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Plinius der Jüngere

Epistulae 5.8, Plinius als Autor welcher Werke?

An Capito

1
Du rätst mir, Geschichte zu schreiben, und Du bist nicht der einzige, der das tut; viele haben mich schon mehrfach dazu aufgefordert, und ich möchte.wohl; nicht, weil ich glaubte, es würde mir nicht schwer fallen - das wäre Leichtsinn, wenn man es noch nicht versucht hat -, sondern weil es mir als eine besonders schöne Aufgabe erscheint, Männer, denen Ewigkeit gebührt, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und den Ruhm andrer zugleich mit dem eigenen zu verbreiten.

2
Mich aber reizt nichts so sehr wie heißes Verlangen nach dauerndem Fortleben, ein echt menschliches Verlangen zumal für den, der sich keiner Schuld bewußt ist und das Andenken der Nachwelt nicht zu scheuen braucht.

3
Darum sinne ich Tag und Nacht darüber nach, "wie auch ich mich vermöchte vom Erdenstaube zu heben", denn das genügt meinen Wünschen, was folgt, würde über sie hinausgehen: "siegreich weiterzuleben dereinst im Munde der Nachwelt; freilich wie gern . . ." Aber das erste genügt mir, und das verheißt, wie mir scheint, einzig die Geschichtsschreibung.

4
Rede und Gedicht finden wenig Gnade wenn sie nicht hohen Stil aufweisen; die Geschichte wirkt in jeder Form anziehend. Der Mensch ist ja von Natur wißbegierig und fühlt sich durch eine noch so dürftige Darstellung angezogen; läßt er sich doch gar durch Anekdoten und Märchen fesseln. Mich aber treibt zu dieser Beschäftigung auch das Vorbild im eigenen Hause.

5
Mein Oheim, durch Adoption auch mein Vater, hat Geschichte geschrieben, und zwar mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit, und bei den Weisen finde ich den Ausspruch, daß es ehrenvoll ist, den Spuren der Ahnen nachzugehen, wenn anders sie auf rechtem Wege vorangeschritten sind.

6
Also warum zaudere ich? Ich habe bedeutsame, schwierige Prozeßredenn gehalten; zwar verspreche ich mir nicht übermäßig viel von ihnen, beabsichtige aber doch, sie zu überarbeiten, damit die gewaltige Mühe, die darin steckt, nicht mit mir zusammen untergeht, wenn ich nicht das, was noch daran fehlt, dazugebe.

7
Also warum zaudere ich? Ich habe bedeutsame, schwierige Prozeßredenn gehalten; zwar verspreche ich mir nicht übermäßig viel von ihnen, beabsichtige aber doch, sie zu überarbeiten, damit die gewaltige Mühe, die darin steckt, nicht mit mir zusammen untergeht, wenn ich nicht das, was noch daran fehlt, dazugebe.

8
Im Alter von 19 Jahren habe ich zum ersten Male auf dem Forum gesprochen, und jetzt erst sehe ich, und auch jetzt doch nur nebelhaft, was ein echter Redner leisten muß.

9
Wie nun, wenn zu dieser Last eine neue hinzukommt? Gewiß, Rede und Geschichtsschreibung haben viel Gemeinsames, aber noch mehr Gegensätzliches gerade in dem, was ihnen anscheinend gemeinsam ist. Die Geschichte erzählt, die Rede erzählt auch, aber anders; die Rede befaßt sich mit Gemeinheit und Schmutz, mit Alltäglichkeiten, die Geschichte mit lauter abgelegenen, glänzenden, erhabenenn Vorgängen;

10
der Rede stehen Mark, Muskeln und Sehnen an, der Geschichte zuweilen sozusagen Wulst und Mähne; dort findet vor allem Kraft, Herbheit und Ungestüm Beifall, hier ruhiger Fluß, Behagen und sogar Anmut; schließlich ist der Ausdruck anders, anders Ton und Satzbau.

11
Denn es macht sehr viel aus, ob es sich, wie Thucydides sagt, um "ein Besitztum für die Dauer" oder "eine Glanzleistung für den Augenblick" handelt; das eine gilt für die Geschichte, das andre für die Rede.
Aus diesen Gründen kann ich mich nicht dazu entschließen, zwei verschiedene und eben deshalb, weil sie beide bedeutsam sind, einander entgegengesetzte Ziele miteinander zu vermengen, damit ich nicht in diesem - Wirbel möchte ich sagen durcheinander gerate und dort tue, was ich hier tun müßte, und so bitte ich Dich denn - um im Jargon des Forums zu bleiben - einstweilen um eine Frist, mit mir ins Reine zu kommen.

12
Immerhin überlege Dir schon jetzt, welche Zeiten ich am besten angreifen könnte Alte, schon von andern hehandelte? Da ist die Forschungsarbeit getan, aber der Vergleich unbequem. Unberührtes Neues? Schwere Anstöße und wenig Dank!

13
Denn abgesehen davon, daß es bei all den Lastern der Menschen mehr zu tadeln als zu loben gibt, heißt es, wenn man lobt, man habe gekargt, tadelt man, man habe übertrieben, auch wenn man das eine in reichem Maße, das andre mit aller Vorsicht getan hat.

14
Aber das soll mich nicht aufhalten, denn ich meine es ehrlich, und so fehlt es mir nicht an Mut; nur um eins bitte ich Dich: ebne mir den Weg zu dem Ziel, das Du mir zeigst, und wähle den Stoff aus, damit sich mir nicht wieder ein andrer triftiger Grund zu Zaudern und Aufschub einstellt, wenn ich nachgerade zum Schreiben bereit bin.

Leb' wohl!