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Oswald von Wolkenstein
Ich spúr ain tier
mit fússen brait, gar scharpf sind im die horen;
das wil mich tretten in die erd
und stösslichen durch boren.
den slund so hat es gen mir kert,
als ob ich im für hunger sei beschert,
Und nahet schier
dem herzen mein in befúndlichem getöte;
dem tier ich nicht geweichen mag.
owe der grossen nöte,
seid all mein jar zu ainem tag
geschúbert sein, die ich ie hab verzert.
Ich bin erfordert an den tanz,
do mir geweiset wúrt
all meiner súnd ain grosser kranz,
der rechnung mir gebúrt.
doch wil es got, der ainig man,
so wirt mir pald ain strich da durch getan.
Erst deucht mich wol,
solt ich neur leben aines jares lenge
vernúnftiklich in diser welt,
so wolt ich machen enge
mein schuld mit klainem widergelt,
der ich laider gross von stund bezalen múss.
Darumb ist vol
das herzen mein von engestlichen sorgen,
und ist der tod die minst gezalt.
o sel, wo bistu morgen?
wer ist dein tröstlich ufenthalt,
wenn du verraiten solt mit haisser buss?
O kinder, freund, gesellen rain,
wo ist eur hilf und rat?
ir nempt das gút, lat mich allain
hin varen in das bad,
da alle múnz hat klainen werd,
neur gúte werck, ob ich der hett gemert.
Allmächtikait
an anefangk noch end, bis mein gelaite
durch all dein barmung göttlich gross,
das mich nicht úberraite
der lucifer und sein genos,
da mit ich werd enzuckt der helle slauch.
Maria, maid,
erman dein liebes kind des grossen leiden!
seit er all cristan hat erlost,
so well mich ouch nicht meiden,
und durch sein marter werd getrost,
wenn mir die sel fleusst von des leibes drouch.
O welt, nu gib mir deinen lon,
trag hin, vergiss mein bald!
hett ich dem herren fúr dich schon
gedient in wildem wald,
so fúr ich wol die rechten far:
got, schepfer, leucht mir Wolkensteiner klar!
Übersetzung:
Ich sehe ein Tier / mit breiten Füßen - sehr scharf sind seine Hörner;
/ das will mich in die Erde stampfen / und mit einem Stoß durchbohren.
/ Den Rachen reißt es gegen mich auf, / als ob ich ihm gegen seinen Hunger
beschert sei, / und es naht schnell / und mit tödlicher Absicht meinem
Herz; / dem Tier kann ich nicht ausweichen. / Weh, der großen Not, / daß
jetzt alle meine Jahre, die ich verschwendet habe, / zu einem einzigen
Tag zusammengeschoben sind. / Ich wurde zum Tanz aufgefordert, / wo mir
alle meine Sünden / zum Kranz gewunden präsentiert werden, / und die Rechnung
ist richtig. / Doch will es Gott, der Eine, / so werden sie bald mit einem
Strich erledigt.
Jetzt erst erschiene es mir gut, / daß ich, wenn ich nur
noch eine Jahreslänge / vernünftig in der Welt leben dürfte, / dann meine
Schuld verringern / würde in kleinen Rückzahlungsraten, / die ich jetzt
aber leider sofort und auf einmal bezahlen muß. / Deshalb ist mein Herz
/ voll Angst und Sorge, / und der Tod zählt dabei am geringsten. / Ach
Seele, wo bist du morgen? / Wer gibt dir Trost und Zuflucht, / wenn du
mit strenger Buße Rechenschaft ablegen mußt? / Ach Kinder, Freunde, meine
Gefährten, / wo ist eure Hilfe und euer Rat? / Ihr nehmt den Besitz und
laßt mich allein / in jenes Sühnebad ziehen, / wo alles Geld nur wenig
gilt, / im Gegensatz zu guten Werken - sofern ich diese vermehrt hätte.
Allmächtiger / ohne Anfang und Ende, sei mein Geleit, /
aus all Deinem großen göttlichen Erbarmen, / damit mich Luzifer und seine
Gesellen / nicht überlisten, / auf daß ich dem Höllenschlund entrissen
werde. / Maria, Jungfrau, / erinnere Dein Kind an sein großes Leiden!
/ Weil er alle Christen erlöst hat, / so möge er auch mich nicht vergessen,
/ und seine Qualen sollen mir Trost geben, / wenn mir die Seele aus den
Fesseln des Leibes entflieht. / O Welt, nun gib mir deinen Lohn, / trag
mich fort und vergiß mich schnell! / Hätte ich statt deiner dem Herrn
/ in wildem Wald gedient, / dann wäre ich auf dem rechten Weg: / Gott,
Schöpfer, leuchte mir Wolkensteiner hell voraus!
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