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Lao-tse

Tao Te King, Kapitel 71 - 81
deutsche Übersetzung von Rudolf Bachofen

71 ~ Freiheit vom Bildungswahn

602. Wer um sein Nichtwissen weiß, aus dem leuchtet der Adel des Geistes; wer darum
       nicht weiß, ist in Wahn verstrickt.
603. Nicht verfällt der dem Wahn, der den Wahn als solchen erkennt.
604. Der Weise ist frei von allem Wahn.
605. Seinen Wahn als Wahn erkannt habend, ist er ohne Wahn.

72 ~ Die Wechselwirkung alles Geschehens

606. Wenn die Menschen das Grauen nicht fürchten, überfällt sie das Grauen.
607. Aber man trage das Grauen nicht in ihre Heimstatt und mache ihnen das Leben nicht
       verdrießlich.
608. Nie werden sie verdrießlich, wenn man ihnen das Leben nicht vergällt.
609. Obwohl der Weise seinen Wert kennt, trägt er ihn nicht zur Schau.
610. Obwohl er um seine Würde weiß, beansprucht er keine Ehre.
611. Er weiß zwar um seine Möglichkeiten, bleibt aber in seinen Grenzen.

73 ~ Höchste Sittlichkeit Wegweiser bei jedem Zweifel

612. Wer mutig wagt, der wagt auch zu töten.
613. Wer mutig genug ist, (in den Augen der andern) feig zu gelten, der wagt auch ein
        Leben zu erhalten.
614. Töten und lebenlassen — beides ist manchmal gut, manchmal schlecht.
615. Wer wagt zu wissen, welches Urteil von den ewigen Mächten anerkannt wird?
616. Der Weise weiß es nicht. (Im Zweifel erinnert er sich des Wirkens des
       Unergründlichen.)
617. Das Unergründliche aber offenbart sich immer so:
618. es setzt sich durch — ohne Gewalt,
619. es gebietet — ohne Befehl,
620. es lockt — doch drängt nicht auf,
621. es wirkt zielbewusst — doch ohne Absicht.
622. Es ist ein Netz, weitmaschig zwar, doch nichts durchlassend.

74 ~ Vom Gericht über Leben und Tod

623. Wenn das Volk den Tod nicht fürchtet, wer wollte es dann mit Todesfurcht regieren?
624. Fürchtet es den Tod, und es wird dennoch ein abscheuliches Verbrechen begangen,
       wer getraute sich dann zu tö-ten?
625. Es findet sich immer ein Gerichtsherr, der Todesurteile fällt und vollstreckt.
626. Wer aber sich selbst zum Richter über Leben und Tod macht, der gleicht einem, der,
       an Stelle des Zimmermeisters die Axt benutzend, sich nur zu leicht selbst in die Hand haut.

75 ~ Die Ursachen politischer Unruhen

627. Das Volk leidet, wenn die Herrschenden es aussaugen, daher seine Not.
628. Das Volk grollt, wenn es die Herrschenden nicht in Ruhe lassen, daher seine Widerspenstigkeit.
629. Das Volk wird gleichgültig gegenüber dem Tod, wenn sich die Herrschenden als
       Herren des Lebens aufspielen, daher der Lebensüberdruß.
630. Doch der ist weiser, der nicht am Leben hängt, als der, der am Leben haftet.

76 ~ Die Wirkungskraft des Lebendigen

631. Weich und zart ist der Mensch bei seiner Geburt, starr und knöchern, wenn er stirbt.
632. Fein und biegsam sind die Pflanzen, wenn sie entstehen, hart und saftlos, wenn sie absterben.
633. Starr und hart ist, was dem Tod anheimfällt, weich und zart ist, was vom Leben erfüllt ist.
634. Wer glaubt, nur durch Waffen stark sein zu können, wird nicht siegen; mächtig
       scheinende Bäume sind immer am Ende.
635. Daher gilt: Was groß und mächtig scheint, ist schon auf dem Weg zum Zerfall, was
       aber unscheinbar, zart und weich ist, das wächst.

77 ~ Selbstloses Tun schafft echten Ausgleich

636. Des Himmels Wirken gleicht dem Spannen des Bogens: es macht das Hohe niedrig
       und das Niedrige hoch; es nimmt, wo zuviel ist, fügt hinzu, wo zu wenig ist.
637. Immer ist des Himmels Wirken so: Er nimmt aus der Fülle und gibt sich der Leere.
638. Menschen handeln anders: sie nehmen, wo schon wenig ist, und fügen hinzu, wo
       schon viel ist.
639. Wer im Unergründlichen gründet, schenkt der Gemeinschaft aus seiner Fülle.
640. Daher wirkt der Weise, ohne etwas für sich zu beanspruchen, und ohne an seinem
       Werk zu haften.
641. Er will nichts sein und nichts haben.

78 ~ Die Größe sittlich-religiöser Tragkraft

642. Es gibt in der Welt nichts, was sich mehr seinem Grunde einfügt und weicher ist als
       Wasser, zugleich nichts, was stärker ist und selbst das Härteste besiegt; es ist
       unvergleichbar und unbezwingbar.
643. Daß das Schwache das Starke und das Weiche das Harte besiegt, weiß zwar
       jedermann, doch niemand lebt und wirkt darnech.
644. Nur der Weise erkennt als wahr: «Wer bei den Erdopfern den Staub des Landes auf
       sich nimmt, der ist der Herr des Erdal-tars.
645. Wer des Reiches Schuld und Unglück auf sich nimmt, der ist des Reiches Herr.»
646. Unangenehme Wahrheiten sind dies!

79 ~ Lebensgehorsam zeigt sich In Pflichterfüllung

647. Was hilft es, wenn großer Haß verschwunden ist, kleiner aber bleibt?
648. Der Weise kennt daher bei einem Vertrag nur seine Pflichten, nie fordert er sein Recht.
649. Wer seinem Innersten vertraut, denkt nur an seine Verpflichtungen und pocht nie auf sein Recht.
650. Die ewigen Mächte bevorzugen niemanden, sie segnen aber stets den Besten.

80 ~ Vom Eigenrecht des kleinsten Staates

651. Ist ein Land auch klein und hat es nur wenige Bewohner, was liegt darant
652. Und hätte es nur Ausrüstung für zehn bis hundert Mann, die ihre Waffen nicht einmal
       benutzten, man lasse seine Bewohner in Ruhe leben, man lasse sie auf ihrer Scholle sitzen.
653. Und benützten sie ihre Schiffe und Streitwagen nicht und würden sie nie ihre Waffen
       und Rüstungen gebrauchen, man lasse sie ruhig zum Brauchtum ihrer Väter zurückkehren.
654. Sie sind zufrieden mit ihrer Nahrung, freuen sich an ihrer Tracht, finden ihre
       Behausung schön, Sitte und Recht erscheinen ihnen in Ordnung.
655. Und wenn die Grenzen der Nachbargebiete so nahe wären, daß Hahnenschrei und
       Hundegebell von hüben und drüben gehört werden könnten, man lasse sie fröhlich
       leben, zufrieden altern, ruhig sterben, doch zwinge man sie nicht, ihre Freiheit
       aufzugebenl

81 ~ Alles Wesentliche vollendet sich im Alltag

656. Wahre Worte schmeicheln nicht. Schöne Worte überzeugen nicht.
657. Echte Menschen blenden nicht. Blender sind nicht echt und wahr.
658. Weise Menschen sind keine Vielwisser. Vielwisser sind keine Weisen.
659. Wer den Weg der Vollendung geht, sammelt keine Schätze; ihm ist Besitz, was er für andere tut;
660. je mehr er sich verschenkt, desto mehr wird ihm.
661. Wie aus dem Unergründlichen das Leben quillt, ohne zu schaden, so wirkt der
       Weise, ohne zu verletzen.

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