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Wolfram von Eschenbach
»Von der zinnen
wil ich gên, in tagewîse
sanc verbern.
die sich minnen
tougenlîche, und obe si prîse
ir minne wern,
Sô gedenken sêre
an sîne lêre,
dem lîp und êre
ergeben sîn.
der mich des baete,
deswâr ich taete
ime guote raete
und helfe schîn.
ritter, wache, hüete dîn!
Niht verkrenken
wil ich aller wahter triuwe
an werden man.
niht gedenken
solt du, vrowe, an scheidens riuwe
ûf kunfte wân.
Ez waere unwaege,
swer minne pflaege,
daz ûf im laege
meldes last.
ein sumer bringet,
daz mîn munt singet:
durch wolken dringet
tagender glast.
hüete dîn, wache, süezer gast!«
Er muos eht dannen,
der si klagen ungerne hôrte.
dô sprach sîn munt:
»allen mannen
trûren nie sô gar zerstôrte
ir vröiden vunt.«
Swie balde ez tagete,
der unverzagete
an ir bejagete,
daz sorge in vlôch.
unvrömedez rucken,
gar heinlîch smucken,
ir brüstel drucken
und mê dannoch
urloup gap, des prîs was hôch.
Neuhochdeutsch:
»Von der Zinne / werde ich jetzt hinabsteigen und mit einem Tagelied /
mein Singen beenden. / Auch wenn es die, die sich / heimlich lieben, ehrt,
/ daß sie einander ihre Liebe schenken, / so mögen sie doch / dessen Rat
ernst nehmen, / dem ihr Leben und ihr Ansehen / anvertraut sind. / Wenn
mich jemand darum bitten würde, / gäbe ich ihm gewiß / guten Rat / und
hilfreiche Unterstützung. / Ritter, wach auf, nimm dich in acht.
Ich möchte / die Zuverlässigkeit aller Wächter / bei diesem edlen Mann
/
nicht in Verruf bringen. / Herrin, du sollst nicht an den Schmerz der
Trennung / denken, denn du kannst doch auf seine Rückkehr hoffen. / Es
wäre nicht gut, / wenn der, der sich der Liebe hingibt, / sich auch noch
um
/ die Ankündigung des Tages kümmern müßte. / Das frühe Sommerlicht
führt dazu, / daß ich singe: / Durch die Wolken dringt / der Schimmer
des
anbrechenden Tages. / Nimm dich in acht, wach auf, lieber Gast.«
Der, dem ihr Klagen sehr naheging, / mußte wirklich fort. / Da sagte er:
/
»Noch nie hat Trauer einem Mann / so erbarmungslos / sein Glück
zerstört.« / Obwohl der Tag unaufhaltsam anbrach, / erreichte es der
unerschrockene Mann / noch einmal bei ihr, / daß aller Schmerz ihn
verließ. / Nahes Zusammenrücken, / zärtliches Sichaneinanderschmiegen,
/ Streicheln ihrer Brüste / und noch mehr / schenkte ihnen ein Abschied,
der kostbar und herrlich war.
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