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Plinius der Jüngere
Epistulae 8.21, Plinius und die Bücher
C. Plinius grüßt seinen Arrianus
1
Wie im Leben, so halte ich es auch bei den Studien für das Schönste
und Natürlichste, Ernst und Heiterkeit miteinander zu verbinden,
damit das eine nicht in Verdrießlichkeit, das andre nicht in Leichtfertigkeit
ausartet.
2
Das ist der Grund, weshalb ich meine ernsteren Arbeiten mit Scherzen und
Spielereien wechseln lasse. Um diese zutage zu fördern, habe ich
mir den günstigsten Zeitpunkt und die bequemste Stelle ausgesucht,
und damit sie sich schon jetzt daran gewöhnen, vor unbeschäftigten
Leuten und bei Tische zu Gehör zu kommen, habe ich im Monat Juli,
wo die Rechtsstreitigkeiten im allgemeinen ruhen, Sessel vor die Speisesofas
stellen lassen und meine Freunde daraufgesetzt.
3
Zufällig wurde ich am gleichen Tage morgens überraschend zu
einem Plädoyer gebeten, und das bot mir den Stoff zu ein paar einleitenden
Worten. Ich bat nämlich, mich nicht der Gleichgültigkeit gegen
mein Werk zu zeihen, wenn ich mich trotz der angekündigten Vorlesung
- vor Freunden, gewiß, und zwar nur einigen wenigen - dem Forum
und meinen Pflichten, das heißt: ebenfalls Freunden, nicht entzogen
hätte. Ich sagte weiter, diese Reihenfolge hielte ich auch beim Schreiben
inne; erst komme die Pflicht, dann das Vergnügen, erst der Ernst,
dann die Annehmlichkeit, und beim Schreiben dächte ich in erster
Linie an meine Freunde, dann erst an mich.
4
Mein Buch bot ein buntes Gemisch von kleinen Stücken in verschiedenen
Metren. Ich traue meinem Talent ja nicht recht und versuche so, der Gefahr
der Langeweile zu entgehen. Zwei Tage habe ich vorgetragen; der Beifall
der Zuhörer wollte es so. Und obwohl andre dies und jenes überschlagen
und sich auf diese Auslassungen noch etwas zugute tun - ich überschlage
nichts und weise auch ausdrücklich darauf hin, daß ich nichts
auslasse. Ich lese nämlich alles vor, um alles verbessern zu können,
was unmöglich ist, wenn man nur ausgewählte Stücke vorträgt.
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5
"Jenes Verfahren ist aber doch anspruchsloser, vielleicht auch rücksichtsvoller!"
- Gewiß, meins aber aufrichtiger und liebevoller. Denn wirklich
lieben heißt, sich so geliebt zu glauben, daß man nicht befürchtet
zu langweilen. Zu was sind Freunde denn sonst nütze, wenn sie nur
zusammenkommen, um sich zu amüsieren? Wer ein gutes Buch eines Freundes
lieber nur anhört, statt ihm auch dazu zu verhelfen, ist ein Parasit
und einem Ignoranten gleichzuachten.
6
Zweifellos hast Du bei all Deiner Liebe zu mir den Wunsch, dies bisher
noch gärende Buch sobald wie möglich zu lesen. Du wirst es zu
lesen bekommen, aber erst, wenn ich es überarbeitet habe. Das war
ja auch der Zweck meiner Vorlesung. Und doch kennst Du schon einiges daraus.
Das wirst Du hernach verbessert oder auch, wie es manchmal bei längerem
Verweilen geschieht, verschlechtert gleichsam in neuer Fassung wieder
vorfinden. Denn wenn man vieles ändert, erscheint auch das verändert,
was stehengeblieben ist.
Leb´ wohl!
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