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Boethius Anicius Manlius Severinus
Trost der Philosophie
Viertes Buch
In sanfter und lieblicher Weise hatte die Philosophie,
die immer ihre Hoheit und Würde in Antlitz und Haltung bewahrte,
diese Verse vorgetragen. Ich aber konnte den inneren Schmerz doch immer
noch nicht völlig vergessen und überwinden und fiel ihr jetzt
in die Rede, obgleich sie offenbar noch weiter hatte sprechen wollen.
»O Bringerin des Lichts!« rief ich aus, »alles, was
ich bisher von dir gehört habe, das steht für mich teils durch
seine unmittelbare göttliche Klarheit, teils durch deine eigene Beweisführung
unwiderleglich fest und war mir, wenn auch vom Schmerz ob der erlittenen
Unbill verdunkelt, doch auch schon vorher nicht völlig unbekannt.
Der Hauptgrund für meinen Kummer liegt aber darin, daß, trotzdem
ein allgütiger Lenker der Dinge lebt, das Böse nicht nur überhaupt
besteht, sondern sogar straflos ausgeht. Daß schon diese Thatsache
geeignet ist, die höchste Verwunderung zu erregen, wirst auch du
gewiß zugeben. Es kommt nun aber etwas noch schwerer Wiegendes hinzu.
Denn unter der Herrschaft und Blüte des Unrechts empfängt die
Tugend nicht nur keine Belohnung, sondern sie wird noch überdies
von den Bösen mit Füßen getreten und muß an Stelle
der Missethaten die diesen gebührenden Strafen erdulden! Daß
dies möglich ist in dem Reiche eines Gottes, der alles vermag und
alles, aber nur Gutes, will darüber kann niemand genugsam staunen
und klagen!«
»Sicherlich,« antwortete die Philosophie, »würde
es der allererstaunlichste und ungeheuerlichste Zustand sein, wenn in
dem aufs beste geordneten Heim eines solchen Hausvaters die wertlosen
Geräte gut behandelt, die kostbaren dagegen verachtet würden!
Aber dem ist nicht so! Im Gegenteil, wenn wir unsere vorhin gewonnenen
Schlüsse auch jetzt noch gelten lassen, so kannst du aus dem Wesen
desjenigen, über dessen Reich wir jetzt sprechen, schon erkennen,
daß die Guten stets mächtig, die Bösen ohnmächtig
und verworfen sind, daß das Laster immer Strafe, die Tugend dagegen
Belohnung empfängt, daß den Guten allein das Glück, den
Bösen das Unglück zu teil wird, und noch viele andere ähnliche
Wahrheiten, die deine Klagen beschwichtigen und dir Halt und Trost gewähren
können. Und da du nun vorhin schon unter meiner Leitung das Wesen
und den Sitz der höchsten Glückseligkeit erkannt hast, so will
ich dir jetzt, nach Besprechung des notwendig Vorauszuschickenden, den
Weg zeigen, der dich sicher wieder nach Hause zurückführen wird!
Flügel werbe ich deinem Geiste verleihen, auf denen er sich in lichte
Höhen erheben kann, und so wirst du von aller Unruhe frei werden
und schließlich auf meinen Wegen, unter meiner Leitung und Führung,
gerettet ins Vaterland zurückkehren!«
Denn ich erhebe mit flüchtigen Fittichen
mich hoch empor zum Himmelszelt!
Freudig der Geist, der verachtet das Irdische,
entflieht der niedern Erdenwelt,
dringt durch der Lüfte Bereich, den unendlichen,
sieht unter sich die Wolken ziehn,
schwebt durch die obersten Schichten der Feuerwelt,
die von des Äthers Schwingung glühn.
Während er weilt in der Sterne Bereiche noch,
da teilt er bald des Phöbus Stand,
oder begleitet die Pfade des eiligen
Saturn, des Greifes, als Trabant,
oder er schwingt sich im Kreise mit anderen
Gestirnen, leuchtend klar und hell! -
Wenn er genug ihre Sphären erkundete,
verläßt er ihre Grenzen schnell,
folgt nur dem Äther, dem hellen, beweglichen,
und schaut das heil'ge Himmelslicht!
Hier hält das Scepter der König der Könige,
er thront im höchsten Weltgericht,
führt den geflügelten Wagen unwandelbar
und lenkt ein jegliches Geschick!
Führte der Weg, den du suchst, o Vergeßlicher,
dich hier auf diese Höhn zurück,
dann wirst du rufen: Ja, dies ist mein Vaterland!
Hier sei des Lebens Lauf vollbracht!
Wenn es dich dann auf die Erde gelüstete
zurückzublicken in die Nacht:
Sähst du die Fürsten, vor denen erzitterte
das Volk, beraubt, beraubt der Macht!
»Fürwahr!« sagte ich hierauf, »große
Dinge verstrichst du und ich zweifle nicht daran, daß du sie auch
wirst ausführen können. Nun aber halte mich auch nicht länger
hin, da du meine Erwartung so mächtig erregt hast!« - »Zunächst,«
sprach sie, »sollst du erkennen, daß die Guten immer Macht
besitzen, die Bösen dagegen aller Gewalt entbehren. Von diesen beiden
Sätzen beweist sich jeder durch den andern. Denn da gut und böse
Gegensätze sind, so ist, wenn die Macht des Guten feststeht, damit
auch die Ohnmacht des Bösen gegeben, und steht andererseits die Gebrechlichkeit
des Bösen außer Frage, so ist damit auch die Festigkeit des
Guten bewiesen. Um aber unserem Satze eine noch größere Glaubwürdigkeit
zu verleihen, will ich aus doppeltem Wege vorgehen und von beiden Seiten
her meine Behauptungen beweisen.
Auf zwei Dingen beruht die Wirkung aller menschlichen Handlungen: auf
dem Willen und auf der Macht. Fehlt eins von diesen beiden, so kann überhaupt
gar nichts zustande kommen. Denn wenn der Wille fehlt, so wird eben das
nicht Gewollte überhaupt nicht in Angriff genommen, und wenn die
Macht fehlt, so ist der Wille vergeblich. Wenn du also siehst, daß
jemand etwas erreichen will, was er doch thatsächlich nicht erreicht,
so wirst du nicht daran zweifeln, daß ihm eben die Macht, das Gewollte
auch zu vollbringen, gefehlt hat.« - »Das ist klar und nicht
zu leugnen!« - »Wenn du aber siehst, daß jemand das
erreicht hat, was er wollte: wirst du dann daran zweifeln, daß er
auch die Macht dazu gehabt hat?« - »Gewiß nicht!«
- »Was also jemand kann, darin ist er mächtig, machtlos aber
in dem, was er nicht kann.« - »Das gebe ich zu!« - »Erinnerst
du dich nun noch des Schlusses, zu dem wir vorhin gelangten, daß
das Ziel alles menschlichen Willens, so verschieden auch thatsächlich
sein Streben erscheine, die Glückseligkeit sei?« - »Allerdings,
das haben wir bewiesen!« - »Erinnerst du dich ferner daran,
daß das Glück daß Gute selbst sei und daß also
das Gute von allen gewünscht werde?« - »Daran brauche
ich mich gar nicht erst zu erinnern, das ist mir noch durchaus gegenwärtig!«
- »Es streben also alle Menschen, gute wie böse, mit demselben
Verlangen nach der Gewinnung des Guten?« - »Das müssen
wir folgerichtig annehmen« - »Es ist aber gewiß, daß
diejenigen, die das Gute erreichen, selbst gut werden. Nicht wahr?«
- »Sicherlich!« - »Erreichen also die Guten das Ziel
ihres Strebens?« - »Es scheint allerdings so!« - »Wenn
aber andererseits die Bösen das Gute, nach dem sie streben, erreichten,
so würden sie nicht böse sein.« - »Gewiß nicht!«
- »Da also beide Teile das Gute zu erreichen suchen und die einen
es wirklich erlangen, die andern aber nicht: ist es da zweifelhaft, daß
die Guten mächtig sind, die Bösen aber machtlos?« - »Nein!«
sagte ich. »Wer daran zweifelt, der kann die Natur der Dinge nicht
erkennen und logische Folgerichtigkeit nicht begreifen!« - »Ferner,«
fuhr die Philosophie fort, »wenn Zweien von der Natur dieselbe Bestimmung
zu teil geworben ist und der eine in diesem natürlichen Beruf auf
das vorgesteckte Ziel hinstrebt und es erreicht, der andere aber seine
natürliche Aufgabe nicht zu lösen imstande ist, sondern auf
einem andern als dem von der Natur bezeichneten Wege seine natürliche
Bestimmung zwar nicht erfüllt, aber den Schein erweckt, als ob er
sie erfüllte: wen von diesen beiden wirst du für den stärkeren
halten?« - »Ich kann mir nun zwar schon denken,« sagte
ich, »wo du hinaus willst, bitte dich aber dennoch, deine Erläuterungen
noch etwas weiter auszuführen!« - »Nun gut,« sprach
sie. »Wie ist es denn? Glaubst du, daß die Bewegung des Gehens
den Menschen von Natur eigen ist, oder leugnest du dies?«
- »O, gewiß nicht!« - »Und zweifelst du daran,
daß diese Bewegung die natürliche Aufgabe der Füße
sei?« - Auch daran zweifle ich nichtig - »Wenn also ein Mensch,
der seine Füße zu gebrauten vermag, auf ihnen einherschreitet,
ein anderer aber, dem die Füße diesen Dienst versagen, auf
den Händen zu gehen versucht: wer von beiden hat dann nach deiner
Meinung mit Recht als der Stärkere zu gelten?« - »Schließe
nur gleich das übrige hier an,« entgegnete ich, »denn
es zweifelt ja natürlich niemand daran, daß derjenige, der
seine natürlichen Funktionen zu erfüllen vermag, stärker
ist, als der, der es nicht kann!« - »Ich fahre also fort,«
sagte meine Gefährtin. »Das höchste Gut, das den Bösen
ebenso wie den Guten als Ziel vorgesteckt ist, wird von den Guten durch
die natürliche Bethätigung der Tugenden erreicht, die Bösen
aber suchen kraft verschiedener Begierden, die mit der natürlichen
Ausgabe des Strebens nach dem Guten nichts gemein haben, eben dieses Gute
zu gewinnen. Oder bist du etwa anderer Meinung?« - »Durchaus
nicht,« antwortete ich, »und auch die Folgen hieraus sind
mir schon völlig klar. Denn aus dem, was ich bereits als richtig
anerkannt habe, ergiebt sich ja, daß die Guten mächtig, die
Bösen aber machtlos sind!« - Sie entgegnete: »Du hast
rechte mit deiner vorgreifenden Bemerkung und das ist, wie die Ärzte
zu hoffen pflegen, das Zeichen eines geweckten und schon gefestigten Geistes.
Ich will daher, da deine Auffassung schon eine so schnelle und sichere
geworden ist, jetzt gleich eine ganze Reihe von Gründen und Folgerungen
zusammenfassen. Beachte also, wie sehr die Machtlosigkeit der lasterhaften
Menschen zu Tage tritt, die nicht einmal dasjenige erreichen können,
zu dem ein natürlicher Trieb sie zieht und fast mit Gewalt hinführt!
Wie würde es aber erst sein, wenn sie auch von diesem wirksamen und
fast unbesieglichen Beistand der leitenden Natur verlassen würden!
Sieh nur die Ohnmacht, tu der die frevelnden Menschen befangen sind! Nicht
ist es ein leichter und vergänglicher Lohn, nach dem sie vergeblich
verlangen, sondern im Streben nach der Summe und dem Kernpunkt aller Dinge
erweisen sie sich als unvermögend und gerade in denjenigen Dingen
haben sie keinen Erfolg, die bei Tag und bei Nacht ihr ganzes Sinnen und
Trachten sind. Gerade hierbei aber zeigt sich die Macht der Guten! Denn
ebenso wie du denjenigen, der, auf seinen Füßen einherschreitend,
bis an den äußersten für das Betreten überhaupt zugänglichen
Ort gelangt, für den kräftigsten Fußgänger halten
wirst, so mußt du auch denjenigen, der das äußerste überhaupt
denkbare Ziel aller Wünsche erreicht, notwendig für den Mächtigsten
halten. Als Gegensatz hierzu ergiebt sich dann eben, daß gerade
die Lasterhaften aller Kräfte bar erscheinen. Weshalb verachten sie
denn die Tugend und folgen dem Bösen? Aus Unkenntnis des Guten? Dann
müßten sie gewiß als machtlos gelten, denn was ist ohnmächtiger
als blinde Unwissenheit?! Oder wußten sie, daß das Gute zu
erstreben sei? Dann hat sie also böse Lust vom rechten Wege abgeführt.
So vermögen eben die durch Ausschweifungen Geschwächten dem
Laster nimmermehr zu widerstehen. - Oder haben sie gar mit vollem Wissen
und Willen das Gute verlassen und sich dem Bösen zugewandt? Dann
aber sind sie nicht nur ohnmächtig, sondern hören überhaupt
auf zu existieren. Diejenigen nämlich, die das gemeinsame Ziel aller
aufgeben, die geben damit hoch eigentlich auch das Leben aus. Es könnte
zwar jemand wunderbar erscheinen, daß wir den Bösen, die doch
die Mehrzahl der Menschen bilden, die Existenz überhaupt absprechen
wollen. Es ist aber doch so. Ich leugne ja nicht, daß die Bösen
böse sind, aber das einfache sein spreche ich ihnen ab. Ebenso nämlich,
wie man einen Leichnam war als einen toten Menschen, aber nicht als einen
Menschen schlechtweg bezeichnen kann, ebenso kann ich auch von den Lasterhaften
zwar sagen, daß sie böse sind, daß sie aber schlechthin
sind, das kann ich nicht behaupten. Denn das, was ist, bewahrt
und beobachtet die Ordnung der Natur, was aber von ihr abweicht, giebt
damit auch das in ihr liegende sein auf. Du wirst nun zwar sagen: Die
Bösen haben doch aber immerhin eine gewisse Macht! und ich
will dies auch gar nicht einmal leugnen. Aber diese Macht rührt nicht
von ihrer Fähigkeit, sondern von ihrer Unfähigkeit her. Sie
vermögen das Böse, was sie nicht könnten, wenn ihnen die
größere Macht, das Gute zu thun, nicht verloren gegangen wäre!
Daß sie aber jenes vermögen, zeigt so recht deutlich ihre völlige
Ohnmacht. Denn wenn das Böse, wie wir vorhin durch logische Schlüsse
gefunden haben, nichts ist, dann ist es auch offenbar, daß die Schlechten,
da sie nur das Böse thun können, in Wahrheit gar nichts vermögen.«
- »Das sehe ich ein!« sagte ich. - »Damit du aber siehst,«
fuhr sie fort, »wie gewaltig die wahre Macht ist, so erinnere dich
an das, was wir kurz vorhin festgestellt haben, daß es nämlich
überhaupt nichts Mächtigeres geben kann, als das höchste
Gut.« - »Gewiß, ich erinnere mich daran!« - »Das
höchste Gut kann aber doch niemals das Böse thun!« - »Sicherlich
nicht!« - »Kann nun wohl jemand sagen, daß die Menschen
alles vermöchten?« - »Wer bei Verstande ist, kann das
nicht behaupten.« - »Nun können die Menschen aber doch
das Böse thun.« - »O wenn sie es doch nicht könnten!«
- »Da also nur derjenige allmächtig ist, der allein das Gute
vermag, nicht aber derjenige, der auch das Böse thun kann, so ist
es klar, daß die Bösen im Vergleich zu den Guten völlig
kraftlos und ohnmächtig sind.
Dazu kommt aber noch das Folgende: Wir haben gezeigt, daß alle Macht
unter die begehrenswerten Dinge zu rechnen sei und daß alles begehrenswerte
auf das Gute als auf sein letztes Endziel hinführt. Die Fähigkeit,
das Böse zu vollbringen, kann aber nicht auf das höchste Gut
hinführen, also auch nicht begehrenswert sein. Damit haben wir die
einfache Schlußfolgerung:
Alle Macht ist begehrenswert,
die Fähigkeit, das Böse zu thun, ist nicht begehrenswert, folglich
kann die Fähigkeit zum Bösen auch keine wahre Macht sein.
Aus allem diesem ergiebt sich, daß die Guten ganz gewiß mächtig,
die Bösen ohne Zweifel ohnmächtig sind und daß das Wort
des Platon wahr ist, nach dem nur die Weisen das, was sie wünschen,
auch vollbringen können, dagegen die Bösen zwar alles, was ihnen
beliebt, auszuüben, aber nie an das Ziel ihrer Wünsche zu gelangen
vermögen. Zwar glauben sie bei all ihrem Thun in dem, das sie ergötzt,
das ersehnte Gut zu erreichen. In Wahrheit aber können sie es nicht,
da das Böse nie der Glückseligkeit teilhaftig zu werden vermag!
Hoch erhaben auf dem Throne siehst du die Könige
sitzen,
Stolz umwallt vom Purpurmantel, Schwerter und Lanzen blitzen!
Drohend schaut ihr finstres Auge, kündet verderbliche Tücke!
-
Doch durchdringen diese falsche schimmernde Hülle die Blicke,
Sehn sie unter ihr die Herren lastende Fessel tragen,
Denn am Herzen böse Lüste giftig fressen und nagen!
Nimmer läßt der Zorn sie ruhen, stört den Frieden im Herzen,
Kummer und getäuschte Hoffnung schaffen verzehrende Schmerzen.
So gehorcht der eine Herrscher wiederum vielen Gewalten,
Die ihm keine Freiheit lassen, schimpflich gefesselt ihn halten!
Du siehst also, wie tief im Schmutz das Böse steckt
und welche Hoheit, welcher Glanz die Redlichkeit verklärt. Daraus
folgt aber auch, daß das Gute nie ohne Belohnung bleiben, das Lasterhafte
niemals der Strafe entgehen kann. Denn dasjenige, um dessen willen eine
Sache unternommen wird, das eben ist, wie man richtig annehmen muß,
auch ihre Belohnung, wie in der Rennbahn der Kranz, der das Ziel bezeichnet,
dem siegenden Renner als Belohnung zu teil wird. Nun haben wir aber gezeigt,
daß die Glückseligkeit eben jenes höchste Gut selbst ist,
das Ziel jeglichen Strebens, das allem menschlichen Thun als gemeinsame
Belohnung ausgesetzt ist. Als solche kann sie aber den Guten unmöglich
entgehen, denn was des Guten entbehrt, kann niemals selbst mit Recht als
gut bezeichnet werden.
Daher kann also den tugendsamen Sitten niemals ihre Belohnung entgehen,
und wenn die Bösen auch wüten soviel wie sie wollen: der Kranz
auf der Stirne des Weisen fällt nicht herab und niemals welkt er
dahin! Den rechtschaffenen Seelen kann fremde Unredlichkeit den ihnen
von Natur eigenen Glanz unmöglich entreißen. Zwar wenn ihnen
dieser Glanz, der sie erfreut, nur von außen her gegeben wäre,
so könnte er ihnen von irgend einem dritten oder auch von dem Verleiher
selbst jederzeit wieder genommen werden. Da er aber in Wahrheit den Guten
durch ihre eigene innere Tugend verliehen wird, so kann auch nur der ihn
wieder verlieren, der aufhört, tugendhaft zu sein! Und endlich: da
jede Belohnung nur deswegen begehrt wird, weil man sie für ein Gut
hält: wer könnte da von demjenigen, der des höchsten Gutes
selbst teilhaftig geworden ist, behaupten, daß er der Belohnung
entbehre? Und welcher Belohnung! Der größten und schönsten
von allen!
Nun aber rufe dir einmal jenes Corollar ins Gedächtnis zurück,
das ich dir vorhin als höchst bedeutsam mitteilte, und ziehe dann
die weiteren Schlüsse daraus. Also: da das höchste Gut die Glückseligkeit
ist, so müssen die Guten eben deswegen, weil sie gut sind, auch glückselig
sein. Die Glückseligen sind aber, wie wir gesehen haben, gottgleich.
Die Gottgleichheit ist also die Belohnung der Guten, die ihnen kein künftiger
Tag abschwächen, keine Macht vermindern und keine Unredlichkeit beschmutzen
kann. - Wenn sich dies aber so verhält, dann kann auch kein Weiser
mehr über die unvermeidliche Strafe der Bösen im Unklaren sein.
Denn wie das Gute und das Böse selbst, so zeigen auch ihre Bestrafung
und ihre Belohnung das ganz entgegengesetzte Antlitz und der Art und Weise,
wie wir die Belohnung der Guten sich vollziehen sehen, muß bei der
Bestrafung der Bösen die betreffende entgegengesetzte Erscheinung
entsprechen. Wie also die Belohnung der Rechtschaffenen in ihrer eigenen
Rechtschaffenheit liegt, so ist die Strafe für die Nichtswürdigen
ihre eigene Nichtswürdigkeit. Ferner, wenn ein Mensch Strafe erleidet,
so zweifelt er nicht daran, daß ihm etwas Böses widerfahren
sei. Wollten also die Bösen über sich selbst objektiv urteilen,
könnten sie sich dann frei von Strafe erklären, sie, die von
dem Allerbösesten, was es giebt, der Nichtswürdigkeit, nicht
nur betroffen, sondern ganz und gar durchdrungen sind?!
Mache dir doch einmal die ganze Größe der Strafe klar, die,
im Gegensatz zu den Guten, die Bösen verfolgt! Du hast vorhin gesehen,
daß alles, was ist, eins ist, und daß dieses Eine wiederum
identisch ist mit dem höchsten Gut, so daß also alles, was
ist, auch gut sein muß. Was aber vom Guten abfällt, das hört
auf, zu sein. Die Bösen hören also auf, zu sein, was sie einst
waren; denn daß sie einst Menschen waren, beweist noch die ihnen
gebliebene äußere Form des menschlichen Körpers. Die eigentliche
innere Natur des
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