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Wolfram von Eschenbach

Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs
ein vrouwe, dâ si tougen
an ir werden vriundes arm lac.
dâ von si der vreuden vil verlôs.
des muosen liehtiu ougen
aver nazzen. sî sprach: ›ôwê tac!
Wilde und zam daz vrewet sich dîn
und siht dich gern, wan ich eine. wie sol iz mir ergên!
nu enmac niht langer hie bî mir bestên
mîn vriunt. den jaget von mir dîn schîn.‹

Der tac mit kraft al durch diu venster dranc.
vil slôze sî besluzzen.
daz half niht; des wart in sorge kunt.
diu vriundîn den vriunt vast an sich dwanc.
ir ougen diu beguzzen
ir beider wangel. sus sprach zim ir munt:
›Zwei herze und ein lîp hân wir.
gar ungescheiden unser triuwe mit ein ander vert.
der grôzen liebe der bin ich gar vil verhert,
wan sô du kumest und ich zuo dir.‹

Der trûric man nam urloup balde alsus:
ir liehten vel, diu slehten,
kômen nâher, swie der tac erschein.
weindiu ougen - süezer vrouwen kus!
sus kunden sî dô vlehten
ir munde, ir bruste, ir arme, ir blankiu bein.
Swelch schiltaer entwurfe daz,
geselleclîche als si lâgen, des waere ouch dem genuoc.
ir beider liebe doch vil sorgen truoc,
si pflâgen minne ân allen haz.
 

Neuhochdeutsch:

Beim Gesang des Wächters nahm / eine Dame das erste Morgenlicht
wahr, als sie heimlich / in den Armen ihres edlen Geliebten lag. / Dadurch
verlor sie ihr ganzes Glück. / Deshalb mußten sich ihre strahlenden Augen
/ wieder mit Tränen füllen. Sie sagte: ›Ach, Tag! / Alles, was lebt, sei es
wild oder zahm, freut sich über dich / und sehnt sich danach, dich zu
sehen, nur ich nicht. Was soll aus mir werden? / Nun kann mein Geliebter
nicht länger hier bei mir bleiben. / Dein Licht jagt ihn von mir fort.‹

Der Tag drang mit Macht durch die Fenster. / Sie hatten viele Riegel
vorgeschoben. / Es nützte nichts. Das machte ihnen Angst. / Die Geliebte
drückte den Geliebten fest an sich. / Ihre Tränen machten beider Wangen
naß. / Sie sagte zu ihm: / ›Zwei Herzen und nur einen Körper haben wir. /
Untrennbar bleiben wir in Treue einander verbunden. / Mein ganzes
Liebesglück ist zerstört, / es sei denn, du kommst zu mir zurück und ich zu
dir.‹

Der Mann nahm voller Trauer entschlossen Abschied: / ihre hellen, glatten
Körper / kamen sich noch einmal ganz nah, obwohl der Tag anbrach. /
Weinende Augen - zärtlicher Kuß der Geliebten . / So verflochten sie
ineinander / Mund, Brust, Arme und ihre leuchtend weißen Beine. / Jeder
Maler, der darstellen wollte, / wie sie zärtlich beieinander lagen, wäre
damit überfordert. / Obwohl ihre Liebe mit großer Gefahr verbunden war, /
gaben sie sich ganz einander hin.