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Demokrit von Abdera
Fragment:
Sprüche (2)
180. Die Bildung ist der Glücklichen Schmuck und der Unglücklichen
Zuflucht.
181. Besser wird es offenbar (bei der Erziehung) zur Tugend dem glücken,
der Aufmunterung und überredende Worte als wer Gesetz und Zwangsmaßregeln
zur Anwendung bringt. Denn wer sich nur durch das Gesetz am Übeltun gehindert
sieht, wird vermutlich im Geheimen sündigen, wer dagegen durch Überredung
einmal auf den Weg der Pflicht geführt ist, wird voraussichtlich weder heimlich
noch öffentlich etwas Verkehrtes tun. Darum also zeigt sich Jemand, der
mit Einsicht und Bewußtsein das Rechte tut, zugleich als entschlossener
und geradsinniger (Mann.)
182. Die edlen Dinge erarbeitet der Unterricht nur unter Mühen, die unedlen
fallen dagegen sonder Mühe von selbst vom Baume. Denn selbst wider Willen
zwingen sie oft einen (Menschen), dem von Natur eine große Schwäche
innewohnt, so (unedel) zu sein.
183. Es gibt wohl (auch) Verstand bei den Jungen und Unverstand bei den Alten.
Denn nicht die Zeit lehrt denken, sondern eine frühzeitige Erziehung und
Naturanlage.
184. Beständiger Umgang mit Schlechten vermehrt schlechte Anlage.
185. Besser sind die Aussichten der Gebildeten als der Reichtum der Ungebildeten.
186. Übereinstimmung der Gedanken bewirkt Freundschaft.
187. Es schickt sich für die Menschen, mehr um die Seele als um den Leib
sich zu kümmern. Denn der Seele Vortrefflichkeit richtet des Leibes Schwäche
auf, Leibesstärke aber ohne Verstandeskraft macht die Seele um nichts besser.
188. Die Grenze zwischen Zuträglichem und Abträglichem ist Lust und
Unlust.
189. Das Beste für den Menschen ist sein Leben soviel wie möglich wohlgemut
und so wenig wie möglich mißmutig zu verbringen. Dies wird aber dann
der Fall sein, wenn er seine Lust nicht auf das Sterbliche richtet.
190. Von schlimmen Werken muß man auch das Reden vermeiden.
191. Wohlgemutheit erringen sich die Menschen durch Mäßigung der Lust
und Harmonie des Lebens. Mangel und Überfluß aber pflegt umzuschlagen
und große Erregungen in der Seele zu verursachen. Die in starken Gegensätzen
sich aufregenden Seelen sind weder beständig noch wohlgemut. Man muß also
sein Denken auf das Mögliche richten und sich mit dem Vorhandenen begnügen,
ohne der Beneideten und Bewanderten viel zu achten und in Gedanken ihnen nachzujagen.
Vielmehr muß man auf die Lebensschicksale der Trübsalbeladenen schauen
und sich ernstlich ihre Leiden vergegenwärtigen, auf daß dir deine
gegenwärtige Lage groß und beneidenswert erscheine und es dir nicht
begegne Schaden zu erleiden an deiner Seele über der weiter schweifenden
Begier nach mehr. Denn wer die Besitzenden und von den andern Menschen selig
gepriesenen bewundert und zu jeglicher Frist mit seinen Gedanken ihnen nachjagt,
wird dazu gezwungen, stets etwas Neues auszuhecken und seine Gier sogar auf irgend
ein unsühnbares, durch das Gesetz verbotenes Verbrechen zu werfen. Deshalb
also ist es Pflicht, dem einen nicht nachzujagen und mit dem andern es sich wohlgemut
sein zu lassen und sein eigenes Leben mit dem (anderer) zu vergleichen, denen
es noch schlechter geht, und in Beherzigung ihrer Leiden sich selbst selig zu
preisen, daß man es soviel besser hat und treibt. Hältst du dich also
an diese Einsicht, so wirst du wohlgemuter leben und in deinem Leben nicht wenige
Fluchgeister verscheuchen: Neid, Ehrsucht und Verbitterung.
192. Leicht ist zu loben, was man nicht (loben) und zu tadeln (was man nicht
tadeln) soll; beides aber fließt aus einem schlechten Charakter.
193. Klugheit verrät es, sich vor einer drohenden Beleidigung zu hüten;
Stumpfsinn dagegen eine erlittene nicht zu rächen.
194. Die großen Freuden stammen aus der Betrachtung der schönen Werke.
195. Mit Gewand und Schmuck zum Schauen prächtig ausgestattete Bilder, aber
es fehlt ihnen das Herz.
196. Vergessen der eigenen Sünden erzeugt Frechheit.
197. Toren richten sich nach den (erhofften) Gewinnen des Glückes, die Kenner
solcher (Gewinne) dagegen nach denen der Philosophie.
198. (Um wieviel weiser als der Mensch ist das Tier) das in seinem Bedürfnis
weiß, wieviel es bedarf! Der (Mensch) dagegen sieht das nicht ein, wenn
er ein Bedürfnis hat.
199. Toren, denen das Leben verleidet ist, wollen trotzdem leben aus Angst vor
dem Hades.
200. Toren leben ohne Freude am Leben.
201. Toren wünschen sich langes Leben, ohne doch dessen froh zu werden.
202. Toren haschen nach dem Abwesenden, das Gegenwärtige dagegen, wenn es
auch vorteilhafter ist als das (ihnen) Entgangene, lassen sie umkommen.
203. Menschen, die vor dem Tode fliehen, laufen ihm gerade nach.
204. Toren können niemanden in ihrem ganzen Leben zufriedenstellen.
205. Toren wünschen sich das Leben, da sie den Tod fürchten statt des
Alters.
206. Toren wünschen sich das Alter aus Furcht vor dem Tode.
207. Nicht jede Lust soll man erstreben, sondern nur die mit Edlem verknüpfte.
208. Vaters Selbstbeherrschung ist für die Kinder die wirksamste Vermahnung.
209. Für einen genügsamen Magen gibt es niemals eine verkürzte
Nacht (?).
210. Das Glück beschert einen reichen Tisch, die Mäßigkeit einen
ausreichenden.
211. Mäßigkeit mehrt das Erfreuliche und macht das Vergnügen
noch größer.
212. Schlaf bei Tage verrät eine Störung des Körpers oder Niedergeschlagenheit,
Erschlaffung oder Unbildung der Seele.
213. Tapferkeit verringert die Schicksalsschläge.
214. Tapfer ist nicht nur der Besieger der Feinde, sondern auch der Besieger
seiner Lüste. Manche aber herrschen über Städte und dienen Weibern.
215. Der Segen der Gerechtigkeit ist zuversichtliches und unverblüffbares
Urteil, das Ende der Ungerechtigkeit aber ist Angst vor (kommendem) Unheil.
216. Weisheit, die sich nicht verblüffen läßt, ist alles wert,
denn sie verdient die höchsten Ehren.
217. Nur wem das Freveln verhaßt ist, den haben die Götter lieb.
218. Reichtum, der aus schimpflichem Gewerbe erwächst, besitzt einen um
so offenkundigeren Makel.
219. Wenn die Gier nach Geld nicht im Genughaben ihre Grenze findet, ist sie
noch viel schlimmer als die drückendste Armut. Denn größere Begehrlichkeit
erweckt größere Bedürfnisse.
220. Schlimmer Gewinn bringt Ehrverlust.
221. Hoffnung auf schlimmen Gewinn ist der Anfang des Verlustes.
222. Allzustarkes Geldanhäufen für die Kinder ist nur ein Vorwand,
durch die sich der eigentliche Charakter der Habgier verrät.
223. Wessen der Leib bedarf, das steht allen leicht sonder Mühe und Not
zu Gebote. Aber alles, was Mühe und Not erfordert und das Leben betrübt,
danach trägt nicht der Leib Verlangen, sondern die Ziellosigkeit des Urteils.
224. Die Gier nach Mehr verliert was sie hat, und gleicht darin dem Hunde bei Äsop.
225. Es ist Pflicht, die Wahrheit zu sagen, was ja auch viel vorteilhafter ist.
226. Freimut ist das Kennzeichen freier Gesinnung, aber die Gefahr liegt dabei
in der Abmessung des richtigen Zeitpunktes.
227. Die Geizigen teilen das Los der Biene: sie arbeiten, als ob sie ewig leben
würden.
228. Den Kindern karger (Väter) geht es, wenn sie in Unwissenheit heranwachsen,
wie den Tänzern, die über Schwerter Räder schlagen. Wenn sie beim
Niederkommen den einzigen Fleck nicht treffen, wo sie die Füße hinsetzen
müssen, sind sie verloren. Es ist aber schwierig den einen Fleck zu treffen.
Denn nur das Plätzchen für die Fußsohlen ist frei. So geht es
auch jenen. Wenn sie das väterliche Vorbild von Peinlichkeit und Kargheit
verfehlen, pflegen sie zugrunde zu gehen.
229. Sparen und Hungerleiden ist zwar nützlich, zu Zeiten aber auch Verschwenden.
Die richtige Entscheidung zu treffen ist Sache eines tüchtigen (Mannes).
230. Ein Leben ohne Feste ist ein langer Weg ohne Wirtshäuser.
231. Wohlverständig ist, wer sich nicht grämt um das, was er nicht
hat, sich vielmehr freut über das, was er hat.
232. Von Vergnügungen erfreut am meisten, was am seltensten kommt.
233. Überschreitet man das richtige Maß, so kann das Angenehmste zum
Unangenehmsten werden.
234. Gesundheit fordern die Menschen in ihren Gebeten von den Göttern. Sie
wissen aber nicht, daß sie selbst Macht darüber haben. Indem sie ihr
durch ihre Unmäßigkeit entgegenarbeiten, werden sie selbst infolge
ihrer Gelüste zu Verrätern an ihrer Gesundheit.
235. Allen, die den Lüsten des Bauches fröhnen und in Speise, Trank
oder Liebe das Maß überschreiten, dauern die Genüsse nur kurz
und nur während des Augenblicks, so lange sie eben essen und trinken; die
Leiden aber (danach) sind zahlreich (und langwierig). Diese Begierde stellt sich
eben stets wieder nach denselben Dingen ein, und sobald ihnen wird, was sie begehren,
ist der Genuß rasch verflogen und sie haben nichts davon als einen Augenblick
der Lust: dann stellt sich wieder dasselbe Bedürfnis ein.
236. Es ist schwer mit seinem Herzen zu kämpfen; aber der Sieg verrät
den überlegenden Mann.
237. Jede Rechthaberei ist unvernünftig; denn im Hinstarren auf den Schaden
des Feindes sieht sie den eigenen Vorteil nicht.
238. Denn wer sich nach dem Mächtigeren reckt, endet mit schlimmer Aufgeblasenheit.
239. Die Schurken halten die Eide, die sie in der Not schwören, nicht, sobald
sie durchgekommen sind.
240. Freiwillige Mühen gestalten das Ertragen unfreiwilliger leichter.
241. Fortgesetzte Arbeit macht sich leichter durch die Gewöhnung.
242. Mehr Leute werden durch Übung tüchtig als durch Anlage.
243. Alle Mühen sind angenehmer als die Ruhe, wenn man das Ziel der Mühen
erreicht oder weiß, daß man es erreichen wird. Bei jedem Mißlingen
aber ist alle Mühe in gleicher Weise lästig und peinvoll.
244. Auch wenn du allein bist, sprich, und tu nichts Schlechtes. Lerne aber dich
weit mehr vor dir selber schämen als vor den andern.
245. Wenn niemand den andern schädigte, würden die Gesetze nichts dagegen
haben, daß jeder nach eigenem Belieben lebte. Denn die Scheelsucht ist
die Quelle der Zwietracht.
246. Das Leben in der Fremde lehrt Genügsamkeit. Ein Stück Brot und
eine Streu sind hochwillkommene Mittel gegen Hunger und Ermattung.
247. Einem weisen Mann steht die ganze Welt offen. Denn das Vaterland einer trefflichen
Seele ist das Universum.
248. Das Gesetz will das Leben der Menschen wohl gestalten. Das ist ihm aber
(nur) möglich, wenn sie selbst den Wunsch haben wohl behandelt zu werden.
Denn denen, die ihm folgen, erweist es seine eigene Trefflichkeit.
249. Bürgerzwist ist für beide Parteien ein Unglück. Denn er gereicht
den Siegern wie den Besiegten in gleicher Weise zum Verderben.
250. Nur mit Eintracht lassen sich große Dinge, wie die Kämpfe der
Staaten, vollführen, anders nicht.
251. Die Armut in einer Demokratie ist dem gepriesenen Glücke bei den Despoten
gerade so sehr vorzuziehen wie die Freiheit der Knechtschaft.
252. Das Interesse des Staates soll man unter allen am höchsten stellen,
damit er gut verwaltet werde. Man darf dabei nicht durch Streitlust die Billigkeit
verletzen oder sich wider das allgemeine Beste irgend eine Gewalt anmaßen.
Denn ein wohlverwaltetes Staatswesen ist der größte Hort. Alles ist
darin beschlossen: ist dies gesund, dann ist alles gesund, und wenn es zugrunde
geht, dann geht alles zugrund.
253. Den wackeren (Bürgern) ist es nicht zuträglich ihr Eigentum zu
vernachlässigen, um fremde (Geschäfte) zu treiben. Denn (sonst) pflegt
es um die eigenen schlecht zu stehen. Wenn man aber die öffentlichen vernachlässigen
wollte, wird sich ein übler Ruf bilden, auch wenn man nichts stiehlt oder
(sonst) begeht. Droht doch selbst dem, der nichts vernachlässigt oder begeht,
die Gefahr in üblen Ruf, ja sogar in Ungelegenheiten zu geraten. Es ist
ja unvermeidlich, Fehler zu begehen, aber recht schwer, die Verzeihung der Menschen
dafür zu erhalten.
254. Je unwürdiger die schlechten Bürger, die Ehrenämter antreten,
dazu sind, um so nachlässiger werden sie und um so mehr zeigen sie sich
von Torheit und Frechheit geschwollen.
255. Wenn die Vermögenden es über sich gewinnen den Unvermögenden
vorzustrecken und beizuspringen und wohl zu tun, so liegt bereite hierin das
Mitleid und das Nichtalleinsein und die Verbrüderung und die gegenseitige
Hilfe und die Eintracht der Bürger und andere gute Dinge, die Niemand (alle)
aufzählen könnte.
256. Gerechtigkeit heißt: seine Pflichten erfüllen, Ungerechtigkeit:
seine Pflichten nicht erfüllen, sondern beiseite schieben.
257. Mit dem Töten und Nichttöten gewisser Tiere steht es so: wer schadenbringende
und schadenwollende tötet, bleibt straflos; und es trägt zum (allgemeinen)
Besten mehr aus, dies zu tun als es zu unterlassen.
258. Alles, was widerrechtlich Schaden bringt, muß man um jeden Preis töten.
Wer dies tut, wird in jeder Verfassung mehr Ruhe und Recht und Vertrauen und
Besitz beanspruchen dürfen.
259. Wie Gesetze erlassen sind gegen feindliches Getier und Gewürm, so,
mein ich, sollte man es auch gegen Menschen machen. Nach den hergebrachten Gesetzen
sollte man einen Staatsfeind in jeder Verfassung töten dürfen, in der
es ein Gesetz nicht verbietet. Gesetzwidrigen (Mord) verbieten aber einzelne
Landesheiligtümer, Verträge und Vereidigungen.
260. Jeden Straßen- und Seeräuber zu töten, sollte jedem straflos
gestattet sein; mag dies mit eigener Hand oder durch Anstiftung (eines anderen)
oder durch (richterliche) Abstimmung geschehen.
261. Unrecht Leidenden muß man nach Kräften beispringen und es nicht
geschehen lassen. Denn solches Verhalten ist gerecht und brav, das Gegenteil
aber ungerecht und feig.
262. Zu verurteilen und nicht freizusprechen sind auch die, welche Verbrechen
begehen, auf denen Verbannung und Einkerkerung steht, oder solche, die bußfällig
sind. Wer dagegen widergesetzlich freispricht nach Gewinn oder nach Belieben
urteilend, ist ein Verbrecher, und das muß ihm am Herzen nagen.
263. Den größten Anteil an Gerechtigkeit und Tüchtigkeit hat
der zu beanspruchen, der die größten Belohnungen (an die würdigsten)
verteilt.
264. Man soll sich vor den anderen Menschen nicht mehr schämen als vor sich
selber und um nichts mehr etwas Böses tun, ob es niemand erfahren wird oder
ob alle Leute. Vielmehr soll man sich vor sich selbst am allermeisten schämen,
und das sollte als Gesetz in (jedes) Seele geschrieben stehen: tue nichts Unnützes!
265. Die Menschen erinnern sich mehr an das Verfehlte als an das Gelungene. Und
das ist ja auch so ganz in der Ordnung. Denn wie nicht der Lob verdient, der
anvertrautes Gut zurückgibt, wohl aber der, der es nicht tut, üblen
Ruf und Strafe, so steht's auch mit dem Beamten. Denn er ist ja nicht dazu gewählt
worden, seine Sache schlecht zu machen, sondern gut.
266. Nach der jetzt bestehenden (Verfassungs)form gibt es kein Mittel für
die Beamten, selbst wenn sie sehr tüchtig sind, zu verhüten, daß diese
ihnen Unrecht tue. Denn es ziemt sich nicht, daß der Beamte einem andern
als sich selbst (verantwortlich sei, oder daß der, der über andre
geherrscht hat, über's Jahr) selbst in die Gewalt anderer gerate. Aber es
muß doch auch dieser (Mißstand) irgendwie (und zwar) so geordnet
werden, daß (der Beamte) der sich nichts zu schulden kommen läßt,
wenn er die Schuldigen auch noch so scharf anfaßt, nicht in jener Gewalt
geraten könne, sondern daß irgend ein Gesetz oder eine sonstige (Einrichtung)
den Mann, der der Gerechtigkeit waltet, schütze.
267. Das Herrschen ist dem besseren (Mann) von Natur eigen.
268. Einschüchterung bewirkt Liebedienerei, Zuneigung aber bringt sie nicht.
269. Mut ist der Tat Anfang, doch das Glück entscheidet über das Ende.
270. Verwende deine Diener wie deine Leibesglieder, den einen zu diesem, den
anderen zu jenem (Dienste.)
271. Liebesschmollen löst nur Liebeszärtlichkeit (?).
272. (D. sagte:) Wer mit seinem Eidam Glück hat, findet einen Sohn, wer
Unglück, verliert eine Tochter obendrein.
273. Das Weib ist viel rascher bei der Hand Ränke zu spinnen als der Mann.
274. Wenig Reden ist ein Schmuck des Weibes; schön ist aber auch Einfachheit
im Schmuck.
275. Kindererziehung ist eine unsichere Sache. Wenn's glückt, so ist es
eitel Kampf und Sorge gewesen; wenn's aber mißglückt, ist der Kummer
darüber mit keinem anderen zu vergleichen.
276. Meines Bedünkens sollte man auf Nachkommenschaft verzichten. Denn ich
erblicke im Kinderbesitz viel schwere Gefahren und viel Trübsal, dagegen
wenig Segen und auch dies nur in geringem und schwachem Maße.
277. Wer irgend eine Nötigung hat, sich Nachkommenschaft zu sichern, tut
dies meines Bedünkens besser durch Adoption von Freundeskindern. Dann wird
er auf diesem Wege einen Knaben bekommen, wie er ihn wünscht. Denn er kann
sich einen auswählen, wie er ihn will; und wer dazu tauglich zu sein scheint,
wird ihm wohl auch infolge seiner Naturanlage am meisten folgen. Und dabei ergibt
sich folgender Unterschied: hier kann man den Knaben nach Herzenswunsch aus einer
Menge, so wie man ihn braucht, auswählen: zeugt man ihn aber sich selbst,
so sind viele Gefahren dabei: denn man muß doch mit dem, der einem gerade
geboren wird, vorlieb nehmen.
278. Die Menschen glauben, es gehöre von Natur wie nach einer alten Gesellschaftsordnung
zu den notwendigen (Pflichten,) für Nachkommenschaft zu sorgen; ebenso (steht
es) offenbar auch bei den übrigen Lebewesen. Denn alle bringen Junge zur
Welt, der Natur gehorchend, ohne jeden (eigenen) Nutzen. Im Gegenteil, wenn sie
geboren sind, müht sich jedes ab und zieht sie auf, so gut es geht, und ängstigt
sich um sie ab, so lange sie noch klein sind, und härmt sich, falls ihnen
etwas zustößt. So ist der natürliche Instinkt bei allen Wesen,
die eine Seele besitzen. Bei dem Menschen dagegen hat es sich schon zu einer
gewöhnlichen Anschauung ausgebildet, daß man auch einen gewissen Vorteil
von seinem Sprößling erwartet.
279. Soweit es sich nur immer ausführen läßt, soll man sein Vermögen
unter die Kinder verteilen und zugleich die Hand darüber halten, daß sie
mit dem, was sie in Händen haben, keine Tollheit begehen. Denn einmal werden
sie viel sparsamer mit dem Gelde wirtschaften lernen und eifriger im Erwerbe
sein, und es entsteht ein Wetteifer unter einander. Denn in einer gemeinsamen
(Wirtschaft) schmerzen die Ausgaben nicht so wie im getrennten Haushalte, und
die Einnahmen erfreuen nicht ebenso, sondern viel weniger.
280. Es ist möglich, ohne viel vom Eigenen aufzuwenden, die Kinder zu erziehen
und (dadurch) zugleich um ihr Vermögen und ihr Leben eine rettende Mauer
zu ziehen.
281. Wie bei den Geschwüren der Krebs die schlimmste Krankheit ist, so beim
Vermögen das Angliedern angrenzenden Besitzes (?).
282. Geldausgeben mit Verstand dient dazu, sich freigebig und volksfreundlich
zu erweisen, ohne Verstand aber ist es eine fürs Gemeinwohl (unnütze)
Protzerei.
283. Armut, Reichtum: Worte für Entbehrung und Überfluß. Mithin
ist, wer entbehrt, nicht reich, und wer nicht entbehrt, nicht arm.
284. Wenn du nicht nach vielem begehrst, wird dir das Wenige viel scheinen. Denn
geringes Begehren verleiht der Armut dieselbe Stärke wie dem Reichtum.
285. Man soll einsehen, daß das menschliche Leben schwach und kurzdauernd,
und daß es mit zahlreichen Schädlichkeiten und Schwierigkeiten verknüpft
ist, auch nur mäßigen Besitz zu verwalten und unmäßige
Mühe auf das Notdürftige zu verwenden.
286. Glücklich, wer bei geringem Vermögen wohlgemut, unglücklich,
wer bei großem mißmutig ist.
287. Gemeinsame Not ist schlimmer als die des einzelnen; denn da bleibt keine
Hoffnung auf Beistand.
288. Es gibt Krankheit des Hauses und des Lebens wie des Leibes.
289. Unüberlegtheit ist es, den Zwangslagen des Lebens keine Rechnung zu
tragen.
290. Das unbotmäßige Leid einer schmerzerstarrten Seele banne durch
Vernunft.
291. Armut mit Würde zu tragen ist ein Zeichen von Selbstzucht.
292. Unsinnig sind der Unverständigen Hoffnungen.
293. Leute, denen des Nächsten Unglück Wohlgefallen bereitet, sehen
nicht ein, daß des Schicksals Wechsel allen gemeinsam ist; sie sind auch
arm an Freude im eigenen Hause.
294. Kraft und Schönheit sind Vorzüge der Jugend, die des Alters aber
ist Blüte der Besonnenheit.
295. Der Greis ist einmal jung gewesen, ob der Jüngling aber das Greisenalter
erreichen wird, ist noch ungewiß. So ist das abgeschlossene Gut besser
als das noch in der Zukunft liegende und unsichere.
296. Alter ist eine Verstümmelung bei ganzem Leibe: alles hat es, und allem
fehlt etwas.
297. Manche Leute, die von der Auflösung der menschlichen Natur nichts wissen,
sich dagegen ihres schlechten Lebenswandels wohl bewußt sind, mühen
sich ihre Lebenszeit in Unruhen und Ängsten ab, indem sie über die
Zeit nach dem Ende erlogene Fabeln erdichten.
298. Seine eigenen.
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