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Boethius Anicius Manlius Severinus

Trost der Philosophie
Viertes Buch

Doch ich bemerke schon seit einiger Zeit, daß die schwerwiegende Bedeutung dieser Fragen dich bedrückt, daß die Weitläufigkeit dieser Beweisführung dich ermüdet und daß du schon wieder Sehnsucht empfindest nach dem süßen Wohllaut eines Liedes. Ich reiche dir deshalb jetzt einen frischen Trunk, der dich für die noch folgenden Betrachtungen stärken wird!

Wer klaren Sinns möchte begreifen
des Donnergotts hehre Gesetze,
der blicke frei droben zum Himmel!
Denn dort so treu göttlicher Ordnung
in Frieden ziehn alle Gestirne.
Es hemmt die rotglühende Sonne
dort nie des Monds eisigen Wagen.
Es wünscht auch nie droben die Bärin,
die hoch am Pol zieht ihre Kreise,
so oft sie schaut andere Sterne
ins Meer hinabsinken im Westen,
auch selbst ihr Licht drunten zu löschen.
Zur rechten Zeit kündet des Abends
Gestirn das Nahn nächtlicher Schatten;
es bringt den Tag Lucifer wieder!
So hält im Gang ewigen Kreislauf
der Liebe Band, läßt in der Sterne
Bereich den Krieg nimmer entbrennen.
Sie hält vereint immer die Teile
des Weltenstoffs, daß sich im Wechsel
zum Trocknen fügt immer das Feuchte,
zum Himmel schlägt flüchtiges Feuer,
nach unten sinkt lastendes Erdreich.
Es haucht, getreu gleichen Gesetzen,
der Frühling stets liebliche Düfte,
es reist das Korn glühender Sommer,
der Herbst erscheint, früchtebeladen,
und Regen bringt immer der Winter.
So nährt des Jahrs heilsamer Wechsel
und treibt und hegt jegliches Leben.
Er giebt und nimmt ununterbrochen,
und läßt vergehn alles Entstandne.
Doch hoch und hehr thronet der Schöpfer,
regiert des Alls ewige Zügel.
Der Herr und Fürst, Anfang und Ursprung,
des Rechtes Quell, weisester Richter!
Er selbst erregt jede Bewegung
und hemmt sie selbst, Schweifendes bindend.
Wenn nicht zurück immer die Gottheit
zur rechten Bahn führte Verirrte:
vom Ursprung fern würde verfallen,
was nun umschließt sichere Schranke!
Zur Gottheit strebt jegliche Liebe,
zum Vater zurück sehnt sich der Gute!
Nur dann ihm blüht ewiges Leben,
wenn ihn zurück wieder die Liebe
zum Ursprung führt, dem er entsprossen!

Erkennst du jetzt aber auch,« fuhr die Philosophie nun fort, »was aus all dem Gesagten folgt?« - »Nun?« - »Es folgt daraus, daß jedes Geschick ein gutes ist!«
»Wie ist das aber möglich?!« warf ich ein.
»Gieb acht!« sagte sie. »Da jedes Geschick, das freundliche und das harte, entweder zur Belohnung oder Prüfung der Guten oder zur Bestrafung oder Besserung der Bösen verhängt ist, da also mit anderen Worten jedes Geschick entweder geredet oder heilsam ist, so muß es notwendig auch immer gut sein!«
»Das ist allerdings sehr wahr,« gab ich zu, »und wenn ich auf das vorhin von dir über die Vorsehung und das Schicksal Gelehrte zurückblicke, so muß ich auch anerkennen, daß deine Behauptung sich auf sehr feste Gründe stützt. Aber wenn es dir recht ist, so wollen wir sie doch jedenfalls zu den paradox klingenden Aussprüchen zählen, wie du solche vorhin schon mehrfach angeführt hast.«
»Warum denn?« fragte sie.
»Weil der gewöhnliche Sprachgebrauch der Menschen sehr oft ein Geschick als unglücklich bezeichnet!«
»Gut,« sagte sie, »dann wollen wir uns also ein Weilchen dem gewöhnlichen Sprachgebrauch anschließen, damit wir uns nicht allzuweit von menschlicher Art und Weise zu entfernen scheinen!« - »Wie es dir beliebt!« - »Nun gut. Hältst du nun etwa nicht, auch vom Standpunkt der gewöhnlichen menschlichen Auffassung, das, was uns nützt, auch für gut?« - »Gewiß!« - »Nützlich ist uns aber doch auch das, was uns prüft und bessert, nicht wahr?« - »Allerdings.« - »Also ist auch dies etwas Gutes!« - »Natürlich.« - »Dies aber ist das Schicksal derjenigen, die entweder treu in der Tugend verharrend gegen Widerwärtigkeiten ankämpfen, oder die sich vom Laster abwenden und auf den Weg der Tugend zurückkehren.«
»Dagegen kann ich nichts einwenden,« sagte ich.
»Wird nun aber etwa das Angenehme,« fragte sie weiter, »das den Guten als Belohnung zu teil wird, gewöhnlich für etwas Schlimmes gehalten?«
»Nein, im Gegenteil,« antwortete ich, »man hält es, wie es ja auch richtig ist, für ein großes Glück.«
»Hält aber etwa die Menge das harte Geschick, das die Strafe der Bösen ist, für etwas Gutes?«
»Im Gegenteil,« erwiderte ich, »sie hält es für das denkbar größte Unglück.«
»Nun gieb aber acht,« sagte meine Gefährtin darauf, »ob wir nicht auch vom Standpunkt dieser gewöhnlichen menschlichen Auffassung aus zu einem ganz überraschenden Schlusse gelangen!« - »Nun?« - »Aus dem bis jetzt Festgestellten ergiebt sich nämlich, daß das Geschick derjenigen, die im Besitz der Tugend sind, oder sich in ihr vervollkommnen oder doch nach ihr streben, immer ein gutes, das Geschick der in ihrer Schlechtigkeit Verharrenden immer ein sehr böses ist!«
»Das ist allerdings wahr,« entgegnete ich, »wenn es auch wohl niemand ohne weiteres zugeben würde!«
»Deshalb aber,« fuhr sie fort, »darf sich auch der Weise nicht beklagen, wenn er zum Kampf mit dem Geschick berufen wird, ebenso wie auch ein tapferer Mann nicht unwillig werden darf, wenn Streit und Krieg sich erhebt. Bietet doch beiden gerade die Bedrängnis Gelegenheit, dem einen, seinen Ruhm auszubreiten, dem andern, seine Weisheit zu befestigen. Daher hat ja auch die Tugend ihren Namen, weil sie wohl dazu taugt, mit eigener Kraft alle Fährlichkeit zu besiegen.
So sollt nun auch ihr, die ihr auf der Bahn der Tugend schon so weit vorwärts geschritten seid, nicht in Vergnügungen euch zerstreuen und in Lüsten dahinwelken, sondern ihr sollt den Kampf, den oft so harten Kampf mit jeglichem Geschick aufnehmen und euch nicht vom Unglück unterdrücken und vom Glück verderben lassen. Haltet euch mit frischen Kräften in der rechten Mitte, denn alles, was dahinter zurückbleibt oder darüber hinausgeht, das verzichtet auf die Glückseligkeit und empfängt keinen Sohn für seine Mühen. Wie ihr euer Geschick gestalten wollt, das ist in eure eigene Hand gegeben. Denn alles, was euch hart erscheint, das ist eine Strafe, wenn ihr es euch nicht zur Prüfung oder zur Besserung dienen laßt!«

Lange Jahre kämpfte der Sohn des Atreus,
bis des Bruders schnöde geschändet Lager
ihm gesühnt des phrygischen Reichs Vernichtung.
Als mit Blut er günstigen Wind erkaufte,
weil der Griechen Flotte der Abfahrt harrte:
nicht mehr Vater, ein Priester nur, durchbohrt' er
trauernd, ach! den Hals der geliebten Tochter!
Tief beklagt der Freunde Geschick Odysseus,
welche wild verschlang Polyphem, der Unhold,
hausend tief in riesiger Felsengrotte.
Doch zum Troste diente dem feuchten Auge
doch des schlau geblendeten Riesen Anblick!
Wer nicht kennt des Herkules Heldenthaten?
Er bezwang der Hippokentauren Kühnheit,
raubt' das Fell des nimmer besiegten Löwen,
traf mit sichern Pfeilen die Stymphaliden,
nahm, zum Trotz dem Drachen, die goldnen Äpfel,
er, des Linke wuchtiger noch als Gold war!
Dreifach band er Cerberus' Höllenstärke,
Siegreich warf er dann Diomedes' Leiche
vor, ein grauses Futter, den eignen Rossen!
Hydra starb, im Feuer das Gift verlierend;
Tief ins Wasser taucht Achelous nieder,
scheu die schnöd' geschändete Stirn verbergend.
Dort in Libyens Wüsten erlag Antäus,
Cacus büßt im Tode den Zorn Euanders.
Auf die Schulter, Trägerin bald des Weltalls,
floß herab der Schaum des erlegten Ebers.
Dann zuletzt mit nimmer gebeugtem Nacken
stützt er stark den Himmel, und ging dann selber
ein zum Himmel, belohnt für alle Mühsal!
Folgt nun kühn der glänzenden Bahn des Vorbilds!
Wendet niemals fliehend den Rücken feige!
Denn wer kühn die Erde besiegt, empfängt zum
Lohne den Himmel!

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