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Boethius Anicius Manlius Severinus
Trost der Philosophie
Fünftes Buch
Außerdem hätte dann aber auch alles Hoffen und
alles Beten gar keinen Sinn mehr. Denn was sollen wir hoffen oder erbitten,
wenn alles, also auch das, was wir uns wünschen, in der unabänderlichen
Folge der Geschicke schon jetzt vorherbestimmt ist? Damit würde aber
der einzige unmittelbare Verkehr zwischen Gott und den Menschen hinwegfallen,
der eben im Hoffen und im Gebet besteht. Können wir durch schuldige
Demütigung das unschätzbare Gut der göttlichen Gnade erlangen,
so ist dies eben die einzige Art, wie die Menschen mit Gott in Verbindung
treten und des unerreichbaren Gotteslichtes, schon bevor sie zu seiner
Herrlichkeit eingehen, teilhaftig werden können! Nehmen wir aber
eine unabänderlich vorherbestimmte Zukunft an, so verlieren Hoffnung
und Gebet ihre Kraft, und wie vermöchten wir dann noch zur Vereinigung
und Verbindung mit dem höchsten Lenker aller Dinge zu gelangen?!
Dann könnte man wirklich mit den Worten deines Liedes sagen, daß
das Menschengeschlecht, von seinem ewigen Quell getrennt, verwelken und
verfallen müßte!«
Was untergräbt die Verknüpfung der
Dinge?
Welche Gottheit reizte die Wahrheit
gegen die Wahrheit zu heftigem Kampfe?
Jede für sich ward nimmer bezweifelt,
nicht aber gelten sie nebeneinander.
Oder besteht hier keinerlei Zwiespalt?
Muß nicht zum Wahren sich fügen das Wahre?
Ach, unser Geist in den Banden des Körpers
kann bei der schwächeren Flamme des Lichtes
nicht mehr die feinsten Verknüpfungen finden!
Aber weshalb denn begehrt er so glühend
nach der verschleierten Wahrheit Erkenntnis?
Weiß er denn, was er sich müht zu erkennen?
- Wer aber strebt nach erlangter Erkenntnis? -
Weiß er es nicht: was sucht er so blind dann?
- Keiner begehrt doch, was nicht er erkannte,
keiner erstrebt doch so dunkele Ziele! -
Wo soll er suchen? Und wenn er gefunden,
woran erkennen, es sei das Ersehnte?
Einst hat erkannt er mit göttlicher Klarheit
nicht nur das Ganze, das Einzelne gleichfalls.
Aber auch jetzt, in den Banden des Körpers,
hat er nicht gänzlich vergessen des Ursprungs,
schaut noch das Ganze, doch nicht mehr die Teile!
Also der Mensch, wenn er strebt nach der Wahrheit.
nicht mehr erkenntlich erblickt er die Ziele.
Aber ein Ahnen verblieb ihm im Herzen:
Ans Allgemeine sich immer erinnernd,
zieht er zu Rate das droben Geschaute,
daß an der Hand des geretteten Wissens
wieder er finde verlorene Wahrheit!
Hieraus entgegnete die Philosophie: »Der Streit über
die Vorsehung ist schon sehr alt. Auch Cicero hat ihn in seiner Untersuchung
über die Gabe des Voraussehens lebhaft erörtert, du selbst hast
lange und viel darüber nachgedacht, aber trotzdem ist noch niemand
mit ausreichendem Fleiß und der erforderlichen Folgerichtigkeit
bis zur Erkenntnis der Wahrheit durchgedrungen. Daß die Frage immer
in Dunkel gehüllt geblieben ist, kommt aber daher, daß die
Kraft menschlicher Gedankenarbeit das einfache Wesen des göttlichen
Vorherwissens eben nicht zu erfassen vermag. Könnte sie es, so würden
ihr damit sofort alle Zweifel für immer gelöst sein.
Ich werde nun versuchen, die Frage zu erörtern und aufzuklären;
vorher aber will ich noch etwas näher auf dasjenige eingehen, was
dich in dieser Sache so mächtig beunruhigt. Ich frage dich also,
warum du jene von dir erwähnte Erklärungsweise für unannehmbar
hältst, die da behauptet, daß die göttliche Voraussicht
der Freiheit des Willens deswegen nicht entgegenstehe, weil sie nicht
der Grund für die Notwendigkeit des Eintretens zukünftiger Ereignisse
sei. Du kannst also diese Notwendigkeit, ganz abgesehen von dem Verhältnis
von Grund und Folge, nur so verstehen, daß das im voraus Erkannte
eben auch wirklich geschehen muß. Wenn also, wie du vorhin sagtest,
die Notwendigkeit künftiger Ereignisse nicht durch das Vorherwissen
selber bewirkt ist, wodurch sind dann die aus freiem Willen beruhenden
Geschehnisse in dieser ganz bestimmten Weise zur Vollendung gebracht?
Nehmen wir doch, damit tu dir über die Folgen klar wirst, beispielsweise
einmal an, es gebe kein Vorherwissen: dann kann doch von dieser Seite
her die Notwendigkeit der auf freiem Willen beruhenden Ereignisse nicht
bewirkt werden. Nicht wahr?« - »Gewiß nicht!«
- »Nehmen wir nun aber an, es gebe ein Vorherwissen, dasselbe sei
aber nicht der bewirkende Grund für die Notwendigkeit der Ereignisse,
so bleibt meiner Ansicht nach die Freiheit des Willens voll und unbeschränkt
bestehen.
Darauf wirst du vielleicht entgegnen, daß das Vorherwissen, wenn
es auch nicht selbst die Notwendigkeit des Geschehens begründe, doch
ein Zeichen dafür sei, daß irgend etwas notwendigerweise eintreten
werbe. Damit wäre aber doch, auch abgesehen von allem Vorhererkennen,
die Notwendigkeit des zukünftigen Geschehens angenommen. Jedes Zeichen
zeigt eben etwas Thatsächliches an, wenn es dies auch nicht selber
bewirkt. Es muß also vorerst dargethan werden, daß alles mit
Notwendigkeit geschehe, damit dann die Vorsehung das Zechen für diese
Notwendigkeit sein könne. Wenn die Notwendigkeit nicht bestände,
so könnte auch die Vorsehung kein Zeichen von ihr sein. Ein sicherer
beweis, wirst du dann weiter sagen, kann aber nicht auf derartige bloße
Zeichen und von außen her genommene Argumente gestützt werden,
sondern nur auf zusammenhängende, wirklich notwendige Gründe.
Ja, wie ist es nun aber bei alledem denkbar, daß das, was bestimmt
vorhergesehen wird, auch nicht eintreten könne?! Wir glauben doch
einerseits nicht, daß die Ereignisse, deren Geschehen die Vorsehung
im voraus geschaut hat, nicht eintreten werden, andererseits sind wir
ebensowenig der Ansicht, daß solche Ereignisse, wenn sie wirklich
eintreten, allein durch die in ihnen wirkende Naturnotwendigkeit veranlaßt
worden sind. Folgendes Beispiel mag dies noch deutlicher zeigen: wir sehen
doch viele Dinge sich vor unseren Augen vollziehen, wir sehen z.B. die
Thätigkeit der Rosselenker auf dem Wagen, wie sie das Gespann leiten
und es ausbiegen lassen; und viele ähnliche derartige Dinge. Wird
nun irgend eins derselben völlig durch die Notwendigkeit in seinem
Verlaufe bestimmt?«
»Gewiß nicht,« sagte ich. »Alle Geschicklichkeit
wäre ja ohne Zweck und Wirkung, wenn alles gezwungen seinen Gang
ginge!«
»Was also bei seinem Geschehen nicht notwendig war,« fuhr
sie fort, »das war auch vorher schon zukünftig, ohne deswegen
auch notwendig zu sein. Es giebt also zukünftige Dinge, deren Eintreten
von jeder Notwendigkeit völlig frei ist. Niemand wird doch behaupten,
daß jetzt thatsächlich geschehende Dinge früher nicht
zukünftig gewesen seien. Solche Dinge haben also, auch wenn sie vorhergesehen
werden, dennoch Freiheit in ihrem Geschehen. Denn ebensowenig wie das
Wissen von gegenwärtigen Dingen für das, was jetzt geschieht,
so bewirkt auch das Vorherwissen der Zukunft keine Notwendigkeit für
die zukünftigen Ereignisse.
Nun wirst du allerdings sagen, daß ja gerade dies bezweifelt werde,
ob es von Dingen, deren Eintreten zweifelhaft sei, überhaupt ein
Vorherwissen geben könne. Es scheint dir dies ein Widerspruch zu
sein und du glaubst, daß aus dem Vorherwissen auch die Notwendigkeit
des Eintreffens folgen müsse, daß ohne Notwendigkeit kein Vorherwissen
bestehen und daß wahres Wissen immer nur etwas ganz Bestimmtes erfassen
könne. Wenn aber Dinge, deren Geschehen ungewiß ist, als ganz
bestimmt vorausgesehen werden, so sei dies nur eine unsichere Vermutung
und kein wahres Wissen. Mit der Reinheit wirklichen Wissens sei es unvereinbar,
daß dasselbe eine Sache anders auffasse, als wie sich diese thatsächlich
verhalte.
Diese ganze Ansicht ist aber irrtümlich und zwar deshalb, weil sie
davon ausgeht, daß alles, was man weiß, nur nach der Natur
und dem Wesen des Gewußten selber erkannt wird. In Wahrheit ist
aber gerade das Gegenteil der Fall, denn alles, was erkannt wird, wird
nicht nach seinem eigenen Wesen, sondern vielmehr nach der geistigen Veranlagung
des Erkennenden aufgefaßt. Um dies an einem einfachen Beispiel klar
zu machen: dieselbe runde Gestalt eines Körpers wird durch das Gesicht
anders als durch den Tastsinn erkannt. Ersteres erfaßt und umfaßt
aus der Entfernung mit einem Blicke das Ganze. Letzterer tritt an das
Objekt selbst heran und indem er sich von ringsher an dasselbe anschmiegt,
erkennt er durch die Gesamtheit der einzelnen Berührungen die Rundung
der Form.
Auch der Mensch selbst erscheint den Sinnen anders als der Einbildungskraft,
noch anders dem Verstande, noch anders endlich der unmittelbar anschauenden
Vernunft. Die Sinne nämlich erkennen die Gestalt in der sie bildenden
Materie, die Einbildungskraft aber als solche, ohne diese Materie; darüber
hinaus aber geht der Verstand und faßt die einzelnen Erscheinungen
zu einer Gesamtheit zusammen. Noch vollkommener aber ist die Anschauung
der reinen Vernunft. Diese bildet nicht erst induktiv eine Gesamtheit,
sondern die schaut unmittelbar durch die ungetrübte Kraft des Geistes
die einfache Idee des Menschen an sich.
Hierbei ist aber noch eines höchst beachtenswert: die höhere
Art und Form der Auffassung umfaßt nämlich auch die niedere,
diese kann sich aber niemals zu jener erheben. Die Sinne können niemals
etwas anderes als die Materie, die Einbilbungskraft kann nie den aus der
Allgemeinheit gewonnenen Begriff, der Verstand aber niemals die einfache
Idee selbst erfassen. Die reine Vernunft dagegen Schaut gleichsam aus
der Höhe herab, und wenn sie die Idee einmal erfaßt hat, so
erkennt sie auch alles ihr Untergeordnete und zwar auf eben dieselbe Weise,
wie sie auch die von keinem sonst geschaute Idee selbst erkannt, hatte.
Denn auch den allgemeinen Begriff des Verstandes, die stofflosen Gestalten
der Einbildungskraft und die sinnliche Materie erkennt sie nicht durch
eben den Verstand, die Einbildungskraft und die Sinne, sondern mit einem
einzigen Blicke des Geistes, sozusagen ideell, erfaßt sie das Ganze.
Ebenso erkennt auch der Verstand, wenn er den allgemeinen Begriff eines
Dinges erfaßt hat, zugleich auch das Vorstellbare und das Sinnliche
dieses Dinges ohne Einbildungskraft und ohne die Sinne. Er faßt
nämlich seinen allgemeinen Begriff so: der Mensch ist ein auf zwei
Beinen gehendes, vernunftbegabtes Lebewesen. Dies ist nun zwar ein allgemeiner
Begriff aber jeder weiß sofort, daß ihm ein vorstellbares
und sinnlich wahrnehmbares Objekt zu Grunde liegt, das der Verstand nicht
durch die Einbildungskraft oder die Sinne, sondern durch Begriffliches
erkennen aufgefaßt hat. Auch die Einbildungskraft, die allerdings
auf den Sinnen beruht, mittelst deren wir anschauend oder tastend die
Gestalten erkennen: auch sie erkennt das Sinnliche nicht durch Sinnliches
Erfassen, sondern einzig und allein durch die Vorstellung.
Siehst du nun ein, wie beim Erkennen die Erkennenden mehr nach ihrer eigenen
Art und Anlage die Dinge erfassen, als nach der Natur dieser letzteren
selbst? Und das hat auch seinen guten Grund! Denn da jedes Urteil ein
Thätigwerden des Urteilenden ist, so muß dieser seine Thätigkeit
doch notwendigerweise durch seine eigene Kraft und nicht durch eine fremde
erfüllen!
Trüb und dunkel erscheint uns jetzt
jener stoischen Greise Wort:
daß sich alles Empfinden nur,
alle Bilder, von außen her
prägen uns in den Geist hinein,
wie mit eilendem Griffel oft
auf geglätteter Tafel Plan,
der noch nimmer empfing die Schrift,
Zeichen bildet der Druck der Hand.
Doch wenn eigene Kräfte nichts
zeigen könnten dem Menschengeist,
wenn er immer geduldig nur
müßt' empfangen von außen her,
wiedergeben, ein Spiegel nur,
leere Bilder der Wirklichkeit:
woher kämen dem Menschengeist
allumfassende Kräfte dann,
der das Einzelne klar durchschaut,
der zergliedert Erkanntes auch,
dann es wieder vereint erfaßt?!
Wechselnd wählt er die Wege sich:
Hebt zum Himmel das Haupt empor,
steigt hinab in der Erde Schoß,
zieht sich dann in sich selbst zurück,
weist am Wahren das Falsche nach.
So ist immer des Menschen Geist
machtvoll thätig und nimmt fürwahr
nicht bloß duldend den Eindruck auf,
den der äußere Stoff bewirkt.
Zwar den lebenden Körper trifft,
ihm erregend des Geistes Kraft,
stets ein äußerer Eindruck erst:
wenn das Auge das Licht erblickt,
wenn zum Ohre die Stimme dringt
Dann des Geistes erregte Kraft
weckt bewegend im Herzen auf
gleichgestimmter Ideen Schar,
prüft nach ihnen das äußre Ding,
reiht das neu gefundene Bild
ein in die Schätze des Geistes!
Wenn also in dieser Weise bei der Wahrnehmung körperlicher
Gegenstände, obgleich zunächst nur außer uns liegende
Eigenschaften derselben auf unsere Sinne wirken und dem Thätigwerden
unserer Geisteskräfte ein auf den Körper gemachter Eindruck
vorausgeht, der die Thätigkeit des Geistes auf sich richtet und die
bisher im Innern schlummernden Ideen erweckt: ich sage, wenn bei einer
solchen Wahrnehmung körperlicher Gegenstände der Geist nicht
direkt von außen affiziert wird, sondern von sich aus, aus eigener
Kraft über die auf den Körper ausgeübten eindrücke
urteilt: wieviel mehr wird dann noch ein von aller körperlichen Einwirkung
ganz freies Wesen in seinen Urteilen nicht an die äußeren Objekte
gebunden sein und eine freiere Bethätigung seines Geistes entfalten!
Es ist in dieser Weise den verschiedenen Wesen auch ein vielfach abgestuftes
Erkenntnisvermögen zu teil geworden. Nur die Sinne allein, ohne alle
anderen Erkenntnismittel, besitzen die unbeweglichen Geschöpfe, wie
z.B. die Muscheln des Meeres und alle diejenigen Gebilde, die an den Felsen
festgewachsen leben. Die Einbildungskraft würde den beweglichen Tieren
beschieden, bei denen wir schon bestimmte Seelische Regungen, finden,
kraft deren sie das eine fliehen, das andere aber begehren. Verstand besitzt
nur das Menschengeschlecht und die höchste Vernunft endlich ist allein
der Gottheit eigen. Dabei ist nun diejenige Erkenntnis den anderen überlegen,
die ihrer Natur nach nicht nur das ihr speciell, sondern auch das den
übrigen Erkenntnisarten Zugängliche erfaßt.
Wie wäre es nun aber, wenn z.B. die Sinne und die Einbildungskraft
sich gegen den Verstand erhöben und dem Allgemeinen, das jener zu
schauen vorgiebt, die Wirklichkeit absprächen? Wenn sie sagten: was
sinnlich wahrnehmbar und vorstellbar ist, das kann nichts Allgemeines
sein. Hätte also der Verstand recht, so würde das Sinnliche
gar nicht wirklich existieren. Da es aber unbestreitbar ist, daß
es gar vielerlei Sinnliches und Vorstellbares giebt, so sind die Begriffe
des Verstandes völlig leer, da sie das konkrete, sinnlich wahrnehmbare
Einzelding als etwas; Allgemeines, als einen bloßen Begriff auffassen.
- Wenn nun der Verstand darauf antwortete, daß er auch das Sinnliche
und Vorstellbare in seinen allgemeinen. Begriffen mit begreife, daß
aber jene anderen Erkenntnisarten sich gar nicht zu der Erfassung des
Allgemeinen erheben könnten, da eben ihr Erkenntnisvermögen
nicht über sinnliche Erscheinungen hinauskomme, daß man sich
aber doch jedenfalls bei der Erkenntnis der Dinge, immer an das zuverlässigere
und vollkommenere Urteil halten müsse: würden dann wir, denen
sowohl die Kraft des Verstandes als auch die Einbildungskraft und die
sinnliche Wahrnehmung gegeben ist, uns in diesem Streite nicht viel eher
auf die Seite des Verstandes als auf die seiner Gegner stellen müssen?!
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