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Meister
Eckehart
Bulle Johanns XXII. vom 27. März 1329
in welcher 28 Sätze Meister Eckharts verdammt werden
In agro dominico
Johannes, Bischof, Knecht der Knechte Gottes, zum ewigen
Gedächtnis.
Auf dem Acker des Herrn, dessen Hüter und Arbeiter Wir nach himmlischer
Verfügung, wenn auch unverdientermaßen, sind, müssen Wir
die geistliche Pflege so wachsam und besonnen ausüben, daß,
wenn irgendwann ein Feind auf ihm über den Samen der Wahrheit Unkräuter
sät, sie im Entstehen erstickt werden, bevor sie zu Schößlingen
verderblichen Keimens aufwachsen, damit, nachdem der Same der Laster abgetötet
und die Dornen der Irrtümer herausgerissen sind, die Saat der katholischen
Wahrheit fröhlich aufgehe.
Fürwahr, mit Schmerz tun Wir kund, daß in dieser Zeit einer
aus deutschen Landen, Eckhart mit Namen, und, wie es heißt, Doktor
und Professor der Heiligen Schrift, aus dem Orden der Predigerbrüder,
mehr wissen wollte als nötig war, und nicht entsprechend der Besonnenheit
und nach der Richtschnur des Glaubens, weil er sein Ohr von der Wahrheit
abkehrte und sich Erdichtungen zuwandte. Verführt nämlich durch
jenen Vater der Lüge, der sich oft in den Engel des Lichtes verwandelt,
um das finstere und häßliche Dunkel der Sinne statt des Lichtes
der Wahrheit zu verbreiten, hat dieser irregeleitete Mensch, gegen die
helleuchtende Wahrheit des Glaubens auf dem Acker der Kirche Dornen und
Unkraut hervorbringend und emsig beflissen, schädliche Disteln und
giftige Dornsträucher zu erzeugen, zahlreiche Lehrsätze vorgetragen,
die den wahren Glauben in vieler Herzen vernebeln, die er hauptsächlich
vor dem einfachen Volke in seinen Predigten lehrte und die er auch in
Schriften niedergelegt hat.
Aus der Untersuchung nämlich, die hierüber auf Grund der Amtsbefugnis
Unseres ehrwürdigen Bruders, Erzbischof Heinrich von Köln bereits
früher gegen ihn durchgeführt und schließlich auf Grund
Unserer Amtsbefugnis in der römischen Kurie erneut vorgenommen wurde,
haben Wir erfahren, daß durch das Bekenntnis jenes Eckhart zuverlässig
feststeht, daß er sechsundzwanzig Artikel gepredigt, gelehrt und
geschrieben hat, welche folgenden Wortlaut erhalten:
1. Einst befragt, warum Gott die Welt nicht früher
erschaffen habe, gab er damals, wie auch jetzt noch, die Antwort, daß
Gott nicht eher die Welt habe erschaffen können, weil nichts wirken
kann, bevor es ist. Darum: sobald Gott war, sobald hat er auch die Welt
erschaffen.
2. Desgleichen kann zugegeben werden, daß die Welt von Ewigkeit
her gewesen ist.
3. Desgleichen: Auf einmal und zugleich, als Gott war, da er seinen
ihm gleich ewigen Sohn als ihm völlig gleichen Gott erzeugte, schuf
er auch die Welt.
4. Desgleichen: In jedem Werk, auch im bösen, im Übel der
Strafe ebensosehr wie im Übel der Schuld, offenbart sich und erstrahlt
gleichermaßen Gottes Herrlichkeit.
5. Desgleichen: Wer jemanden mit einer Schmähung lästert, lobt
Gott durch eben diese Sünde der Schmähung; und je mehr er schmäht
und je schwerer er sündigt, um so kräftiger lobt er Gott. 6.
Desgleichen: Wer Gott selbst lästert, lobt Gott.
7. Desgleichen: Wer um dies oder jenes bittet, der bittet um Übles
und in übler Weise, weil er um die Verneinung des Guten und um die
Verneinung Gottes bittet, und er betet darum, daß Gott sich ihm
versage. 8.Die nach nichts Trachten, weder nach Ehren noch nach Nutzen
noch nach innerer Hingabe noch nach Heiligkeit noch nach Belohnung noch
nach dem Himmelreich, sondern auf dieses alles verzichtet haben, auch
auf das, was das Ihrige ist, - in solchen Menschen wird Gott geehrt.
9. Ich habe neulich darüber nachgedacht, ob ich wohl von Gott
etwas annnehmen oder begehren wollte: Ich will mir das gar sehr überlegen,
weil ich da, wo ich von Gott empfangen würde, unter ihm oder
unterhalb seiner wäre wie ein Diener oder Knecht, er selbst aber
im Geben wie ein Herr wäre, - und so soll es mit uns nicht stehen
im ewigen Leben.
10. Wir werden völlig in Gott umgeformt und in ihn verwandelt; auf
gleiche Weise, wie im Sakrament das Brot verwandelt wird in den Leib Christi:
so werde ich in ihn verwandelt, daß er selbst mich hervorbringt
als sein Sein als eines, nicht (etwa nur) als gleiches; beim lebendigen
Gott ist es wahr, daß da kein Unterschied besteht.
11. Alles, was Gott Vater seinem eingeborenen Sohne in der menschlichen
Natur gegeben hat, das hat er alles auch mir gegeben: hiervon nehme ich
nichts aus, weder die Einigung noch die Heiligkeit, sondern er hat mir
alles ebenso gegeben wie ihm.
12. Alles, was die Heilige Schrift über Christus sagt, das bewahrheitet
sich völlig an jedem guten und göttlichen Menschen.
13. Alles, was der göttlichen Natur eigen ist, das alles ist
auch dem gerechten und göttlichen Menschen eigen; darum wirkt solch
ein Mensch auch alles, was Gott wirkt, und er hat zusammen mit Gott Himmel
und Erde geschaffen, und er ist Zeuger des ewigen Wortes, und Gott wüßte
ohne einen solchen Menschen nichts zu tun.
14. Der gute Mensch soll seinen Willen so dem göttlichen Willen angleichen,
daß er selber alles will, was Gott will: Weil nun Gott in gewisser
Weise will, daß ich gesündigt habe, so wollte ich nicht, daß
ich keine Sünden begangen hätte, und das ist wahre Buße.
15. Wenn ein Mensch tausend Todsünden begangen hätte, und es
wäre ein solcher Mensch in rechter Verfassung, so dürfte er
nicht wünschen, er hätte sie nicht begangen.
16. Gott befiehlt nicht ausdrücklich das äußere Werk.
17. Das äußere Werk ist nicht eigentlich gut und göttlich,
und Gott wirkt und gebiert es nicht eigentlich.
18. Laßt uns nicht die Frucht äußerer Werke bringen,
sie uns nicht gut machen, sondern innerer Werke, die der Vater, in uns
bleibend, tut und wirkt.
19. Gott liebt die Seelen, nicht das äußere Werk.
20. Der gute Mensch ist der eingeborene Sohn Gottes.
21. Der »edle Mensch« ist jener eingeborene Sohn Gottes,
den der Vater von Ewigkeit her gezeugt hat.
22. Der Vater zeugt mich als seinen Sohn und als denselben Sohn. Was immer
Gott wirkt, das ist Eines; darum zeugt er mich als seinen Sohn ohne allen
Unterschied.
23. Gott ist auf alle Weisen und in jedem Betracht nur Einer, so
daß in ihm selber keinerlei Vielheit zu finden ist, weder in der
Vernunft noch außerhalb der Vernunft; wer nämlich Zweiheit
oder Unterschiedenheit sieht, der sieht Gott nicht, denn Gott ist Einer
außerhalb aller Zahl und über aller Zahl und fällt mit
nichts in Eins zusammen. Daraus folgt: In Gott selbst kann demnach keinerlei
Unterschied sein oder erkannt werden.
24. Jede Unterschiedenheit ist Gott fremd, sowohl in der Natur wie in
den Personen. Beweis: Seine Natur selbst ist Eine und eben dieses selbe
Eine, und jede Person ist Eine und eben dieses selbe Eine, das die Natur
ist.
25. Wenn es heißt: »Simon, liebst du mich mehr als diese?«,
so ist der Sinn dieser: »will sagen, mehr als dieses, und zwar auf
gute, nicht aber auf vollkommene Weise.« Wo nämlich ein »Erstes«
und ein »Zweites« ist, da ist ein »Mehr« oder
»Weniger«, ist Gradunterschied und Rangordnung; im Einen aber
gibt es weder Grad noch Rang. Wer demnach Gott mehr liebt als den Nächsten,
liebt ihn zwar auf gute, nicht aber auf vollkommene Weise
26. Alle Kreaturen sind ein reines Nichts: ich sage nicht, daß sie
etwas Geringes oder (überhaupt) irgend etwas sind, sondern daß
sie ein reines Nichts sind.
Außerdem wurde besagtem Eckhart vorgehalten, daß
er noch zwei andere Artikel mit folgenden Worten gepredigt hatte:
1. Es ist etwas in der Seele, das unerschaffen und unerschaffbar
ist; wenn die ganze Seele solcherart wäre, so wäre sie unerschaffen
und unerschaffbar, - und dies ist die Vernunft.
2. Gott ist weder gut noch besser noch vollkommen; wenn ich Gott gut nenne,
so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, als wenn ich das Weiße schwarz
nennen würde.
Wir haben nun alle oben angeführten Artikel durch viele
Doktoren der heiligen Theologie prüfen lassen und haben sie auch
selbst mit Unseren Brüdern sorgfältig geprüft. Und schließlich
haben Wir sowohl auf Grund des Berichtes jenes selben Doktoren, wie auf
Grund Unserer eigenen Prüfung gefunden, daß die ersten fünfzehn
der erwähnten Artikel und auch die beiden letzten sowohl ihrem Wortlaut
nach wie nach dem Zusammenhang ihrer Gedanken Irrtum oder das Mal der
Häresie enthalten; die elf anderen aber, deren erster beginnt mit:
"Gott befiehlt nicht usw.", haben Wir als überaus übel
klingend und sehr kühn und der Häresie verdächtig gefunden,
wenn auch zugestanden werden mag, daß sie mit vielen Erklärungen
und Ergänzungen einen katholischen Sinn ergeben und haben können.
Damit nun derartige Artikel oder ihr Inhalt die Herzen der Einfältigen,
denen sie gepredigt worden sind, nicht weiter anstecken und bei ihnen
oder anderen nicht irgendwie in Schwang kommen können, verdammen
und verwerfen Wir ausdrücklich auf den Rat Unserer genannten Brüder
die ersten fünfzehn angeführten Artikel sowie die beiden letzten
als häretisch, die anderen elf angeführten aber als übelklingend,
verwegen und der Häresie verdächtig, und ebenso alle Bücher
und Schriften dieses Eckhart, welche die angeführten Artikel oder
einen von ihnen enthalten. Wenn aber jemand es wagen sollte, diese Artikel
hartnäckig zu verteidigen oder ihnen beizupflichten, so wollen und
verordnen Wir, daß gegen diejenigen, welche die ersten fünfzehn
und die beiden letzten Artikel oder einen von ihnen auf diese Weise verteidigen
oder ihnen beispflichten sollten, als gegen Häretiker, gegen diejenigen
aber, welche die elf anderen Artikel nach ihrem Wortlaut verteidigen oder
ihnen beipflichten sollten, als gegen der Häresie Verdächtige
vorgegangen werde.
Ferner aber wollen Wir denjenigen, bei denen die angeführten Artikel
gepredigt oder gelehrt worden sind, sowie auch allen anderen, zu deren
Kenntnis sie gekommen sind, kundtun, daß, wie durch eine öffentliche,
darüber ausgefertigte Urkunde feststeht, der genannte Eckhart am
Ende seines Lebens, den katholischen Glauben bekennend, die angeführten
sechsundzwanzig Artikel, die gepredigt zu haben er bekannte, ferner auch
alles andere von ihm Geschriebene und in den Schulen wie in Predigten
Gelehrte, das in den Gemütern der Gläubigen einen häretischen
oder irrtümlichen und dem wahren Glauben feindlichen Sinn erzeugen
könnte, soweit es diesen Sinn betrifft, widerrufen wie auch verworfen
hat und es als so schlechthin und völlig widerrufen angesehen wissen
wollte, als wenn er jene und jenes einzeln und besonders widerrufen hätte,
indem er sich und alle seine Schriften und Aussprüche der Entscheidung
des apostolischen Stuhles und der Unsern unterworfen hat.
Gegeben zu Avignon, am 27. März 1329, im dreizehnten Jahre Unseres
Pontifikates.
Übersetzung nach Joseph Quint
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