| Schubart Christian Friedrich Daniel
Der Schneider
Als einst ein Schneider reisen soll,
Weint' er und schrie er sehr:
"Ach Mutter, lebe ewig wohl."
Die Mutter heult entsetzlich:
Das laß ich nicht geschehn!
Du sollst mir nicht so plötzlich
Aus deiner Heimat gehn.
"Ach Mutter, ich muß halt von hier,
Ist das nicht jämmerlich!"
"Nein, Söhnchen, ich weiß Rat dafür,
Verstecken will ich dich.
In einem Taubenschlage
Verberg' ich dich, mein Kind,
Bis deine Wandertage
Gesund verflossen sind."
Mein guter Schneider merkt sich dies,
Und tät als ging' er fort.
Nahm traurig Abschied, und verließ
Sich auf der Mutter Wort.
Doch Abends nach der Glocke
Stellt' er sich wieder ein,
Und kroch gleich einem Bocke
In Taubenschlag hinein.
Hier ging er, welche Wanderschaft!
Im Schlage auf und ab,
Und wartete, bis ihm zur Kraft
Die Mutter Nudeln gab.
Bei Tag war er auf Reisen -
Doch ach in mancher Nacht
Da hatt' er mit den Mäusen
Und Ratten eine Schlacht.
Einst hatte seine Schwester Streit
Nicht weit von seinem Haus.
Er hört's wie seine Schwester schreit,
Und guckt zum Schlag hinaus.
Mein Schneiderlein im Hemde,
Macht eine Faust und droht:
"Wär ich nicht in der Fremde,
Ich schlüge dich zu todt!"
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