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Boethius Anicius Manlius Severinus
Trost der Philosophie
Drittes Buch
Jene hatte ihren Gesang schon beendet, und noch immer
saß ich da, begierig, mehr zu hören, staunend, mit lauschendem
Ohr, von dem Zauber des Liedes gebannt. Nach einer Weile aber sprach ich:
»O du höchster Trost aller bedrängten Seelen, wie sehr
hat mich schon die überzeugende Kraft deiner Lehren und der süße
Wohllaut deines Gesanges erquickt! Schon halte ich mich nicht mehr für
so wehrlos gegenüber den Schlägen des Schicksals, ich fürchte
mich nicht mehr vor den kräftigeren Heilmitteln, die du vorhin in
Aussicht gestellt hast, sondern ich sehne mich nach ihnen mit heißem
Verlangen!« Sie entgegnete: »Ich habe das schon bemerkt, als
du meinen Worten in schweigender Aufmerksamkeit lauschtest, und ich habe
diese Wandlung deines Sinnes erwartet oder vielmehr selber herbeigeführt.
Was aber noch übrig ist, das brennt zwar auf der Zunge, aber wenn
es ins innere des Körpers aufgenommen ist, so wirkt es heilend und
lindernd. Wenn du aber, wie du sagst, so sehr danach verlangst, mehr zu
hören: welch brennende Sehnsucht wird dich dann erst erfassen, wenn
du erkennst, wohin ich dich führen will!« - »Wohin denn?«
fragte ich. - »Zum wahren Glück,« sagte sie, »zu
jenem Glück, von dem dein Geist zwar schon eine traumhafte Ahnung
hat, das er aber noch nicht völlig erkennen kann, da trügerische
Bilder seine Augen noch blenden!« - »Wohlan,« rief ich,
»zeige mir, ich beschwöre dich, ohne Zaudern die wahre Glückseligkeit!«
- »Mit Freuden bin ich dazu bereit,« entgegnete sie, »aber
zuvor muß ich noch eine dir näher liegende Sache besprechen
und erläutern, damit du, wenn du hier klar siehst, auf der andern
Seite auch das Bild der wahren Glückseligkeit zu erkennen vermagst!«
Willst mit Erfolg du den Acker bestellen,
Mußt du entfernen zuvor das Gestrüppe,
Mußt ihn befreien von Dornen und Steinen:
Reicher dann lacht dir die kommende Ernte!
Hast du gekostet von bitterer Speise,
Süßer dann mundet das Werk dir der Bienen!
Brachte der Südwind Donner und Regen,
Dann um so schöner erglänzen die Sterne,
Und nach dem nächtlichen Dunkel verkündet
Lucifer immer das Nahen des Tages!
Darum auch du, der nach trügendem Glück
Strebte bisher: befreie dich endlich!
Siehe, das wahre Glück schauest du nun!
Nachdem sie geendet, saß
sie ein Weilchen mit gespanntem und gleichsam in das Innere ihrer eigenen
hehren Seele zurückgewandtem Blicke schweigend da. Dann fuhr sie
fort: »Alles Dichten und Trachten der Menschen, wie es sich in ihren
so mannigfaltigen Bestrebungen bethätigt, schlägt zwar äußerlich
sehr verschiedene Wege ein, aber schließlich läuft es doch
immer auf das eine letzte Ziel, die Erlangung der Glückseligkeit,
hinaus. Diese aber ist das höchste Gut, nach dessen Erlangung nichts
mehr zu wünschen übrig bleibt. Es ist das höchste Gut,
das alles Begehrenswerte in sich enthält. Denn wenn ihm auch nur
das Geringste fehlte, so würde eben noch etwas außer ihm zurückbleiben,
das wünschenswert erscheinen könnte, und dann wäre es eben
nicht mehr das höchste Gut. Die Glückseligkeit ist also derjenige
Zustand, der mit allen Gütern ohne Ausnahme überschüttet
und dadurch zum allervollkommensten erhoben ist. Diesen Zustand nun erstreben,
wie ich vorhin sagte, alle sterblichen Menschen, wenn auch auf verschiedenen
Wegen. In aller Herzen hat die Natur das Verlangen nach dem wahren Gut
hineingepflanzt, und dies Verlangen ist nur durch trügenden Irrtum
nach falschen Zielen abgelenkt. Die einen sehen das höchste Gut in
dem Freisein von jedem Mangel und streben deshalb nach Reichtum und Überfluß.
Andere wieder, weil sie dies für das Schätzenswerteste halten,
streben danach, sich hohe Würden zu erringen und dadurch eine achtunggebietende
Stellung unter ihren Mitbürgern einzunehmen. Noch andere sehen in
der höchsten Macht das höchste Gut, und deshalb wollen sie entweder
selber herrschen oder sie suchen sich an die Herrschenden heranzudrängen
und Einfluß auf sie zu gewinnen.
Diejenigen wieder, die den Ruhm für das Höchste halten, suchen
durch hervorragende Thaten im Kriege oder im Frieden ihren Namen bekannt
zu machen. Den meisten aber ist die Freude und die Lust der einzige Wertmesser
des Glücks, dessen Gipfel sie im völligen Aufgehen im Genuß
erblicken. - Es giebt endlich auch solche, die nach einem der genannten
Dinge streben, aber nur um dadurch eines andern teilhaftig zu werden:
so wünschen sich einige Reichtümer, um durch sie Macht zu gewinnen
oder sich Vergnügen und Lust bereiten zu können, andere dagegen
streben nach Macht, um dadurch zu Reichtum oder zu Ruhm zu gelangen.
So richtet sich also alles Thun und Wünschen der Menschen auf die
genannten Dinge und noch auf manche andere, wie z.B. auf Vornehmheit und
Volksgunst, weil diese einen gewissen Glanz verleihen, oder auf den Besitz
von Gattin und Kindern, zur Verschönerung des häuslichen Lebens,
und was endlich die Freunde anlangt, so sind diejenigen, die diesen Namen
in seiner edelsten Bedeutung führen, nicht ein Geschenk des Glücks,
sondern ein Lohn der Tugend, die andern aber sind willkommen, teils zur
Vermehrung der Macht, teils aber nur zur Unterhaltung.
Ferner werden bekanntlich auch körperliche Vorzüge zu den höchsten
Gütern gerechnet. Körperliche Kraft und Größe scheint
nämlich Macht zu gewährleisten, Schönheit und Zierlichkeit
scheint Ansehen und Beliebtheit zu gewinnen, Gesundheit aber den vollsten
Genuß des Lebens zu ermöglichen. Und in allen diesen Dingen,
in Macht, Beliebtheit und Genuß erstrebt man eben die höchste
Glückseligkeit. Denn das, was jemand vor allem andern begehrt, das
hält er für das höchste Gut und das höchste Gut haben
wir vorhin als die höchste Glückseligkeit definiert. Denjenigen
Zustand hält man also für den glückseligsten, den man vor
allen andern sich wünscht.
Ich habe dir also jetzt vor Augen geführt, als Formen des menschlichen
Glücks: Reichtum, Ehre, Macht, Ruhm und Vergnügen. Epikur betrachtet
nun alle diese Dinge einfach an sich und sagt dann ganz folgerichtig,
daß für ihn das Vergnügen dies höchste Gut sei, weil
eben auch alles andere schließlich dem Geiste Vergnügen bereite.
Ich kehre nun aber zu dem Streben der Menschen zurück, deren Geist
ein ihm ursprünglich eigenes Gut wiederzuerlangen begehrt, wenn er
sich desselben auch nur noch dunkel als seines Eigentums erinnert und
wie ein Trunkener nicht mehr weiß, welcher Weg ihn wieder nach Hause
zurückführt.
Irren nun etwa diejenigen, die jeden Mangel von sich fern zu halten trachten?
Sicher kann doch aber nichts in dem Maß Glückseligkeit bereiten,
wie ein mit allen Gütern gesegneter Zustand, der keines außer
ihm liegenden Dinges mehr bedarf und sich selber völlig genügt.
Irren nun aber etwa die, welche das Beste in der Welt für das Achtungs-
und Verehrungswürdigste halten? Mit nichten, denn dasjenige, dessen
Erreichung das Ziel des Strebens fast aller Sterblichen ist, kann gewiß
nichts Wertloses und Verächtliches sein!
Oder ist etwa die Macht nicht zu den Gütern zu zählen? Wie?
Kann denn dasjenige für schwach und kraftlos gelten, was sich thatsächlich
alle Dinge unterwirft?
Oder ist das Ansehen wertlos? Es ist doch nun einmal so, daß alles,
was höchst vortrefflich ist, sich auch des höchsten Ansehens
erfreut!
Daß aber die Glückseligkeit auch nicht voll Angst und Trauer
und dem Schmerz und Leid unterworfen sein kann, brauche ich wohl gar nicht
mehr hinzuzufügen, da ja schon bei den kleinsten Dingen vor allem
danach gestrebt wird, daß ihr Besitz uns Genuß und ungetrübte
Freude bereite!
Das also ist der Grundzug alles Strebens der Menschen: sie verlangen nach
Reichtümern, Ehrenstellen, nach Herrschaft, Ruhm und Lust, weil sie
glauben, daß ihnen durch diese Dinge eine sich selbst genügende,
alle weiteren Wünsche ausschließende Würde, Macht, Berühmtheit
und Freude zu teil werde!
Das höchste Gut ist das Ziel des so unendlich verschiedenen Strebens
der Menschen, und es ist nun leicht zu zeigen, wie großen Einfluß
auf die nähere Gestaltung dieses Strebens und die Wertschätzung
jenes höchsten Gutes der Charakter des einzelnen hat. Denn wenn auch
alle das eine Ziel, eben das höchste Gut, vor Augen haben, so sind
im einzelnen doch die Ansichten darüber äußerst verschieden
und mannigfaltig.
Wie mächtig die Zügel regiert die Natur,
Nach weiten Gesetzen sie weise bewahrt
Und lenkt den unendlichen Kreis der Welt
Und alles umschlingt mit ewigem Band:
Das will ich verkünden in lautem Gesang
Zum Klang der schwingenden Saiten!
Zwar tragen die Löwen aus Punierland
Die glänzenden Fesseln, und nehmen so zahm
Aus der Hand die Speisen, und fürchten so feig
Die strafende Rute des Wärters!
Doch kosten sie wieder das dampfende Blut.
Da bricht die verhaltene wilde Natur
Von neuem hervor mit grausem Gebrüll!
Da befrei'n sie den Nacken vom fesselnden Zwang,
Da erfährt als erster die rasende Wut,
Zerfleischt von den Zähnen, der Wärter!
In den Käfig hat man den Vogel gebannt,
Der eben noch sang auf ragendem Zweig.
Da bereitet das Mahl ihm, so reich wie noch nie,
Da füllt ihm den Napf mit Honig so süß
Die liebende Sorge der Menschen.
Doch wenn er dann, hüpfend im engen Gemach,
Den schattenden Wald, den geliebten, erblickt:
Dann stößt er das Futter hinweg mit dem Fuß:
Die Wälder allein ersehnt sein Sinn
Und es ruft die Wälder sein klagender Sang!
Das Bäumchen, von kräftigem Arme gebeugt,
Zur Erde senkt es den Wipfel hinab.
Doch sobald es befreit von der zwingenden Hand,
Da schnellt es von neuem zum Himmel empor!
Wenn Phöbus versank in hesperische Flut,
Dann führt er den Wagen auf heimlichem Pfad
Zu des Aufgangs heimischer Stätte zurück.
So kehrt nun ein jedes zum Ausgang zurück
Und freut sich der Quelle, der einst es entsproß,
Und die einzige Ordnung von festem Bestand
Ist die, die den Anfang dem Ende vereint
Und stets ohne Wandel den Kreislauf vollbringt!
Auch ihr, ihr irdischen Wesen,
habt von eurem Ursprung, wenn er euch auch nur als ein unbestimmtes Schattenbild
vorschwebt, doch immerhin noch eine gewisse traumhafte Ahnung, und wenn
ihr jenes wahre Ziel der Glückseligkeit auch nicht mehr klar und
deutlich erkennt, so ist eine gewisse Vorstellung davon euch dennoch geblieben.
Zur Glückseligkeit, zu dem wahren Gut, führt euch ein natürlicher
Trieb, aber mannigfach wechselnder Irrtum lenkt eure Schritte wieder vom
rechten Wege ab. Prüfe doch einmal, ob die Menschen durch die Dinge,
in denen sie die Glückseligkeit zu erlangen hoffen, wirklich das
vorgesteckte Ziel zu erreichen vermögen! Zwar wenn Schätze und
Ehrenstellen oder etwas anderes dieser Art einen Zustand herbeiführen
könnten, dem auch nicht ein einziges Gut mehr mangeln würde,
dann gebe auch ich zu, daß manche Menschen sehr wohl durch Erlangung
jener Dinge glücklich werden können.
Wenn aber jene Dinge das nicht zu halten vermögen, was sie versprechen
und manchen Wunsch unerfüllt lassen müssen, dann ist jene angebliche
Glückseligkeit doch offenbar als falscher Schein entlarvt!
Zunächst nun will ich dir einmal die Frage vorlegen, dir, der du
noch vor kurzem in Überfluß und Reichtum lebtest: Hat inmitten
jener überreichen Schätze dein Herz niemals Kummer empfunden
wegen irgend eines dir zugefügten Unrechts?«
»Soweit ich mich erinnere,« entgegnete ich, »war mein
Geist allerdings niemals so vollkommen frei, daß ihm auch nur für
einen Augenblick alles seid gänzlich fern gelegen hätte!«
»Und nicht wahr,« fragte sie weiter, »Kummer hast du
immer empfunden, wenn dir entweder etwas fehlte, was du gern gehabt hättest,
oder etwas da war, was du nicht haben wolltest?« - »So ist
es!« entgegnete ich. - »Du wünschtest also bald die Gegenwart,
bald die Abwesenheit irgend eines Dinges oder Zustandes?« - »Das
gebe ich zu!« - »Ein jeder empfindet also das Fehlen eines
erwünschten Gegenstandes als einen Mangel?« - »Allerdings!«
- »Hat denn aber derjenige, der an irgend etwas Mangel leidet, ein
vollkommenes Selbstgenügen?« - »Gewiß nicht!«
- »Du empfandest also dies Nichtgenügen inmitten all deiner
Reichtümer?« - »Ja, das gestehe ich offen!« - »Die
Reichtümer,« fuhr sie fort, »sind also durchaus nicht
imstande, jeden Mangel fern zu halten und ihren Besitzer zufrieden zu
machen, und das ist es gerade, was sie uns zu versprechen scheinen. Außerdem
ist nun aber noch wohl zu beachten, daß in der Natur des Geldes
durchaus kein Hindernis dafür liegt, daß es seinem Besitzer
nicht auch wieder entwendet werde!« - »Das gebe ich zu!«
warf ich ein. - »Was ist da zuzugeben?« fuhr sie fort. »Ist
es nicht offenkundig, daß es der Mächtige dem Schwächeren
täglich gegen dessen Willen entreißt? Haben denn die ewigen
Klagen vor den Gerichten etwa einen andern Grund, als daß Geld zurückverlangt
wird, das seinem Eigentümer durch Gewalt oder Betrug wider seinen
Willen genommen wurde?!« - »Nein,« sagte ich, »es
ist leider so, wie du sagst!« - »Es bedarf also jeder des
Schutzes und muß äußere Hilfe herbeirufen, um sich sein
Geld bewahren zu lassen?« - »Das ist nicht zu leugnen!«
- »Er würde aber dieses Schutzes nicht bedürfen, wenn
er kein Geld hätte, das er verlieren könnte?« - »Allerdings
nicht!« - »Die Sache ist also jetzt vollkommen ins Gegenteil
verkehrt! Die Reichtümer, die, wie man glaubte, das Selbstgenügen
bewirken sollten, machen ihre Besitzer nur fremden Schutzes bedürftig!
Kann also die Bedürftigkeit irgendwie durch Reichtümer gehoben
werden? Können die Reichen nicht hungern? Können sie nicht dursten?
Sind die Glieder der Wohlhabenden unempfindlich für die winterliche
Kälte?! Du wirst nun wohl einwenden, daß die Reichen doch wenigstens
die Mittel haben, um den Hunger zu stillen, den Durst zu löschen
und die Kälte zu vertreiben. Ja, so kann man sich allerdings mit
den Reichtümern wegen jener Mängel trösten, aber ganz aus
der Welt schaffen kann man sie nicht damit! Denn wenn auch die Bedürftigkeit,
die stets etwas begehrt und stets etwas erfordert, befriedigt werden kann,
so muß sie, um eben befriedigt werden zu können, vorher doch
thatsächlich vorhanden gewesen sein!
Daß die Natur mit sehr wenigem, die Habsucht aber mit nichts zufrieden
ist, davon will ich jetzt nicht reden.
Wenn also die Reichtümer die Bedürftigkeit nicht zu beseitigen
vermögen, dieselbe vielmehr ihrerseits erzeugen, wie kann man dann
annehmen, daß dieselben volles Genügen zu bringen imstande
sind?!«
Wenn auch in goldnem Strom die Schätze fort und
fort,
Ihm doch nimmer genug, fließen dem Geizigen zu;
Schmückt auch des Roten Meeres Perlen seinen Hals,
Pflügen auch hundert und mehr Stiere sein fruchtbares Land:
Der Sorge Zahn verschonet nicht des Lebenden,
Nimmer das eitle Gut folgt in das Grab ihm hinab!
»Nun ist es zwar wahr, daß die Ehrenstellen
demjenigen, dem sie zu teil werden, Achtung und Ansehen verschaffen, aber
sind denn die staatlichen Würden auch imstande, den Herzen ihrer
Inhaber die Tugend einzupflanzen und die Laster daraus zu vertreiben?
Im Gegenteil, sie pflegen die Schlechtigkeit nicht zu beseitigen,
sondern sie nur in noch hellerem Lichte erscheinen zu lassen! Daher wird
ja so oft unser Unwille dadurch erregt, daß jene Würden verworfenen
Menschen verliehen werden, und Catull nannte den Nonius einen Tropf, trotzdem
er ein kurulisches Amt bekleidete! Du siehst also, welche Schande die
Ehrenstellen schlechten Subjekten bringen können, da deren Verworfenheit
viel weniger hervortreten würde, wenn sie nicht in dem Glanz des
hohen Amtes sich allen sichtbar darstellte! Auch du selbst, haben dich
so viele drohende Gefahren dazu bewegen können, das Amt des magister
officiorum zusammen mit dem Dekoratus zu verwalten, den du als den nichtswürdigsten
Schmeichler und Angeber erkannt hattest?
Wegen der Würden, die sie bekleiden, können wir also diejenigen
nicht für ehrbar und achtungswert halten, von denen wir wissen, daß
sie jener Ehren durchaus unwürdig sind. Könntest du aber auf
der andern Seite von einem mit Weisheit begabten Manne glauben, daß
er der Achtung oder gar seiner eigenen Weisheit unwürdig sei?«
- »Gewiß nicht!« - »Nein, denn die Tugend hat
ihre eigene, ihr von Natur innewohnende Würde, die sie alsbald auch
auf diejenigen ausgießt, in deren Herz sie eingezogen ist! Das vermögen
die öffentlichen Ehrenämter nicht, es fehlt ihnen also die Zierde
eigener, natürlicher Würde!
Das eine ist also wohl zu bemerken: Wenn der Grad der Verächtlichkeit
eines Menschen bedingt ist durch die Zahl derjenigen, die ihn verachten,
so machen die staatlichen Ehrenstellen, die niemand ehrwürdig machen
können, die Bösewichter gerade um so verächtlicher, je
mehr Menschen sie ihn und seine Schlechtigkeit vor Augen führen!
Aber nicht ungestraft thun sie dies! Gleiches mit Gleichem vergelten ihnen
die Verworfenen, indem sie sie selbst durch ihre Berührung beflecken!
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