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Platon

Auszug aus: Der Staat (Politeia)
Liniengleichnis

Sokrates zu Glaukon:

Denke dir also, fuhr ich fort, wie gesagt, jene zwei, und das eine, denke dir, sei König in dem nur durch die Vernunft schaubaren Reiche und Gebiete, das andere in der Region des Gesichts (ich sage Region des Gesichts und nicht Region des Lichts, damit ich dir es nicht zu gelehrt zu treiben scheine in bezug auf den Ausdruck); - aber du merkst dir doch diese zweifachen Reiche, das des sinnlich Sichtbaren und das des durch die Vernunft Erkennbaren?
Ja.
Als wenn du nun eine in zwei ungleiche Hauptabschnitte geteilte Linie hättest, nimm wiederum mit jedem von beiden Hauptabschnitten, sowohl mit dem des durchs Auge sichtbaren als auch mit dem des durch die Vernunft erkennbaren Gebietes, wiederum nach demselben Verhältnisse eine abermalige Teilung vor, und du wirst dann erstlich bei dem durch das Auge sichtbaren Hauptabschnitte in bezug auf Deutlichkeit und Undeutlichkeit zu einander an dem einen Unterabschnitte Bilder haben: ich verstehe aber unter Bildern erstlich Schatten, dann die Abspiegelungen in den Wassern, in allen Körpern von dichter, glatter und reflektierender Oberfläche und überhaupt in jedem Dinge dieser Eigenschaft, wenn du es begreifst?
Ja, ich begreife.
Unter dem anderen Unterabschnitte (der sinnlich- sichtbaren Welt), von dem der eben genannte nur Schattenbilder darstellt, denke dir sodann die uns umgebende Tierwelt, das ganze Pflanzenreich und die sämtliche Kunstproduktion.
Ich tue es, sagte er.
Wärst du denn nun auch bereit, fuhr ich fort, einzuräumen, daß jener erste Hauptabschnitt auch in bezug auf Wahrheit und deren Gegenteil in zwei Unterabschnitte zerfällt, daß nämlich im Reich des Wissens das Meinbare zu dem durch die Vernunft Erkennbaren sich verhalte wie das Schattenbild zu dem abgebildeten wirklichen Gegenstande?
O ja, sagte er, sehr gerne.
So betrachte denn nun den anderen Hauptabschnitt, den des durch die Vernunft Erkennbaren, wie er in Unterabschnitte zu teilen ist!
Wie?
So: den ersten Unterabschnitt desselben muß die Seele von unerwiesenen Voraussetzungen ausgehend erforschen, indem sie sich dabei der zuerst geteilten Unterabschnitte wie Bilder bedient und dabei nicht nach einem Urprinzipe dringt, sondern nur zu einem sich gesetzten Ziele schreitet; den anderen Unterabschnitt jener Hälfte aber erforscht sie, indem sie von einer gläubigen Voraussetzung aus zu einem auf keiner Voraussetzung mehr beruhenden Urprinzipe schreitet und ohne Hilfe von Bildern, deren sie sich bei ersterem Unterabschnitte des Erkennbaren bedient, nur mit reinen Begriffen den Weg ihrer Forschung bewerkstelligt.
Die Gedanken, sagte er, welche du hier aussprichst, habe ich nicht recht verstanden.
Nun, erwiderte ich, du wirst sie bald leichter verstehen, wenn folgende Worte vorausgeschickt sind: Ich glaube, du weißt ja doch, daß die, welche sich mit Geometrie und Arithmetik und dergleichen abgeben, den Begriff von Gerade und Ungerade, von Figuren und den drei Arten von Winkeln und sonst dergleichen bei jedem Beweisverfahren voraussetzen, als hätten sie über diese Begriffe ein Wissen, während sie diese doch nur als unerwiesene Voraussetzungen hinstellen und weder sich noch anderen davon noch Rechenschaft schuldig zu sein glauben, als verstände sie alle Welt; von diesen angenommenen Begriffen gehen sie als von Prinzipien aus, führen dann schon das Weitere durch und kommen so endlich folgerecht an dem Ziele an, auf dessen Erforschung sie losgegangen waren.
Ja, sagte er, das weiß ich allerdings.
Nicht wahr, auch das weißt du, daß sie sich der sinnlich sichtbaren Dinge bedienen und ihre Demonstrationen auf jene beziehen, während doch nicht auf diese als solche (als sinnlich sichtbare) ihre Gedanken zielen, sondern nur auf das, wovon jene sinnlich sichtbaren Dinge nur Schattenbilder sind? Nur des intelligiblen Vierecks, nur der intelligiblen Diagonale wegen machen sie ihre Demonstrationen, nicht derentwegen, die sie mit einem Instrumente auf die Tafel zeichnen; und so verfahren sie in allem übrigen: selbst die Körper, die sie bilden und zeichnen, wovon es auch Schatten und Bilder im Gewässer gibt, eben diese Körper gebrauchen sie weiter auch nur als Schattenbilder und suchen dadurch zur Schauung eben jener Gedankenurbilder zu gelangen, die niemand anders schauen kann als mit dem Auge des Geistes.
Richtig bemerkt, sagte er.
Das ist's also, was ich vorhin meinte, als ich von dem einen Unterabschnitte der bloß durch die Vernunft erkennbaren Hälfte sagte: daß die Seele bei dessen Erforschung von unerwiesenen Voraussetzungen auszugehen genötigt sei; daß sie dabei zu keinem Urprinzipe komme, weil sie über ihre Voraussetzungen nicht hinausgehen könne: endlich, daß sie sich dabei als Bilder bediene nicht nur der eigentlichen Bilder von der sinnlich-irdischen Körperwelt, sondern auch jener sinnlich-irdischen Körperwelt selbst, die von den gewöhnlichen Leuten im Vergleich zu jenen Nachbildungen für reelle Dinge gehalten und geschätzt sind.
Ich begreife, sagte er, daß du die unter der Geometrie und den damit verwandten Disziplinen begriffene Wissenschaft meinst. So begreife denn nun auch, daß ich unter dem anderen Unterabschnitte der nur durch die Vernunft erkennbaren Hälfte das verstehe, was die Vernunft durch das Vermögen, eine Forschung diskursiv mit reinen Begriffen anzustellen, erfaßt und wobei sie ihre Voraussetzungen nicht als schon erwiesene Prinzipien ausgibt, sondern als eigentliche Voraussetzungen, gleichsam nur als Einschritts- und Anlaufungspunkte, damit sie zu dem auf keiner Voraussetzung mehr beruhenden Urprinzipe des Alls gelangt; nach Erfassung jenes Urprinzipes hält sie (die Vernunft) sich wiederum an die Folgen von demselben und gelangt also an das Ende, braucht dabei gar kein sinnlich Wahrnehmbares, sondern nur reine Begriffe zu reinen Begriffen und endigt bei reinen Begriffen.
Ich begreife, sagte er, zwar nicht vollständig, - denn du scheinst mir hier eine ungeheure Aufgabe im Sinne zu haben; so viel begreife ich indessen, du willst (zwischen Philosophie und Mathematik) die bestimmte Grenze setzen: bei der reinen und nur durch die Vernunft erkennbaren Hälfte des Seins sei derjenige Abschnitt, der nur durch die Erkenntnis mit reinen Begriffen (Dialektik) geschaut wird, deutlicher als derjenige, der von jenen sogenannten strengen Wissenschaften erkannt wird, weil bei ihnen unerwiesene Voraussetzungen für Prinzipien gelten; und es müßten zwar die Jünger jener strengen Wissenschaften ihre Objekte durch den Verstand und nicht durch die Sinne schauen; aber weil sie bei ihrer Forschung nicht bis zu einem Urprinzipe hinaufstiegen, sondern nur von unerwiesen bleibenden Voraussetzungen ausgingen, so schienen sie dir darüber keine eigentliche Vernunfteinsicht zu haben; es sei jedoch auch in jenen Dingen Vernunfteinsicht möglich in Verbindung mit einem Aufsteigen zu einem Urprinzipe; ferner scheinst du mir die Geistestätigkeit der Mathematiker und dergleichen Leute nur Verstand zu nennen, nicht Vernunfteinsicht, als wenn der Verstand die Mitte hielte zwischen Meinung und Vernunfteinsicht.
Vollkommen hast du begriffen, erwiderte ich. Merke mir daher auch für die vier Abschnitte des Seins die vier in der menschlichen Seele davon herrührenden Zustände: Vernunfteinsicht für den obersten. Verstandeseinsicht für den zweiten, dem dritten teile Glauben an die Sinne zu, dem vierten bloß einen eitlen Schein vom Wahren, und stelle sie in ein proportionales Verhältnis, in der Überzeugung, daß sie in eben dem Maße der wissenschaftlichen Klarheit teilhaftig sind, in dem ihre Objekte an dem wahren Sein teilhaben.
Ich begreife, Sprache er, stimme bei und stelle sie ins Verhältnis, wie du sagst.

Darstellung Liniengleichnis (Gottwein)