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Lao-tse

Tao Te King, Kapitel 51 - 60
deutsche Übersetzung von Rudolf Bachofen

51 ~ Die Wirkungskraft innerlich kraftvollen Lebens

426. Aus dem Unergründlichen steigt das Leben auf,
427. erhalten wird es durch die Urkraft des Lebens,
428. offenbar wird es durch das Leibhafte,
429. vollendet durch den Zielwillen des Lebens.
430. Daher verehren die Lebenden das Unergründliche, nicht, weil es die Pflicht geböte,
        sondern weil es ihr Inneres so will.
431. Denn das Unergründliche gibt allem das Leben: es läßt im Frühling alles werden und
        wachsen, ernährt und erhält es im Sommer, läßt es im Herbst reifen und vollenden,
        schützt es im Winter.
432. Erzeugen, ohne etwas dafür haben zu wollen, dem Leben zu dienen, ohne etwas zu
        erwarten, es zu fördern, ohne es beherrschen zu wollen: Das ist das Geheimnis
        innerlich kraftvollen Lebens.

52 ~ Von der Kraft schweigenden Lebens

433. Das Unergründliche ist der Mutterschoß der Welt.
434. Wer seine Mutter erkennt, weiß um seine Kindschaft;
435. wer sich als Kind erkannt, lebt der Mutter Leben;
436. er sieht in seinem Untergang einmal keine Gefahr.
437. Wer verhaltener Sinne bleibt und seine Kräfte wahrt, der erschöpft sich nicht.
438. Wer sich aber ausgibt und sich umtriebig in alles mischt, der lebt vergeblich.
439. Wer sich bewusst ist, nur ein Fünklein zu sein, der ist erleuchtet.
440. Wer als Werdender weich und schmiegsam bleibt, der ist stark.
441. Wer so erleuchtet in des Lichtes Ursprung zurückkehrt, den trifft kein Untergang.
442. Unsterblich ist, wer im Wesen west und an keiner Gestait haftet.

53 ~ Echte Bildung kennt kein eigensüchtiges Wirken

443. Wahre Bildung ist Herzensgehorsam dem Unergründlichen gegenüber.
444. Nichts fürchte ich mehr als Betriebsamkeit.
445. Ins Unergründliche führt unmittelbar der innere Weg; doch die Menschen lieben ihre Eigenpfade:
446. Eigensucht ist es, wenn die Herrscher in glänzenden Schlößern leben, während die
        Felder der Bauern verwüstet sind, und die Scheunen leer bleiben.
447. Eigensucht ist es, mit Kleidern zu protzen, mit Schmuck zu prunken,
448. mit Waffen zu prangen, bei Essen und Trinken zu praßen
449. und Schätze zu horten.
450. Diebstahl ist alles, was auf Kosten anderer geht; es ist nicht im Sinn der letzten Wirklichkeit.

54 ~ Das Ordnungsgefüge der Lebensgemeinschaften

451. Was gut verwurzelt ist, wird nicht entwurzelt,
452. Was gut geführt wird, wird nicht verführt.
453. Was in der Kinder und Enkel Gedächtnis lebt, wird nicht untergehen.
454. Wer dem wirkenden Selbst in sich gehorcht, der lebt echt.
455. Wer es in der Familie beachtet, dem wird des Lebens Fülle.
456. Wer es in der Gemeinde beachtet, lernt Beständigkeit.
457. Wer es im Volk beachtet, erkennt, daß es auf die innere Mächtigkeit ankommt.
458. Wer es in der Menschheit beachtet, findet es als das Allumfassende.

Darum:
459. Nach Deiner eigenen Reife erkenne die andern.
460. Nach der Reife Deiner Familie miß die andern Familien.
461. Deine Gemeinde sei der Maßstab für die andern Gemeinden.
462. An Deinem Volk miß die andern Völker.
463. Nach Deiner Menschlichkeit beurteile die Menschheit.
464. Wodurch erkenne ich dieses Ordnungsgesetz in der Welt?
465. Durch es selber.

55 ~ Das Kind—Vorbild der Selbstordnung des Lebens

466. Wer aus seines Ursprungs Fülle lebt, der gleicht dem neugeborenen Kinde.
467. Giftige Nattern beißen es nicht, wildes Getier zerreisst es nicht, Raubvogel-Fänge
       erstoßen es nicht.
468. Weich sind noch seine Knochen und die Muskeln zart, doch schon fest ist sein Griff.
469. Es ist sich der Geschlechter noch nicht bewusst und hat doch Geschlecht, und
       seines Geschlechtes Keimkräfte ruhen in ihm.
470. Es kann den ganzen Tag schreien und wird doch nicht heiser: Vollendeter Einklang!
471. Die zum Einklang drängende Kraft des Lebens erkennen, heißt: Sein
       Unvergängliches finden; dieses finden, heißt: erleuchtet sein.
472. Sich so von der Ganzheit des Lebens durchdringen lassen, das gibt Segen.
473. Eigenwillig aber seines Lebens Kräfte zur Erhöhung des Genußes zu verwenden,
       scheint zwar von Stärke zu zeugen; ist aber Täuschung.
474. Alles eigenwillige Handeln ist widersinnig.
475. Was nicht echt ist, das zerfällt.

56 ~ Die stillordnende Kraft des Weisen

476. Wer erkennt, schweigt. Wer schwätzt, erkennt nicht.
477. Der Weise schweigt. Er kehrt sich nach innen.
478. Er mildert das Scharfe, klärt das Wirre, dämpft das Grelle, macht sich eins mit dem
        Unscheinbaren.
479. So wird er des Letzten inne und findet das große Einssein.
480. Er hält sich frei von Zuneigung und Abneigung, fragt nicht nach Gewinn oder Verlust,
       steht über der Ehre und der Schande.
481. Darum ist ihm wirklich Adel eigen.

57 ~ Nichtwirkenwollen Grundgesetz jeder Staatsführung

482. Durch Unbestechlichkeit fördert man des Landes Verwaltung,
483. mit Klugheit führt man ein Heer,
484. mit Nichtwollen aber gewinnt man ein Reich.
485. Woher weiß ich, daß es so ist? Es ergibt sich von selbst.
486. Ein Volk wird arm, in dem Verbote Worte und Handlungen bestimmen.
487. Jede Ordnung löst sich auf, wenn die Menschen nur ihr eigenes Wohlergehen suchen.
488. Umsturz bereitet sich vor, wenn die Menschen berechnend und absonderlich werden.
489. Diebe und Räuber wird es geben, wenn man mit Gesetzen und Befehlen glaubt
        Ordnung schaffen zu müßen. Daher sagt der Weise:
490. Ich wirke nicht, so entfaltet sich das Leben in der Gemeinschaft von selbst.
491. Ich bleibe in der Stille, so wird das Volk von selber recht. Ich greife nicht in die Wirt-
        schaft ein, so blüht das Volk von selber auf.
492. Ich bin ohne Begehr, so wird das Volk von selbst gesunden.

58 ~ Das Geheimnis gegensätzlichen Werdens

493. Eine Verwaltung, die man nicht merkt, macht das Volk froh.
494. Eine Verwaltung, die alles bestimmen will, macht das Volk schlecht.
495. Glück ruht auf Leid. Leid harrt im Glück. Wer weiß, was eintreffen wird?
496. Ordnung führt zu Unordnung. Gutes verkehrt sich in Schlechtes.
497. Der Mensch erkennt in seiner Verblendung nicht den Wechsel aller Dinge.
498. Der Weise ist: rechtwinklig von Art — doch stösst nicht an, unantastbar — doch nicht
        unnahbar, offen und gerade — doch nicht verietzend, leuchtend — doch nicht blendend.

59 ~ Staatssicherung durch geordnetes Planen

499. Wer die Menschen im Einklang mit den Ordnungen des Alls führt, der weiß um die
        Notwendigkeit fürsorglichen Mühens.
500. Weitsichtige Fürsorge zwingt zu kluger Planung.
501. Kluge Planung stärkt die selbstwirkenden Kräfte.
502. Wer diese Kräfte vermehrt, ist jeder Lage gewachsen.
503. Wer jeder Lage gewachsen ist, kann in seinen Wirkungsmöglichkeiten nicht erfaßt werden.
504. Wer mehr Kräfte besitzt, als er zeigt, der kann ein Reich führen.
505. Wer so sein Reich nach den großen Ordnungen führt, wird nicht versagen:
506. Er gründet tief und ist festgefügt, er handelt, das Wesentliche schauend, im Sinn des
       Unergründlichen.

60 ~ Sorgfalt und Lebensgehorsam in der Staatsführung

507. So sorgfältig wie man kleine Fische brät, muß man ein großes Reich regieren.
508. Wenn ein Reich im Geist des Unergründlichen regiert wird, dann spuken keine finsteren Gewalten.
509. Nicht nur spuken keine finsteren Gewalten, es geistern auch keine Unsichtbaren.
510. Nicht daß beide nicht mehr vorhanden wären, sondern sie können nicht mehr
       störend wirksam werden — so wenig, wie je ein Weiser störend wirksam sein kann.
511. Wenn die finsteren Gewalten und die unsichtbaren Geister nicht mehr wirksam
       werden können, dann können sich die besten Kräfte im Menschen entfalten.

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