| texte aus philosophie und wissenschaft |
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Seneca Lucius Annaeus Trostschrift an seine Mutter Helvia II. (1.) Siehe, wie viel ich mir von deiner Zärtlichkeit verspreche;
ich zweifle nicht, daß ich über dich mehr vermögen werde,
als dein Schmerz, dessen Macht über Unglückliche doch Nichts
übertrifft. Um daher nicht sogleich mit ihm zu kämpfen, so will
ich ihn erst vertheidigen und sagen, was ihn erregen konnte; ich will
Alles vorbringen und selbst, was schon vernarbt ist, wieder aufreißen.
(2.) Es wird Jemand sagen: »Was ist das für eine Art zu trösten,
wenn man schon vergessene Uebel zurückruft und einem Gemüthe,
das kaum eine Trübsal erträgt, einen Standpunkt gibt, von welchem
aus es alle seine Trübsale überblickt?« Dieser mag jedoch
bedenken, daß Alles, was so verderblich ist, daß er trotz
der Gegenmittel immer mehr erstarkt, meistentheils durch das Gegentheil
geheilt wird. Ich will ihm daher all seinen Jammer, alles Traurige vorführen;
das heißt [freilich] nicht auf sanftem Wege heilen, sondern brennen
und schneiden. Was werde ich dadurch erreichen? Daß die Seele als
Besiegerin so vielen Elends sich schämen muß, über eine
einzige Wunde an seinem so narbenvollen Körper mißmuthig zu
sein. (3.) Daher mögen die noch länger weinen und jammern, deren
verweichlichte Seelen langes Glück entnervt hat, und mögen sie,
wenn die leisesten Widerwärtigkeiten sich regen, zusammensinken;
die aber, denen alle Jahre unter Unglücksfällen vorübergegangen
sind, mögen auch das Schwerste mit starker und unerschütterlicher
Standhaftigkeit ertragen. Beständiges Unglück hat das eine Gute,
daß es die, welche es fortwährend plagt, zuletzt abhärtet.
(4.) Dir hat das Schicksal nie Ruhe gegönnt vor den schwersten Trauerfällen;
selbst deinen Geburtstag hat es nicht ausgenommen. Kaum geboren, oder
vielmehr während du geboren wurdest, hast du deine Mutter verloren
und bist gewissermaßen zum Leben ausgesetzt worden. Aufgewachsen
bist du unter einer Stiefmutter, die du zwar durch steten Gehorsam und
kindliche Liebe, wie man sie nur an einer Tochter erblicken kann, dir
eine Mutter zu werden genöthigt hast; dennoch kommt Jedermann eine
Stiefmutter, auch wenn sie eine gute ist, theuer zu stehen. Meinen Oheim,
einen höchst nachsichtsvollen, trefflichen und wackeren Mann, hast
du verloren, während du seine Ankunft erwartetest. Und damit das
Schicksal seine Grausamkeit gegen dich nicht etwa durch Fristungen mildere,
hast du in Zeit von dreißig Tagen auch deinen theuern Gatten, von
dem du Mutter dreier Kinder warst, begraben müssen. (5.) Während
du noch trauertest, wurde dir die Trauerkunde überbracht und zwar
in Abwesenheit aller deiner Kinder, als sei gleichsam absichtlich dein
Unglück auf eine Zeit lang gehäuft worden, wo du Nichts hättest,
woran dein Schmerz sich lehnen könnte. Ich übergehe so viele
Gefahren und Aengsten, die du ohne Unterbrechung auf dich einstürmend
ertragen hast. Jüngst erst hast du in denselben Schoos, aus dem du
drei Enkel entlassen hattest, wieder die Asche von drei Enkeln gesammelt.
Zwanzig Tage darauf, nachdem du meinen Sohn, der in deinen Händen
und unter deinen Küssen gestorben war, beerdigt hattest, vernahmst
du, ich sei fortgeschleppt; das nur hatte dir noch gefehlt, daß
du um Lebende trauern mußtest. IV. (1.) Und ich werde ihn besiegen, glaube ich, zuerst wenn ich zeige, daß ich Nichts erdulde, weshalb ich selbst unglücklich genannt werden könnte, geschweige wodurch ich auch diejenigen unglücklich machen sollte, mit denen ich in Berührung stehe; sodann wenn ich auf dich übergehe und beweise, daß auch dein Geschick, welches ja ganz von dem meinigen abhängt, kein hartes sei. (2.) Daran will ich zuerst gehen, was deine mütterliche Zärtlichkeit zu vernehmen besonders trachtet, daß ich kein Unglück leide, und wenn ich kann, dir klar machen, daß das, wovon du mich gedrückt wähnst, gar nicht unerträglich sei. Kannst du das nicht glauben, nun so werde ich um so mehr von mir selbst halten, weil ich unter Verhältnissen, die Andre unglücklich zu machen pflegen, glücklich bin. Du brauchst hinsichtlich meiner nicht Andern zu glauben; damit du nicht durch unsichre Vermuthungen beunruhigt werdest, sage ich dir selbst, daß ich nicht unglücklich bin, und damit du desto sorgloser seist, füge ich noch hinzu, daß ich gar nicht unglücklich werden kann. V. (1.) Wir sind mit günstiger Beschaffenheit geboren, wenn wir ihr nur nicht untreu werden. Die Natur hat dafür gesorgt, daß es, um glücklich zu leben, keines großen Apparats bedarf; ein Jeder kann sich glückselig machen. Die zufällig kommenden Umstände sind von geringer Bedeutung und haben nach keiner von beiden Seiten hin einen großen Einfluß; den Weisen machen weder günstige Umstände stolz, noch schlagen ungünstige ihn nieder; denn stets hat er sich bestrebt, das Meiste auf sich selbst zu setzen, und alle Freude in sich selbst zu suchen. (2.) Wie? ich nenne mich einen Weisen? Keineswegs; denn wenn ich das von mir sagen könnte, so würde ich nicht nur behaupten, nicht unglücklich zu sein, sondern mich rühmen, daß ich der glücklichste und der Gottheit nahe gerückt sei. Vor der Hand habe ich mich, was genügt, um alles Elend zu mildern, mich weisen Männern hingegeben und, weil ich selbst noch nicht stark genug bin mir zu helfen, meine Zuflucht in ein fremdes Lager genommen, derer nämlich, die sich und die Ihrigen zu schützen wissen. (3.) Diese hießen mir beständig wie auf einen Wachposten gestellt zu stehen und alle Versuche und Angriffe des Schicksals viel früher, als sie andringen, in's Auge zu fassen. Nur für die ist es hart, denen es plötzlich kommt; leicht erträgt es, wer es immer erwartet. Denn auch des Feindes Ankunft schlägt [nur] diejenigen zu Boden, die sie unvermuthet überrascht; die sich aber auf den bevorstehenden Krieg vor dem Kriege vorbereitet haben, fangen wohl geordnet und bereit den ersten Streich, welcher am meisten in Verwirrung bringt, leicht auf. (4.) Nie habe ich dem Glücke getraut, auch wenn es Frieden zu halten schien: Alles das, was es mir höchst gnädig zuertheilte, Geld, Ehrenstellen, Gunst, habe ich an einen solchen Ort gestellt, von wo es solches wieder wegnehmen konnte, ohne daß es mich berührte. Ich erhielt zwischen jenen Dingen und mir eine große Kluft, und so hat es denn dieselben wieder weggenommen, aber nicht losgerissen. Noch Keinen hat das Unglück gebeugt, außer wenn das Glück getäuscht hatte. (5.) Diejenigen, die seine Gaben als ihr Eigenthum und als etwas Beständiges geliebt haben und sich ihretwegen geehrt wissen wollten, sind niedergeschlagen und trauern, wenn die falschen und veränderlichen Ergötzungen ihren eiteln, kindischen und aller echten Freude unkundigen Seelen untreu werden. Wen aber das Glück nicht aufgeblasen gemacht, den beugt auch die Veränderung desselben nicht; er setzt jedem von beiden Zuständen ein unbesiegbares Herz von schon erprobter Festigkeit entgegen; denn er hat bereits im Glücke selbst erprobt, was er gegen das Unglück vermöge. (6.) Daher habe ich stets geglaubt, in dem, was Alle wünschen, sei Nichts des wirklich Guten enthalten; dann habe ich nur eitle, mit glänzender und auf Täuschung berechneter Schminke überzogene Dinge darin gefunden, die innerlich Nichts haben, was ihrer Außenseite ähnlich wäre. So finde ich in dem, was man Uebel zu nennen pflegt, nichts so Schreckliches und Hartes, als der Wahn des großen Haufens fürchten ließ; das Wort selbst freilich fällt in Folge einer gewissen Ueberredung und Uebereinstimmung schon ziemlich rauh in's Ohr und thut denen, die es hören, als etwas Trauriges und Verwünschenswerthes weh; denn so hat das Volk [nun einmal] entschieden; Volksbeschlüsse aber werden von den Weisen großentheils verworfen. VI. (1.) Setzen wir also das Urteil der Menge bei Seite, welche der erste Anblick einer Sache, jenachdem man ihm getraut hat, hinreißt, und betrachten wir, was Verbannung sei: nämlich eine Veränderung des Aufenthaltsorts. Damit es [aber] nicht scheine, als wolle ich die Bedeutung [des Wortes] beschränken und alles sehr Schlimme, was es enthält, verschweigen: dieser Ortsveränderung folgen [allerdings auch] Unannehmlichkeiten, Armuth, Beschimpfungen, Verachtung. Gegen diese Dinge will ich nachher kämpfen; jetzt will ich zuerst das betrachten, was denn die Ortsveränderung selbst Bitteres mit sich führe. (2.) »Das Vaterland zu entbehren, ist etwas Unerträgliches.« So blicke doch einmal auf diese Volksmenge, für welche kaum die Häuser der unermeßlichen Stadt hinreichen; der größte Theil dieses Haufens entbehrt des Vaterlandes. Aus ihren Municipien und Kolonieen, ja aus dem ganzen Erdkreise sind sie zusammengeströmt. Die Einen führte der Ehrgeiz her, Andere die Nothwendigkeit einer Thätigkeit für das öffentliche Leben, Andere eine übertragene Gesandtschaft, Andere Genußsucht, die einen den Lastern günstigen und an ihnen reichen Ort aufsucht, Andere die Liebe zur Beschäftigung mit den edeln Wissenschaften, Andere die Schauspiele; Manche zog auch die Freundschaft her, Manche die Betriebsamkeit, die hier ein weites Feld findet ihr Talent zu zeigen; Manche bringen ihre schöne Gestalt zu Markte, Manche ihre Beredsamkeit. (3.) Jede Klasse von Menschen strömt in die Hauptstadt zusammen, die sowohl den Tugenden als den Lastern große Belohnungen aussetzt. Befiehl einmal diese alle beim Namen aufzurufen und frage, wo ein Jeder zu Hause sei: du wirst sehen, daß der größere Theil von ihnen mit Verlassung der Heimath in diese allerdings sehr große und schöne Stadt gekommen ist, die aber doch nicht die Ihrige ist. Dann aber siehe ab von dieser Stadt, die freilich gewissermaßen die allgemeine [Vaterstadt] genannt werden kann, und gehe in allen [andern] Städten umher: jede hat einen großen Theil fremder Bevölkerung. (4.) Gehe ab von solchen, deren anmuthige Lage und große Vortheile bietende Gegend Viele anlockt; durchwandere öde Landstriche und die rauhesten Inseln, Sciathus, Seriphus, Gyarus und Corsika: du wirst keinen Verbannungsort finden, wo nicht Jemand eines Freundes wegen verweilte. Wo kann man etwas so Nacktes, wo etwas auf allen Seiten so schroff Abgerissenes finden, als dieses Felsen[nest]? wo etwas in Betracht der Produkte Dürftigeres, in Bezug auf die Menschen Wilderes, in Bezug auf die Lage selbst Schauerliches, in Bezug auf das Klima Unfreundlicheres? und doch halten sich hier mehr Fremde als Eingeborne auf. (5.) So sehr lästig also ist die Veränderung des Aufenthaltsorts an und für sich nicht, daß sogar diese Gegend Manche ihrem Vaterlande entführt hat. Ich finde, daß Einige behaupten, es liege im Gemüthe eine gewisse natürliche Verlockung den Wohnsitz zu verändern und den häuslichen Herd wo andershin zu versetzen. Denn es ist dem Menschen ein beweglicher und unruhiger Geist gegeben; niemals hält er sich zusammen, er zerstreut sich, läßt seine Gedanken auf Alles, Bekanntes wie Unbekanntes, umherschweifen, unstät, die Ruhe nicht ertragend, und über die Neuheit der Gegenstände hoch erfreut. (6.) Und darüber wirst du dich nicht verwundern, wenn du seinen ersten Ursprung betrachtest. Nicht aus erdigem und schwerem Körperstoffe ist er gebildet; aus jenem göttlichen Geiste ist er herniedergestiegen; das Wesen des Himmlischen aber ist in steter Bewegung, es ist flüchtig und treibt sich im raschesten Laufe. Betrachte die Gestirne, welche die Welt erleuchten; keins derselben bleibt stehen; unaufhörlich gleiten sie dahin und verändern beständig ihre Stelle, und obgleich sie sich mit dem ganzen Weltall herumdrehen, haben sie doch eine der Welt entgegengesetzte Bewegung, durch alle Theile des Thierkreises laufen sie hindurch, niemals stockt ihre beständige Bewegung und von einem Orte zum andern geht ihre Wanderung. (7.) Alle wälzen sich und sind stets im Vorübergehen, und wie es das Gesetz und die Nothwendigkeit der Natur angeordnet hat, werden sie von einer Stelle zur andern fortgetragen. Haben sie in einem Zeitraum bestimmter Jahre ihre Kreisbahn vollendet, so durchlaufen sie aufs Neue den Raum, durch den sie gekommen. Nun gehe hin und glaube, der menschliche Geist, der aus denselben Urstoffen, woraus die göttlichen Wesen entstehen, zusammengesetzt ist, sei unwillig über einen Uebergang und eine Wanderung, während die Natur der Gottheit sich einer beständigen und überaus raschen Veränderung erfreut, oder durch sie sich erhält. (8.) Nun wohlan, vom Himmlischen wende dich zum Menschlichen: und du wirst finden, daß alle Stämme und Völker ihren Wohnsitz [stets] verändert haben. Was bedeuten mitten in barbarischen Gegenden die griechischen Städte? was die macedonische Sprache mitten unter Indiern und Persern? Scythien und jener ganze Landstrich roher und ungebändigter Völker zeigt achäische Städte, an den Küsten des Pontus erbaut. Nicht die Strenge eines ewigen Winters, nicht der Charakter der Menschen, rauh gleich ihrem Himmel, hat denen im Wege gestanden, die ihren Wohnsitz dahin verlegten. (9.) In Asien ist eine Menge von Athenern. Miletus hat die Bevölkerung von fünfundsiebzig Städten nach allen Richtungen hin ergossen; die ganze Seite Italiens, die vom unteren Meere bespült wird, war Groß- Griechenland; die Etrusker, schreibt Asien sich zu; in Afrika wohnen Tyrier, Punier in Spanien; Griechen haben sich in Gallien niedergelassen, Gallier in Griechenland. Die Pyrenäen haben den Uebergang von Germanen nicht abgehalten; durch unbekannte Gegenden hat sich der Leichtsinn der Menschen hindurch gewunden. Kinder, Weiber und von Alter gedrückte Eltern haben sie mitgeschleppt. (10.) Andere, auf langer Irrfahrt herumgetrieben, haben sich nicht durch Entschluß einen Wohnort erwählt, sondern aus Ermüdung den nächsten besten in Besitz genommen; Andere haben sich durch die Waffen ein Recht im fremdem Lande verschafft. Manche Völker hat, während sie nach unbekannten Ländern steuerten, das Meer verschlungen; manche ließen da sich nieder, wo sie der Mangel an Allem zu bleiben zwang; und nicht Alle hatten dieselbe Ursache ihr Vaterland zu verlassen und [ein andres] aufzusuchen. (11.) Manche hat die Zerstörung ihrer Städte, den feindlichen Waffen entronnen, aber ihres Landes beraubt, in fremde Länder getrieben; Andere hat ein Aufruhr in der Heimath verscheucht; Andere hat Uebervölkerung auswandern heißen, damit sich die Volksmasse entlade; Andere haben Seuchen, häusige Erdbeben oder andre unerträgliche Gebrechen des ungünstigen Bodens fortgetrieben; Manche hat das Gerede von einer fruchtbaren und übermäßig gepriesenen Seeküste verführt; die Einen hat diese, die Andern jene Ursache zum Auszug aus ihrer Heimath bestimmt. So viel in der That ist offenbar, daß Nichts an demselben Orte geblieben ist, wo es geboren wurde; es findet ein beständiges Hin- und Herziehen des menschlichen Geschlechtes Statt; täglich verändert sich Etwas auf dem so weiten Erdkreise. (12.) Neue Städte werden gegründet; es entstehen neue Völkernamen, während die früheren erlöschen oder sich verwandeln, um ein Zuwachs zu einem mächtigeren zu werden. Alle jene Verpflanzungen von Völkern aber, was sind sie andres, als allgemeine Verbannungen? VII. (1.) Weshalb schleppe ich dich auf so langen Umwegen herum? Was nützt es, den Antenor, den Erbauer von Patavium, und den Evander, der ein Reich der Arkadier an dem Ufer der Tiber gründete, oder den Diomedes und andre aufzuzählen, welche der Trojanische Krieg als Besiegte und Sieger zugleich in fremde Länder zerstreut hat? Blickt ja doch das römische Reich auf einen Vertriebenen als seinen Stifter zurück, den, als er, geringe Ueberreste [seines Volks] mit sich führend, aus der eroberten Vaterstadt floh, die Nothwendigkeit und die Furcht vor dem Sieger, die ihn entlegene Länder aufsuchen hieß, nach Italien verschlug. (2.) Wie viele Kolonien hat sodann dies Volk in alle Provinzen entsendet! Wo nur immer der Römer gesiegt, hat er Wohnsitze. Zu solcher Wohnungsvertauschung meldete man sich gern, und der greise Pflanzer folgte, seine Altäre verlassend, über's Meer hinüber [den Auswanderern]. VIII. (1.) Die Sache bedarf keiner weitern Aufzählung; Eins jedoch
will ich noch hinzufügen, was sich meinen Blicken aufdringt. Diese
Insel selbst hat schon oft ihre Bewohner gewechselt. Um die früheren
Zeiten, welche das Alter in Dunkel gehüllt hat, zu übergehen,
so haben sich zuerst Griechen, die jetzt Massilia bewohnen, nachdem sie
Phocis verlassen, auf dieser Insel niedergelassen. Was sie daraus vertrieben
hat, ist ungewiß, ob das rauhe Klima, oder der Anblick des übermächtigen
Italiens, oder die Beschaffenheit des hafenlosen Meeres; denn daß
nicht die Wildheit der Bewohner die Ursache war, erhellet daraus, daß
sie sich unter die damals besonders rohen und ungebildeten Bewohner Galliens
begaben. (2.) Dann zogen Ligurier auf sie herüber, auch Spanier,
was sich aus der Aehnlichkeit der Lebensweise ergibt; denn [man findet
daselbst] dieselben Kopfbedeckungen und dieselbe Art von Schuhwerk, wie
bei den Cantabrern, auch manche Worte [derselben]; die ganze Sprache nämlich
ist durch den Umgang mit Griechen und Liguriern von der urväterlichen
abgewichen. Hierauf wurden zwei Kolonien römischer Bürger hierher
geführt, die eine vom Marius, die andre vom Sulla. So oft hat sich
die Bevölkerung dieser dürren und dornigen Felsen[insel] verändert.
(3.) Endlich wird man kaum irgend ein Land finden, das auch jetzt noch
seine Urbevölkerung bewohnte; Alles ist unter einander gemischt und
verpflanzt; die Einen sind an die Stelle der Andern getreten. Dieser hat
etwas begehrt, was Jenem zum Ekel war; Jener ist von da vertrieben worden,
von wo er Andere verdrängt hatte. So gefiel es dem Schicksal, daß
die Lage keiner Sache stets dieselbe bleibe. Gegen die Veränderung
des Aufenthaltsortes selbst, abgesehen von den übrigen Widerwärtigkeiten,
die mit der Verbannung zusammenhängen, hält Varro, einer der
gelehrtesten Römer, das für ein hinreichendes Trostmittel, daß
man, wohin man auch kommen mag, immer mit derselben Natur der Dinge zu
thun hat. (4.) Marcus Brutus meint, das sei schon genug, daß den
in die Verbannung Gehenden vergönnt sei, ihre Tugenden mit sich zu
nehmen. Wenn nun auch Einer diese Umstände einzeln für minder
wirksam hält, um einen Verbannten zu trösten, so wird er doch
gestehen müssen, daß beide vereinigt sehr viel vermögen.
Denn welche Kleinigkeit ist, was wir verlieren! Zwei Dinge, welche die
herrlichsten [von allen] sind, werden uns begleiten, wohin wir uns auch
wenden, die gemeinsame Natur und die uns eigene Tugend. Dafür, glaube
mir, ist gesorgt von jenem Bildner des Weltalls, wer er auch sein mag,
sei er ein allmächtiger Gott, oder eine unkörperliche Vernunft,
die Schöpferin gewaltiger Werke, oder ein Alles, das Größte
wie das Kleinste, in gleichmäßiger Stärke durchströmender
göttlicher Hauch, oder ein Schicksal und eine unwandelbare Reihe
unter einander zusammenhängender Ursachen; dafür, sage ich,
ist gesorgt, daß Nichts, als die geringfügigsten Dinge, fremder
Willkür unterworfen ist. (5.) Alles, was das Beste für den Menschen
ist, liegt außerhalb menschlicher Macht und kann weder gegeben,
noch entrissen werden, nämlich diese Welt, das Größte
und Schönste, was die Natur geschaffen hat, und der Geist, der Betrachter
und Bewunderer der Welt, ihr herrlichster Theil, uns eigen und unverlierbar,
so lange mit uns fortdauernd, als wir selbst fortdauern werden. Frisch
und muthig also wollen wir festen Schrittes eilen, wohin immer das Schicksal
uns führen wird.
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