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Meister Eckehart

Das Buch der göttlichen Tröstung (Auszug)
Benedictus deus et pater domini nostri Jesu Christi etc. (2 Kor. 1,3 f.)

Der edle Apostel Sankt Paulus spricht diese Worte: »Gesegnet sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, ein Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in allen unsern Betrübnissen.« Es gibt dreierlei Betrübnis, die den Menschen anrührt und bedrängt in diesem Elend. Die eine kommt aus dem Schaden an äußerem Gut, die andere aus dem Schaden, der seinen Verwandten und Freunden zustößt, die dritte aus dem Schaden, der ihm selbst widerfährt in Geringschätzung, Ungemach, körperlichen Schmerzen und Herzensleid.
Hierum bin ich willens, in diesem Buche etliche Lehre niederzuschreiben, mit der sich der Mensch trösten kann in allem seinem Ungemach, Trübsal und Leid. Und dies Buch hat drei Teile. In dem ersten findet man diese und jene Wahrheit, aus der und von der zu entnehmen ist, was den Menschen füglich und gänzlich trösten kann und wird in allem seinem Leid. Danach findet man hier etwa dreißig Stücke und Lehren, in deren jeglicher man recht und völlig Trost zu finden vermag. Hiernach findet man im dritten Teile dieses Buches Vorbilder in Werken und Worten, die weise Leute getan und gesprochen haben, als sie im Leiden waren.

Man liest im Buch der Könige, daß einer dem König David fluchte und ihm schwere Schmähung zufügte. Da sagte einer der Freunde Davids, er wolle den bösen Hund totschlagen. Da sprach der König: »Nein! denn vielleicht will und wird Gott mir durch diese Schmähung mein Bestes bewirken« (2 Könige 16, 5 ff.).
Man liest im Buch der Väter, daß ein Mensch einem heiligen Vater klagte, daß er zu leiden habe. Da sprach der Vater: »Willst du, Sohn, daß ich Gott bitte, er möge dir's abnehmen?« Da sagte der andere: »Nein, Vater, denn es ist mir heilsam, das erkenne ich wohl. Bitte vielmehr Gott, er möge mir seine Gnade verleihen, auf daß ich's willig leide.«
Man fragte einst einen kranken Menschen, warum er Gott nicht bäte, er möchte ihn gesund machen. Da sagte der Mensch, das wolle er aus drei Gründen ungern tun. Der eine wäre, daß er dessen gewiß zu sein glaube, der liebevolle Gott könnte niemals zulassen, daß er krank wäre, wenn nicht zu seinem Besten. Ein anderer Grund wäre der, daß der Mensch, falls er gut ist, alles will, was Gott will, und nicht, daß Gott wolle, was der Mensch will; (denn) das wäre sehr unrecht. Und darum: will er, daß ich krank sei - denn, wollte er's nicht, so wäre ich's auch nicht - so soll ich auch nicht wünschen, gesund zu sein. Denn ohne Zweifel, könnte es so sein, daß mich Gott gesund machte ohne seinen Willen, so wäre es mir wertlos und gleichgültig, daß er mich gesund machte. Wollen kommt vom Lieben, Nichtwollen kommt vom Nichtlieben. Viel lieber, besser und nützer ist es mir, daß Gott mich liebe und ich dabei krank bin, als wenn ich gesund am Leibe wäre und is Gott mich nicht liebte. Was Gott liebt, das ist etwas; was Gott nicht liebt, das ist nichts, so sagt das Buch der Weisheit (Weish. II, 25). Auch liegt darin die Wahrheit, daß alles, was Gott will, eben darin und dadurch, daß Gott es will, gut ist. Wahrlich, um menschlich zu sprechen: Mir wäre es lieber, daß mich ein reicher, mächtiger Mensch, etwa ein König, liebte und mich doch eine Weile ohne Gabe ließe, als wenn er mir sogleich etwas geben ließe und mich dabei nicht liebte in aufrichtiger Weise; wenn er mir aus Liebe jetzt gar nichts gäbe, mir aber jetzt deshalb nichts schenkte, weil er mich hernach um so großartiger und reichlicher beschenken wollte. Und ich setze selbst den Fall, daß der Mensch, der mich liebt und mir nun nichts gibt, nicht vorhat, mir später etwas zu geben; vielleicht bedenkt er sich hernach eines Besseren und gibt mir. Ich werde geduldig abwarten, insbesondere, da seine Gabe von Gnaden ist und unverdient. Gewiß auch: Wessen Liebe ich so nicht achte und wessen Willen der meine entgegen ist und bei wem ich es einzig nur auf seine Gabe abgesehen hätte, der tut ganz recht daran, daß er mir nichts gibt, mich überdies haßt und mich im Unglück läßt.
Der dritte Grund, weshalb es mir minderwertig und zuwider so wäre, Gott bitten zu wollen, daß er mich gesund mache, ist der: daß ich den reichen, liebevollen, freigebigen Gott um so Geringfügiges nicht bitten will und soll. Gesetzt, ich käme zum Papst über hundert oder zweihundert Meilen hin und spräche dann, wenn ich vor ihn träte: »Herr, Heiliger Vater, ich bin wohl zweihundert Meilen beschwerlichen Weges unter großen Kosten hergekommen und bitte Euch - aus welchem Grunde ich denn auch zu Euch hergekommen bin - daß Ihr mir eine Bohne gebet!«, fürwahr, er selbst und jeder, der das vernähme, würde sagen, und zwar ganz mit Recht, ich sei ein großer Narr. Nun ist es aber gewisse Wahrheit, wenn ich sage, daß alles Gut, ja die gesamte Schöpfung gegen Gott weniger ist als eine Bohne gegen diese ganze körperliche Welt. Darum müßte ich es mit Recht verschmähen, wenn ich ein guter, weiser Mensch wäre, Gott bitten zu wollen, daß ich gesund würde.
In diesem Zusammenhang sage ich weiterhin: Es ist das Zeichen eines schwachen Herzens, wenn ein Mensch froh oder bekümmert wird um vergängliche Dinge dieser Welt. Man sollte sich dessen recht von Herzen schämen vor Gott und seinen Engeln und vor den Menschen, wenn man's bei sich bemerkte. Man schämt sich ja so sehr eines Gesichtsmakels, den die Leute äußerlich wahrnehmen. Was will ich länger reden? Die Bücher des Alten und des Neuen Testaments wie die der Heiligen und auch der Heiden sind voll davon, wie fromme Menschen um Gottes willen und auch aus natürlicher Tugend ihr Leben hingegeben und sich selbst willig verleugnet haben.
Ein heidnischer Meister, Sokrates, sagt, daß Tugenden unmögliche Dinge möglich und zudem leicht und angenehm machen. Auch will ich dies nicht vergessen, daß jene fromme Frau, von der das Buch der Makkabäer berichtet, eines Tages vor ihren Augen entsetzliche und unmenschliche und grausenerregend anzuhörende Folter sah, die man ihren sieben Söhnen zufügte und antat, und dies frohen Mutes mit ansah und sie aufrecht erhielt und alle einzeln ermahnte, sich nicht zu erschrecken und willig Leib und Seele aufzugeben um der Gerechtigkeit Gottes willen. Dies sei der Schluß dieses Buches. Doch will ich noch zwei Worte hinzufügen.
Das eine ist dies: daß ein guter, göttlicher Mensch sich gar heftig und gründlich schämen sollte, daß ihn je Leid erschütterte, wenn wir sehen, daß der Kaufmann zur Erlangung eines kleinen Gewinstes und zudem aufs Ungewisse oft so fern über Land, so beschwerliche Wege, über Berg und Tal, Wildnisse und Meere zieht, durch Räuber und Mörder an Leben und Habe, und große Entbehrung an Speise und Trank, Schlaf und andere Unbill erleidet und doch das alles gern und willig vergißt um so kleinen, ungewissen Nutzens willen. Ein Ritter wagt im Kampfe Gut, Leben und Seele um vergängliche und sehr kurze Ehre, und uns dünkt es so bedeutend, daß wir ein Geringes leiden um Gott und die ewige Seligkeit!
Das andere Wort, das ich sagen will, ist dies, daß mancher grobsinnige Mensch sagen wird, viele Worte, die ich in diesem Buche und auch anderswo geschrieben habe, seien nicht wahr. Dem antworte ich mit dem, was Sankt Augustinus im ersten Buche seiner »Bekenntnisse« sagt. Er bemerkt (dort), daß Gott alles, was noch zukünftig ist, selbst über tausend und aber tausend Jahre, dafern die Welt so lange bestehen sollte, (schon) jetzt gemacht hat, und daß er alles, was schon manches Jahrtausend vergangen ist, noch heute machen wird. Was kann ich dafür, wenn jemand das nicht versteht? Und wiederum sagt er anderswo, daß der Mensch sich gar zu offensichtlich selbst liebe, der andere Leute blenden wolle, auf daß seine Blindheit verborgen bleibe. Mir genügt's, daß in mir und in Gott wahr sei, was ich spreche und schreibe. Wer einen Stab in Wasser getaucht sieht, den dünkt der Stab krumm, wenngleich er ganz gerade ist, und das kommt daher, daß das Wasser gröber ist als die Luft; gleichviel ist der Stab sowohl an sich wie auch in den Augen dessen, der ihn nur in der Lauterkeit der Luft sieht, gerade und nicht krumm.
Sankt Augustinus sagt: »Wer ohne vielfältige Begriffe, vielfältige Gegenständlichkeit und bildliche Vorstellungen innerlich erkennt, was kein äußeres Sehen eingetragen hat, der weiß, daß dies wahr ist. Wer aber davon nichts weiß, der lacht und spottet meiner; mich aber erbarmt es seiner. Indessen, solche Leute wollen ewige Dinge schauen und empfinden und göttliche Werke und im Lichte der Ewigkeit stehen, und dabei flattert ihr Herz noch im Gestern und noch im Morgen.«
Ein heidnischer Meister, Seneca, spricht: »Man soll von großen und hohen Dingen mit großen und hohen Sinnen sprechen und mit erhabener Seele.« Auch wird man sagen, daß man solche Lehren nicht für Ungelehrte sprechen und schreiben solle. Dazu sage ich: Soll man nicht ungelehrte Leute (be-)lehren, so wird niemals wer gelehrt, und so kann niemand (dann) lehren oder schreiben. Denn darum belehrt man die Ungelehrten, daß sie aus Ungelehrten zu Gelehrten werden. Gäbe es nichts Neues, so würde nichts Altes. »Die gesund sind«, sagt unser Herr, »bedürfen der Arznei nicht« (Luk. 5, 31). Dazu ist der Arzt da, daß er die Kranken gesund mache. Ist aber jemand, der dieses Wort unrecht versteht, was kann der Mensch dafür, der dieses Wort, das recht ist, recht äußert? Sankt Johannes verkündet das heilige Evangelium allen Gläubigen und auch allen Ungläubigen, auf daß sie gläubig werden, und doch beginnt er das Evangelium mit dem Höchsten, das ein Mensch über Gott hier auszusagen vermag; und oft sind denn auch seine sowie unseres Herrn Worte unrecht aufgefaßt worden.
Der liebreiche, barmherzige Gott, die Wahrheit (selbst), gebe mir und allen denen, die dies Buch lesen werden, daß wir die Wahrheit in uns finden und gewahr werden. Amen