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Plinius der Jüngere
Epistulae 6.20, Vesuvausbruch 79 nuZ.;
Erlebnisse und Tod des älteren Plinius und seiner Mutter
An Tacitus
1
Du sagst, der Brief, den ich Dir auf Deinen Wunsch über den Tod meines
Onkels schrieb, habe Dich begierig gemacht, zu erfahren, was ich, der
ich in Misenum zurückgeblieben war (an dieser Stelle hatte ich abgebrochen),
erlebt hätte, nicht nur an Ängsten, sondern auch an Geschehnissen.
Obwohl ich schaudere, daran zu denken, will ich beginnen.
2
Nach der Abfahrt meines Onkels verwandte ich den Rest des Tages auf meine
Arbeit (deswegen war ich ja zurückgeblieben); dann Bad, Essen, unruhiger,
kurzer Schlaf.
3
Vorhergegangen waren während vieler Tage Erdstöße, kaum
furchterregend, weil in Campanien gewöhnlich. In jener Nacht aber
nahm das Beben so zu, daß man glaubte, es gerate nicht nur alles
in Bewegung, sondern gründlich durcheinander.
4
Meine Mutter stürzte in mein Schlafgemach, ich wollte gerade aufstehen,
um sie zu wecken, falls sie schliefe. Wir setzten uns in den Vorhof des
Hauses,der das Meer von den Gebäuden in einem kleinen Abstand hält.
5
Ich weiß nicht, soll ich es Gelassenheit oder Torheit nennen (ich
war ja gerade erst im achtzehnten Lebensjahr): ich lasse mir ein Buch
von Titus Livius geben, und geradezu genüßlich lese ich und
mache Auszüge, wie ich begonnen hatte. Da erscheint ein Freund des
Onkels, der kürzlich aus Spanien zu ihm gekommen war. Wie er mich
und meine Mutter sitzen und mich sogar lesen sieht, schilt er ihre Geduld,
meine Gemütsruhe; unverdrossen blieb ich in mein Buch vertieft.
6
Es war die erste Stunde des Tages, und der Tag war bisher unentschieden,
sozusagen verschlafen. Nachdemd ie umliegenden Häuser schon stark
beschädigt waren, war unsere Furcht vor einem Einsturz groß
und auch begründet, obwohl wir uns auf einem freien, wenn auch beengten
Platz befanden.
7
Jetzt erst sieht man ein, daß man sich aus der Stadt entfernen müsse.
Es folgt uns eine kopflose Menge; und was in Angstzuständen schon
fast der Klugheit gleichkommt: diese Menge bevorzugt die fremde Entscheidung
gegenüber der eigenen; und sie drängt und stößt uns,
die wir vorangehen, in einem großen Zuge vorwärts.
8
Außerhalb der Stadt halten wir an: Viel Wunderbares, viel Furchterregendes
erleben wir dort. Die Fahrzeuge, die wir vorfahren lassen, rollten auf
dem doch völlig ebenen Gelände in verschiedene Richtungen und
blieben nicht einmal dann auf derselben Stelle stehen, wenn Steine untergelegt
wurden.
9
Außerdem sahen wir das Meer zurückgesaugt oder durch das Erdbeben
gleichsam zurückgeschoben werden. Kein Zweifel,der Strand war vorgerückt
und behielt zahlreiche Meerestiere auf trockenen Sandbänken zurück.Auf
der anderen Seite eine Wolke, schwarz und fürchterlich, vom Feuerhauch
in spiralig bewegte Bahnen zerrissen., die sich in lange Flammengebilde
aufspaltete. Die waren Blitzen ähnlich, nur größer.
10
Da mahnte uns wieder der Freund aus Spanien, heftiger und dringender:
<<Wenn dein Bruder, dein Onkel noch lebt, will er, daß ihr
heil bleibt; wenn er umgekommen ist, will er, daß ihr überlebt.
Was zögert ihr also, der Gefahr zu entrinnen?>> Wir antworteten,
wir könnten uns nicht entschließen, an unser Wohl zu denken,
wenn wir über das seine im ungewissen seien.
11
Er ließ sich nicht länger aufhalten, rannte davon und und brachte
sich in gestrecktem Lauf in Sicherheit.
Nicht viel später senkte sich jene Wolke auf die Erde, bedeckte das
Meer; sie hatte Capri umhüllt und verborgen, das vorspringende Cap
Misenum verschwinden lassen.
12
Da bat meine Mutter, mahnte, befahl, ich solle auf irgendeine Weise fliehen,
ich als Jüngling könne es, sie, bejahrt und gebeugt, werde ruhig
sterben, wenn sie nicht die Ursache meines Todes sei. Ich dagegen: ich
wolle nicht am Leben bleiben ohne sie; darauf fasse ich ihre Hand und
zwinge sie, den Schritt zu beschleunigen.
13
Sie gehorcht widerwillig und klagt sich an, daß sie mich behindere.
Schon fiel Asche, zunächst noch dünn. Ich blicke zurück:
Hinter uns erhob sich drohend dichter Qualm, der uns, nach Art eines Wildbaches
über den Boden hinfließend, folgte. <<Laß uns abbiegen>>
, sagte ich, <<solange wir sehen, damit wir nicht auf der Straße
hinfallen und vom Gedränge der Mitflüchtenden im Dunkeln zertrampelt
werden.>>
14
Kaum erwägen wir das, ist schon Nacht, aber nicht wie eine mondlose,
wolkenverhangene, sondern wie eine in geschlossenen Räumen bei gelöschtem
Licht. Man hörte das Geheul von Frauen, das Jammern von Kindern,
das Schreien von Männern; die einen riefen nach den Eltern, andere
nach den Kindern,
15
wieder andere nach den Ehegatten und suchten sie am Rufen zu erkennen;
die einen beklagten ihr eigenes Unglück, die anderen das ihrer Angehörigen;
es gab auch welche, die sich aus Angst vor dem Tod den Tod wünschten;
viele erhoben die Hände zu den Göttern, noch mehr aber waren
der Meinung, es gäbe nirgends mehr Götter, und diese Nacht sei
ewig und sei die letzte für die Welt. Auch fehlten nicht solche,
die mit erfundenen, erlogenen Schreckensgeschichten die wirklichen Gefahren
übertrieben. Es gab auch welche, die verkündeten, in Misenum
sei ein Teil eingestürzt, der andere aber brenne; es war falsch,
aber manche glaubten es.
16
Es wurde ein wenig heller, doch schien es uns nicht der Tag, sondern ein
Anzeichen des näherkommenden Feuers zu sein. Das Feuer blieb indessen
in einiger Entfernung stehen. Wieder Finsternis, wieder dichte, schwere
Asche. Die schüttelten wir ab, indem wir immer wieder aufstanden;
wir wären sonst völlig bedeckt und am Ende durch das Gewicht
erdrückt worden.
17
Ich könnte mich rühmen, daß mir in all diesen großen
Gefahren kein Seufzer, kein unmutiges Wort entschlüpft ist, wenn
ich nicht geglaubt hätte, ich würde mit allen und alle würden
mit mir untergehen - ein armseliger und doch ein großer Trost beim
Sterben.
18
Endlich wurde der Qualm schwächer und löste sich gleichsam in
Dunst oder Nebel auf; bald war es wirklich Tag, auch die Sonne leuchtete
hervor, jedoch nur gelbblaß, wie sonst bei einer Sonnenfinsternis.
Nun lag vor den noch verwirrten Augen alles verändert da, von einer
dicken Schicht Asche wie von Schnee bedeckt.
19
Nach Misenum zurückgekehrt sorgten wir je nach Möglichkeit für
unser leibliches Wohl und verbrachten eine spannungsgeladenen Nacht zwischen
Furcht und Hoffnung. Die Furcht überwog; denn das Erdbeben dauerte
an, und viele Menschen, durch schreckliche Weissagungen verrückt
gemacht, trieben ihren Scherz mit eigenem und fremden Unglück.
20
Wir aber, obwohl wir die Gefahr kennengelernt hatten und von neuem erwarteten,
konnten uns auch jetzt nicht zum Weggehen entschließen, ehe nicht
ein Bote von meinem Onkel kam.
Das paßt nun nicht in ein Geschichtswerk; Du wirst es lesen, aber
nicht, um davon zu schreiben; da Du es aber selber verlangt hast, wirst
Du es Dir selber anlasten, wenn es nicht einmal einen Brief wert war.
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