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Boethius Anicius Manlius Severinus
Trost der Philosophie
Fünftes Buch
Als die Philosophie ihren Gesang beendet hatte, wollte
sie das Gespräch auf andere Betrachtungen und Untersuchungen hinüberlenken.
Ich aber ergriff das Wort und sagte; »Du bist kraft deiner Autorität
in jeder Weise befugt, diese an sich schon so wohl begründete Ermahnung
auszusprechen. Ich sehe jetzt übrigens in der That ein, daß
die Frage nach der Vorsehung, wie du vorhin schon bemerktest, mit vielen
andern wichtigen Fragen aufs engste verknüpft ist. Zunächst
aber möchte ich nun wissen, ob du überhaupt an einen Zufall
glaubst und was du als solchen bezeichnest!«
Darauf entgegnete sie: »Ich will mich beeilen, mein Versprechen
einzulösen und dir den Weg zu erschließen, auf dem du wieder
in deine wahre Heimat zurückzugelangen vermagst. In betreff der von
dir gestellten Frage ist es nun aber einerseits zwar sehr nützlich,
darüber ins klare zu kommen, andererseits aber führt sie uns
für ein Weilchen von unserem Hauptthema ab und ich fürchte fast,
daß dich diese Abschweife ermüden und zur Vollendung des rechten
Weges unfähig machen könnten!«
»Das brauchst du durchaus nicht zu fürchten!« erwiderte
ich. »Die Erlangung dieser so heiß ersehnten Erkenntnis wird
mir vielmehr eine Beruhigung sein, zumal ich bei der überzeugenden
Kraft, die deine Ausführungen bisher nach jeder Richtung hin bewährt
haben, auch im folgenden sicher zur vollsten Klarheit zu gelangen hoffen
darf!«
»Gut,« sagte sie, »so will ich dir willfahren.«
Und nun begann sie folgendermaßen: »Wenn jemand unter Zufall
ein ganz von selbst, außerhalb jeder ursächlichen Verknüpfung
vor sich gehendes Ereignis versteht, dann behaupte ich allerdings, daß
es überhaupt keinen Zufall giebt und daß dieses Wort, wenn
man auch etwas thatsächlich Geschehendes damit bezeichnet, dennoch
an sich völlig bedeutungslos ist. Wo könnte denn bei der alles
ordnenden Thätigkeit Gottes ein solcher Zufall noch seine Stätte
haben?
Daß aus nichts auch nichts entstehen kann, ist ein wahrer Satz und
auch von den Alten niemals bezweifelt worden, wenn diese dabei auch mehr
an das Entstehen aus realer Materie, als an das Bewirktwerden von einer
ursächlichen Kraft gedacht haben. Aber in jenem Satz an sich haben
sie den Grundstein gelegt für alle denkende Naturbetrachtung.
Wenn nun etwas ohne alle Ursache geschehen soll, so entsteht es eben aus
nichts, und da dies unmöglich ist, so ist eben auch kein Zufall in
dem vorhin bezeichneten Sinne möglich!«
»Du meinst also,« warf ich ein, »daß gar nichts
mit Recht als Zufall bezeichnet werden kann? Oder giebt es etwas Derartiges,
wenn auch die Menschen die Bezeichnung Zufall meist in unrichtiger
Weise gebrauchen?«
»Mein Jünger Aristoteles,« antwortete sie, »hat
diese Fragen in seinem Werke Physika in kurzer und der Wahrheit
am nächsten kommender Weise beantwortet.«
»Wie aber?« fragte ich.
»Er sagt folgendermaßen: Wenn jemand irgend etwas zu einem
bestimmten Zwecke vornimmt und wenn er dann aus gewissen Gründen
etwas ganz anderes als das Erwartete damit erreicht, so nennt man das
einen Zufall; so z.B. wenn jemand, um seinen Acker zu bestellen, den Boden
umgräbt und dabei eine Summe gemünzten Goldes findet. Hier scheint
nun zwar ein Zufall vorzuliegen, aber in Wirklichkeit ist doch dies Ereignis
durchaus nicht durch nichts bewirkt, es hat vielmehr seine ausreichenden
Ursachen, deren unvorherzusehendes und überraschendes Zusammentreffen
den Schein der Zufälligkeit erweckte. Hätte nämlich der
Landmann seinen Acker nicht umgegraben und hätte nicht gerade dort
irgend jemand sein Gold verscharrt gehabt, so wäre eben das Gold
nicht gefunden worden. Das Wesen eines sogenannten zufälligen Ereignisses
besteht also kurz darin, daß es durch das Zusammentreffen mehrerer
voneinander unabhängiger Ursachen ohne jede Absicht des Betreffenden
geschieht. Denn nieder derjenige, der das Gold vergrub, noch derjenige,
der seinen Acker bestellte, hatten dabei die Absicht, daß das Gold
in dieser Weise gefunden werde, sondern es trafen eben die beiden ganz
selbständigen Ereignisse zusammen, daß dieser gerade an der
Stelle grub, wo jener sein Gold verscharrt hatte. Wir gewinnen damit also
die folgende Definition des Zufalls: Der Zufall besteht darin, daß
durch eine auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Thätigkeit ein ganz
unerwarteter, durch verschiedene selbstständige zusammentreffende
Ursachen bewirkter Effekt erzielt wird. Das Zusammentreffen und das Zusammenwirken
dieser Ursachen erfolgt auf Grund eben jener in unabänderlicher Verknüpfung
bestehenden Ordnung, die, von der Vorsehung als von ihrer Quelle ausgehend,
alles nach Ort und Zeit regelt und bestimmt.«
Droben im zackigen Persergebirg', wo fliehende Scharen,
plötzlich gewendet, ins Herz jagen dem Sieger den Pfeil,
Fließen aus einem Quell der Euphrat her und der Tigris;
aber getrennt alsbald wälzen die Wasser sie hin.
Wenn aber wieder versöhnt in dem nämlichen Bette sie gleiten,
wird die schwimmende Last beider in eine vereint.
Schiffe gesellen sich dann und stromgetragene Stämme,
seltsame Bande knüpft oft die vereinigte Flut!
Aber den wechselnden Lauf, ihn regiert die Gestaltung der Erde,
auch im Strudel und Fluß herrscht des Gefälles Gesetz.
Also der Zufall auch, der scheinbar zügelbefreite,
treu und gehorsam stets feste Gesetze befolgt!
»Ich verstehe das,« sagte ich hierauf,
»und stimme deinen Ausführungen vollkommen bei. Ist denn nun
aber in dieser großen Reihe in sich zusammenhängender Ursachen
und Wirkungen überhaupt noch Raum für die Freiheit unseres Willens
oder sind auch die Regungen der Menschenseele gänzlich und unbedingt
der Verkettung des Schicksals unterworfen?«
»Nein,« antwortete sie, »es giebt einen freien Willen
und vernunftbegabte Wesen sind ohne ihn überhaupt gar nicht denkbar.
Was nämlich von der Natur mit der Gabe des Vernunftgebrauchs beschenkt
ist, das hat damit auch die Fähigkeit zu urteilen und zu entscheiden
bekommen und erkennt aus eigener Kraft, was es fliehen und was es sich
wünschen muß. Was aber jemand für wünschenswert hält,
das sucht er zu erlangen, und demjenigen weicht er aus, vor dem er sich
hüten zu müssen glaubt. So hat also derjenige, der Urteilskraft
besitzt, auch die Freiheit, zu wollen oder nicht zu wollen. Allerdings
ist aber diese Freiheit nicht bei allen die gleiche: die erhabenen göttlichen
Wesen haben zwar ein untrügliches Urteil, uneingeschränkte Willensfreiheit
und auch die Macht, das Gewünschte Sofort zu verwirklichen. Die menschlichen
Seelen aber sind am freiesten, wenn sie noch ganz in der Betrachtung des
göttlichen Geistes verharren, weniger frei, wenn sie in Körper
eingehen und noch weniger, wenn sie in den gegliederten irdischen Leib
hineingebannt werden. Die äußerste Knechtschaft ist es aber,
wenn sie sich den Lastern hingeben und damit den Besitz der Vernunft verlieren,
die den Menschen doch eigentlich erst zum Menschen macht. Denn wenn sie
ihre Augen vom Lichte der ewigen Wahrheit abwenden und sie auf die niedrigen,
dunklen Dinge richten, dann wird sie bald der Nebel des Wahnes völlig
umhüllen und verderbliche Leidenschaften werden sie beunruhigen.
Aber gerade durch die Hingabe an diese Leidenschaften verschärfen
sie sich noch die selbstgeschaffene Knechtschaft und machen sich gewissermaßen
kraft der Freiheit ihres Willens selber zu Gefangenen.
Alles dies aber erkennt klar die unmittelbare Anschauung der Vorsehung,
die von Ewigkeit her alles voraussah, und sie teilt einem jeglichen
das ihm bestimmte Los zu, so wie er es verdient, sie, die
auf alles herabschaut, alles auch höret.
Phöbus, den Träger strahlenden Lichtes,
preisen Homers entzückende Lieder!
Machtlos aber vermag er die Strahlen
nicht in der Erde innerste Schluchten,
nicht in des Meeres Tiefen zu senken.
Anders dagegen der Schöpfer des Weltalls
leitet das Ganze vom Throne des Himmels.
Nimmer beschränkt ihn die Masse der Erde,
nimmer der Wolken nächtliches Dunkel!
Seiender, Werdendes und auch Vergangenes
schaut er mit einem Blicke des Geistes.
Ihm nur erhellt sich ein jegliches Dunkel,
er nur allein ist die Sonne der Welten!
»Aber sieh!« nahm ich nun wieder das
Wort, »nun werde ich wieder von einem andern, noch schwerer zu lösenden
Zweifel befallen!«
»Was ist denn das für ein neuer Zweifel?« fragte meine
Gefährtin. »Freilich kann ich es mir fast schon denken, was
dich nun wieder beunruhigt!«
»Es scheint mir,« entgegnete ich, »ein großer
Gegensatz und Widerspruch darin zu liegen, daß einerseits Gott alles
vorherwissen und andererseits doch eine Freiheit des Willens bestehen
soll. Wenn nämlich Gott alles voraussieht und bei ihm jeder Irrtum
unmöglich ist, so muß doch notwendigerweise alles das eintreten,
was die göttliche Vorsehung voraussieht. Da diese nun aber nicht
bloß die Thaten der Menschen, sondern auch ihre Gedanken und Willensregungen
vorherweiß, so scheint es doch keinen freien Willen geben zu können;
denn es kann weder irgend ein Ereignis eintreten, noch irgend eine Willensregung
lebendig werden, von denen die untrügliche göttliche Vorsehung
nicht vorher Kenntnis gehabt hätte. Könnte sich aber der Wille
auch in einer anderen als in der so vorhergesehenen Weise bethätigen,
so könnte man eben nicht von sicherer Voraussicht, sondern nur von
einer unbestimmten Meinung reden, und so etwas von Gott zu sagen, halte
ich für sündhaft. Ich kann aber auch jener Ausführung nicht
zustimmen, mittelst welcher einige über die Schwierigkeit dieser
Frage hinwegzukommen glauben. Diese sagen nämlich, daß das
zukünftige Ereignis nicht deswegen geschieht, weil die göttliche
Allwissenheit sein Eintreten vorausgesehen hatte, sondern daß gerade
umgekehrt ein Ereignis deswegen, weil es künftig geschehen wird,
der göttlichen Voraussicht nicht verborgen bleiben kann. Man müsse
also die ganze Sache umkehren, denn es sei nicht notwendig, daß
etwas Vorausgesehenes wirklich geschehe, sondern daß das künftige
Ereignis vorausgesehen werde. - Als ob es sich hierbei überhaupt
um die Frage handelte, welches der Grund und welches die Folge sei, ob
die Vorsehung der Grund der Notwendigkeit eines künftigen Geschehens,
oder ob eben diese Notwendigkeit der Grund für die göttliche
Voraussicht sei. - wir wollen hier aber doch nur untersuchen, ob, auch
ganz abgesehen von aller Verknüpfung von Grund und Folge, das Eintreffen
der vorausgesehenen Dinge ein notwendiges sei, wenn auch das Vorauswissen
selbst nicht die Notwendigkeit des künftigen Geschehens bewirkt.
Wenn jemand sich in sitzender Stellung befindet, und ein anderer vermutet,
daß er sitze, so ist diese Vermutung natürlich notwendigerweise
wahr, und ebenso umgekehrt, wenn jemand von einem andern die richtige
Vermutung hegt, daß er sitze, so muß dieser andere natürlich
auch thatsächlich sitzen. In beiden Fällen liegt eine Notwendigkeit
vor, hier, daß der Betreffende sitze, dort, daß die gehegte
Vermutung der Wahrheit entspreche. Aber nicht deswegen sitzt der Betreffende,
weil die dahin gehende Vermutung wahr ist, sondern die letztere ist vielmehr
wahr, weil der Mensch wirklich schon saß, als sie gefaßt wurde.
Wenn also auch der Grund für die Notwendigkeit der einen in der andern
Thatsache liegt, so ist doch die Notwendigkeit für beide die gleiche.
Ähnliches läßt sich nun aber auch von der Vorsehung und
den zukünftigen Ereignissen sagen. Denn wenn letztere auch deswegen,
weil sie wirklich eintreten werden, vorausgesehen werden, nicht aber,
weil sie vorausgesehen werden geschehen: so müssen sie hoch entweder
von Gott als künftig eintretend Vorausgesehen werden, oder, als von
Gott vorausgesehen, sich verwirklichen, und jede dieser zwei Möglichkeiten
würde für sich schon genügen, um jede Willensfreiheit illusorisch
zu machen. - Wie widersinnig ist es überhaupt, das Eintreten zeitlicher
Dinge für den Grund der ewigen Vorsehung zu erklären! Denn zu
sagen, daß Gott deswegen die Dinge vorhersehe, weil sie thatsächlich
geschehen werden, das ist doch eigentlich nichts anderes, als früher
vorgefallene Dinge, bereits feststehende Thatsachen, für den Grund
göttlicher Voraussicht zu halten! - Ferner: wenn ich von einem Dinge
weiß, daß es existiert, dann muß es eben auch existieren.
Ebenso aber muß auch dasjenige eintreten, von dem ich gewiß
weiß, daß es eintreten wird so ist es also unmöglich,
daß ein Ereignis, von dem ich wirklich vorherweiß, nicht geschehe.
Endlich: wenn jemand eine den thatsächlichen Verhältnissen nicht
entsprechende Ansicht hat, so liegt kein wahres Wissen vor, sondern eine
irrtümliche Meinung, die von der Wahrheit des wirklichen Wissens
sehr weit entfernt ist. Wenn also ein Thun oder Geschehen seiner Natur
nach derartig ist, daß man nicht sicher und bestimmt sagen kann,
daß es eintreten wird, wer wird dasselbe dann überhaupt vorherwissen
können? Wie wahre Wissenschaft nichts irrtümliches enthalten
kann, so ist es auch einfach unmöglich, daß eine Sache sich
thatsächlich anders verhalte, als eben diese Wissenschaft sie auffaßt.
Die Wissenschaft kann aber aus dem Grunde nichts Falsches enthalten, weil
kein Ding sich anders verhalten kann, als es von der untrüglichen
wahren Wissenschaft begriffen wird!
Wie steht es nun aber? Wie kann Gott diese ihrer Natur nach ungewissen
Dinge vorauswissen? Hält er das Eintreffen von Ereignissen, die möglicherweise
auch ungeschehen bleiben könnten, für vollkommen sicher, so
täuscht er sich: dies darf man aber nicht einmal denken, geschweige
denn offen aussprechen! Wenn Gott aber die richtige Anficht über
die Zukunft solcher Dinge hat und erkennt, daß sie ebensogut geschehen
wie ungeschehen bleiben können, so kann man das doch kein Vorherwissen
nennen, da er ja gar nichts Sicheres und Bestimmtes weiß. Es würde
damit ebenso sein wie mit dem lächerlich klingenden Seherspruch des
Tiresias:
Was ich verkünd', o Laertessohn, wird
sein oder nicht sein!
Inwiefern würde denn die göttliche Voraussicht
die menschlichen Meinungen übertreffen, wenn sie, ebenso wie die
Menschen, solche Dinge, deren Zukunft ungewiß ist, auch für
ungewiß erklären müßte? Wenn aber bei diesem sichersten
Quell aller Dinge keine Unsicherheit bestehen kann, dann muß doch
auch alles genau so eintreffen, wie Gott es bestimmt vorhergewußt
hat. Da gäbe es denn keine Freiheit mehr für die menschlichen
Gedanken und Handlungen, die der göttliche Geist alle voraussieht
und jedem seine eine, unabänderliche Zukunft zuweist. Wenn man dies
aber anerkennt, wie traurig sind dann die Folgen, die sich daraus für
die menschlichen Verhältnisse ergeben! Zwecklos und bedeutungslos
würden damit alle Strafen und alle Belohnungen, die für die
Bösen und die Guten ausgesetzt sind, da sie nicht mehr durch freie
und selbstthätige Willensäußerungen verdient werden! Im
höchsten Grade ungerecht würde dann erscheinen, was uns heute
das Gerechteste dünkt, daß nämlich die Bösen bestraft
und die Guten belohnt werden, denn dann werden diese ja zum Bösen
wie zum Guten nicht mehr durch den eigenen Willen, sondern durch die unabänderliche
Bestimmtheit der Zukunft geführt werden. Es würde dann kein.
Laster und keine Tugenden mehr geben sondern wirr und ununterscheidbar
würden Verdienst und Verschuldung durcheinander gemengt sein! Die
allerlächerlichste Folge wäre aber diese: da die ganze Weltordnung
aus der göttlichen Vorsehung abgeleitet und dem menschlichen Denken
keine Selbstthätigkeit mehr belassen würde, so müßten
dann auch alle unsere Laster und Unthaten aus den Vater alles Guten zurückgeführt
werden!
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