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Seneca Lucius Annaeus

Erläuterungen zur Stoa

Die alte Stoa

Zenon, der Begründer der Stoa, wurde im Jahre 333/332 v.Chr. auf Zypern geboren. Grundlegend für seine Lehre ist die Überzeugung, daß das wahre Glück des Menschen von allen äußeren Gütern unabhängig sei. Durch Epikurs Wirken in Athen (seit 306) fühlte sich Zenon geradezu herausgefordert, eine eigene Philosophenschule zu gründen. Er begann seine eigene Lehrtätigkeit 301/300 in der Stoá Poikíle (Bunte Halle), einer von Polygnot bunt ausgemalten Wandelhalle am Markt, nach der die Schule ihren Namen erhielt. Trotz oder gerade wegen ihrer Sittenstrenge zog die Stoa viele junge Männer an, die nicht gewillt waren, auf der Suche nach ihrem inneren Glück den epikureischen Weg der "Lust" zu gehen.

Die Lehre der Physik
Die sichtbare Welt ist nicht, wie Epikur lehrt, durch Zufall entstanden, sondern das Werk der göttlichen Weltvernunft, des Logos, der Gottheit. Da für die Stoiker nur Körperliches wirken kann, ist der materielle Träger des Logos der feinste Stoff, das Urfeuer, die Quelle der Wärme und des Lebens. Das Logos-Feuer ist die Urkraft, die vorausschauend und fürsorglich (Logos = Prónoia, Vorsehung) "zum Schaffen schreitet" (Zenon), die erste Ursache der lückenlosen Ursachenkette aller Abläufe und Bewegungen (Logos = Heimarméne, Schicksal). Durch Verdichtung des Urfeuers entstehen die übrigen Elemente (Luft, Wasser, Erde), aus deren vielfältiger Mischung der Kosmos in seiner Schönheit und Zweckmäßigkeit hervorgeht. Der führende Seelenteil des Weltorganismus hat seinen Sitz in der Region des himmlischen Feuers, doch durchglüht das göttliche Logos-Feuer als "Hauch" (pneuma) das gesamte All und trägt in sich die "Samenkeime" (lógoi spermatikoí), aus denen die Einzeldinge hervorgehen. Durch die ihm innewohnende Spannkraft verleiht das Pneuma selbst dem kleinsten Stein seinen Zusammenhalt. Trotz des strengen Determinismus (Bestimmtheit allen Geschehens durch Ursachen) halten die Stoiker entschieden an der Willensfreiheit des Menschen fest: Der menschliche Logos hat die freie Entscheidung über die Annahme bzw. Ablehnung der von außen kommenden Vorstellung. Die höchste Freiheit des menschlichen Logos besteht darin, die Normen des Weltenlogos zu er­kennnen und nach ihnen zu handeln. Mit dem Tod verläßt das Seelenpneuma den Körper und geht im All auf. Nach Ablauf eines großen "Weltjahres" kehrt der Kosmos in das Urfeuer zurück (Weltbrand: ek­pýrosis), aus dem dann wiederum derselbe Kosmos mit denselben Individuen (Wiedergeburt: pa­lingénesis) hervorgeht. Dieser Zyklus wiederholt sich ewig (Weltperioden). Ehtik: Zur richtigen Bestimmung des menschlichen "Lebenszieles" (télos) und damit der richtigen Le­bensführung gehen die Stoiker vom Urtrieb des Menschen aus, der Oikeíosis ("Zueignung"). Sie ist der instinktive Trieb jedes Lebewesens, das als ihm "eigen" (oikeion) empfundene Wesen zu entfalten, alles zu suchen, was der Erhaltung und Förderung des "Eigenen" dient, und das Ge­genteilige zu meiden. Gesundheit, Sprechvermögen, aufrechter Gang, Gemeinschaft mit den Menschen usw. sind "das erste Naturgemäße" (ta prota katà physin). Sie sind die ersten Werte (axía), da sie einen Beitrag leisten zu dem, was der Natur des Menschen gemäß ist. Jede Handlung, die der naturgewollten Entfaltung des menschlichen Wesens dient (Essen, Pflege des Körpers, Liebe zu den Eltern usw.), ist eine "uns zukommende Handlung" (kathekon, Pflicht). Im Gegensatz zum Tier besitzt der Mensch von Natur die Anlage der Vernunft. Sobald er sich dieser im Laufe der Jahre (bis etwa 14. Lebensjahr) bewußt wird, wendet sich die Oikeiosis der Entfaltung des Logos zu, und der Mensch erkennt das Gute in dem, was seinem wahren Wesen förderlich ist und als seine eigene Leistung ihm Genugtuung und inneres Glück verleiht. Die Vollendung seiner Vernunftanlage ist dem Menschen nur möglich, wenn er durch richti­ge (philosophische) Belehrung und durch eigenes Streben den Kampf gegen seine Triebe und die schlechten Einflüsse von seiten seiner törichten Mitmenschen besteht. Die vollendete Vernunft, der Logos, der sich den von außen kommenden Vorstellungen gegenüber behauptet und die Triebe beherrscht, ist der bestmögliche Zustand des Menschen, seine Areté, "Tugend"(Gegenteil kakía = Schlechtigkeit, Lasterhaftigkeit). Diese naturgewollte Führung der Triebe durch den Lo­gos ist die "Harmonie der Seele" (homología). Sie ist ein Ebenbild der Harmonie und der Schön­heit des Makrokosmos. Sie ist die "Schönheit" der Seele, das "Schöne"(kalón), das "Sittlichgute". Das Sittlichgute(= Tugend) ist der höchste Wert, es ist das einzige "Gut" des Menschen und darum auch ohne Rücksicht auf den äußeren Erfolg um seiner selbst willen erstrebenswert. Das Sittlichgute allein bewirkt die Glückseligkeit (eudamonía). "Das Leben unter der Führung des Lo­gos (homologouménos zên bzw. homologouménos te phýsei zên in Übereinstimmung mit der Natur leben), die Einheit von Denken, Wollen und Handeln ist das Lebensziel des Menschen. Besitzt der Logos nicht die nötige Stärke, so stimmt er Vorstellungen zu, die die Triebe (Gefühle, Begehrungen) wider ihr natürliches Maß übersteigern: Der Trieb (hormé) wird zum "Affekt", zur "Leidenschaft" (páthos). Die kranke, leidende Seele ist das "Sittlichschlechte", das einzige Übel des Menschen. Wer sittlich schlecht handelt, erleidet seelische Qualen. Der leidenden Seele kann nur die Philosophie helfen, deren Ziel die "Freiheit der Seele von den Affekten-Leidenschaf­ten"(apátheia) ist.
Gesundheit - Krankheit, körperliche Lust - körperlicher Schmerz, Reichtum - Armut, Ruhm - Ver­achtung usw. sind hinsichtlich des sittlichen Zieles der Glückseligkeit weder "Güter" noch "Übel". Da sie ihren Wert erst durch den Gebrauch erhalten, den der Logos von ihnen macht, sind sie an sich sittlich "unterschiedslos" (adiáphora). Dennoch werden von der Vielzahl der Adiaphora ei­nige (z.B. Leben, Gesundheit, maßvoller Besitz, Kinder) von der animalischen Natur des Men­schen "bevorzugt" (proëgména), andere (z.B. Krankheit, Armut) "zurückgesetzt" (apoproëgména). Jedoch darf das Streben nach den Proegmena das Streben nach dem Sittlichguten nicht beein­trächtigen.
Die eine Tugend kann sich in vier Kardinaltugenden zeigen: Einsicht - Klugheit (phrónesis), Selbstberrschung - Besonnenheit (sophrosýne), Tapferkeit (andreía) und Gerechtig­keit (dikaiosýne).
Das Feld des sittlich guten Handelns ist die Gemeinschaft. Ohne sie kann sich das Wesen des Menschen nicht entfalten.Da der individuelle Logos nur ein Teil der Weltvernunft ist, ist der ein­zelne Mensch Bürger der ganzen Welt (Kosmopolit). Innerhalb der Kosmopolis richtet sich sein Rang nicht nach Äußerlichkeiten (Grieche - Barbar, Freier - Sklave), sondern nach dem Maßstab des Sittlichguten. Der Logos ist das rechtsverbindliche Gesetz dieser Gemein­schaft (Vernunftrecht, Naturrecht, göttliches Recht). Dieses Vernunftgesetz ist die Quelle der po­sitiven (geschriebenen) Gesetze.
Der Weise besitzt das Wissen um das Gute und Schlechte und verwirklicht es im Leben. Er weiß von den großen Zusammenhängen des Weltgeschehens, er ist vorbereitet auf alle Fügun­gen des Schicksals. Der Logos seiner Seele harmoniert mit dem Weltenlogos. Er ist frei von allen Leidenschaften. Für ihn gibt es keine Knechtschaft: Ist ein Leben unter der Führung des Lebens nicht mehr möglich, kann er freiwillig aus dem Leben scheiden.
Die Stoa bei den Römern (Cicero und Seneca) Seit Panaitios(185-109 v.Chr.) war die Stoa die bestimmende Kraft im römischen Geistesleben. Er verlagerte den Akzent vom Menschen als Kosmopolit auf den realen Einzelstaat und schenkte den gewöhnlichen Kathekonta, den Pflichten des Alltags seine besondere Beachtung. Panaitios nahm dem "Weisen" der alten Stoa seine übermenschlichen Züge und ließ ihn zum erreichbaren sittlichen Ideal für den römischen Staatsmann werden, der sich auf der Bühne des Weltreiches zu bewähren hatte. Die Eklektiker Varro und Cicero, die sich mit Vorliebe als Akademiker be­zeichneten, übernahmen stoische Lehren (Cicero u.a. die Lehre vom Naturrecht, Lehre von den Pflichten, gemischte Verfassung). Unter den Nachfolgern des Augustus wandte sich die Stoa vom Staate ab und konzentrierte sich auf die Sorge um das persönliche Seelenheil. Zwischen den willkürlichen Ansprüchen eines ab­soluten Herrschertums und den Forderungen eines zeitlosen Sittengesetzes waren keine Kom­promisse möglich. Die innere Haltung des Stoikers äußerte sich im Falle Senecas mit dem Rück­zug aus der Politik, andere fanden Mut zur Kritik, ja zum aktiven Widerstand.

Die Stoa zur Frage des Todes
In der stoischen Philosophie ist die sichtbare Welt nicht, wie Epikur lehrt, durch Zufall entstanden, sondern ist das Werk der göttlichen Weltvernunft, des ewigen Logos, des alles durchwaltenden göttli­chen Geistes. Da für die Stoiker nur Körperliches wirken kann, ist der materielle Träger des Logos der feinste Stoff, das Urfeuer, die Quelle der Wärme und des Lebens. Der Mensch trägt mit seiner Seele einen Funken dieses göttlichen Feuers in sich und kann deshalb die Gesetzmäßigkeit der Natur erken­nen. Der Tod ist somit nur als eine "ganz normale" Auswirkung des Naturgesetzes im ewigen Werden und Vergehen anzusehen und stellt, da das Leben im Einklang mit der Natur das höchste Gut des Menschen ist("secundum naturam vivere"), kein Übel oder Unglück dar. Er zählt vielmehr zu den "adiáphora", zu den gleichgültigen Dingen, wie z.B. Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut. Oft kann der Tod sogar, positiv gesehen, die Erlösung von den Leiden des Daseins sein. Hieraus leitet sich auch die Legitimation des Selbstmordes ab, der erlaubt ist, wenn der Mensch keinem mehr nützen kann oder vor allem äußere Umstände ein Leben nach der von der Natur vorgeschriebenen Bestim­mung als Vernunftwesen unmöglich machen. Der Tod ist auch deshalb nicht zu fürchten, weil in ihm die Seele als "Funken" des göttlichen Feuers den Körper ohne Schmerzempfindung verläßt und sich mit dem ewigen Urfeuer wieder verbindet.