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Wolfram von Eschenbach
»Ez ist nu tac. daz ich wol mac mit wârheit
jehen.
ich wil niht langer sîn.«
›diu vinster naht hât uns nu brâht ze leide mir
den morgenschîn.
Sol er von mir scheiden nuo,
mîn vriunt, diu sorge ist mir ze vruo.
ich weiz vil wol, daz ist ouch ime,
den ich in mînen ougen gerne burge,
möht ich in alsô behalten.
mîn kumber wil sich breiten:
ôwê des, wie kumt ers hin?
der hôhste vride müeze in noch an mînen arn geleiten.‹
Daz guote wîp ir vriundes lîp vaste umbevie:
der was entslâfen dô.
dô daz geschach, daz er ersach den grâwen tac,
dô muost er sîn unvrô.
An sîne bruste dructe er sie
und sprach: »jôn erkande ich nie
kein trûric scheiden alsô snel,
und ist diu naht von hinnen alze balde.
wer hât sî sô kurz gemezzen?
der tac wil niht erwinden.
hât minne an saelden teil,
diu helfe mir, daz ich dich noch mit vröiden müeze vinden.«
Si beide luste, daz er kuste sî genuoc.
gevluochet wart dem tage.
urloup er nam, daz dâ wol zam, nu merket wie:
dâ ergie ein schimpf bî klage.
Si hâten beide sich bewegen,
ez enwart sô nâhen nie gelegen,
des noch diu minne hât den prîs.
ob der sunnen drî mit blicke waeren,
sine möhten zwischen sî geliuhten.
er sprach: »nu wil ich rîten.
dîn wîplîch güete neme mîn war
und sî mî schilt hiute hin und her noch zallen zîten.«
Ir ougen naz dô wurden baz. ouch twanc in klage:
er muoste von ir.
si sprach hin zime: ›urloup ich nime ze den vröiden mîn:
diu wil gar von mir.
Sît ich vermîden muoz
dînen munt, der manigen gruoz
mir bôt, unde ouch dîn kus
alse in dîn ûzerwelte güete lêrte
und dîn geselle, dîn triuwe: -
[ ] weme wiltu mich lâzen?
nu kum schiere wider ûf rehten trôst!
owê dur daz mac ich strenge sorge niht gelâzen.‹
Neuhochdeutsch:
»Es ist jetzt Tag. Das muß ich wahrheitsgemäß ankündigen. / Ich kann
nicht länger bleiben.« / ›Die dunkle Nacht hat uns nun zu meinem Unglück
/ das erste Morgenlicht gebracht. / Wenn mein Geliebter sich nun von mir
trennen muß, / so überfällt mich der Schmerz darüber zu plötzlich. / Ich
weiß genau, ihm, / den ich in meinen Augen gern verbergen würde, / wenn
ich ihn auf diese Weise behalten könnte, geht es ebenso. / Mein Schmerz
wird immer größer. / Ach, wie wird er von hier fortkommen? / Der Friede
des Herrn möge ihn noch einmal in meine Arme führen.‹
Die edle Frau umarmte ihren Geliebten leidenschaftlich. / Der schlief
noch
fest. / Als er das Morgengrauen bemerkte, / wurde er sehr traurig. / Er
drückte sie an seine Brust / und sagte: »Ich habe fürwahr noch nie / eine
so schmerzliche plötzliche Trennung erlebt. / Die Nacht ist viel zu schnell
vergangen. / Wer hat sie so kurz bemessen? / Der Tag läßt sich nicht
aufhalten. / Wenn die Liebe an der höchsten Glückseligkeit teilhat, /
dann
helfe sie mir, daß ich dich noch einmal glücklich wiedersehen kann.«
Beide verlangte es danach, daß er sie immer wieder küßte. / Der Tag
wurde verflucht. / Er nahm Abschied, wie es sein mußte, nun hört, wie:
/
Lust und Schmerz mischten sich dort. / Sie waren entschlossen, / einander
so nahe zu sein, wie nie zuvor zwei Liebende einander nahe gewesen
waren. / Dafür gebührt der Liebe noch immer Ruhm. / Wenn es auch drei
Sonnen mit ihren Strahlen gäbe, / sie hätten nicht zwischen den beiden
hindurchscheinen können. / Er sagte: »Ich muß nun fortreiten. / Deine
vollkommene Liebe behüte mich / und sei heute und in Zukunft überall
mein Schutz.«
Ihre weinenden Augen füllten sich noch mehr mit Tränen. Auch ihn
bedrückte Schmerz. / Er mußte von ihr fort. / Sie sagte zu ihm: ›Ich nehme
Abschied von meinem Glück. / Das wird mich ganz verlassen. / Da ich nun
auf / deinen Mund verzichten muß, der mich oftmals willkommen / hieß,
und auch auf deinen Kuß, / wie deine große Vollkommenheit / und dein
Begleiter, deine Treue, ihn dir eingaben, / wem willst du mich überlassen?
/ Komm bald zurück, mich zu trösten. / Ach, ich kann meine große Angst
nicht unterdrücken.‹
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