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Plinius der Jüngere
Epistulae 6.16, Vesuvausbruch 79 nuZ.
Erlebnisse und Tod des älteren Plinius
An Tacitus
1
Du bittest mich, Dir über den Tod meines Onkels zu schreiben, damit
Du es möglichst richtig der Nachwelt überliefern kannst. Ich
danke Dir; denn ich sehe, seinem Tod wird unsterblicher Ruhm beschieden
sein, wenn Du ihn würdig darstellst.
2
Obwohl er bei dem Untergang der schönsten Landschaft - es waren auch
die Menschen und Städte - durch ein denkwürdiges Ereignis getötet
gleichsam für immer fortleben wird; und obwohl er selber viele Werke
von bleibendem Wert verfaßt hat:
3
Dennoch wird sein Fortleben durch die Unvergänglichkeit Deiner Schriften
noch ausgedehnt werden. Ich jedenfalls halte die für glücklich,
denen es als Geschenk der Götter gegeben ist, entweder Beschreibenswertes
zu tun oder Lesenswertes zu schreiben - für besonders glücklich
aber die, denen beides beschieden ist. Zu denen wird mein Onkel sowohl
durch seine wie durch Deine Bücher gezählt werden.
4
Er war in Misenum und befehligte selber die Flotte. Am 24. August etwa
um die siebente Stunde läßt meine Mutter ihm sagen, eine Wolke
von ungewöhnlicher Größe und Form sei zusehen.
5
Er hatte ein Sonnenbad, danach ein kaltes genommen, im Liegen etwas gegessen,
und nun arbeitete er. Er fordert seine Sandalen und steigt ein Stück
hinauf, von wo man sehr gut diese wunderbare Erscheinung beobachten konnte.
Eine Wolke erhob sich - wer sie von ferne sah, wußte nicht, aus
welchem Berg; daß es der Vesuv war, wurde erst später erkannt
-, an deren Aussehen kein anderer Baum mehr als die Pinie gemahnte.
6
Denn die Wolke erhob sich, wie in einem überlangen Stamm, hoch hinauf
und verzweigte sich in etliche Äste; ich glaube, daß sie, durch
einen aufkommenden Wind emporgerissen, dann bei dessen Abflauen kraftlos
geworden oder aber vom eigenen Gewicht beschwert sich ausbreitete, zuweilen
weiß, zuweilen schmutzig und fleckig, nachdem, ob sie Erde oder
Asche hochgetragen hatte.
7
Das war großartig und näher betrachtenswert für einen
wirklich gebildeten Mann. Er befiehlt, ein leichtes Schiff bereit zu machen;
mir stellt er anheim, mitzukommen, wenn ich wolle; ich antwortete, ich
wolle lieber weiter arbeiten, und und zufällig hatte er selber mir
aufgegeben, worüber ich schreiben sollte.
8
Er ging gerade aus dem Hause; da erhielt er ein Briefchen von Rectina,
der Frau des Tascus, die wegen der drohenden Gefahren Angst war (denn
ihr Anwesen lag unter dem Vesuv, und es gab keinen Ausweg außer
mit Schiffen); sie bat ihn, er möge sie aus großer Bedrängnis
retten.
9
Darauf änderte er seinen Plan, und was er mit Forschergeist angefangen
hatte, nahm er jetzt mit Edelmut auf sich.Er ließ Vierdecker auslaufen
und bestieg selbst ein Schiff, um nicht nur Rectina, sondern auch vielen
anderen Menschen Hilfe zu bringen - die schöne Küste war ja
dicht bevölkert.
10
Er eilt dorthin, von wo andere fliehen, und läßt geraden Kurs,
die Steuerruder geradeaus hinein in die Gefahr halten, so völlig
frei von Furcht, daß er alle Veränderungen des Unheils, alle
Erscheinungen, wie er sie mit den Augen erfaßte, diktierte und aufzeichnen
ließ.
11
Schon fiel Asche auf die Schiffe, und zwar, je näher sie herankamen,
desto heißer und dichter; schon Lava und schwarze, angebrannte und
im Feuer geborstene Steine; schon eine plötzliche Untiefe. Schon
durch einen Steinschlag die Küste unzugänglich. Er zögerte
ein wenig, ob er nicht wenden lassen solle, dann rief er dem Steuermann,
der ihm riet, es so zu machen, zu: <<Den Mutigen hilft das Glück;
schleunigst zu Pomponianus!>>
12
Dieser war in Stabiae, durch den Golf von uns getrennt - in sanften Krümmungen
und Rundungen der Ufer buchtet sich hier das Meer ins Land.Dort, wo die
Gefahr noch nicht nahe, aber schon abzusehen war - und wenn sie wachsen
würde, wäre sie sehr nahe - hatte Pomponianus sein Gepäck
auf Schiffe gebracht, zur Flucht entschlossen, wenn der gegen die Küste
wehende Wind nachgelassen hätte.Mit dem für ihn günstigen
Winde dort gelandet, umarmt der Onkel den Zitternden, tröstet ihn,
redet ihm zu, und um seine Angst durch die eigene Gemütsruhe zu besänftigen,
läßt er sich ins Bad bringen; nach dem Bad setzt er sich zu
Tisch und speist, entweder wirklich gelassen oder, was ebenso großartig
wäre, vorgeblich gelassen.
13
Inzwischen erstrahlten vom Vesuv her an vielen Stellen weite Flammenfelder
und hohe Feuerbrände , deren Blitzen und Leuchten durch die Finsternis
der Nacht gesteigert wurde.Mein Onkel erklärte immer wieder zur Besänftigung
der allgemeinen Furcht, die Landleute hätten in ihrer Angst die Feuerstellen
sich selbst überlassen, und die verlassenen Gehöfte stünden
nun, unbewacht, in Flammen. Darauf legte er sich schlafen und schlief
wirklich tief und fest, denn sein Atem, der wegen seines Körperumfanges
ziemlich schwer und laut ging, wurde von denen, die an seiner Tür
lauschten, gehört.
14
Aber das Stück Erdboden, über das mandieses Gartenzimmer erreichte,
hatte sich durch eine Schüttung von Asche und Bimssteingemisch schon
so gehoben, daß bei einem längeren Verweilen in diesem Raum
der Ausgang versperrt werden würde. Mein Onkel wird geweckt, kommt
heraus und gesellt sich wieder zu Pomponianus und den übrigen, die
die Nacht durchwacht hatten.
15
Gemeinsam beratschlagen sie, ob sie unter den Dächern Schutz suchen
oder im Freien bleiben sollten. Denn durch viele mächtige Erdstöße
wankten die Gebäude; es war, als ob sie aus ihren Fundamenten gelöst
bald hierhin, bald dorthin wankten und dann wieder zurücksänken.
16
Unter freiem Himmel war der Hagel von allerdings nur leichten und ausgeglühten
Bimssteinen zu befürchten; letztlich sprach die Abwägung der
Gefahren für diese Lösung. Bei meinem Onkel hatte die eine Überlegung
über die andere gesiegt, bei den übrigen die eine Furcht über
die andere.Auf den Kopf gelegte Kissen binden sie mit Laken fest, das
war ein Schutzmittel gegen die fallenden Steine.
17
Schon war es anderwärts Tag, dort aber Nacht, schwärzer und
undurchdringlicher als je eine Nacht zuvor, was allerdings viele Fackeln
und andere Lichter wettmachten.Man beschloß, zum Strand zugehen
und aus nächster Nähe zu erkunden, was das Meer für Möglichkeiten
böte; aber es brandete immer noch im Gegenwind.
18
Dort legte sich mein Onkel auf ein ausgebreitetes Lakenund forderte ein
um andere Mal kaltes Wasser und trank es. Aber Flammen und als Vorbote
der Flammen Schwefelgeruch trieben nun die anderen in die Flucht und schreckten
ihn auf.
19
Auf zwei Sklaven gestützt erhob er sich und brach gleich danach zusammen;
ich nehme an, daß der dichtere Qualm die Atmung unterband und ihm
die Luftröhre verschloß, die bei ihm von Natur aus schwächlich
und eng war und oft unregelmäßig arbeitete.
20
Als das Tageslicht wiederkehrte - es war der dritte Tag nach dem, den
er zuletzt gesehen hatte - wurde sein Leichnam gefunden - völlig
unversehrt und so gekleidet, wie er zuletzt gewesen war. Sein Körper
war mehr einem Schlafenden als einem Verstorbenen ähnlich.
21
Inzwischen waren meine Mutter und ich in Misenum. - aber das bedeutet
nichts für die Geschichte, auch Du hast nichts als den Tod meines
Onkels erfahren wollen.
22
Deshalb will ich Schluß machen. Eins möchte ich hinzufügen:
ich habe alles festgehalten, was ich selbst erlebt und was ich gleich
damals gehört habe, als die Erinnerungen der Wahrheit noch ganz nahe
waren. Du wirst das Wichtigste auswählen; es ist ja etwas anderes,
ob man einen Brief schreibt oder ein Stück Geschichte, ob an einen
Freund oder für alle.
Lebe wohl!
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