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Epiktet ~ 50 - 130
Lebensdaten
Über das Leben Epiktets wissen wir relativ wenig. Geboren wurde er zwischen
50 und 6o nuZ in Hierapolis (Phrygien), dem heutigen Pamukkale in der
Türkei.
Durch welche Umstände er Sklave des mächtigen Epaphroditos ( Vertrauter
und Leibwächter Neros) wurde und ob sein lahmes Bein wirklich der Grausamkeit
seines Herrn zu verdanken war, ist nicht sicher bekannt. Es war in jener Zeit
durchaus üblich, daß sich reiche Römer einen gebildeten Sklaven
hielten, so überrascht es auch nicht, daß der Sklave Epiktet - sein
Name bedeutet »der Hinzuerworbene« - Schüler des hochgeachteten
Stoikers G. Musonius Rufus wurde.
Nach seiner Freilassung begann er, die stoischen Lehren zu verkünden.
Etwa um das Jahr 90 herum wurde er, ähnlich wie vor ihm Seneca und Musonius,
mit anderen Philosophen durch ein Dekret des Kaisers Domitian aus Italien verbannt.
Er ließ sich in Nikopolis (Epirus) nieder und gründete eine bald
weithin berühmte Schule, die er bis zu seinem Tod leitete. Person und
Lehre dieses Philosophen wurden in der Antike hoch verehrt: So ist gesichert,
daß Kaiser
Hadrian ihn persönlich kannte und schätzte, ebenso bewunderte ihn
Marc Aurel. Vom heiligen Augustinus ist uns das Urteil überliefert, Epiktet
sei der edelste der Stoiker. Solche Urteile beziehen sich sicherlich auch auf
Epiktets
kynisch-asketische Lebensführung: Eine Lampe aus Ton, ein Strohsack, eine
Decke und eine Bank - das soll sein ganzer Besitz gewesen sein. Er hatte nicht
wie Seneca das Problem, als Reicher die Tugend der Bedürfnislosigkeit
vertreten zu müssen.
Epiktet verzichtete wie sein großes Vorbild Sokrates darauf, seine Lehren
aufzuschreiben. Deshalb sind wir im wesentlichen auf die Mitschriften eines
seiner Schüler angewiesen. Flavius Arrianus, der später als Politiker
und Biograph Alexanders bekannt werden sollte, notierte die Diatriben (»Gespräche«, »Unterredungen«, »Erörterungen«,
gr. »Diatribai«, lat. »Dissertationes«) seines Lehrers
so wortgetreu, daß der lebendige Charakter dieser weit verbreiteten Lehrform
ebenso erhalten blieb wie die Verwandtschaft zu den sokratischen Dialogen.
Epiktet unterrichtete nicht in der griechischen Hochsprache, die etwa Herodot,
Xenophon
oder auch Arrian benutzten, sondern in der Kome, einem eher umgangssprachlichen
Gemeingriechisch. So wirkt die Sprache des Philosophen schlicht, anspruchslos,
aber auch eindringlich und authentisch zugleich.
Nach dem Tode Epiktets fühlte sich Arrian veranlaßt, seine ursprünglich
nur für den privaten Gebrauch gedachten Stenogramme der Lehren Epiktets
herauszugeben.
Wesentlich bekannter als die »Unterredungen« wurde das »Encheiridion«,
das »Handbüchlein der Moral«. Hier hatte Arrian in knapper Darstellung
- gewissermaßen für den eiligen Leser oder auch für den, der
einen Tagesspruch suchte - die wichtigsten Lehrsprüche Epiktets zusammengestellt.
Während erhebliche Teile der Diatriben verlorengingen, blieb das »Handbüchlein« bis
auf den heutigen Tag vollständig erhalten. Das mag nicht zuletzt daran gelegen
haben, daß die Kirche der christlichen Spätantike die Eignung dieser
Schrift für die moralische Unterweisung erkannte. Um alle Hinweise auf das
Heidnische zu löschen, wurden die Textstellen entfernt, die man für
anstößig hielt. Man ersetzte den Namen Sokrates durch Paulus und
gab als Verfasser den Asketen Nilus an. So wurden seine Lehren von Augustinus
bis
Blaise Pascal beachtet.
Epiktet orientierte sich in seiner Lehre an der älteren Stoa, überging
also die mittlere Phase, zu der Panaitios und Poseidonios gehören - er
nennt nicht einmal ihre Namen - und knüpfte an die geradlinigen Aussagen
Zenons und vor allem Chrysipps an. Im Gegensatz zu diesen richtete sich aber
sein Hauptinteresse
fast ausschließlich auf die Ethik, lediglich der Logik räumte er
- als Instrument des wissenschaftlichen Denkens - einen größeren
Platz ein.
Seine Armut war Ausdruck der Entscheidung, sich auf das Wichtige im Leben auszurichten.
Während verständlicherweise Marc Aurels »Selbstbetrachtungen« immer
wieder Gefahren und Vergänglichkeit der Macht reflektierten, konzentrierte
sich Epiktets Lehre, konsequenter als die Senecas, auf die Frage nach dem sittlich
richtigen Leben. Er forschte nicht nach der Wahrheit wie manche seiner Vorgänger,
er kannte sie: Deshalb predigte und lehrte er.
Fundament der Lehre Epiktets ist die Einteilung, Dihairesis, der Dinge in die,
welche in der Macht des Menschen stehen, und in solche, worüber der Mensch
nicht verfügt. Beispiele für den ersten Bereich sind: Vorstellungen,
Triebe, Begierden, Abneigungen, für den zweiten: Leib, Ansehen, Besitz.
Anders gesagt: Ob sich der Mensch ärgert oder freut, von welchem Blickwinkel
er die Dinge sieht und welche Bedeutung er ihnen zumißt, das entscheidet
er in freier Selbstbestimmung, und dafür trägt er die Verantwortung.
Hier fördert oder verfehlt er seine Sittlichkeit. Wer sich um die Entwicklung
seines Inneren kümmert, ist frei, ist auf dem richtigen Weg und wird sein
Lebensziel erreichen. Alles andere wie Ehre, Tod, Besitz, Krankheit entzieht
sich seiner ausschließlichen Verfügung. Deshalb muß er sich
um diese Dinge nicht kümmern, es sind »Adiaphora«, sittlich
gleichgültige Dinge wie etwa auch Lust, Schmerz, Ansehen und Besitz. Sie
beeinflussen den Menschen nur, wenn er es zuläßt. Sie kommen auf
ihn zu, wie das Schicksal es will. Es liegt also nicht an ihm, er muß nur
lernen, sie mit Gleichmut zu behandeln.
Wer sein Leben an diese äußeren Dinge hängt, wird unglücklich
werden »und mit Gott und Menschen im Streit liegen«, sagt Epiktet
im Enchiridion. Welche Dinge des Lebens der Mensch für die wichtigsten hält,
hängt von einer grundsätzlichen Vorentscheidung, der Prohairesis, ab.
Er muß entscheiden, was er für gut und richtig ansieht, wofür
er sich einsetzen will. Die richtige Vorentscheidung ist die, sich um die »eigenen« Dinge
zu kümmern, also um die, über die man Macht hat; das ist die sittliche
Grundentscheidung, die jeder Mensch zu treffen hat. Sie liefert ihm die Wertmaßstäbe
für sein Handeln, gibt ihm die Kraft, das Rechte zu wollen - der Begriff
des »Wollens« ist bedeutsam für Epiktet - und einen festen Standpunkt
für seine Selbsterziehung einzunehmen. Das Telos, das dem Menschen innewohnt,
ist - modern gesprochen - seine Identität: Eins zu sein mit sich selbst
und damit zuletzt mit dem göttlichen Logos, das ist die Grundforderung des
tiefreligiösen Epiktet. Für ihn ist Gott immerfort gegenwärtig,
ihm verdanken die Menschen ihre gesamte Existenz, in seinen Willen sollen sie
sich widerstandslos ergeben, denn er will nur ihr Bestes.
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