|
|
Boethius Anicius Manlius Severinus
Trost der Philosophie
Erstes Buch
Ich, der begeistert und frisch einst fröhliche
Weisen geschaffen,
Muß nun, kummergebeugt, singen ein trauriges Lied!
Also geboten es mir die trostlos klagenden Musen;
Ach, mein eigener Sang lockt mir die Thränen hervor.
Denn nur die Musen allein verscheuchte das herbe Geschick nicht;
Treue Begleiter, wie sonst, folgen auch heute sie mir!
Sie, die mit Ruhm geschmückt die fröhliche, goldene Jugend,
Trösten den trauernden Greis, jetzt, da das Glück ihn verließ!
Plötzlich brach es herein, von Leiden beschleunigt, das Alter,
Und es erschien die Zeit, welche den Schmerzen gehört.
Schneeige Weiße bedeckt zu früh die Haare des Hauptes,
Schlaff auch erzittert die Haut um den entkräfteten Leib!
Selig der Tod, wenn er nicht den Lebensfrohen dahinrafft,
Wenn er dem Trauernden naht, der ihn so oft sich gewünscht!
Wehe, wenn er mit taubem Ohr den Beladenen abweist,
Wenn er nicht schließen will, grausam, das thränende Aug'!
Trügendes Glück umschmeichelte mich mit flüchtigen Gaben:
Da, mit vernichtender Kraft, nahte die Stunde des Leids!
Jetzt, da, veränderten Blicks, so finster das Leben mich anschaut,
Zieht es, erbarmungslos, qualvoll unendlich sich hin!
Weshalb habt ihr so oft mein Schicksal gepriesen, o Freunde?!
Ach, wer im Unglück versank, stand auch im Glücke nicht fest!
Während ich solche Gedanken still für mich im
Herzen bewegte und meine jammernde Klage mit dem Schreibgriffel aufzeichnete,
da erschien mir zu Häupten eine Frauengestalt von ehrfurchtgebietender
Hoheit, mit glühenden Augen von so durchdringender Kraft, wie sie
sonst den Menschen nicht eigen ist. Frisch war ihre Gesichtsfarbe und
unerschöpft ihre Körperkraft, obgleich sie schon ein so langes
Leben hinter sich zu haben schien, daß man sie kaum noch unserem
Zeitalter zurechnen konnte. Ihre Gestalt war eine wechselnde. Bald nämlich
schrumpfte sie auf das gewöhnliche Maß der Menschen zusammen,
bald wieder schien sie mit der Höhe des Scheitels die Wolken zu berühren.
Hätte sie das Haupt noch höher erhoben, so wäre sie in
den Himmel selbst eingedrungen und den Blicken der Menschen entschwunden.
Ihre Kleider waren von den dünnsten Fäden, aber aus unverwüstlichem
Stoff, mit der feinsten Kunstfertigkeit gewebt und zwar, wie sie mir später
erzählte, das Werk ihrer eigenen Hände. Äußerlich
zeigten sie indes die Verschossenheit eines vernachlässigten Alters,
verwitterten und bestaubten Gemälden vergleichbar. Im untersten Saum
war der griechische Buchstabe P, im obersten ein Th eingewirkt zu lesen
und zwischen beiden wurden gewisse, in Form einer Treppe angeordnete Stufen
sichtbar, mittelst deren, wie es schien, ein Aufstieg von dem unteren
zu dem oberen Buchstaben stattfinden sollte. - Gewaltthätige Hände
hatten übrigens das ganze Gewand zerrissen und einzelne Teile davon,
deren sie habhaft werden konnten, mit sich fortgenommen.
In der rechten Hand, trug die Gestalt Bücherrollen, in der linken
ein Scepter.
Als sie nun die Musen der Dichtkunst, die meinen Klagen die Worte liehen,
an meinem Lager stehen sah, da begann sie erregt zu werden und sprach
mit finster funkelnden Augen: »Wer hat diese Theaterdirnen zu diesem
Kranken zugelassen, um seine Leiden nicht nur durch kein Heilmittel zu
lindern, sondern durch süßes Gift nur noch mehr zu entfachen?
Denn sie sind es, die mit den unfruchtbaren Dornen der Affekte die fruchtschwangere
Saat der Vernunft töten und den Geist der Menschen an die Krankheit
gewöhnen, statt ihn davon zu befreien! Erträglicher würde
mir ihre Missethat noch erscheinen, wenn sie, wie gewöhnlich, irgend
einen untergeordneten Geist durch ihre Lockungen auf Abwege gebracht hätten.
Aber nun diesen Mann, der in eleatischen und akademischen Studien aufgezogen
ist!
Nun aber fort mit euch, ihr Sirenen, die ihr eure Opfer bis an den Rand
des Verderbens so süß umschmeichelt! Überlaßt diesen
Mann mir und meiner Muse zur Pflege und zur Heilung!«
So gescholten senkte der Chor der Musen traurig das Antlitz zur Erde und
als diese falschen Trösterinnen die Schwelle verließen, zeugte
ihr Erröten von ihrer tiefen Beschämung.
Ich aber, dessen Gesicht noch von den strömenden Thränen verdunkelt
war, so daß ich noch nicht erkennen konnte, wer denn dieses Weib
von so majestätischer Hoheit sei, ich erwartete staunend, mit zu
Boden gesenktem Blick, was sie nun weiter beginnen werde. Sie aber trat
näher herzu, ließ sich auf dem äußersten Ende meines
Lagers nieder, blickte mir in das tieftraurige, von Schmerz zu Boden geneigte
Antlitz und beklagte dann in folgenden Versen die Verwirrung meines Geistes:
»Wehe, wie tief hinab sank in den Abgrund
Dein umdüsterter Geist, blind für das eigne
Licht, und in dunkle Nacht will er sich senken,
Wenn, von des Lebens Sturm mächtig entfesselt,
Ins Unendliche wächst nagende Sorge?!
Du, dem der Himmel einst offen erstrahlte!
Der durch den Äther frei pflegte zu schweifen!
Der du die Sonne sahst, rosigen Scheines,
Der du geschaut des Monds eisige Klarheit!
Auch die schweifende Bahn aller Gestirne,
Die am Himmelsgezelt ziehn ihre Kreise,
Hat dein siegender Geist sicher berechnet!
Auch die Gründe, warum pfeifende Stürme
Wild bewegen des Meers ruhige Fläche;
Welche Gewalt im Kreis schwinge den Erdball,
Wie sich in roter Glut Phöbus erhebe,
Um in hesperische Flut niederzutauchen;
Wer denn dem Lenz verliehn mildere Lüfte,
Daß er mit blumiger Pracht schmücke die Erde:
All dies hast du erforscht, und die verborgnen
Kräfte der reichen Natur hast du erkundet!
Nun aber liegst du da, Nacht vor den Augen!
Auf deinem Nacken ruht lastende Fessel,
Beugt dir nieder das Haupt, und an der toten
Erde haften, o Schmach, starr deine Blicke!«
»Doch nicht zu klagen ist es jetzt an der Zeit,«
fuhr sie fort, »sondern zu heilen!« Und nun richtete sie den
vollen Blick ihrer Augen auf mich und fragte: »Bist du denn wirklich
derselbe, der, mit meiner Milch gesäugt, mit meiner Kost aufgezogen,
zur Vollkraft männlichen Geistes emporgestiegen ist? Und habe ich
denn nicht wahrlich solche Waffen bereitet, die dich sicher in unbesiegter
Festigkeit geschützt hätten, wenn du sie nicht selber vorschnell
von dir geworfen hättest?! Erkennst du mich denn nicht? Warum schweigst
du? Aus Scham oder aus ratloser Bestürzung? Ich wünschte wohl,
aus Scham, aber ich sehe, es ist eine tiefe Bestürzung, die dich
gebannt hält!« - Als sie mich aber auch hieraus nicht nur schweigend,
sondern völlig sprachlos und stumm sah, da berührte sie mit
der Hand leicht meine Brust und sprach: »Es hat keine Gefahr! Er
leidet an der allen enttäuschten Gemütern gemeinsamen lethargischen
Krankheit! Er hat sich selbst ein wenig vergessen, aber die Erinnerung
wird ihm schon zurückkommen, wenn er nur mich erst wieder erkannt
hat. Damit er das kann, will ich seine Augen ein wenig aufhellen, denn
der Nebel irdischer Dinge hält sie umdüstert!« - So sprach
sie und mit der Falte ihres Gewandes trocknete sie meine in Thränen
schwimmenden Augen.
Siehe, da riß der Schleier
der Nacht, es hob sich das Dunkel,
Wieder wie früher erstarkte das Augenlicht!
Wie wenn der schnelle Nordwest in Haufen die Wolken versammelt,
Nebel und Regen umdüstern das Himmelszelt,
Wenn sich die Sonne verhüllt, kein Stern am Himmel erglänzet,
Finstere Nacht überflutet das Erdenrund:
Wenn dann, verjagend die Nacht, aus thrakischer Grotte der Nordwind
Fährt, und befreit den Tag, den gefesselten:
Siehe, da leuchtet auf einmal hervor die funkelnde Sonne!
Staunend gewahrt ihre Strahlen der Schauende!
Ganz ebenso löste sich nun auch der Nebel meines Kummers
und ich faßte Mut, das Antlitz derer, die mich heilen wollte, zu
erkennen zu suchen. Und so erkannte ich sie denn auch, als ich meine Augen
ihr zuwandte und sie genau betrachtete, sie, meine Pflegerin, in deren
Hause ich von Jugend auf heimisch gewesen war, die Philosophie! »Warum
aber,« fragte ich sie nun, »bist du, o Lehrerin aller Tugenden,
aus den oberen Regionen in die Einsamkeit meines Verbannungsortes herabgekommen?
Etwa, damit auch du, gleich mir, angeklagt und mit falschen Beschuldigungen
verfolgt werdest?!« Sie antwortete: »Sollte ich denn dich,
meinen Schüler, im Stich lassen und dir nicht die Bürde tragen
helfen, die du um der Verhaßtheit meines Namens willen auf dich
genommen hast? Wahrlich, nicht ziemt es mir, der Philosophie, den Unschuldigen
unbegleitet seinen Weg gehen zu lassen, als ob ich eine Verletzung meiner
selbst fürchtete und Angst empfände wie vor etwas ganz Neuem
und Unerhörtem! Du glaubst doch nicht, daß die Weltweisheit
jetzt zum erstenmal unter sittenverderbten Menschen von Gefahren bedrängt
ist? Habe ich nicht schon bei den Alten, noch vor der Zeit unseres Platon,
schwere Kämpfe mit dem Frevelmut des Aberwitzes bestehen müssen?
Und hat der nämliche Platon es nicht selber erlebt, wie sein Lehrer
Sokrates den Sieg eines schuldlosen Todes mit meinem Beistand errungen
hat? Als dann der Haufe der Epikuräer und Stoiker und die übrigen
die Erbschaft des Sokrates jeder für sich an sich zu reißen
bemüht war und mich, die ich widersprach und mich widersetzte, wie
eine Kriegsbeute behandelte, da zerrissen sie mein Kleid, das ich mit
meinen eigenen Händen gewirkt hatte, und zogen ab in dem Glauben,
daß mit den abgerissenen Fetzen ich selbst ganz und gar ihr eigen
geworden sei. Da in ihnen nun aber wenigstens einige Spuren meines Wesens
vorhanden zu sein schienen, so hielt sie der Unverstand für meine
Jünger und mancher von ihnen wurde darum durch den Wahn der ungebildeten
Menge ins Verderben gerissen! Denn wenn du auch nichts weißt von
der Verbannung des Anaxagoras, von dem Gifttod des Sokrates und von den
Foltern, die Zenon erlitt, obgleich diese Dinge ja sonst allgemein bekannt
sind, so könntest du doch einen Canius kennen und einen Seneka und
einen Soranus, deren Andenken noch nicht alt und doch auch nicht unberühmt
ist! Nichts anderes zog diese Männer ins Verderben, als daß
sie in meinem Geist unterwiesen waren und deshalb den Bestrebungen jener
Frevler weit fern stehen mußten!
Du darfst dich also nicht darüber wundern, wenn wir auf dem bewegten
Meer des Lebens von den von allen Seiten wehenden Stürmen übel
mitgenommen werden, wir, denen es vornehmlich bestimmt ist, den Schlechtesten
am meisten zu mißfallen! Diese letzteren bilden nun zwar ein zahlreiches
Heer, das aber trotzdem zu verachten ist, da es von keinem großen
Führer einheitlich gelenkt, sondern vom Irrtum in planlosem, unbeständigem
Wahn mit fortgerissen wird. Rafft dieser sich aber wirklich einmal zu
größerer Kraftleistung auf und rüstet sich zur Schlacht
gegen uns, dann wird unser Feldherr seine Truppen in eine feste Stellung
zusammenziehen, die Feinde aber werden mit dem Plündern, wertloser
Beutestückchen ihre Zeit verlieren. Ja, mit Verachtung sehen wir
herab auf jene, die nur immer das Schlechteste sich zu eigen zu machen
suchen, sicher sind wir vor dem ganzen wilden Ansturm, hinter einem festen
Wall, gegen den der anrückende Unverstand sich nimmer heranwagen
darf!«
Wer, ein fertiger Mann, mit heiterm Sinne
Achtet nicht des Geschickes rauher Willkür,
Wer ihm immer gefaßt ins Auge blicket,
Unerschüttert, ob Glück es bringt, ob Unglück:
Den schreckt nimmer das wilde Droh'n des Meeres,
Das bis tief in den Grund die Fluten aufregt,
Nicht der tückische Berg, der dampfend schleudert
Aus geborstener Esse Glutgeschosse,
Nicht die zackige Bahn der hellen Blitze,
Sie, die größte Gefahr der stolzen Türme!
Weshalb fürchten so sehr die armen Menschen
Nichts vermögender Fürsten wildes Wüten?
Fürchte nichts und erhoffe nichts: es steht dann
Vor dir waffen- und machtlos jede Drohung!
Doch wer zittert in Furcht, und wünscht begehrlich
Sich vergängliches Gut, das nicht ihm zukommt:
Der läßt fallen den Schild, dem Feinde weichend,
Schlägt sich selber in schwere Sklavenketten!
»Fühlst du dies nun nicht?« fragte
sie dann, »und dringen diese Worte nicht ein in deinen Sinn? Oder
machen sie nicht mehr Eindruck auf dich als in jener Fabel das Saitenspiel
auf den Esel? Was weinst du? Was zerfließt du in Thränen?!
Rede heraus, nichts hehlend, damit wir beide
es wissen!
Wenn du die Mühwaltung des Arztes erwartest,
mußt du deine Wunden bloßlegen!«
Da raffte ich endlich meine Geisteskräfte zusammen und sprach: »Bedarf
es denn noch einer Erinnerung und ist es nicht an sich offenbar genug,
wie grausam das Geschick gegen mich wütet?! Mahnt daran nicht schon
das Äußere dieses Ortes? Ist es etwa die Bibliothek, die du
dir als deinen sichersten Sitz in meinem Heim in Rom selber erkorst? In
der du so oft mit mir saßest und mit mir über alles Wissen
von den göttlichen und menschlichen Dingen Zwiesprache hieltest?
War so etwa mein Aussehen und waren so meine Mienen, als ich mit dir die
Geheimnisse der Natur erforschte, als du mir die Bahnen der Gestirne mit
dem Zirkel beschriebst, als du unsere Sittenlehre und alle unsere Lebensprinzipien
auf himmlische Vorbilder zurückführtest? Ist dies der Lohn dafür,
daß ich dir folgte? Du hattest doch durch den Mund des Platon jenes
Wort verkündet, daß diejenigen Staaten glücklich sein
werden, die von Philosophen regiert werden oder deren Regenten sich der
Philosophie befleißigen! Und hast du es nicht durch den Mund desselben
Mannes feierlich ausgesprochen, daß der zwingende Grund für
die Weisen, sich des Staates anzunehmen, darin bestehe, daß sie
die Leitung des Gemeinwesens nicht sittenlosen und frevelhaften Menschen
überlassen wollen, die durch ihre Herrschaft Verderben und Untergang
über alle Guten bringen würden?! Der Autorität dieser Aussprüche
folgte ich, als ich mich bestrebte, das von dir in stiller Muße
Erlernte in der praktischen Staatsverwaltung anzuwenden. Du selbst und
die Gottheit, die dich in den Geist der Menschen einziehen ließ,
ihr wißt es, daß mich nur das Interesse an der Verwirklichung
alles Guten bewog, die staatsmännische Laufbahn einzuschlagen! Deswegen
hatte ich auch so schwere und unerbittliche Kämpfe mit den Übelgesinnten
zu bestehen, und weil ich frei meinem Gewissen folgte, erfuhr ich den
Haß der Gewaltigen, dem ich mich immer mutig aussetzte, wenn es
das Recht zu schützen galt. Wie oft habe ich mich dem Konigastus,
der das Vermögen jedes Schwachen an sich zu reißen suchte,
entgegengestellt, wie oft habe ich eine von Triggvilla, dem Vorsteher
des königlichen Hauses, begonnene oder gar schon fast vollendete
ungerechte That noch im letzten Augenblick vereitelt, wie oft habe ich
die Unglücklichen, die von der stets unbestraften Habgier der Barbaren
mit unzähligen Verleumdungen umgarnt waren, durch mein Ansehen, mit
eigener Gefahr, geschützt! Nie hat es jemand vermocht, mich vom Recht
zum Unrecht hinüberzuziehen! Das traurige Geschick der Provinzialen,
die bald durch private Räubereien, bald durch den Druck der Staatssteuern
an den Rand des Verderbens gebracht wurden, habe ich ebenso schmerzlich
empfunden, wie sie selber, die es erlitten. Als in der Zeit der bitteren
Hungersnot die schwere und scheinbar unabwendbare Maßregel eines
Aufkaufs alles Getreides anbefohlen war, welche die Provinz Campanien
in schwerste Bedrängnis zu bringen drohte, da habe ich um des Allgemeinwohls
willen den Kampf mit dem Gardepräfekten aufgenommen, habe ihn mit
Wissen des Königs Theoderich durchgekämpft und habe es schließlich
erreicht, daß jener Aufkauf nicht zur Ausführung kam. Den Konsular
Paulinus, dessen Güter die gemeinen Kreaturen am Königshofe
fast schon zu verschlingen hoffen durften, habe ich von den geöffneten
Rachen dieser Hyänen glücklich noch hinweggerissen! Um ferner
zu verhindern, daß der Konsular Albinus durch die auf eine im voraus
schon entschiedene Anklage hin verhängte Strafe zu Grunde gerichtet
werde, stellte ich mich dem Ankläger Cyprianus entgegen und zog mir
dadurch den Haß auch dieses Menschen zu. Habe ich also nicht genug
Übelwollen und Erbitterung gegen mich entflammt?! Weil ich aber so,
aus Liebe zur Gerechtigkeit, nichts that, um mir den Schutz der Höflinge
zu gewinnen, so hätte ich darum doch bei den übrigen um so sicherer
zu sein verdient. Aber auf welcher Männer Anklage hin bin ich schließlich
gefallen?! Einer von ihnen, Basilius, früher aus dem königlichen
Dienst entlassen, ist nur durch die Last seiner Schulden zur Anzeige meines
Namens veranlaßt worden. Die beiden andern aber, Opilo und Gaudentius,
waren früher wegen unzähliger und mannigfaltiger Vergehen durch
königlichen Strafbefehl verbannt worden, hatten demselben jedoch
nicht Folge leisten wollen und sich deshalb in den Schutz eines heiligen
Gotteshauses begeben. Als nun der König dies erfuhr, drohte er, falls
sie nicht bis zu einem bestimmten Tage die Stadt Ravenna verlassen hätten,
so würden sie, mit Brandmalen an der Stirn gezeichnet, schimpflich
hinausgejagt werden. Ist eine größere Strenge überhaupt
möglich? Und dennoch: als dann an jenem Tage diese selben Menschen
als Ankläger gegen mich auftraten, da wurde ihre Anklage angenommen!
Was sagst du nun? Haben meine Thaten das verdient? Oder waren etwa jene
durch ihre vorausgegangene Verurteilung als gerechte Ankläger qualifiziert?!
Und ist es also nicht wahr, daß die Schickung vor gar nichts zurückschreckt,
wenn sie nicht einmal auf die Unschuld des Angeklagten oder die Gemeinheit
der Ankläger Rücksicht nimmt?
Fragst du nun nach dem Hauptpunkt der Anklage, so bestand dieser darin,
daß ich das Heil des Senats gewollt haben soll. Wie aber hat sich
das geäußert? Ich werde beschuldigt, den Denunzianten gehindert
zu haben, Dokumente vorzulegen, durch die er den Senat in einen Majestätsprozeß
hätte hineinziehen können. Was meinst du nun, du, meine Lehrmeisterin?
Soll ich das Verbrechen leugnen, um dir keine Schande zu machen? Aber
das, was mir vorgeworfen wird, das habe ich ja wirklich gewollt, und werde
nie aufhören, es zu wollen. Soll ich gestehen? Dann würde ich
verurteilt und damit mein Thun, die Delatoren in ihrem Treiben zu hindern,
für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Und soll ich es denn
ein Unrecht nennen, daß ich das Heil jenes Standes gewünscht
habe? Der Senat selbst hat freilich durch seine Dekrete gegen mich bewirkt,
daß es eigentlich ein Unrecht ist, ihm beizustehen! Aber die sich
selber stets belügende Unvernunft kann doch den wahren Wert der Dinge
nicht ändern und, getreu dem Wort des Sokrates, glaube ich unter
keinen Umständen die Wahrheit verleugnen und die Lüge bestätigen
zu dürfen!
|