruft beschwerliche Armuth zu täglicher Arbeit, den Andern quält nimmer ruhender Ehrgeiz; der Eine fürchtet den Reichthum, den er [erst] gewünscht hatte, und sein Wunsch ist ihm zur Qual geworden; den Einen plagt die Sorge, einen Andern die Mühe, einen Dritten der stets seinen Vorhof umlagernde Menschenschwarm, diesen schmerzt es, Kinder zu besitzen, Jenen sie verloren zu haben. Eher werden uns die Thränen ausgehen, als die Veranlassungen schmerzlich ergriffen zu sein. (3.) Siehst du nicht, was für ein Leben uns die Natur versprochen hat, da sie wollte, daß Weinen die erste Handlung des Menschen bei seiner Geburt sein sollte? Mit einem solchen Anfang werden wir geboren, und damit stimmt die ganze Reihe der folgenden Jahre überein. So bringen wir unser Leben hin, und deshalb muß das von uns mäßig geschehen, was wir oft zu thun genöthigt sind, und berücksichtigend, wie viel Trauriges uns noch im Rücken droht, müssen wir unsere Thränen, wo nicht beendigen, doch wenigsten aufsparen. (4.) Man hat keine Sache mehr zu schonen, als diese, von der man so oft Gebrauch machen muß. Auch das möchte dir nicht geringe Dienste leisten, wenn du bedächtest, daß dein Schmerz Niemandem weniger lieb sein kann, als dem, dem er gezollt zu werden scheint. Er will entweder nicht, daß du dich quälen sollst, oder er bemerkt es nicht; daher ist kein vernünftiger Grund zu einem solchen Liebesdienst vorhanden, der für denjenigen, welchem er gezollt wird, wenn er ihn nicht bemerkt, überflüssig, und wenn er ihn bemerkt, unangenehm ist.

V. (XXIV.) (1.) Ich möchte kühn behaupten, daß es auf dem ganzen Erdkreis Niemand gibt, der an deinen Thränen Freude hätte. Wie also? eine Gesinnung, die Niemand gegen dich hegt, setzest du bei deinem Bruder voraus, daß er dir durch deine Qual schaden und dich von deinen Beschäftigungen, d.h. von den wissenschaftlichen Studien und vom Kaiser abziehen wollte? Das ist doch nicht wahrscheinlich. Denn Jener hat dir zärtliche Liebe gezollt, wie einem Bruder, Ehrfurcht, wie einem Vater, Verehrung, wie einem Vorgesetzten; er will dir ein Gegenstand der Sehnsucht sein, aber dir Qual bereiten will er nicht. Was frommt es also, dich im Schmerze zu verzehren, den, wenn anders die Verstorbenen Empfindung haben, dein Bruder geendigt wünscht? (2.) Von einem andern Bruder, dessen Gesinnung ungewiß scheinen könnte, würde ich dies Alles nur zweifelhaft äußern und sagen: Entweder wünscht dein Bruder, daß du dich mit nie versiegenden Thränen abquälst, dann ist er dieses Gefühls deines Herzens für ihn unwürdig, oder er wünscht es nicht, dann laß den für euch Beide überflüssigen Kummer; ein liebloser Bruder verdient und ein liebevoller wünscht nicht, daß man sich so nach ihm sehne. Bei diesem aber, dessen Liebe so erprobt ist, ist als gewiß anzunehmen, daß ihm Nichts schmerzlicher sein kann, als wenn dir sein Tod schmerzlich ist, wenn er dich irgendwie quält, wenn er deine Augen, die solch ein Leid durchaus nicht verdienen, durch endloses Weinen zugleich trübt und schwächt. (3.) Nichts jedoch wird deine brüderliche Liebe so sehr von nutzlosen Thränen zurückhalten, als wenn du bedenkst, daß du deinen [andern] Brüdern zum Muster dienen mußt, wie eine solche Unbill des Schicksals standhaft zu ertragen sei. Was große Feldherrn in schlimmer Lage machen, daß sie sich absichtlich heiter stellen und den schlimmen Stand der Ding durch erheuchelten Frohsinn verdecken, damit nicht die Soldaten, wenn sie den Geist ihres Feldherrn gebeugt sehen, selbst auch den Muth sinken lassen: das mußt auch du jetzt thun. (4.) Nimm eine deiner Stimmung ganz unähnliche Miene an und wirf, wenn du es vermagst, überhaupt allen Schmerz von dir; wo nicht, so verbirg und verhalte ihn [wenigstens] in deinem Innern, damit er nicht zu Tage komme, und gib dir Mühe, daß deine Brüder dir nachahmen, die Alles, was sie dich thun sehen, für ehrenhaft halten und ihr Gemüth nach deinen Mienen stimmen werden. Du mußt zugleich ein Trost und ein Tröster für sie sein: du wirst aber ihrem Kummer nicht in den Weg treten können, wenn du dem eigenen nachhängst.

VI. (XXV.) (1.) Auch das vermag dich von allzu großer Trauer abzuhalten, wenn du dir selbst sagst, daß Nichts von dem, was du thust, den Blicken der Welt entzogen werden könne. Die allgemeine Stimme hat dir eine große Rolle zuertheilt: diese mußt du durchführen. Um dich her steht jene ganze Schaar von Tröstenden und sucht dein Inneres zu erforschen und prüft, wie viel Kraft es habe gegen den Schmerz und ob du blos das Glück geschickt zu benutzen wissest, oder auch das Unglück männlich zu ertragen vermögest: man beobachtet [selbst] deine Augen. (2.) Größere Freiheit in Allem findet sich bei denen, die ihre Gemüthsstimmung zu verdecken vermögen: dir ist kein Geheimniß verstattet, das Geschick hat dich in helles Tageslicht gestellt. Alle Welt wird erfahren, wie du dich bei diesem dich betroffenen Schlage benommen hast, ob du sogleich, wie du getroffen warst, die Waffen gestreckt hast, oder in Kämpferhaltung stehen geblieben bist. Längst schon haben dich sowohl die Liebe des Kaisers, als deine wissenschaftlichen Studien auf eine höhere Stufe erhoben: dir ziemt nichts Gemeines, nichts Niedriges. Was aber ist so niedrig und unmännlich, als sich dem Schmerze bis zur Verzehrung hinzugeben? (3.) Bei gleichem Trauerfalle ist doch dir nicht eben das erlaubt, was deinen Brüdern; Vieles gestattet dir die von deiner Wissenschaft und deinem Charakter gefaßte Meinung nicht; viel verlangt, viel erwartet die Welt von dir. Wolltest du, daß dir Alles erlaubt sei, so durftest du nicht die Blicke Aller auf dich lenken; nun aber mußt du leisten, so viel du allen denen versprochen hast, welche die Werke deines Geistes preisen, sie abschreiben und, wenn sie auch dein Glück nicht brauchen, doch deines Geistes bedürfen. (4.) Sie sind die Wächter deines Gemüthszustandes; daher kannst du nie Etwas thun, was des Namens eines vollendeten und gebildeten Mannes unwürdig wäre, ohne daß es nicht Viele gereuen sollte, dir Bewunderung gezollt zu haben. Dir ist es nicht erlaubt, unmäßig zu weinen, und nicht blos dies steht dir nicht zu, es ist dir nicht einmal gestattet, den Schlaf auf einen Theil des Tages auszudehnen, oder aus dem Getümmel der Welt in die Stille eines ruhigen Landhauses zu flüchten, oder den von der beständigen Abwartung eines mühevollen Amtes erschöpften Körper durch eine aus freiem Entschluß unternommene Reise zu erquicken, oder den Geist durch abwechselnde Schauspiele zu beschäftigen, oder die Zeit nach deiner Willkür einzutheilen.

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