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Seneca Lucius Annaeus

Trostschrift an Marcia
Ad Marciam de consolatione

I. (1.) Wenn ich nicht wüßte, Marcia, daß du von der Schwäche eines weibischen Gemüthes eben so weit entfernt bist, als von den übrigen Fehlern, und daß man in deinem Charakter gleichsam ein Musterbild alter Zeit erblickt: so würde ich es nicht wagen deinem Schmerze entgegen zu treten, dem selbst Männer gern nachhängen und beharrlich fröhnen, und ich würde nie die Hoffnung gefaßt haben, es bei so ungünstiger Zeit, vor einem so feindseligen Richter und bei einer so gehässigen Beschuldigung bewirken zu können, daß du dein Geschick von der Anklage frei sprächest. Vertrauen gab mir deine schon bewährte Seelenstärke und deine durch eine schwere Probe bestätige moralische Größe. (2.) Es ist offenkundig, wie du dich gegen die Personen deines Vaters benommen, den du nicht weniger, als deine Kinder, geliebt hast, nur den Umstand ausgenommen, daß du nicht wünschtest, er möchte sie überlegen, und ich weiß nicht, ob du es nicht sogar gewünscht hast. Denn große kindliche Liebe erlaubt sich wohl auch Etwas gegen die Gute Sitte. Du hast, so viel du konntest, den Tod des Aulus Cremutius Cordus, deines Vaters, zu verhindern gesucht. Als es dir klar geworden war, daß ihm mitten unter den Schergel des Sejanus nur der eine Weg offen stehe der Knechtschaft zu entfliehen, hast du seinen Vorsatz [freilich] nicht begünstigt, aber doch besiegt ihm die Hand gereicht und deine Thränen fließen lassen; öffentlich hast du zwar selbst deine Seufzer zurückgedrängt, jedoch nicht durch eine heitre Stirn verhehlt, und das in jener Zeit, wo es [schon] für große kindliche Liebe galt, nichts [geradezu] Liebloses zu thun. (3.) Sobald aber die veränderten Zeiten nur einige Gelegenheit darboten, hast du den Geist deines Vaters, an welchem [eigentlich] die Todesstrafe vollzogen worden war, vor die Augen der Menschen zurückgeführt und ihn selbst vom wahren Tode gerettet, indem du die Bücher, die jener so muthige Mann mit seinem Blute geschrieben hatte, als ein geschichtliches Denkmal des Staates wieder in's Leben gerufen hast. Du hast dich [dadurch] um die römische Literatur auf's Höchste verdient gemacht, [denn] ein großer Theil derselben hatte [schon] gebrannt; auf's Höchste um die Nachwelt, auf welche eine unverfälschte und treue Darstellung der Geschichte kommen wird, die ihrem Verfasser so hoch angerechnet worden ist, auf's Höchste um ihn selbst, dessen Andenken lebt und leben wird, so lange es noch einen Werth haben wird, die römische Geschichte kennen zu lernen, so lange es noch Jemand geben wird, der zu den Thaten der Vorfahren zurückzukehren, der zu wissen wünscht, was ein römischer Mann sei, was, nachdem die Nacken Aller gebeugt und unter das Sejanische Joch geschmiegt waren, ein unbezwungener Mann, frei im Denken, im Wollen und im Handeln. (4.) Wahrlich, einen großen Verlust hätte der Staat erlitten, wenn du ihn, der zweier so herrlichen Dinge, der Beredtsamkeit und des Freimuths, wegen in die Vergessenheit verstoßen war, nicht herausgezogen hättest. [Jetzt] wird er gelesen, steht in Ansehen; in die Hände, in die Herzen der Menschen aufgekommen, fürchtet er nicht jemals zu veralten. Was dagegen jene Henker betrifft, so wird man selbst von ihren Verbrechen, dem Einzigen, wodurch sie im Andenken zu bleiben verdienten, sehr bald nicht mehr sprechen. Diese Größe deines Geistes verbot mir auf dein Geschlecht Rücksicht zu nehmen und ebenso auf deinen Gesichtsausdruck, den die ununterbrochene Traurigkeit so vieler Jahre, nachdem sie ihn einmal getrübt hat, [in dieser Beschaffenheit] festhält. (5.) Auch siehe, wie ich mich nicht etwa bei dir einschmeicheln will, noch deiner Gemüthsstimmung einen Betrug zu spielen gedenke. Ein Unglück früherer Zeit habe ich dir in's Gedächtniß zurückgerufen, und willst du wissen, wie auch dieser Schlag geheilt werden soll? Ich zeigte dir die Narbe einer gleich großen Wunde. Mögen daher Andere immerhin gelind und einschmeicheln verfahren; ich habe beschlossen mit deiner Traurigkeit einen Kampf zu beginnen, und ich will den ermüdeten und erschöpften Augen, die, wenn du die Wahrheit hören willst, schon mehr Gewohnheit, als aus Sehnsucht [die Thränen] fließen lassen, Einhalt thun, wo möglich so, daß du von selbst den bei dir angewendeten Heilmitteln dich befreundest, wo nicht, selbst gegen deinen Willen. Halte immerhin deinen Schmerz fest umschlugen, der dir an deines Sohnes Stelle fortleben soll. (6.) Denn wann wird er ein Ende nehmen? Alles ist vergebens versucht worden; ermüdet ist der Zuspruch der Freunde, der Rath großer und dir verwandter Männer; die Studien, ein vom Vater angeerbtes Gut, gehen mit vergeblichem und kaum für die kurze Zeit der Beschäftigung mit ihnen wirkendem Troste an tauben Ohren vorüber. Selbst jenes natürliche Heilmittel der Zeit, das selbst den größten Kummer zu beschwichtigen pflegt, hat an dir allein seine Kraft verloren. (7.) Schon ist das dritte Jahr verstrichen, ohne daß inzwischen von jenem ersten Anfall Etwas nachgelassen hat; er erneuert sich und stärkt täglich die Trauer, er hat sich durch die Länge der Zeit bereits ein Recht erworben und ist schon weit gediehen, daß er es für schimpflich hält, dich zu verlassen. Wie alle Fehler sich tief im Innern festsetzen, wenn sie nicht im Entstehen unterdrückt worden sind, so nährt sich auch diese Traurigkeit, dieses Elend, dieses Wüthen gegen sich selbst zuletzt durch seine Bitterkeit selbst, und der Schmerz wird für das unglückselige Gemüth eine verkehrte Lust. (8.) Deshalb hätte ich gewünscht gleich in der ersten Zeit zu dieser Heilung schreiten zu können; mit leichteren Mitteln hätte die noch im Entstehen begriffene Gewalt beschränkt werden können, mit Anwendung größerer Kraft muß gegen ein veraltetes Uebel kämpfen. Denn auch die Heilung von Wunden ist leicht, wenn sie noch frisch vom Blute sind; da lassen sie sowohl sich brennen, als die Sonde tief eindringen, und nehmen die Finger der Untersuchenden auf; sind sie aber vernachlässigt zu einem bösartigen Geschwüre geworden, so werden sie schwerer geheilt. Jetzt kann ich einem so unbeugsamen Schmerze nicht mehr mit Nachgiebigkeit und Gelindigkeit beikommen; er muß gebrochen werden.

II. (1.) Ich weiß, daß Alle, die Einen ermahnen wollen, mit Lehren anfangen und mit Beispielen aufhören. Bisweilen [aber] ist es gerathen, diese Sitte zu ändern; denn mit dem Einen muß man anders verfahren, als mit dem Andern. Manche lassen sich durch Vernunftgründe leiten; Manchen muß man berühmte Namen entgegenhalten und ein Ansehen, das den Geist des durch blendende Erscheinungen Betroffenem nicht sich selbst überläßt. (2.) Zwei der größten Muster sowohl deines Geschlechts als deiner Zeit will ich dir vor Augen stellen, das eine einer Frau, die sich dem Zuge ihres Schmerzes hingab, das andere einer solchen, die, von gleichem Unfall und noch größerem Schaden betroffen, dennoch dem Unglück keine lange Herrschaft über sich gestattete, sondern ihr Gemüth schnell in seine [ruhige] Lage zurückversetzte. Octavia und Livia, jene die Schwester, diese die Gemahlin des Augustus verloren beide im Jünglingsalter stehende Söhne, beide in der sichern Hoffnung, daß sie einst Herrscher sein würden. (3.) Octavia den Marcellus, auf dessen Schultern sich der Oheim und Schwiegervater zu stützen, dem er die Last der Regierung aufzulegen begonnen hatte, einen Jünglinn feurigen Geistes und gewaltigen Talentes, aber von einer bei solchem Alter und bei solchen Mitteln nicht wenig zu bewundernden Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung, Anstrengungen gewachsen, den Wollüsten abhold und bereit, Alles zu tragen, was der Oheim ihm auflegen und, mich so auszudrücken, auf ihn bauen wollte. Er hatte sehr gut einen Grund gewählt, der keiner Last nachgeben würde. (4.) Die ganze Zeit ihres Lebens hindurch machte sie ihren Thränen, ihren Seufzern kein Ende, und lieh keinen Worten ihr Ohr, die etwas Heilendes brachten. Nicht einmal davon abrufen ließ sie sich; [nur] auf den einen Gegenstand achtend und mit ganzer Seele daran gefesselt, blieb sie ihr ganzes Leben lang so, wie sie beim Begräbniß gewesen war, und geschweige, daß sie gewagt hätte, sich zu erheben, verschmähte sie es auch, sich aufrichten zu lassen, und hielt es für ein zweites Verwaistsein, sich der Thränen zu enthalten. Kein Bild des theuern Sohnes wollte sie besitzen, nie desselben Erwähnung gethan hören. (5.) Sie haßte alle Mütter und war besonders auf Livia wüthend, weil das ihr verheißene Glück auf deren Sohn übergegangen zu sein schien. Mit der Dunkelheit und Einsamkeit vertraut und selbst ihrem Bruder keinen Blick schenkend, verschmähte sie die zur Feier von Marcellus Andenken verfaßten Gedichte und andre Ehrenbezeigungen der Zuneigungen und verschloß ihre Ohren jedem Troste. Sich zurückziehend von den herkömmlichen Beileidsbezeugungen, und selbst das die Größe ihres Bruders allzusehr umglänzende Glück hassend, vergrub und verbarg sie sich. Während Kinder und Enkel bei ihr saßen, legte sie doch das Trauerkleid nie ab, nicht ohne Beleidigung für alle die Ihrigen, bei deren blühendem Leben sie sich doch verwaist vorkam.

III. (1.) Livia hatte ihren Sohn Drusus verloren, der ein großer Fürst geworden sein würde und bereits ein großer Feldherr war. Er war tief in Germanien eingedrungen, und die Römer hatten [unter ihm] ihre Fahnen da aufgepflanzt, wo es kaum bekannt war, daß es irgend welche Römer gebe. Auf dem Feldzuge war er als Sieger gestorben, indem die Feinde selbst ihm in seiner Krankheit Verehrung und gegenseitige Friedfertigkeit bewiesen und nicht zu wünschen wagten, was ihnen [doch] frommte. Es begleitete seinen Tod, den er für den Staat erlitten hatte, das größte Bedauern der Bürgen, der Provinzen und ganz Italiens, durch welches, da alle Municipien und Colonien zu dem Trauerdienste herbeiströmten, seine Leiche fast wie in einem Triumphzuge bis in die Stadt geführt wurde. (2.) Der Mutter war es nicht vergönnt gewesen, die letzten Küsse des Sohnes und die lieben Worte des sterbenden Mundes aufzufangen. Eine weite Strecke hatte sie die irdischen Ueberreste ihres Sohnes begleitet, aber, obgleich durch so viele in ganz Italien brennende Scheiterhaufen so aufgeregt, als müßte sie ihn eben so oft verlieren, begrub sie doch, sobald sie ihn in den Grabhügel versenkte, mit ihm zugleich auch ihren Schmerz und trauerte nicht mehr, als es anständig war beim [Tode] eines kaiserlichen Prinzen oder gebührend [gewesen wäre] beim [Tode] irgend eines Andern. Ferner hörte sie nicht auf, den Namen ihres Drusus zu feiern, sich ihn überall zu Hause und öffentlich zu vergegenwärtigen, sehr gern von ihm zu sprechen und von ihm sprechen zu hören, da kaum irgend ein Mensch das Andenken an einen Andern bewahren und öfters erneuern kann, der es sich zu einem traurigen gemacht hat. - (3.) Wähle also, welches von diesen beiden Beispielen du für lobenswerther halten willst: willst du dem ersteren folgen, so schließest du dich aus der Zahl der Lebenden aus; du wirst sowohl gegen andere Kinder, als gegen deine eigenen Abneigung fühlen und dich [blos] nach ihm sehend [allen] Müttern als eine [Erscheinung von] traurigen Vorbedeutung entgegen treten. Ehrbare und erlaubte Freunden wirst du, als nicht anständig genug für dein Geschick, zurückweisen, von einem dir verhaßten Leben wirst du festgehalten werden, erbittert gegen dein Alter, daß es dich nicht jählings vernichte und ein Ende machte, und was sehr schimpflich und deiner von einer bessern Seite bekannten Gesinnung ganz widersprechend ist, du wirst zeigen, daß du nicht leben magst und doch nicht sterben kannst. (4.) Hältst du dich [dagegen] an das letztere [viel] gemäßigtere und mildere Beispiel jener so großen Frau, so wirst du ohne Trübsal sein und dich nicht in Qualen abhärmen. Denn welch' ein Unsinn ist es, sich selbst für sein Unglücklich zu strafen und seine Leiden zu vermehren! Du wirst die Tüchtigkeit und Ehrbarkeit des Charakters, die du in deinem ganzen Leben behauptet hast, auch in diesem Falle bewähren. Selbst bei der Trauer über jenen Jüngling gibt es ein gewisses Maß; indem du immer von ihm redest, immer an ihn denkst, wird er dir die würdigste Ruhe verschaffen. Du wirst ihm eine höhere Stelle anweisen, wenn er seiner Mutter so, wie er es im Leben pflegte, heiter und mit Freude entgegen tritt.

IV. Und ich will dich nicht zu härteren Vorschriften hinführen, daß ich dich Menschliches auf übermenschliche Weise ertragen, daß ich am Begräbnißtage die Augen der Mutter trocken bleiben hieße; ich will dir selbst die Entscheidung überlassen: das sei die Frage unter uns, ob der Schmerz groß oder unaufhörlich sein soll. Ich zweifle nicht, daß dir das Beispiel der Julia Augusta, die du als vertraute Freundin verehrt hast, besser gefallen wird. (2.) Diese lieh in der ersten Aufwallung, wo alle Trübsal am unerträglichsten und heftigsten ist, dem Areus, dem Philosophen ihres Gatten, ihr Ohr und gestand, daß ihr dies sehr geholfen habe, mehr als das römische Volk, das sie durch ihre Traurigkeit nicht verstimmen wollte, mehr als Augustus, der, nachdem ihm diese eine Stütze entzogen war, wankte und nicht durch die Trauer der Seinen noch mehr gebeugt werden durfte, mehr als ihr Sohn Tiberius, dessen kindliche Liebe bewirkte, daß sie bei jenem bittern und von den Völkern beweinte Todesfalle nur das eine empfand, daß die Zahl [ihrer Söhne] nicht mehr voll sei. Dies war, wie ich glaube, der Eingang, dies der Anfang seiner Rede an jene Frau, welche die sorgfältige Hütterin der guten Meinung war, in der sie stand: (3.) »Bis auf diesen Tag, Julia, hast du dir (wenigstens so viel ich, der beständige Begleiter deines Gemahls, weiß dem nicht blos bekannt ist, was vor's Publikum gebracht wird, sondern auch alle geheimeren Regungen eurer Herzen) stets Mühe gegeben, daß sich Nichts an dir fände, was Jemand tadeln könnte. Und dies hast du nicht nur bei wichtigeren Dingen beobachtet, sondern auch bei den geringfügigsten, daß du nie Etwas thatest, wovon du hättest wünschend daß der Ruf, der wortreichste Beurtheiler der Großen, es dir verzeihe. Und ich glaube, daß es nichts Schöneres gebe, als daß die auf die höchste Höhe [des Lebens] Gestellten vielen Dingen Verzeihung schenken, für keines sie begehren. Daher mußt du auch in diesem Falle deine Sitte beibehalten und dir Nichts erlauben, wovon du wünschen müßtest, daß es gar nichts oder anders geschehen wäre.«

V. (1.) »Sodann bitte und beschwöre ich dich, daß du dich gegen die Freunde nicht unzugänglich und ungefügig zeigest. Denn es kann dir nicht entgehen, daß diese alle nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen, ob sie in deiner Gegenwart Etwas vom Drusus sprechen sollen, oder Nichts, damit nicht das Vergessen des herrlichen Jünglings eine Unbill gegen ihn, seine Erwähnung [aber] gegen dich sei. Wenn wir uns zurückgezogen haben und beisammen sind, feiern wir seine Thaten und seine Worte mit der Bewunderung, die er verdient, in deiner Gegenwart beobachten wir ein tiefes Stillschweigen über ihn. (2.) So entbehrst du denn das Größte Vergnügen, das Lob deines Sohnes, das du doch ohne Zweifel selbst mit Aufopferung deines Lebens, wenn es dir möglich wäre, auf alle Zeiten verlängern möchtest. Daher verstatte, ja veranlasse solche Gespräche, in welchen von ihm erzählt wird, und leihe dem Namen und dem Gedächtnisse deines Sohnes offne Ohren, und halte dies nicht für schwer nach der Sitte derer, die bei einem solchen Unfalle es für einen Theil des Unglücks halten, Trostworte zu hören. Jetzt hast du dich ganz auf die eine Seite gelegt, und dein besseres Loos vergessend, schaust du es nur von der Seite an, wo es schlimmer aussieht. (3.) Du denkst nicht an den [früheren] Umgang mit deinem Sohne und an sein erfreuliches Begegnen, nicht an seine kindlichen und süßen Schmeichelworte, nicht an seine Fortschritte in Kenntnissen, du hältst nur jene letzte Gestaltung der Dinge fest; auf sie häufst du, als wäre sie nicht schon an sich schrecklich genug, Alles, was du nur kannst. Trachte doch nicht, ich beschwöre dich, nach dem ganz verkehrten Ruhme, für die Unglücklichste gehalten zu werden. Zugleich bedenke, daß es nichts Großes sei, sich in günstigen Verhältnissen stark zu zeigen, wenn das Leben in glücklicher Fahrt verläuft; auch die Kunst des Steuermannes zeigt sich nicht bei ruhiger See und günstigem Winde; etwas Widerwärtiges muß eintreten, das den Muth bewähre. Daher laß dich nicht werfen, nein im Gegentheil stelle dich festen Fußes hin, und welche Last auch von oben über dich herfällt, trage sie, nur durch ersten Lärm erschreckt. Durch Nichts wird der Unwille des Geschickes größer als durch Gleichmuth.« Hierauf verweist er sie auf den noch lebenden Sohn und die vom Verlorenen gezeugten Enkel.

VI. Deine Sache, Marcia, ist damals verhandelt worden, an deiner Seite hat Areus gesessen; verändre die Person, und er hat dich getröstet. Doch glaube [immer], es sei dir mehr entrissen worden, als je eine Mutter verloren hat, (ich schone dich nicht, ich verkleinere deinen Unfall nicht): wenn das Geschick durch Thränen besiegt wird, so laß sie uns vereinigten, der ganze Tag gehe unter Trauerklagen dahin, auch die ohne Schlaf verrinnende Nacht möge die Trauer ausfüllen; laß uns Hand anlegen an die zerkratzte Brust, selbst gegen das Antlitz geschehe ein Abgriff und in jeder Art der Grausamkeit versuche sich die Traurigkeit, wenn sie nur Etwas [dadurch] erreicht. (2.) Wenn aber die Gestorbenen durch kein Zerschlagen der Brust zurückgerufen werden, wenn das unbewegliche und in Ewigkeit feststehende Geschick durch kein Jammern geändert wird und der Tod Alles, was er dahingerafft hat, [zurückzugeben] verweigert, so höre der Schmerz auf, der [ja doch] verloren ist. Daher wollen wir uns beherrschen lassen, und jene Gewalt soll uns nicht querfeldein mit sich fortreißen. Das ist ein schmählicher Lenker eines Schiffes, dem die Fluthen das Steuer entreißen, der die flatternden Segel verläßt und das Fahrzeug dem Wind und Wetter preisgibt; der aber ist selbst beim Schiffbruch zu preisen, den das Meer begräbt, während er das Steuerruder festhält und sich gegen [die Wogen] stemmt.

VII. »Aber die Sehnsucht nach den Seinigen ist doch etwas [ganz] Natürliches,« Wer leugnet es, so lange eine mäßige ist? denn [schon] ein Weggang, nicht blos der Verlust der uns Theuersten thut nothwendig weh und preßt auch die festesten Herzen zusammen. Allein was die Einbildung hinzu fügt, ist mehr, als was die Natur geboten hat. Siehe, wie heftig bei den unvernünftigen Thieren die Sehnsucht nach ihren Verlornen ist, und dennoch wie kurz. Man hört das Gebrüll der Kühne einen und noch einen zweiten Tag lang, und nicht länger dauert auch das unstäte und unsinnige Hin- und Herlaufen der Stuten. Das Wild, wenn es die Spur der Jungen verfolgt und die Wälder durchirrt hat, wenn es mehrmals zu der ausgeraubten Lagerstätte zurückgekehrt ist, stillet dennoch seine Wuth in kurzer Zeit. (2.) Die Vögel umrauschen ihre ausgeleerten Nester mit gewaltigen Gezwitscher; jedoch in einem Augenblick beruhigt, beginnen sie wieder ihre gewöhnlichen Ausflüge. Bei keinem lebendem Geschöpfe nach den verlornen Jungen von langer Dauer, als bei dem Menschen, der seinem Schmerze nachhängt und nicht blos in dem Maße davon ergriffen wird, als er ihn [wirklich] fühlt, sondern als er ihn zu fühlen sich vorgenommen hat. Um dich aber zu überzeugen, daß es nicht naturgemäß sei, sich durch Trauer niederschlagen zu lassen, [so beachte, daß] derselbe Verlust mehr die Frauen, als die Männer, mehr Barbaren, als Leute einer gelassenen und gebildeten Nation, Ungebildete mehr, als Gebildete verwundet. Und so behauptet denn das, was seine Kraft von der Natur empfangen hat, dieselbe auch in allen Fällen. (3.) Es ist offenbar, daß nicht naturgemäß ist, was sich öfters ändert. Das Feuer wird jedes Lebensalter, Bürger jeder Stadt, sowohl Männer als Weiber, [gleichmäßig] brennen; das Eisen wird an jedem Körper seine Kraft zu zerschneiden bewähren; weshalb? weil ihm seine Kräfte von der Natur verliehen sind, die keine Rücksicht auf Personen nimmt. Armuth [aber], Trauerfälle, Ehrgeiz empfindet der Eine so, der Andere anders, je nachdem die Gewohnheit ihn damit vertraut gemacht hat, und das schreckende Vorurtheil in Bezug auf Dinge, die nicht zu fürchten sind, macht ihn schwach und unfähig zum Ertragen.

VIII. (1.) Sodann nimmt, was natürlich ist, durch die Dauer nicht ab; den Schmerz [aber] verzehrt die lange Zeit. Mag er noch so hartnäckig sein, sich täglich [neu] erheben und gegen die Heilmittel aufbrausen, dennoch entnervt ihn die Zeit, das wirksamste Mittel den Trotz zu bändigen. Zwar hält bei dir, o Marcia, auch jetzt noch die heftige Trauer an und scheint [gleichsam] schon eine harte Haut bekommen zu haben, zwar nicht so aufgeregt, wie sie bei Jener war, aber [doch] hartnäckig und eigensinnig; und dennoch wird auch sie die Zeit nach und nach dir abnehmen. (2.) So oft du etwas Anderes thust, wird sich dein Gemüth erholen: jetzt hast du nur dich selbst im Auge; es ist aber ein großer Unterschied, ob du dir zu trauen erlaubst oder gebietest. Um wie viel mehr aber geziemt es der Schönheit deines Charakters, der Trauer lieber ein Ende zu machen, als es abzuwarten, und nicht auf den Tag zu harren, wo der Schmerz wider deinen Willen aufhört? Entsage ihm selbst.

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