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Lao-tse

Tao Te King, Kapitel 61 - 70
deutsche Übersetzung von Rudolf Bachofen

61 ~ Gegenseitige Hilfsbereitschaft der Staaten

512. Ein großes Reich soll wie ein tiefes Talbecken sein (in das die Flüße strömen):
       Heimat der Völker, Mutter der kleinen Länder.
513. So wie im Menschenleben das Weibliche immer das Männliche durch seine
       Empfänglichkeit und sein Sichfügen bändigt,
514. bändigt im Staatsleben immer der Staat den andern, der für den andern empfänglich ist.
515. Empfänglichkeit ist immer Überlegensein, gleichgültig, ob der Staat groß oder klein ist.
516. Wenn der große Staat nichts will, als nur alles zu einen und zu fördern,
517. und der kleine Staat, ebenso alles fördern wollend, auch nur das Gesamtwohl sieht,
518. so gewinnen in dieser ständigen Bereitschaft füreinander beide Mächte.
519. Wahre Größe offenbart sich immer und überall nur in tiefer Empfänglichkeit und gütiger Hilfe.

62 ~ Wiedereinfügung der aus der Gemeinschaft Gelösten

520. Das Unergründliche ist die Heimat aller Wesen, es ist der Hort der Guten und der
       Zufluchtsort der Nichtguten.
521. Man mag fromme und schöne Worte gebrauchen, doch nur edle Taten helfen dem
       Menschen zu seiner Vollendung.
522. Ist es aber edel, einen «schlechten» Menschen zu verwerfen?
523. Wozu wurde der Herrscher mit seinen Staatsmännern eingesetzt?
524. Des Kaisers Würde und der Staatsmänner Pracht kommen nicht der beharrlichen
       Mühe gleich, den Geist des Unergründiichen zu verwirklichen.
525. Warum hielten denn die Alten so verehrend am Unergründlichen fest?
526. Ist es nicht, weil jeder, der nach ihm strebt, das Unvergängliche findet;
527. ist es nicht, weil jedem Irrenden Heilung und Heil werden soll?
528. Darum ist das Unergründiiche des Lebens höchstes Gut.

63 ~ Aufgabenmeisterung durch rechtzeitiges Erkennen der Schwierigkeiten

529. Wirkt durch Nichtwirken! Handelt durch Nichthandeln!
530. Findet Geschmack an dem, was keinen Genuß birgt!
531. Sehet das Große im Kleinen, das Viele im Wenigen!
532. Begegnet dem Haß mit der innerlichsten Kraft eurer Herzen!
533. Erkennet das Schwierige, ehe es schwierig ist!
534. Laßt Großes werden, indem ihr das Kleine achtet!
535. Alles Schwierige auf Erden beginnt einfach, alles Große beginnt klein.
536. So kümmert sich auch der Weise nicht um sein Heil, darum findet er es.
537. Wer leichtfertig verspricht, ist nicht glaubwürdig.
538. Wer leichtfertig handelt, dem erwachsen Schwierigkeiten.
539. Der Weise erkennt rechtzeitig die Schwierigkeiten, darum vermeg er alles zu meistern.

64 ~ Lebensmeisterung durch Beachten der Lebensgesetze

540. Was noch verharrt, kann leicht festgehalten werden.
541. Was noch nichts gilt, kann leicht beeinflusst werden.
542. Was noch schwach ist, kann leicht gebrochen werden.
543. Was noch federleicht ist, kann leicht verweht werden.
544. Bevor etwas wird, muß man auf es wirken.
545. Bevor etwas verwirrt ist, muß man es ordnen.
546. Jeder Riese unter den Bäumen hatte einmal ein einziges Wurzelhaar.
547. Auch ein neunstöckiger Bau erstand auf einer Scholle.
548. Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem ersten Schritt.
549. Wer etwas (wider die Gesetze des Lebens) erreichen will, der muß scheitern.
550. Wer etwas mit Gewalt gewinnen will, der muß es verlieren.
551. Daher ist der Weise nicht eigenwillig, und daher scheitert er auch nicht.
552. Er reisst nichts an sich, daher verliert er nichts.
553. Die andern scheitern oft kurz vor dem Ziel, weil sie nicht auf die rechte Stunde warten können.
554. Würden sie Anfang und Ende bedenken, würde es ihnen auch gelingen.
555. Darum erstrebt der Weise die Wunschlosigkeit; er erstrebt nichts, was andern
       erstrebenswert erscheint.
556. Ihm bedeutet Verstandeswissen nichts.
557. Was nicht beachtet wird, beachtet er.
558. So erwirkt er des Lebens Ordnung in sich und andern und stört niemals die
       Entwicklung aus sich selbst.

65 ~ Der Segen der Herzensbildung und die Gefährlichkeit der Scheinbildung

559. Die Alten, im Unergründlichen wurzelnd, (wußten um das Wesen der echten Bildung,
       darum) gaben (sie) dem Volke Herzens- und nicht Verstandesbildung.
560. Für eine Staatsführung gibt es nichts Gefährlicheres als ein aufgeklärt erscheinendes Volk.
561. Einen Staat mit aufgeklärten Massen lenken zu wollen, führt zu Unheil.
562. Segen wird nur, wo man auf Scheinwissen verzichtet.
563. Wer dies beachtet, handelt vorbildlich.
564. Solch vorbildliches Wirken läßt einen stets auf dem rechten Wege sein.
565. Denn es weiß um die geheimnisvolle Macht aller selbstwirkenden Kräfte, die den
       Massen immer fremd bleiben.
566. Der Gehorsam aber gegenüber den selbstwirkenden Kräften bewirkt der Welt Ordnung.

66 ~ Nichtwollen, Voraussetzung wahren Herrschertums

567. Ströme und Seen beherrschen die Täler, weil sie deren Grund einnehmen.
568. Aus dem Urgrund zu wirken, ist Voraussetzung jeglichen Herrschertums.
569. Darum wird der weise Herrscher, wenn er wirklich über dem Volk stehen will, sich in
       seinen Worten bescheiden beugen, wenn er führen will, sein Ich verleugnen.
570. So herrscht er wahrhaft, und das Volk wird nicht bedrückt; er herrscht, ohne daß das
       Volk sich beeinträchtigt fühlt.
571. Alles folgt ihm gern und erhöht ihn; jeder fühlt sich geborgen und frei.
572. Nichts wollend, will auch niemand auf der Welt etwas von ihm.

67 ~ Die Wirksamkeit der sittlichen Grundwerte für die Gemeinschaft

573. Die Menschen sagen, ich sei groß —als ob ich etwas Besonderes wäre!
574. Nur der ist groß, dem seine Größe nichts bedeutet.
575. Wer vor andern groß sein will, ist sicher klein.
576. Drei Werte habe ich, die mir heilig sind: der erste heißt: Güte, der zweite:
       Genügsamkeit, der dritte: Bescheidenheit.
577. Güte gibt Kraft, Genügsamkeit gibt der Enge Weite, Bescheidenheit läßt einen zum
       Gefäß werden für das Wirken der ewigen Kräfte.
578. Heute ist es meist so: Man kennt keine Güte mehr und glaubt dennoch Kraft haben
       zu können. Man besitzt keine Genügsamkeit mehr, sondern kennt nur Ansprüche.
       Man kann nicht mehr bescheiden zurücktreten, sondern giert nach Erfolg. Das aber
       führt zum Zerfall.
579. Wer wahrhaft gütig ist, siegt im Kampf und ist unüberwindlich, wenn der Feind
       drängt; ihn segnet der Himmel auch durch Güte.

68 ~ Herzgewirktes Tun wirkt Frieden

580. Ein wirklicher Fachmann überzeugt, aber streitet nicht.
581. Ein guter Soldat kämpft, aber wütet nicht.
582. Ein wahrer Sieger ist überlegen, aber reizt nicht.
583. Ein rechter Menschenführer stellt die Menschen auf den richtigen Platz, aber beherrscht sie nicht.
584. Solch herzgewirktes Tun wirkt Frieden.
585. Es enthält die hohe Kunst der Menschenführung.
586. Es ist ein Wirken im Sinn des Himmels.
587. Solches Tun gilt seit Vorzeiten als höchstes.

69 ~ Siege durch kluges Sichbescheiden

588. Wer seinen Gegner gewinnen will, der spiele in Feindesland nicht den Hausherrn,
       sondern betrage sich wie ein Gast.
589. Er weiche lieber einen Fuß zurück, als daß er einen Zoll vorrücke.
590. So kommt er voran, ohne zu marschieren.
591. So kann er zurückweisen, ohne zu drohen.
592. So kann er vordringen, ohne zu kämpfen.
593. So kann er Besitz ergreifen, ohne die Waffen zu gebrauchen.
594. Es gibt kein größeres Übel, als den Feind zu unterschätzen.
595. Wer den Feind leicht nimmt, verliert seine Schätze.
596. Sind die Heere gleich stark, siegt der besonnenere Feldherr.

70 ~ Geringe Zahl der Berufenen

597. Das Wahre ist einfach zu verstehen und leicht zu befolgen, und doch hört es keiner
       und befolgt es niemand.
598. Wort und Werk wollen aus dem Urgrund aufsteigen.
599. Wer dies nicht erkennt, erkennt auch das Unergründliche in meiner Lehre nicht.
600. Immer verstehen nur wenige das Tiefste, darin liegt auch meine Würde.
601. Der Weise trägt nach außen ein unscheinbares Gewand, doch birgt er in seinem
       Inneren edelsten Schmuck.

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