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Lao-tse

Tao Te King, Kapitel 41 - 50
deutsche Übersetzung von Rudolf Bachofen

41 ~ Das Erfülltsein alles Seienden vom Unergründlichen

351. Der wirkliche Weise, das Unergründliche erkennend, sucht es zu verwirklichen.
352. Der in seinem Streben nach Weisheit noch Schwankende folgt ihm nur dann und wann.
353. Der nur von Weisheit Redende nimmt es nicht ernst. Erschiene es ihm nicht töricht,
       wäre es nicht das Letzte.

Daher sagte einst ein Dichter:
354. Der vom inneren Lichte Erleuchtete erscheint im Licht der Welt dunkel.
355. Der innerlich Fortschreitende erscheint rückschrittlich.
356. Der innerlich Ausgeglichene erscheint unbrauchbar.
357. Wer seinem höchsten Selbst vertraut, geht nach der Welt Meinung zugrunde.
358. Wer rein bleibt, gilt als einfältig und dumm.
359. Wer kraft seines Selbstes duidsam alles zu verstehen sich bemüht, gilt als charakterlos.
360. Wer kraftvoll in seinem Selbst wurzelt, gilt als Eigenbrödler.
361. Wer aus seinem Herzen lebt, gilt als unberechenbar.
362. Das Unergründliche gleicht: einem unendlichen Viereck ohne Ecken,
363. einem Gefäß von unendlicher Größe, das nichts faßt,
364. einem Laut von unendlichen Schwingungen, den man nicht hört,
365. einem Bild von unendlicher Größe, das nicht erschaut werden kann.
366. Wenn auch das Unergründliche nicht zu erkennen und nicht zu benennen ist,
       es erfüllt, wirkt und vollendet doch alles.

42 ~ Die Selbstentfaltung des Seins

367. Aus dem Unergründlichen erquoll das Eine.
368. Aus dem Einen ward das Zweite.
369. Aus dem Zweiten ward das Dritte.
370. Das Dritte erzeugte das Viele.
371. Alies Lebendige geht aus dem Dunklen hervor und strebt nach dem Licht.
372. Des Lebens Wesenheit bewirkt den steten Einklang beider Kräfte.
373. Kein Mensch will einsam, verlassen und gering sein; Fürsten und Könige aber
       bezeichnen sich gern so; denn sie wissen um das Geheimnis, daß das, was nichts
       gilt, erhoben wird, daß das, was gilt, zerfällt.
374. Also lehre ich auch, was schon die andern lehrten: Immer stirbt, bevor er stirbt, wer
       eigenwillig handelt.
375. Das ist der Ausgangspunkt meiner Lehre.

43 ~ Von der Wirksamkeit des Unscheinbaren

376. Das Allerweichste überwindet das Härteste auf Erden.
377. Das Leere durchdringt selbst das Dichteste.
378. Darin offenbart sich die hohe Wirksamkeit des Nichtwirkens.
379. Freilich: Wenige in der Welt wissen um das Geheimnis schweigender Belehrung und
       nichtwirkenwollenden Wirkens.

44 ~ Selbstbegrenzung wirkt Beständigkeit

380. Was bedeutet mir mehr: der Familienname oder mein Wesen?
381. Was ist mir näher: mein innerstes Selbst oder der äußere Besitz?
382. Was bringt mir mehr Pein: Gewinn oder Verlust?
383. Wer sein Herz an etwas hängt, über den kommt das Verhängnis.
384. Wer nach Schätzen strebt, der wird sich verschätzen.
385. Wer zufrieden bleibt, mit dem wird man zufrieden sein.
386. Wer seine Grenzen beachtet, kommt nicht in Gefahr.
387. Dies führt zu wahrer innerer und äußerer Beständigkeit.

45 ~ Vom Zielwillen des Lebens und vom Richtmaß der Welt

388. Was sich vollendet, erscheint oft wie unvollkommen, und doch wirkt seine
       verborgene Zielkraft unaufhörlich.
389. Was wirkliche Fülle besitzt, scheint sich stets zu verströmen, und doch bleibt es unerschöpflich.
390. Das Gerade erscheint oft wie krumm,
391. große Geschicklichkeit wie Ungeschick,
392. wirkliche Kunst wie ein Stammeln.
393. Bewegung überwindet die Kälte, Stille die Hitze.
394. Immer bleibt das Reine und Echte Richtmaaß der Welt.

46 ~ Genügsamkeit erhält den Frieden

395. Lebt die Gemeinschaft in Ordnung, ziehen die Roße den Pflug.
396. Verliert sie ihr inn'res Gesetz, steh'n sie zum Kriege bereit.
397. Größere Sünde gibt's nimmer als Billigung zuchtloser Gier.
398. Größeres Übel gibt's nimmer als niemals sich lassen genügen.
399. Größeres Unheil gibt's nimmer als Ehrsucht und Drang nach Erfolg.
400. Nur wer sich zufrieden gibt, hat dauernden Frieden im Land.

47 ~ Der Weg zur Menschen- und Welterkenntnis

401. Um die Welt zu erkennen, brauch' ich nicht in sie zu gehen.
402. Das Geheimnis der Welt kann ich erschauen, ohne aus dem Fenster zu sehen.
403. Je weiter einer in die Ferne schweift, um so geringer wird sein Erkennen.
404. Der Weise kommt zu seiner Erkenntnis ohne Wissensdrang;
405. er kommt an sein Ziel ohne Anstrengung;
406. er vollendet seinen Weg mühelos.

48 ~ Nichtwirkenwollen fördert die Gemeinschaft

407. Wissen drängt täglich nach größerem Wissen.
408. Wer dem Unergründlichen gehorsam ist, wird täglich bescheidener.
409. Er gelangt zum Nichtwollen und endet im Nichtwirken.
410. Im selbstlosen Gehorsam bleibt nichts ungetan.
411. So wächst auch ein Reich aus sich selber heraus; eigenwillige Umtriebe aber zerstören es.

49 ~ Vom Leben im Herzen der Welt

412. Der Weise hat kein selbstsüchtiges Herz, unvoreingenommen nimmt er die Herzen
       der anderen in sich auf.
413. Er ist gut zu den Guten und gut zu den Nichtguten; denn seein innerstes Wesen läßt
       ihn nur gütig sein.
414. Er ist ehrlich zu den Ehrlichen und ehrlich zu den Nichtehrlichen; denn sein innerstes
       Wesen läßt ihn nur ehrlich sein.
415. Er lebt zwar zurückgezogen, doch er bleibt weltweit dem Leben geöffnet.
416. Der Menschen Augen und Ohren mögen verwundert auf ihn gerichtet sein,— er sieht
       in allen nur seine Kinder.

50 ~ Erkenntnis der Lebensgesetze gibt Furchtlosigkeit

417. Ausgang aus dem Nichtseienden in das Seiende ist Geburt; Heimkehr in das Nichtseiende ist Tod.
418. Drei von zehn suchen ihre Seligkeit im Leben,
419. drei von zehn suchen sie im Sterben,
420. drei von zehn klammern sich an die Freuden des Lebens und geben sich gerade
       dadurch dem Tod in die Hand.
421. Warum ist es so?
422. Weil jeder auf seine Weise des Lebens Erfüllung sucht.
423. Ich aber hörte, daß der Weise, um das wirkliche Geheimnis des Lebens wissend, auf
       seiner Wanderschaft nicht Nashorn noch Tiger fürchtet, und durch kämpfende Heere
       ohne Waffen und Rüstung schreitet.
424. Das Nashorn fände keinen Angriffspunkt für sein Horn, der Tiger keinen für seine
       Tatzen, die Feinde keinen für ihre Schwerter.
425. Warum? Weil er unantastbar ist, weil es für ihn keinen Tod gibt.

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