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Plinius der Jüngere
Epistulae 6.27, Plinius berät einen "consul
designatus"
An Severus
1
Du bittest mich, mir zu überlegen, was Du als designierter Konsul
zu Ehren des Prinzeps beantragen sollst. Es ist leicht, die rechte Wahl
zu treffen, denn seine Tugenden bieten reichen Stoff. Ich werde Dir jedoch
darüber schreiben, lieber noch persönlich mit Dir darüber
sprechen, aber erst, nachdem ich Dir meine Bedenken unterbreitet habe.
2
Ich weiß nicht, ob ich Dir dasselbe raten soll, was ich mir zur
Richtschnur genommen habe. Als designierter Konsul habe ich auf all das
verzichtet, was wie Schmeichelei aussieht, mag es auch keine Schmeichelei
sein, nicht um meine Unabhängigkeit und Charakterfestigkeit zu demonstrieren,
sondern weil ich unsern Prinzeps kannte und mir bewußt war, daß
es das höchste Lob für ihn sein würde, wenn ich nichts
gleichsam unter Zwang beantragte.
3
Ich sagte mir auch, daß gerade den schlechtesten Fürsten die
meisten Ehren angetragen worden seien, von denen unser trefflicher Kaiser
nicht besser abgesetzt werden konnte, als wenn ich das entgegengesetzte
Verfahren anwandte, und das habe ich auch nicht verhehlt und verschwiegen,
damit es nicht so aussähe, als hätte ich es vergessen und nicht
ganz bewußt davon abgesehen.
4
So ich damals. Aber nicht alle denken so, außerdem wechseln die
Anlässe, etwas zu tun oder zu lassen, mit den Menschen, den Umständen
und Zeitverhältnissen.
5
So bieten die jüngsten Erfolge unsres erlauchten Prinzeps die Möglichkeit
zu originellen, eindrucksvollen, aufrichtigen Anträgen. Aus den dargelegten
Gründen ist es mir, wie gesagt, zweifelhaft, ob ich Dir dasselbe
raten soll, was ich mir damals zur Richtschnur genommen habe. Nur eins
ist mir klar: daß ich Dir als Beitrag zu Deinem Entschluß
unterbreiten mußte, wie ich selbst es gehalten habe.
Leb' wohl!
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