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Basilius der Grosse
Predigt: Wider die Trunkenbolde
Ich sehe mich zwar zum Reden veranlaßt, andererseits will die Fruchtlosigkeit
meiner bisherigen Bemühungen meinem Eifer Einhalt tun und mir die
Lust nehmen. Auch der Landmann, dem die ersten Samen nicht aufgegangen
sind, kann sich nur schwer dazu entschließen, dieselben Felder ein
zweites Mal zu besäen. Denn wenn die vielen Ermahnungen, die wir
in der früheren Zeit unablässig an euch richteten, und dann
das Evangelium von der Gnade Gottes, das wir in den letzten sieben Fastenwochen
ununterbrochen bei Tag und Nacht euch verkündeten, nichts gefruchtet
haben, mit welchen Aussichten können wir dann heute zu euch reden?
0 wie viele Nächte habt ihr umsonst gewacht, wie viele Tage euch
umsonst versammelt! Wenn doch bloß umsonst! Wer nämlich in
Verrichtung guter Werke bereits vorangekommen ist, dann aber zur alten
Gewohnheit zurückkehrt, verliert nicht nur den Lohn für seine
Mühen, sondern hat auch ein härteres Gericht zu gewärtigen,
da er das herrliche Wort Gottes gekostet hat und der Kenntnis der Geheimnisse
gewürdigt worden ist, und trotzdem, von flüchtiger Lust geködert,
alles verloren hat.
Die Trunkenheit, jener selbstgewählte Dämon, der sich mit Wollust
auf die Seelen stürzt, die Trunkenheit, die Mutter des Lasters, die
Feindin der Tugend, macht den Tapferen feige, den Sittsamen unzüchtig;
sie kennt keine Gerechtigkeit und ertötet die Vernunft. Wie das Wasser
das Feuer bekämpft, so löscht Übermaß des Weines
die Besinnung aus. Deshalb zögerte ich auch, etwas gegen die Trunkenheit
zu sagen, nicht als ob das Übel klein oder der Beachtung nicht wert
wäre, sondern weil ich mir vom Reden keine Frucht verspreche. Denn
der Betrunkene ist ja besinnungslos und umnebelt; wer ihm Vorwürfe
macht, redet umsonst; er hört ja nicht. Mit wem sollen wir dann reden,
wenn der, welcher die Mahnung nötig hat, das Gesagte nicht hört?
Der Mäßige und Nüchterne braucht ja die nachhelfende Rede
nicht, weil er von dieser Leidenschaft frei ist. Was soll ich also in
dieser Lage tun, wenn das Reden unnütz, das Schweigen aber unmöglich
ist? Sollen wir von diesem Anliegen ganz absehen? Aber diese Gleichgültigkeit
wäre gefährlich. Aber was soll ich gegen Trunkene predigen?
Wir rufen ja doch nur in tote Ohren hinein. Doch wie bei ansteckenden
Krankheiten die Arzte die Gesunden durch vorbeugende Mittel sicherstellen,
die von der Krankheit bereits Erfaßten aber nicht behandeln, so
mag auch euch zur Hälfte die Rede von Nutzen sein und den von dieser
Leidenschaft Freien ein Schutzmittel an die Hand geben, ohne den von der
Leidenschaft Beherrschten Befreiung und Heilung zu bringen.
0 Mensch, wodurch unterscheidest du dich von den Tieren? Nicht durch das
Geschenk der Vernunft, das du von deinem Schöpfer empfangen, und
wodurch du Herr und Gebieter der ganzen Schöpfung wardst ? Wer sich
also mit der Trunkenheit die Besinnung raubt, der stellt sich den unvernünftigen
Tieren gleich und ist ihnen ähnlich. Ja, ich möchte sagen, daß
die Berauschten unvernünftiger sind als das Vieh: Alle Vierfüßler,
auch die Bestien, haben ihren geregelten Trieb zur Begattung. Diejenigen
aber, die im Banne der Trunkenheit stehen, und deren Leib mit unnatürlicher
Hitze gesättigt ist, werden jeden Augenblick und jede Stunde zu unlautern
und schamlosen Umarmungen und Lüsten gereizt.
Aber nicht bloß dieser Hang macht sie unvernünftig, sondern
die Verwirrung der Sinne verrät, daß der Trunkene noch tiefer
steht als jedes Tier. Welches Tier sieht und hört so schlecht wie
der Trunkene? Erkennen sie denn noch ihre vertrautesten Freunde? Laufen
sie nicht auf Fremde zu, als wären es ihre Verwandten? Springen sie
nicht oft über Schatten, als wären es Gräben und Spalten?
In ihren Ohren toset und brauset es wie das Rauschen des schäumenden
Meeres. Den Boden sehen sie in die Höhe sich heben und die Berge
im Kreise sich drehen. Bald lachen sie in einem fort, bald klagen und
weinen sie untröstlich. Bald sind sie kühn und unerschrocken,
bald furchtsam und feige. Ihr Schlaf ist schwer, tief, fast erstickend
und wirklich dem Tode ähnlich; ihr Wachen aber ist noch besinnungsloser
als der Schlaf. Ein Traum ist ihnen das Leben; obschon sie keine Kleider,
noch auf morgen zu essen haben, spielen sie in ihrem Rausche den König,
kommandieren Heere, bauen Städte, verteilen Geld. Mit solchen Hirngespinsten
und Täuschungen erfüllt der erhitzende Wein ihre Herzen. Wieder
andere geraten in entgegengesetzte Stimmungen: Sie geben alle Hoffnung
auf, sind niedergeschlagen, traurig, weinerlich, furchtsam und ängstlich.
So erregt derselbe Wein je nach Körperkonstitution in den Seelen
verschiedene Stimmungen. Diejenigen, bei denen er das Blut in Wallungen
bringt und an die Oberfläche treibt, macht er heiter, freundlich,
lustig. Deren Blut er aber zusammenzieht und verdickt, und denen er beschwerlich
wird, diese versetzt er in die entgegengesetzte Stimmung. Was soll ich
den Haufen der ungemütlichen Wirkungen aufzählen, das mürrische
Benehmen, die Reizbarkeit, die Unzufriedenheit mit seinem Lose, die Empfindlichkeit,
das Schreien, das Toben, den Hang zu jeglichem Betrug, den unbändigen
Jähzorn?
Die ausschweifende Lust entspringt offenbar der Quelle des Weines, und
den Ausschweifenden befällt zugleich die krankhafte Unzucht, welche
zeigt, daß alle Brunst des Viehes hinter der Geilheit der Trunkenen
zurücksteht: Die Tiere kennen die Grenzen der Natur; die Betrunkenen
aber suchen im Manne das Weib, und im Weibe den Mann. Es fällt nicht
gerade leicht, alle schändlichen Folgen der Betrunkenheit aufzuzählen.
Das Unheil, das die Pest anrichtet, kommt im Laufe der Zeit über
die Menschen, da die verdorbene Luft ihr Miasma nur allmählich den
Körpern einsenkt; die verderblichen Folgen des Weines aber stellen
sich sofort ein. Sind die Leidenschaftlichen nämlich seelisch so
verwüstet, daß sie mit allen Makeln befleckt sind, dann ruinieren
sie auch noch ihre körperliche Konstitution, indem sie nicht bloß
vor übermäßiger Wollust, die sie zur Geilheit stachelt,
hinschwinden und hinsiechen, sondern auch einen aufgedunsenen, mastigen
und kraftlosen Körper herumschleppen. Ihre Augen sind glanzlos wie
Blei, ihre Haut blaßgelb, der Atem stockend, die Zunge schwer, ihr
Lallen unverständlich, die Füße unsicher wie bei Kindern.
Ihre Schwelgerei macht sie bedauernswert, bedauernswerter als die auf
dem Meere vom Sturm Erfaßten, welche die einander stoßenden
und überschlagenden Wogen nicht aus der Flut auftauchen lassen. So
treiben auch ihre mit Wein getauften Seelen unter der Flut daher. Wie
die überladenen, vom Sturm gepeitschten Schiffe durch Auswerfen des
Ballastes erleichtert werden müssen, so müssen auch die Trunkenen
erbrechen, was sie beschwert. Kaum durch Erbrechen und Entleeren befreien
sie sich von der Last. Insofern sind sie bedauernswerter denn unglückliche
Seefahrer, als letztere Winden, dem Meere und äußeren Gewalten
die Schuld geben können, sie aber geflissentlich den Sturm des Rausches
verschulden. Der Besessene ist bedauernswert ; der Trunkene aber, obschon
gleich elend daran, verdient kein Mitleid, weil er es mit einem freigewählten
Dämon zu tun hat. Und diese Leute bereiten Trunkenheitsmittel, nicht
um am Weine keinen Schaden zu nehmen, sondern um aus dem Rausche nicht
herauszukommen. Denn der Tag ist ihnen zu wenig, zu kurz sogar die Mitternacht,
was die Zeit des Trinkens angeht. Das Übel kennt kein Ende. Denn
der Wein selbst treibt immer weiter. Er stillt das Bedürfnis nicht,
sondern verursacht nur das unabweisbare Bedürfnis nach weiterem Trinken,
indem er die Betrunkenen ausbrennt und immer zum Nachgießen von
noch mehr Wein reizt. Ein unersättliches Verlangen zu trinken wollen
sie haben, machen aber eine andere Erfahrung, als die sie wünschen.
Durch die fortgesetzte Schlemmerei stumpfen sie ihre Sinne ab. Wie zu
greller Glanz das Gesicht schwächt, und wie die durch starkes Getöse
Betäubten eben durch den übermäßigen Lärm schließlich
soweit kommen, daß sie gar nichts mehr hören, so verderben
auch diese sich durch allzu starken Genuß unvermerkt das Vergnügen.
Beklagenswert sind die Trunkenen, weil "Trunkenbolde das Reich Gottes
nicht besitzen werden". »Unruhe« haben sie, weil der
Wein in ihrem Denken Verwirrung anrichtet. "Unbehagen"empfinden
sie wegen des widrigen Aufstoßens, der Folge der Trinklust. Ja,
schon vor diesen Leiden, schon wenn sie trinken, befallen sie Leiden,
wie sie bei Fieberkranken vorkommen. Denn wenn die Gehirnhäute vom
aufsteigenden Weindunste angefüllt sind, dann wird der Kopf von unerträglichen
Schmerzen befallen, kann sich nicht über den Schultern aufrecht halten
und fällt, auf den Wirbeln schwankend, hin und her. "Possen"
nennt die Schrift das unnütze, zänkische Geplauder bei den Trinkgelagen.
"Wunden ohne Not" bekommen die Säufer, wenn sie vor Trunkenheit
nicht aufrecht stehen können. Denn sie stürzen und fallen bald
so, bald anders und bekommen so selbstverständlich am Körper
"Wunden ohne Not".
Ein klägliches Schauspiel für Christen-Augen: Ein Mann in der
Blüte der Jahre, in der Vollkraft des Körpers, ein strammer
Soldat wird auf einer Bahre nach Hause getragen, weil er sich nicht aufrichten,
noch auf eigenen Füßen gehen kann. Ein Mann, der dem Feinde
ein Schrecken sein sollte, ist die Zielscheibe des Spottes für die
Buben auf dem Marktplatze, ist gefallen ohne Schwertstreich, getötet
ohne Feinde. Ein Waffenfähiger, der gerade in der Blüte seines
Lebens steht, ist des Weines Beute geworden und bereit, zu dulden, was
die Feinde mit ihm anfangen.
Trunkenheit ist der Ruin der Vernunft, Zerstörung der Kraft, ein
frühes Greisenalter und ein vorzeitiger Tod. Was sind denn die Betrunkenen
anders als die Götzenbilder der Heiden? "Sie haben Augen und
sehen nicht, haben Ohren und hören nicht. "Ihre Hände sind
gelähmt, ihre Füße abgestorben. Wer hat dazu geraten?
Wer ist schuld an diesen Übeln? Wer mischte uns diesen Trank der
Raserei? Mensch, du selbst hast das Trinkgelage zu einer Schlacht gemacht.
Du trägst die Jünglinge auf den Händen hinaus, als wären
sie im Kampfe verwundet; du hast die Blüte der Jugend durch Wein
getötet. Du ladest einen ein als Freund zum Gelage, wirfst ihn aber
dann tot hinaus, nachdem du ihm mit Wein das Leben ausgelöscht hast.
Sieh doch auf deinen armseligen Bauch! Betrachte die Größe
dieses Gefäßes, das den Wein aufnimmt; es hat ja nur die Höhlung
eines einzigen Bechers. Sieh nicht auf den Weinkrug, wann du ihn leeren
willst, sondern auf deinen Bauch, der schon längst voll ist! Daher
",wehe denen, die früh aufstehen und dem Likera nachgehen und
bis zum späten Abend trinken" und den Tag im Rausche zubringen,
so daß sie keine Zeit übrig haben, die Werke des Herrn anzuschauen
noch die Werke seiner Hände zu betrachten! Denn der Wein wird sie
verbrennen, weil die Hitze des Weines, die in das Fleisch übergeht,
Zündstoff wird für die feurigen Geschoße des Feindes.
Denn der Wein versenkt die Vernunft und den Verstand, wie er anderseits
die Leidenschaften und Lüste einem Bienenschwarm gleich aufweckt.
So haben Männer und Frauen zugleich durch solche Schlechtigkeiten,
durch gemeinsame Tänze und Hingabe ihrer Seelen an den Weinteufel,
einander mit den Pfeilen der Leidenschaft verwundet. Gelächter auf
beiden Seiten, schändliche Lieder, unzüchtige Gebärden,
die zur Wollust reizen. Du lachst, sage mir, und schwelgst in unkeuscher
Lust, der du doch ob deiner Vergangenheit weinen und seufzen solltest?
Du singst Buhllieder und schlägst die Psalmen und Hymnen aus, die
du gelernt hast. Du regst die Füße, springst wie wahnsinnig
und tanzest unanständige Tänze, und solltest doch deine Knie
zur Anbetung beugen. Wen soll ich beklagen? Die unverheirateten Mädchen
oder die verheirateten Frauen? Die ersteren kehrten zurück ohne ihre
Jungfrauschaft; die letzteren brachten ihre Keuschheit ihren Männern
nicht mehr heim. Haben vielleicht die einen und andern auch nicht mit
dem Leibe gesündigt, so haben sie doch in ihre Herzen das Gift aufgenommen.
Das will ich auch von den Männern gesagt haben. Er hat lüstern
geschaut und ward lüstern angesehen. "Wer ein Weib ansieht,
um es zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen." Sind schon zufällige
Begegnungen arglosen Blicken eine große Gefahr, wieviel mehr dann
absichtliche Zusammenkünfte, um berauschte, schamlose Weiber zu sehen,
die mit ihren Gebärden zur Unzucht reizen und laszive Lieder singen
die Unzüchtige bloß zu hören brauchen, um die ganze Wut
der Leidenschaft zu entfesseln.
Was werden sie sagen, was zu ihrer Entschuldigung vorbringen, wenn sie
durch solchen Aufzug einen endlosen Schwarm von Übeln verschuldet
haben? Etwa nicht, sie hätten deshalb zugesehen, um die Begierden
zu wecken? So sind sie also laut dem unerbittlichen Ausspruche des Herrn
des Ehebruchs schuldig. Wie wollt ihr eure Kinder in Zucht halten, wenn
ihr selbst ein zuchtloses, unordentliches Leben fuhrt? Was nun? Soll ich
euch hier verlassen? Allein, ich fürchte, der Unordentliche möchte
vielleicht noch schamloser werden, der Zerknirschte aber in allzu große
Betrübnis versinken. Denn es heißt: "Ein Mittel wird große
Sünden heilen" Das Fasten möge die Trunkenheit heilen,
der Psalm den buhlerischen Gesang! Die Träne werde ein Heilmittel
für das Lachen! Statt des Tanzes beuge das Knie! Statt des Händeklatschens
schlage man an die Brust! Statt des Kleiderputzes zeige man die Einfachheit!
Vor allem kaufe das Almosen dich von der Sünde los! "Denn eines
Mannes Lösegeld ist sein eigener Reichtum." Laß viele
Bedrängte teilhaben an deinem Gebete, damit dir etwa so das böse
Treiben verziehen werde.
Daher befehlen wir euch, die ihr den Herrn fürchtet und jetzt das
schändliche Treiben der Verurteilten betrauert: Wenn ihr solche seht,
die ihre törichten Handlungen, bereuen, habt Mitleid mit ihnen wie
mit eigenen kranken Gliedern! Sind sie aber hartnäckige Sünder
und verachten eure Trauer über sie, dann "geht heraus aus ihrer
Mitte, sondert euch ab von ihnen, und rührt nichts Unreines an".
So sollen jene beschämt werden und den Lohn des Eifers empfangen
- durch das gerechte Urteil Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus,
dem die Ehre und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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