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Empedokles aus Agrigent
Fragment: Über die Natur
1. Pausanias, Sohn des klugen Anchitos, höre!
2. Denn engbezirkt sind die (Sinnes)werkzeuge, die über die Glieder
(der Menschen) gebreitet sind. Viel Armseliges dringt auf sie ein, das
ihr Nachdenken abstumpft. Kaum haben sie einen kleinen Teil des eigenen
Lebens überschaut, so fliegen sie davon, vom raschen Geschick wie
Rauch in die Höhe entführt. So glaubt jeder nur an das, worauf
er gerade bei seinen mannigfachen Irrfahrten gestoßen, und doch
rühmt sich jeder das Ganze gefunden zu haben. So wenig läßt
sich dies für die Menschen sehen oder hören oder mit dem Geiste
erfassen. Du wenigstens sollst es aber doch, da Du nun einmal abseits
(von der Straße) hierher gekommen bist, erfahren, freilich nicht
mehr als sich menschliche Einsicht zu erheben vermag.
3. ... zu wahren im Innern Deiner stummen Brust.
4. Wohlan, ihr Götter, lenket dieser (Männer) Wahn ab von meiner
Zunge und lasset aus heiligem Munde reinen Quell erfließen! Und
dich, Muse, vielgefeierte, weißarmige Jungfrau, fleh' ich an, geleite,
aus (dem Reiche) der Frömmigkeit den lenksamen Wagen (des Gesanges)
führend, soviel davon Eintagsmenschen zu vernehmen erlaubt ist! Dich
wenigstens soll kein Ruhmeskranz, wie menschliche Ehrung ihn darbietet,
verlocken, ihn vom Boden aufzulegen, um mehr all erlaubt ist mit Dreistigkeit
auszusprechen und alsdann auf der Hohe der Weisheit zu thronen! Nein,
betrachte jedes Einzelne mit jeglichem Sinne genau, inwiefern es klar
liegt, und halte nicht etwa den Blick in weiterem Umfang für vertrauenswürdig
als dies im Vergleich zum Gehöre (zulässig ist,) oder (schätze)
das brausende Gehör höher als die deutlichen Wahrnehmungen des
Gaumens, und stelle nicht etwa (um dieser willen) die Glaubwürdigkeit
der übrigen Organe zurück, soweit es nur eben einen Pfad der
Erkenntnis gibt, sondern erkenne jedes Einzelne nur soweit es klar liegt!
5. Doch Niedrigen liegt es nur zu sehr am Herzen, den Starken zu mißtrauen.
Du aber erkenne, wie es die Offenbarungen aus dem Munde unserer Muse gebieten,
nachdem ihre Rede durch Deines Geistes Sieb gedrungen ist.
6. Denn zuerst vernimm die vierfache Wurzel aller Dinge: Zeus der schimmernde
und Here die lebenspendende und Aidoneus und Nestis, die ihren Tränen
sterblichen Lebensquell entfließen läßt.
8. Doch ich will Dir ein anderes verkünden. Geburt gibt es (eigentlich)
bei keinem einzigen von allen sterblichen Dingen und kein Ende in verderblichem
Tode. Nur Mischung gibt es vielmehr und Austausch des Gemischten: Geburt
ist nur ein dafür bei den Menschen üblicher Name.
9. Diese freilich behaupten, wenn sich beim Menschen (die Elemente) mischen
und zum Lichte gelangen oder beim Geschlechte der wilden Tiere oder der
Pflanzen oder Vögel, dann finde eine Geburt statt. Und wenn sich
die (Elemente) voneinander scheiden, dann (sprechen sie) wiederum von
einem unseligen Tode. Dazu haben sie kein Recht; doch spreche auch ich
dem Brauche nach.
10. Rächenden Tod.
11. Die Toren! Ihr Denken ist freilich nur spannenlang, da sie ja überzeugt
sind, ein nicht Vorhandenes könne entstehen oder es könne etwas
völlig sterben und ausgetilgt werden.
12. Denn wie aus dem nirgend Vorhandenen unmöglich etwas entstehen
kann, so ist es unausführbar und unerhört, daß das Vorhandene
je ausgetilgt werden könne. Denn jedesmal wird es da sein, wo es
einer jedesmal hinstellt.
13. Und beim All gibt es kein Leeres noch Übervolles.
14. Beim All aber gibt es kein Leeres. Woher soll also etwas hinzukommen?
15. Kein weiser Mann wird sich dergleichen in seinen Sinnen träumen
lassen, solange wir leben, was man so Leben heißt, nur so lange
also seien wir vorhanden und widerfahre uns Schlimmes und Gutes, dagegen
bevor wir Sterbliche (aus den Elementen) zusammengefügt und nachdem
wir auseinander gegangen, seien wir rein nichts.
16. Denn wie (diese beiden Kräfte (Streit
und Liebe)) vordem waren, so werden sie auch (fürder) sein,
und ich glaube, nimmer wird die unendliche Ewigkeit dieser beiden beraubt
sein.
17. Ein Doppeltes will ich verkünden. Bald wächst nämlich
ein einziges Sein aus Mehrerem zusammen, bald scheidet es sich auch wieder,
aus Einem Mehreres zu sein. Wie nun der Sterblichen Dinge Entstehung doppelt
ist, so ist auch ihre Abnahme doppelt. Denn die Vereinigung aller Dinge
zeugt und zerstört die eine, die andere, eben herangewachsen, fliegt
wieder auseinander, wenn sich (die Elemente) trennen. Und dieser beständige
Wechsel hört nimmer auf: bald vereinigt sich alles zu Einem in Liebe,
bald auch trennen sich wieder die einzelnen Dinge im Hasse des Streites.
Insofern nun so Eines aus Mehrerem zu entstehen pflegt und Mehreres wiederum
aus dem Zerfall des Einen entsproßt, insofern findet eine Entstehung
statt und ihr Leben bleibt nicht unverändert, sofern aber ihr beständiger
Wechsel nimmer aufhört, insofern bleiben sie während des Kreislaufes
stets unerschütterte (Götter). Wohlan vernimm meine Worte! Denn
Lernen stärkt Dir den Geist. Wie ich nämlich schon vorher sagte,
als ich die Ziele meiner Lehre darlegte, will ich ein Doppeltes verkündigen.
Bald wächst nämlich Eines zu einem einzigen Sein aus Mehrerem
zusammen, bald scheidet es sich auch wieder, aus Einem Mehreres zu sein:
Feuer, Wasser, Erde und der Luft unendliche Höhe, sodann gesondert
von diesen (Elementen) der verderbliche Streit, der überall gleich
wuchtige, und in ihrer Mitte die Liebe, an Länge und Breite gleich.
Sie betrachte mit Deinem Geiste (und sitze nicht da mit verwunderten Augen),
als welche auch in sterblichen Gliedern wurzelt und Geltung gewinnt. Sie
ist es, durch die sie Liebesgedanken hegen und Werke der Eintracht vollenden;
daher nennen sie sie auch Wonne oder Aphrodite. Sie ist es auch, die in
jenen (Elementen) wirbelt; doch das weiß kein einziger sterblicher
Mensch. Du aber vernimm dafür des Beweises untrüglichen Gang!
Jene (Elemente) nämlich sind alle gleichstark und gleichgeschlachtet.
Jedes von ihnen hat ein verschiedenes Amt, jedes seine besondere Art,
abwechselnd aber gewinnen sie die Oberhand im Umlauf der Zeit. Und außer
diesen kommt eben nichts hinzu oder davon. Denn wenn sie fort und fort
zu Grunde gingen, wären sie nicht mehr. Was sollte denn aber dies
Ganze vermehren und woher sollte es kommen? Wie sollte es auch zu Grunde
gehen, da nichts leer von diesen (Elementen) ist? Nein, nur diese gibt
es, und indem sie durcheinander laufen, entsteht bald dies bald jenes
und so immerfort ähnliches bis in alle Ewigkeit.
20. Dieser (Wettstreit der beiden Kräfte) liegt klar vor durch die
Magie der menschlichen Glieder hin: bald vereinigen sich unter der Herrschaft
der Liebe alle Glieder, welche die Leiblichkeit erlangt haben, auf der
Höhe des blühenden Lebens, bald wieder getrennt durch die schlimmen
Mächte des Zwistes irren sie einzeln voneinander getrennt am Gestade
des Lebens auf und ab. Ebenso ist es mit den Pflanzen den im Wasser hausenden
Fischen, den bergbewohnenden Tieren und den Tauchern, die mit ihren Fittichen
(über die Wogen) wandeln.
21. Wohlan, blick auf die weiteren Zeugen dieser meiner früheren
Worte falls etwa noch in meiner früheren (Beschreibung) ein Mangel
in bezug auf ihre (der Elemente) Gestalt geblieben war: auf die Sonne,
überall warm und hell zu schauen; auf alle die unsterblichen (Himmelskörper,)
die mit Wärme und strahlendem Glanze getränkt werden, auf das
Naß, das dunkel und kühl in allem (sich zeigt), und aus der
Erde strömt hervor das Gründende und Feste. Und all (dies) regt
sich verschiedengestaltet und zwiespältig im Streite, doch in Liebe
eint es sich und sehnt sich zueinander. Denn aus diesen (Elementen) entsproßt
alles, was da war, ist und sein wird, Bäume und Männer und Weiber
und Tiere, Vögel und wassergenährte Fische und selbst Götter,
langlebige, an Ehren reichste. Denn es gibt nur diese (vier Elemente:)
durcheinander laufend werden sie zu verschiedengestalteten Dingen; so
groß ist der Wechsel, den die gegenseitige Mischung hervorbringt.
22. Denn alle diese (Elemente), Sonne, Erde, Himmel und Meer, bleiben
freundschaftlich verbunden mit ihren Teilen, die weitverschlagen ihnen
in der sterblichen Welt entstanden sind. Und ebenso ist alles, was in
bezug auf die Mischung fördersamer eingerichtet ist, einander ähnlich
und in Liebe verbunden. Feindlich dagegen ist am meisten, was am weitesten
voneinander absteht in Ursprung, Mischung und ausgeprägten Gestalten,
gänzlich ungewohnt der Verbindung und gar kläglich nach dem
Gebot des Streites, dem sie ihren Ursprung verdanken.
23. Wie wenn Maler bunte Weihetafeln verfertigen, Männer, die infolge
ihrer Begabung die Kunst wohl verstehen, und dazu vielfarbige Gifte mit
ihren Händen ergreifen und harmonisch mischen, von dem einen mehr
von dem anderen weniger, woraus sie Gestalten hervorbringen, die allem
möglichen gleichen, indem sie bald Bäume schaffen, bald Männer
und Weiber, bald Tiere, Vögel und wassergenährte Fische, bald
auch Götter, langlebige und an Ehren reichste: so ist auch die Quelle
aller sterblichen Dinge, wenigstens der unzähligen, die (uns) deutlich
geworden sind, keine andere (als diese (die Elemente)).
Darüber soll Dir kein Trug den Geist berücken! Nein, dies wisse
genau! Du hast ja die Stimme der Gottheit vernommen.
24. Von Gipfel zu Gipfel schreitend nicht nur Einen Weg der Lehre vollenden.
25. Denn was man (sagen) muß, darf man auch zweimal sagen.
26. Abwechselnd herrschen (die vier Elemente) im Umschwung des Kreises
und vergehen und entstehen in und aus einander in festbestimmtem Wechsel.
Denn nur diese (vier Elemente) gibt es: durcheinander laufend werden sie
zu Menschen und anderer Tiere Geschlechtern; bald vereinigen sich alle
zu einer Ordnung in Liebe, bald auch trennen sich wieder die einzelnen
(Elemente) im Hasse des Streites, bis sie, kaum zum All-Einen zusammengewachsen,
(wieder) unterliegen. Insofern nun auf diese Weise Eines aus Mehrerem
zu entstehen pflegt und Mehreres wiederum aus dem Zerfall des Einen entsproßt,
insofern findet eine Entstehung statt, und ihr Leben bleibt nicht unverändert;
sofern aber ihre ständige Veränderung nimmer aufhört, insofern
bleiben sie während des Kreislaufes stets unerschütterte (Götter).
27. Dort (im Sphairos) unterscheidet man nicht des Helios schnelle Glieder,
noch auch der Erde zottige Kraft oder das Meer. So verwahrt in dem festen
Verließ der Harmonie liegt der kugelige Sphairos, froh der ringsum
herrschenden Einsamkeit.
27a. Kein Zwist und kein unziemlicher Streit herrscht in seinen Gliedern.
28. Aber dieser war von allen Seiten gleich und überall endlos, der
kugelige Sphairos, froh der ringsum herrschenden Einsamkeit.
29. Ihm schwingen sich ja nicht von dem Bücken zwei Zweige nicht
Füße, noch hurtige Kniee oder zeugende Glieder, sondern eine
Kugel war es und von allen Seiten sich selber gleich.
30. Doch nachdem der Streit in den Gliedern (des Sphairos) groß
gezogen und zu Ehren emporgestiegen war, als die Zeit sich erfüllte,
die ihnen (dem Streit und der Liebe) wechselsweise von einem breitversiegelten
Eidvertrage aus festgezogen ist...
31. Denn (da) wurden alle Glieder des Gottes der Reihe nach erschüttert.
32. Das Gelenk bindet zwei.
33. Wie aber, wenn der Feigensaft die weiße Milch verdickt und bindet...
34. Mehl mit Wasser verkleisternd...
35. Doch ich will von neuem anhebend auf jenen Pfad der Gesänge zurückkehren,
den ich früher darlegte, aus einem Redestrom den anderen ableitend.
Wenn der Streit in die unterste Tiefe des Wirbels gekommen und die Liebe
in die Mitte des Strudels gelangt ist, da vereinigt sich in ihr gerade
alles dies um eine Einheit zu bilden, nicht auf einmal, sondern wie eins
aus dem anderen sich willig zusammenfügt. Aus dieser Mischung nun
ergossen sich unzählige Scharen sterblicher Geschöpfe. Doch
blieb noch vieles ungemischt zwischen dem Gemischten stehen, soviel der
Streit noch davon in der Schwebe hielt. Denn nicht tadellos trat er aus
jenen gänzlich heraus an die äußersten Grenzen des Kreises,
sondern teilweise verharrte er noch drinnen, teilweise war er aber auch
schon aus den Gliedern (des Alls = den Elementen) herausgefahren. Je weiter
er nun stets vorweglief, um soviel rückte stets der mildgesinnte
göttliche Drang der untadeligen Liebe vor. So erwuchsen schnell sterbliche
Dinge, die früher unsterblich zu sein gewohnt waren, und gemischte,
die vordem lauter waren, im Wechsel der Pfade. Aus diesen Mischungen nun
ergossen sich unzählige Scharen sterblicher Geschöpfe, in mannigfaltige
Formen gefügt, ein Wunder zu schauen.
36. Während sich dies nun zusammenballte, begann der Streit herauszutreten
an das äußerste Ende.
37. (Feuer nimmt durch Feuer zu,) die Erde mehrt ihre Gestalt und der
Äther den Äther.
38. Wohlan, so will ich Dir verkünden die ersten und gleichursprünglichen
(Elemente), aus denen das, was wir jetzt betrachten, alles an das Licht
kam: die Erde, das wogenreiche Meer, der feuchte Luftkreis und der Titane
Äther, der den ganzen Kreis umschnürt.
39. Wenn wirklich die Tiefen der Erde unendlich und der Äther in
Überfülle vorhanden wäre, wie es in der Tat durch Vieler
Zunge ausgesprochen und ins Gelag hinein aus dem Munde von Leuten ausgesprudelt
worden ist, die nur wenig vom Ganzen erblickt haben...
40. Helios, der scharfe Schütze, und die gnadenreiche Selene.
41. Doch das Sonnenfeuer, das sich (in der Kristalllinse) gesammelt, umwandelt
den großen Himmelsraum.
42. (Der Mond) deckt ihr (der Sonne) die Strahlen ab, während sie
darüber hingeht, und verdunkelt so viel von der Erde, als die Breite
des glanzäugigen Mondes beträgt.
43. Sobald (das Sonnenlicht) den weiten Kreis des Mondes getroffen, kehrt
es sofort zurück um den Himmel im Lauf zu erreichen.
44. (Das Sonnenlicht) strahlt dem Olympos mit furchtlosem Antlitz entgegen.
45. Ein kreisrundes, fremdes Licht dreht sich um die Erde (der Mond).
46. Wie des Wagens Nabe sich dreht, die um das äußerste (Ziel
wirbelt)...
47. Denn er (der Mond) schaut auf den heiligen Kreis des Herrn gegenüber.
48. Aber Nacht bewirkt die Erde für die Strahlen der hinabtauchenden
(Sonne).
49. Der einsamen, blindäugigen Nacht.
50. Iris bringt aus dem Meere Wind oder großen Regenguß.
51. Hurtig aber (fuhr das Feuer) nach oben.
52. Viele Feuer aber brennen unter dem Boden.
53. Denn (die Luft) stieß in ihrem Laufe bald so, vielfach auch
anders zusammen (mit den übrigen Elementen).
54. Die Luft dagegen tauchte mit langen Wurzeln in die Erde hinab.
55. Der Erde Schweiß, das Meer.
56. Das Salz aber ward fest, getroffen von der Sonne kräftigen Strahlen.
57. Ihr (der Erde) entsproßten viele Köpfe ohne Hälse,
nackte Arme irrten hin und her sonder Schultern, und Augen allein schweiften
umher der Stirnen bar.
58. Vereinzelt irrten die Glieder umher (gegenseitige Vereinigung suchend.)
59. Doch als der eine Gott mit dem anderen (die Liebe mit dem Streite)
in größerem Umfange handgemein wurde, da fielen diese (Glieder)
zusammen, wie
gerade die einzelnen sich trafen, und auch viel anderes außerdem
entsproßte da sich aneinander reihend.
60. Schleppfüßige mit unzähligen Händen.
61. Da (heißt es) wuchsen viele Geschöpfe hervor mit doppeltem
Gesicht und doppelter Brust, Geschöpfe, vorn Männer hinten Ochsen,
tauchten auf, andere umgekehrt, Männerleiber mit Ochsenköpfen,
Mischgeschöpfe, hier männer- dort frauengestaltig, mit beschatteten
Schamgliedern versehen.
62. Jetzt wohlan höre folgendes, wie das sich ausscheidende Feuer
die in Nacht verhüllten Sprossen der Männer und beklagenswerten
Frauen ans Licht brachte! Denn die Lehre ist nicht ziellos oder unwissenschaftlich.
Zuerst tauchten rohgeballte Erdklumpen auf, die mit ihrem richtigen Anteil
Wasser und Wärme ausgestattet waren. Diese warf das Feuer in die
Höhe, indem es zu dem Gleichen (dem Himmelsfeuer) hinstrebte. Sie
zeigten noch nicht der Glieder liebliche Gestalt noch Stimme oder Schamglied,
wie es bei den Menschen üblich ist.
63. Aber der Ursprung der (menschlichen) Glieder liegt auseinander: das
eine liegt in dem männlichen, (das andere in dem weiblichen Samen
verborgen.)
64. Ihm naht auch die Liebessehnsucht, die durch den Anblick die Erinnerung
weckt.
65. In den reinen (Schoß) ergießen sie sich (der männliche
und weibliche Samen). Treffen sie nun da Kälte an, so entstehen Mädchen,
(treffen sie aber Wärme, Knaben.)
66. In die gespaltenen Auen der Aphrodite.
67. Denn im wärmeren (Schoße) bringt der Leib männliches
Geschlecht zur Welt. Und darum sind die Männer schwärzer und
mannhafter und raucher.
68. Am zehnten (Tage) des achten Monats pflegt (das Blut) weißer
Biest zu werden.
69. Doppelträchtig (d.i. im 7. und 10. Monat gebärend).
70. Schafhaut (Embryonalhülle).
71. Wenn etwa Dein Glaube hierüber noch mangelhaft blieb, wie durch
Mischung von Wasser, Erde, Luft und Sonne soviel Gestalten und Farben
der sterblichen Dinge entstehen könnten, als jetzt durch die Liebe
zusammengefügt entstanden sind,...
72. Wie die hohen Bäume und die Fische in der Salzflut...
73. Wie aber damals Aphrodite die Erde, nachdem sie sie im Naß getränkt,
für Wärme sorgend dem raschen Feuer zur Festigung übergeben
hatte...
74. Sie führt das sanglose Geschlecht der samenreichen Fische.
75. Von den (Tieren) aber, die innen ein festes, außen aber ein
lockeres Gefüge zeigen, die unter den Händen der Aphrodite solche
Schwammigkeit erhalten haben...
76. Dies ist der Fall bei den schwergepanzerten Schalen der Wasserbewohner,
vor allem der Meerschnecken und der steinschaligen Schildkröten.
Da kannst Du den Erdstoff auf der Oberfläche der Haut lagern sehen.
77./ 78. Immer Blätter und immer Frucht bringende Bäume prangen
je nach der Luftmischung das ganze Jahr hindurch in der Früchte Überfülle.
79. So legen erstlich die hohen Olivenbäume Eier.
80. Weshalb die Granaten so spätreif und die Äpfel so übersaftig
sind.
81. Wein ist von der Rinde her (eingedrungenes), innerhalb des Holzes
vergorenes Wasser.
82. Haare, Blätter, der Vögel dichte Federn und Schuppen, die
auf den derben Gliedern wachsen, sind derselbe Stoff.
83. Aber den Igeln starren scharfverwundende Borsten auf dem Rücken.
84. Wie wenn einer in der Winternacht einen Ausgang vorhat und dazu, nachdem
er des brennenden Feuers Glanz entzündet, sich ein Licht rüstet,
von allen Seiten vor dem Winde schirmende Laternen; sie zerteilen zwar
der blasenden Winde Wehen, doch das Licht drang nach außen durch,
weil es soviel feiner war, und leuchtete zum Firmament mit unerwarteten
Strahlen: so barg sich das urewige Feuer damals (bei der Bildung des Auges)
hinter der runden Pupille in Häute und dünne Gewänder eingeschlossen,
die mit göttlich eingerichteten, gerade hindurchgehenden Poren durchbohrt
waren. Diese hielten die Tiefe des ringsum erflossenen Wassers ab, doch
das Feuer ließen sie hinaus, weil es soviel feiner war.
85. Die milde Flamme erhielt (bei der Bildung des Auges) zufällig
nur eine geringfügige (Beimischung von) Erde.
86. Aus diesen (Elementen) bildete die göttliche Aphrodite die unermüdlichen
Augen.
87. Aphrodite, die mit Liebesnägeln (die Vereinigung) hergestellt
hatte...
88. Eins wird beider (Augen) Blick.
89. Wissend, daß Abflüsse von allem, was da entstanden ist,
stattfinden...
90. So griff Süßes nach Süßem, Bitteres stürmte
auf Bitteres los, Saures stieg auf Saures und Heißes ritt auf Heißem.
91. (Wasser) ist dem Weine wahlverwandter, aber mit Öl will es (sich)
nicht (mischen.)
92. (Die Samenmischung bei der Erzeugung von Mauleseln bringt, da zwei
weiche Stoffe zusammenkommen, eine harte Verbindung imstande,) wie wenn
man Zinn und Kupfer mischt. (Denn nur Hohles und Dichtes paßt zueinander.
Dagegen die beiderseits harten Mischlinge sind unfruchtbar.)
93. Mit der Byssosfarbe aber wird die Beere des blauen Holunders gemischt.
94. Und die Schwärze auf dem Grunde des Flusses entsteht aus dem
Schatten und ebenso ist sie in zerklüfteten Höhlen zu sehen.
95. (Bei der Bildung der Augen,) als sie unter den Händen der Aphrodite
zuerst zusammengesetzt wurden, (ergab sich auch der Unterschied, daß
einige bei Tag, andere bei Nacht heller sehen.)
96. Die Erde aber, liebevoll gestimmt, erhielt in breitbrüstigen
Tiegeln von den acht Teilen noch zwei von dem Glanze der Nestis und vier
vom Hephaistos hinzu. So entstanden die weißen Knochen, die durch
den Leim der Harmonie göttlichschön aneinander gefügt sind.
97. Die Wirbelsäule (hat ihre Form daher, daß sie bei der Entstehung
der Tiere durch eine zufällige Wendung zerbrach.)
98. Nachdem aber die Erde in dem vollkommenen Hafen der Aphrodite vor
Anker gegangen, begegneten sie diesen (dem Hephaistos, dem Wasser und
der hellleuchtenden Luft), ziemlich im gleichen Verhältnisse, sei
es ein wenig stärker oder der Mehrzahl gegenüber schwächer.
Daraus entstand das Blut und die sonstigen Arten von Fleisch.
99. (Das Ohr ist) gleichsam eine Glocke (der eindringenden (?)
Töne. Er nennt es) fleischigen Zweig (?).
100. Also atmet alles ein und aus. Blutarme Röhren von Fleisch sind
bei allen über die Oberfläche des Körpers hin gespannt,
und an ihren Mündungen ist die äußerste Oberfläche
der Haut mit vielen Ritzen durchweg durchbohrt, so daß zwar das
Blut drinnen bleibt, der Luft aber durch die Öffnungen freier Zutritt
gewährt ist. Wenn nun dann das dünne Blut von hier abströmt,
so stürmt die Luft brausend in rasendem Schwalle nach, wenn es dagegen
zurückspringt, so fährt die Luft wieder heraus, wie wenn ein
Mädchen mit einer Wasseruhr aus glänzendem Erze spielt. Solange
es die Mündung des Halses gegen die wohlgeformte Hand gedrückt
hält und so (die Uhr) in den weichen Stoff des silbernen Wassers
eintaucht, tritt das Naß nicht mehr in das Gefäß ein,
sondern die Wucht der Luft, die von innen auf die zahlreichen Löcher
(des Bodens) fällt, hält es zurück, bis es durch Abdecken
den verdichteten (Luftstrom) befreit. Dann aber tritt das entsprechende
Maß Wasser ein, da die Luft eine Lücke läßt. Ebenso
aber ist es, wenn Wasser den Bauch des Erzes füllt und der Hals und
die Mündung mit der menschlichen Haut verstopft ist und die Luft
die von außen nach innen strebt, das Naß an den Ausgang des
engen dumpf gurgelnden Halses zurückdrängt, indem sie die Spitze
(des Halses) besetzt hält, bis es (das Mädchen) sie mit der
Hand freigibt: dann strömt wieder, umgekehrt wie vorher, das entsprechende
Maß Wasser unten aus, während die Luft eindringt. So ist es
auch mit dem dünnen Blut, das durch die Glieder jagt: wenn es rückwärts
gewandt nach dem Innern abströmt, so dringt sofort der Luftstrom
in wogendem Schwalle hinab, wenn es dagegen zurückspringt, so fährt
die Luft den gleichen Weg wieder heraus.
101. Die von den Gliedern des Wildes (zurückgebliebenen) Teilchen
mit den Nasen erschnüffelnd, so viele sie lebend von ihren Füßen
rings im zarten Grase zurückließen.
102. So hat alles Odem und Gerüche erhalten.
103. So sind alle (Wesen) durch den Willen des Zufalls mit Bewußtsein
begabt.
104. Und soweit gerade die leichtesten (Körper) bei ihrem Falle zusammenstießen.
105. In den Fluten des Blutes, das ihm entgegenspringt, nährt sich
(das Herz,) wo ja gerade das vorzüglich sitzt, was bei den Menschen
Denkkraft heißt. Denn das um das Herz (wallende) Blut ist den Menschen
die Denkkraft.
106. Nach dem jeweiligen (körperlichen) Verhältnis wächst
den Menschen der Verstand.
107. Denn aus ihnen (den Elementen) ist alles paßlich zusammengefügt
und durch sie denken, freuen und ärgern sie sich.
108. Nach dem Maße, wie sich die (Menschen
(am Tage überhaupt)) ändern, so fällt es ihnen (nachts)
bei auch ihre Gedanken zu ändern.
109. Denn mit (unserem) Erdstoff erblicken wir die Erde, mit (unserem)
Wasser das Wasser, mit (unserer) Luft die göttliche Luft, mit (unserem)
Feuer endlich das vernichtende Feuer; mit (unserer) Liebe ferner die Liebe
(der Welt) und (ihren) Haß mit (unserem) traurigen Haß.
110. Wenn Du nämlich auf Deinen festen Geist gestützt wohlgesinnt
mit reinem Bemühen sie (die Lehren des Meisters?) betrachtest, so
werden Dir nicht nur diese allesamt auf Lebenszeit zu Gebote stehen, sondern
Du wirst auch noch viel anderes daraus gewinnen. Denn es wächst von
selbst dieser (Schatz) in Deinen inneren Kern hinein, wie (eben) eines
Jeden Natur ist. Willst Du aber nach anderen (Schätzen) trachten,
wie sie so bei den Menschen im Schwange sind, unzählige, armselige,
die das Nachdenken abstumpfen, wahrlich dann werden sie Dich bald im Umlauf
der Zeiten im Stiche lassen. Denn sie sehnen sich danach zu ihrem eignen,
angestammten Urgeschlecht zurückzukehren. Denn wisse nur, alles hat
Bewußtsein und seinen Anteil am Denken.
111. Alle Gifte wirst Du kennen lernen, die geschaffen sind Krankheit
und Alter zu bannen; denn Dir allein will ich dies alles erfüllen.
Stillen sollst Du ferner der unermatteten Winde Gewalt, die gegen die
Erde losbrechen und mit ihrem Wehen die Fluren vernichten, und umgekehrt
sollst Du, wenn es Dir beliebt, die Winde zum Ausgleich herbeirufen können.
Kehren sollst Du den dunkeln Regen in Trocknis, gedeihlich den Menschen,
kehren sollst Du aber auch (wieder) die sommerliche Trocknis in baumernährende
Güsse, die dem Himmel entströmen; zurückführen sollst
Du endlich aus dem Hades gestorbenen Mannes Kraft.
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