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Plinius der Jüngere

Epistulae 6.29, Plinius zur Übernahme von Prozessen

C. Plinius grüßt seinen Quadratus

1
Avidius Quietus, der mich über alles schätzte und - worüber ich mich nicht weniger freute - auch anerkannte, erzählte neben vielem andern von Thrasea - er war eng mit ihm befreundet - auch dies, daß er immer wieder erklärt habe, drei Arten von Prozessen müsse man übernehmen, die seiner Freunde, aussichtslose Sachen und Präzedenzfälle.

2
Warum Prozesse von Freunden, bedarf keiner Erklärung. Warum aussichtslose Sachen? Weil besonders bei ihnen Charakter und Edelmut des Plädierenden an den Tag komme. Warum Präzedenzfälle? Weil sehr viel davon abhänge, ob damit dem Guten oder dem Bösen Tür und Tor geöffnet werde.

3
Diesen drei Gattungen möchte ich - vielleicht aus Eitelkeit - doch eine weitere beifügen: die berühmten, aufsehenerregenden. Es ist doch nur recht und billig, ab und zu einmal die Sache des Ruhmes und Renommees, das heißt: seine eigene Sache zu vertreten. Das sind die Grenzen, die ich, weil Du mich danach gefragt hast, Deiner Würde und Deinem Anstandsgefühl setze.

4
Ich weiß wohl, die Praxis ist und gilt als die beste Lehrmeisterin der Rede, sehe auch, daß viele kaum talentierte, ungebildete Geister durch Plädieren gelernt haben, gut zu plädieren.

5
Aber auch das bekannte Wort, das auf Pollio zurückgeht oder jedenfalls mir als ein Wort Pollios bekannt ist, bestätigt sich mir immer wieder: "Durch gutes Plädieren ist es dahin gekommen, daß ich oft plädiere, durch häufiges Plädieren dahin, daß ich weniger gut plädiere", weil natürlich allzu große Geschäftigkeit eher zu Routine als zu echter Befähigung und nicht zu Beherztheit, sondern zu Leichtsinn führt.

6
Auch Isocrates hat es in seiner Geltung als als großer Redner nicht beeinträchtigt, daß seine schwache Stimme, seine Schüchternheit ihn hinderte, öffentlich zu reden. Darum lies, schreib und übe viel, damit Du sprechen kannst, wenn Du willst, und Du wirst sprechen, wenn Du wollen mußt.

7
Dies etwa ist die Regel, an die ich mich stets gehalten habe; mehr als einmal habe ich mich dem Zwang gefügt, wie die Vernunft es gebot. Ich habe eine Reihe Plädoyers im Auftrage des Senats gehalten, unter denen einige sich immerhin der oben erwähnten Einteilung Thraseas fügten, das heißt: zu den Präzedenzfällen gehörten.

8
Ich habe die Baeticer gegen Baebius Massa vertreten. Es erhob sich die Frage, ob ihnen Nachforschungen zu gestatten seien; sie wurden ihnen gestattet. Ich habe sie noch einmal bei ihrer Klage gegen Caecilius Classicus vertreten. Es erhob sich die Frage, ob Provinziale als Genossen und Handlanger des Statthallters bestraft werden dürften. sie haben ihre Strafe bekommen.

9
Ich habe Marius Priscus angeklagt, der, nach dem Repetundengesetz verurteilt, aus der Milde des Gesetzes Nutzen zog, dessen Strenge nicht ausreichte, seine entsetzlichen Verbrechen zu sühnen; er wurde relegiert.

10
Ich habe Iulius Bassus als einen allzu unbesonnenen, unvorsichtigen, aber doch keineswegs verworfenen Mann verteidigt; er wurde der Kommission überwiesen und blieb Senator.

11
Ich habe kürzlich Varenus gesprochen, der forderte, man möge auch ihm gestatten, Zeugen vorzuladen; er hat es durchgesetzt. Für die Zukunft wünsche ich, daß mir vor allem solche Fälle übertragen werden, die ich auch freiwillig anstandslos hätte übernehmen können.

Leb' wohl!