literatur pinselpark    


  Home
Zum Autor
Sitemap/Inhalt
Vorherige Seite
   
  Suche /Wörterbuch
Forum
Mail
Seite weiterempfehlen

Drucken
Disclaimer
Wichtige Downloads

 

Ulrich von Lichtenstein

Ein schoeniu maget

Ein schoeniu maget
sprach ›vil liebiu frouwe mîn,
wol ûf! ez taget.
schouwet gein dem vensterlîn,
wie der tac ûf gât. der wahter von der zinnen
ist gegangen. iuwer friunt sol hinnen:
ich fürhte er sî ze lange hie.‹

Diu frouwe guot
siufte und kuste ir lieben man.
der hôchgemuot
sprach »guot frouwe wol getân,
der   tac ist hôch ûf: ich kan niht komen hinnen.
maht du mich verbergen iender innen?
daz ist mîn rât und ouch mîn ger.«

›Und möhte ich dich
bergen in den ougen mîn,
friunt, daz taet ich.
des kan leider niht gesîn.
wil   du hie in dirre kemenât belîben,
disen tac mit fröiden wol vertrîben,
dar innen ich dich wol verhil.‹

»Nu birge mich,
swie du wil, vil schoene wîp;
doch sô daz ich
sunder wer iht vliese den lîp.
wirt   mîn iemen inne, sô soltû mich warnen.
kumich ze wer, ez muoz sîn lîp erarnen,
der mich mit strîte niht verbirt.«

Sus wart verspart
der vil manlîch hôchgemuot
und wol bewart
von der reinen süezen guot.
wie   pflac sîn den tac diu süeze minneclîche?
sô daz er wart hôhes muotes rîche.
sô kurzen tac gewan er nie.

Diu naht quam dô.
sâ huop sich der minne spil:
sus unde sô
wart von in getriutet vil.
ich   waen ie wîp würde baz mit liebem manne
danne ir was. ouwê dô muoste er danne.
dâ von huop grôzer jâmer sich.

Urloup genomen
wart mit küssen an der stunt.
schier wider komen
baten ir süezer rôter munt.
er   sprach »ich tuon. dû bist mîner fröiden wunne,
mînes herzen spilndiu meien sunne,
mîn fröiden geb, mîn saelden wer.«


Neuhochdeutsch::

Eine hübsche Dienerin / sagte: ›Meine liebste Herrin, / steht auf, es wird Tag. / Schaut zum kleinen Fenster hinüber und seht, / wie der Tag anbricht. Der Wächter hat die Zinne / bereits verlassen. Euer Geliebter muß fort von hier: / Ich fürchte, er ist schon zu lange hier.‹

Die schöne Dame / seufzte und küßte ihren Geliebten. / Der edle Mann / sagte: »Liebe, schöne Herrin, / es ist schon heller Tag. Ich kann nicht mehr von hier fort. / Kannst du mich hier drinnen irgendwo verstecken? / Das ist mein Vorschlag und zugleich mein Wunsch.«

›Wenn ich dich / in meinen Augen verbergen könnte, / Liebster, würde ich sogar das tun. / Doch geht das leider nicht. / Wenn du hier in diesem Zimmer bleiben / und diesen Tag vergnügt verbringen willst, / so kann ich dich leicht darin verstecken.‹

»Verstecke mich, / wie immer du willst, wunderschöne Frau, / doch so, daß ich nicht mein Leben verliere, / ohne mich wehren zu können. / Wenn mich jemand entdeckt, so mußt du mich warnen. / Wenn ich mich verteidigen muß, wird es denjenigen, / der mich zum Kampf herausfordert, das Leben kosten.«

So wurde / der tapfere, edle Mann eingeschlossen / und von der / liebreizenden schönen Frau sorgsam versteckt. / Wie kümmerte sich die zärtliche Schöne den Tag lang um ihn? / So, daß er überschwengliche Freude empfand. / Noch nie war ihm ein Tag so schnell vergangen.

Dann kam die Nacht. / Sogleich begann das Liebesspiel. / Sie liebten sich / auf diese und jene Weise. / Ich glaube, keiner Frau erging es je besser mit ihrem Geliebten / als ihr. Ach, dann mußte er jedoch fort. / Deshalb begann ein schmerzliches Klagen.

Mit Küssen nahmen sie daraufhin / Abschied. / Ihr süßer roter Mund bat ihn, / bald wiederzukommen. / Er sagte: »Das werde ich tun. Du bist mein höchstes Glück, / die leuchtende Maisonne meines Herzens, / der Ursprung meiner Freuden, der Bürge meiner Glückseligkeit.«