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Quellen und Grenzen der Erkenntnis
Woher gewinnt das Denken seinen Inhalt und seine Gültigkeit?
Was ist der Ursprung der Erkenntnis? Damit ist kein phsychologischer oder
genetischer Ursprung sondern die erkenntnistheoretische Seite der Herkunftsfrage
(Quellen) gemeint. Solche Quellen sind die Vernunft (Rationalismus), die
Erfahrung (Empirismus) und der vermittelnde Kritizismus. Die gleichen drei
Grundanschauungen geben uns auch Antwort auf die Frage nach den Grenzen
der Erkenntnis.
1. Der Rationalismus
Erkenntnis durch Ratio (Vernunfterkenntnis) ist allgemein gültig
und notwendig. Sie duldet keine Ausnahmen und gilt a priori (im Vorhinein).
Beispiel rationaler Erkenntnis ist die Mathematik. Kant sagt dazu: "Ich
behaupte aber, daß in jeder besonderen Naturlehre nur soviel eigentliche
Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen
ist". Der Rationalismus ist also wirklichkeitsfrei, wenn auch nicht
wirklichkeitsfremd. Er bildet die Wirklichkeit ab wie eine mathematische
Formel ein Bild der Wirklichkeit eben liefern kann. Beispiel: Schafe.
Dieser Begrenztheit des Rationalismus muß man sicher immer bewußt
bleiben.
Der Raionalismus steht methodisch dem Dogmatismus nahe, da er unbegrenztes
Zutrauen zur Möglichkeit der Erkenntnis hat. Die letzten Fragen des
Weltzusammenhangs glaubt er aus reiner Vernunft beantworten zu können.
Für den Raionalisten ist Gott der Weltmathematiker, der nach Maßgabe
einer universellen Weltformel alles Geschehen regelt. Das Buch der Natur,
sagt Galiläi, ist in mathematischer Sprache geschrieben und die Schriftzüge
sind Kreise und andere Figuren, ohne deren Hilfe es unmöglich ist,
auch nur ein Wort zu verstehen. Insofern besteht auch eine Verwandschaft
zur mittelalterlichen Metaphysik und zum Phytagoreismus. Die "klare
und deutliche" Erkenntnis, die logische
Erkenntnis ist rationales Wahrheitskriterium nach dem Muster von Descartes
(cogito, ergo sum = ich denke, also bin ich). Nur rationalistisches Denken
führt in seiner letzten Zuspitzung dazu, das Dasein der konkreten
Dingen und ihrer Verteilung im Raum aus reiner Vernunft herzuleiten und
aus dem Menschen eine Chemiefabrik und ein mechanisches Werk zu machen.
Um dem entgegenzuwirken übernahm Leibniz von Aristoteles den Gedanken
der Enthelechie (zielstrebige Entwicklung) und hat damit einen dynamischen
Aspekt in das rationalistische Weltbild gebracht. Aus der Einheit der
Erkenntnis folgt deren Beweisbarkeit, wodurch die Heranziehung der Mathematik
bewirkt wird. Von Einheit der Erkennis kann aber
nur gesprochen werden, wenn ein höchstes Erkenntnisprinzip vorhanden
ist und die einheitliche Deduktion der Erkenntnis ermöglicht. Die
Mathematisierung birg die Gefahr der Vereinseitigung, deren Aspekte Gauß
dargestellt hat. Eine weitere Gefahr ist die Demonstrationssucht,
mit der Tatsachen-Wahrheiten in Vernunft-Wahrheiten überführt
werden sollen. Wird diese Grenze jedoch überschritten, entsteht ein
Konflikt zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Der Rationalismus hat den
positiven Aspekt der Abweisung autoritativer Glaubens- und Gefühlswahrheiten
und sichert praktische Verwertbarkeit von Erkenntnissen, wie sich in dem
Herauswachsen der modernen Technik aus den Naturwissenschaften gezeigt
hat. Wie alles Vor- und Nachteile hat, so hat die Technik ebenfalls Nachteile
(moderne Kriegsführung) und die Abweisung von Glaubenswahrheiten
hat den Nachteil einer weniger strapazierfähigen Ethik.
2. Empirismus
Empirismus bedeutet Erfahrungserkenntnis. Sie beruht auf Sinneswahrnehmung
und gilt a posteriori (im Nachhinein). Die Wahrheit wird hier abgeleitet
nicht von der Logik sondern eben von Wahrnehmungen und Messungen, die
unsere Kenntnis von Tatsachen erweitern, praktisch und wirklichkeitsnah
sind. Die Quelle der Erkenntnis liegt für den Empirismus in der Erfahrung.
Metaphysik als Wissenschaft wird abgelehnt. Was hinter der Erscheinungswelt
liegt ist wenig interessant, weil es gar nicht als vorhanden angesehen
wird. Selbstverständlich kann durch bloße Sammlung von Beobachtungen
noch keine Wissenschaft entstehen, es fehlt der Zusammenhang. Goethe sagt:
"Du hast die Teile in der Hand, fehlt leider nur das geist'ge Band".
Wie entstehen nun im Empirismus Formen und Gesetze der Erkenntnis? Bewußtseinsinhalte
werden durch Assoziationen verknüpft. Hume und Mill beschreiben die
Systeme logischer Induktion. Diese Assoziationen (Vorstellungen) unterliegen
3 Grundgesetzen:
Verknüpfung der Vorstellungen nach dem Prinzip der Ähnlichkeit
bzw. des Kontrastes
Verknüpfung nach dem Prinzip der zeitlichen oder räumlichen
Berührung
Verknüpfung nach Ursache und Wirkung
Die Verbindung der Vorstellungen erfolgt unter Mitarbeit von Instinkten,
Temperament und allgemeinem Lebensinteresse. Erkennisgesetze sind nicht
primär Verstandesgesetze sondern Spielarten der allgemeinen Lebensgesetze.
Dabei wird Leben weitgehend biologisch verstanden. Hier ergibt sich eine
Querverbindung zum Pragmatismus. Die empirische Erkenntnistheorie orientiert
sich nicht an der Darstellungsform der logischen Wissenschaft sondern
ist vorwiegend der organischen Wirklichkeit und der praktischen Lebensführung
verhaftet. Für den Empiristen sind die Grenzen des Erfahrbaren zugleich
die Grenzen des Erkennbaren, was alle Metaphysik ausschließt.
Home beschreibt dies mit den berühmten Worten: "Greifen wir
irgend einen Band aus den Bibliotheken heraus, etwa über Gottesgelehrtheit
oder Schulmetaphysik, so sollten wir fragen: Enthält er irgend einen
Gedankengang über Größe und Zahl? Nein! Enthält er
irgend einen aus Erfahrung gestützten Gedankengang über Tatsachen
und Dasein? Nein! Nun, so werft ihn ins Feuer, denn er kann nichts als
Blendwerk und Täuschung erhalten!"
Nach Comte machen die Wissenschaften 3 Stadien durch: ein theologisches,
ein metaphysisches und ein positives. Dem letzten gehört die Zukunft.
Im theologischen Stadium wird mit Gottheiten und anderen übernatürlichen
Mächten gearbeitet, im metaphysischen Stadium werden Ideen, Zwecke
und allgemeine Prinzipien aufgestellt. Im positiven Stadium beschränkt
man sich auf die Feststellung von Tatsachen auf dem Weg der Bearbeitung
und des Experiments und auf die Ableitung der zwischen ihnen vorhandenen
Gesetzmäßigkeiten.
Der Wert der Wissenschaft liegt nach empiristischer Auffassung in ihrer
Nutzbarkeit. Francis Bacon sagt: "Knowledge is power (Wissen ist
Macht)". Man solle keine Kraft auf die Erkenntnis eines Absoluten
verschwenden sondern auf dieseitige Lebensverbesserung bedacht sein und
dabei die Wissenschaft als nützeliches Werkzeug einsetzen. Nietzsche
sagt in seinem "Willen zur Macht" der Sinn für Wahrheit
rechtfertigt sich als Mittel des menschlichen Machtwillens. "Wahrheit
ist eine Art von Irrtum ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen
Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das Leben nur entscheidet
zuletzt. Es ist unwahrscheinlich, daß unser Erkennen weiterreichen
sollte als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Bewußtsein
ist soweit da, als Bewußtsein nützlich ist." Es ist ersichtlich,
daß dies den Wert der Erkenntis völlig relativiert, d.h. aufhebt;
der Mensch ist ein Werkzeugtier (homo faber).
3. Der Kritizismus
Der Kritizismus greift über den Bereich des theoretischen hinaus
und ist als Geistesmacht unvergleichlich. Während der Empirismus
das Erkenntnisvermögen auf passives Wahrnehmen beschränkt und
der Rationalismus auf die Formen des wissenschaftlichen Erkennens beschränkt
bleibt, läßt der Kritizismus Spontanität der Vernunft
zu. Kant schreibt das erst in der "Kritik der reinen Vernunft",
das Grundlagenwerk kritizistischer Erkenntnistheorie. Es hat eine große
Wirkung ausgelöst und gleichgültig, wie man sich zu Kant einstellt,
man kann es nicht vernachlässigen. Das Kernproblem Kants ist eine
Theorie der Erfahrung. "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?"
Dabei weist das Wort synthetisch darauf hin,
daß durch ein solches Urteil unsere Erkenntnis erweitert wird. Im
Gegensatz dazu ist das analystische Urteil ein Erläuterungsurteil.
A-priorische-Urteile stammen aus logischer Ableitung a-postorische-Urteile
stammen aus der Erfahrung. Synthetische Urteile bedeuten, daß unsere
Erkenntnis von Gegenständen erweitert wird. Kant nimmt an,
daß auch synthetische Urteile a priori vorkommen und stellt sich
die Frage, wie sind diese in der reinen Mathematik möglich (transzendentale
Ästhetik) in der reinen Naturwissenschaft möglich (transzendentale
Analytik). Wie waren angeblich synthetische Urteile in der Metaphysik
möglich (tranzendentale Dialektik)? Unter Ästhetik versteht
Kant nicht die Lehre vom Schönen sondern eine Wissenschaft von den
Prinzipien der Sinnlichkeit. Aus diesen Überlegungen heraus ergibt
sich die Gliederung seines Werkes "Die Kritik der reinen Vernunft".
Kant weist nach, daß die Sinneswahrnehmung nicht nur empirischen
Charakter tragen sondern daß ihnen gewisse Anschauungsformen, nämlich
Raum und Zeit eigentümlich sind, und zwar a priori, nicht als Produkt
der Erfahrung. Er steckt die Grenzen der Erkenntnis weiter, in dem er
die Spntanität des Geistes nicht auf rationale Erkenntnisformen beschränkt,
enger dagegen indem er es ablehnt, die Verstandeserkenntnis über
die Erfahrung hinaus greifen zu lassen. Erkenntnis ist nach Kant:
a) Systematisierung der einzelnen Verstandesgesetze zum Kosmos eines einheitlichen
Zusammenhangs zwischen den einzelnen Synthesen
b) Erhebung des begrifflichen dieses Zusammenhangs ins Bewußtsein
c) Ermöglichung der kritischen Untersuchung dieses Zusammenhangs
hinsichtlich seines Bestandes und hinsichtlich seines Wissens um sich
selbst
Der Wert der kritizistischen Erkenntnistheorie beruht auf der sorgfältigen
Grenzziehung zwischen Erfahrung und Denken, rezeptivem Aufnehmen und Spontanität,
Form und Inhalt der Erkenntnis.
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