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Oswald von Wolkenstein
»Ich spür ain lufft aus külem tufft,
das mich wol dunckt in meiner vernunft
wie er genennet, kennet sei nordoste.
Ich wachter sag: mich prüfft, der tag
uns künftig sei aus vinsterm hag;
ich sich, vergich die morgenrot her glosten.
Die voglin klingen überal,
galander, lerchen zeisel, droschel, nachtigal,
auf perg, in tal hat sich ir gesangk erschellet.
Leit iemant hie in güter acht,
der sich in freuden hat geniet die langen nacht,
derselb betracht, das er sich mer gesellet.«
Die junckfrau hett verslaffen,
der knab wacht lützel bas,
si rüfften baide waffen
all über des tages hass.
das freulin schalt in sere:
›her tag, ir künnt nicht ere
bewaren inn der mass.‹
Ain schlicklin weis si bot mit fleiss
dem knaben hin mit hendlin gleiss:
›ste auff und louff, erkies den grawen morgen.‹
Ain venster brett er fuder tett,
der knab hin zu dem freulin rett:
»ach got, an spot, er kompt da her mit sorgen.
Er dringet durch das firmament,
der lucifer hat den schein von im gesendt,
die nacht volendt all gen des tages greisen.«
Er kusst si an den roten mund:
»ach herzen lieb, nu ist sein nicht ain halbe stund,
das wir verwunt uns taten zesamen breisen.«
Si wurden seufften und klagen
mit beslossen mündlein vein,
das si nu wolt verjagen
des liechten tages schein.
si sprach: ›mein traut geselle,
es gee, recht wie es welle,
du bist gewaltig mein.‹
Der wachter rürt, ain stimm er fürt,
jal durch ain horn, das man in hort,
er kunnt ain gast mit gelast von oriente.
Das freulin tacht in lieber acht:
›ach sunne, was hat dich fürher bracht?
ich wolt an solt, du werst zu occidente.
Ich traut deins scheines wol emberen,
mir wër vil lieb, der uns kündet den aubent stern,
den sëh ich gern; möcht mir der wunsch geräten!‹
Gar so laut so lacht der knabe vein:
»mein höchster hort, so mag es laider nicht gesein,
in senden pein so müss ich von dir watten.
Mein freudenmacherinne,
meins herzen zucker nar, du hast mir herz und
sinne
benomen sunder gar.«
si fiengen sich zesamen
mit armen blanck umbvangen.
»mein lieb, dahin ich far.«
Übersetzung:
»Ich spüre einen Wind aus kühlem Morgennebel, / der, wie ich aus Erfahrung
weiß, / der Nordostwind genannt wird und als solcher bekannt ist. / Als
Wächter sage ich: Glaubt mir, der Tag / bricht für uns aus dem dunklen
Wald an. / Ich sehe und kündige euch an, daß das Morgenrot herüberleuchtet.
/ Die kleinen Vögel singen überall, / Galander, Lerchen, Zeisige, Drosseln,
Nachtigallen. / Ihr Gesang erklingt auf den Bergen und in den Tälern.
/ Wenn jemand hier wohlbehütet liegt, / der die lange Nacht hindurch die
schönsten Freuden genossen hat, / dann hüte er sich davor, noch länger
bei seiner Geliebten zu bleiben.« // Die junge Frau hatte verschlafen,
/ und der junge Mann war auch nicht früher aufgewacht. / Beide klagten
/ über die Feindseligkeit des Tages. / Die junge Frau beschimpfte ihn
heftig: / ›Herr Tag, Ihr wißt das Ansehen nicht zu wahren, wie es sich
gehört.‹
Mit ihren hellen Händen reichte sie / dem jungen Mann besorgt
ein weißes Hemd: / ›Steh auf und beeil dich, sieh nach, ob der Morgen
bereits anbricht.‹ / Er stieß einen Fensterladen auf / und sagte zu ihr:
/ »Ach Gott, wahrhaftig, er nähert sich bedrohlich. / Er durchdringt bereits
das Firmament. / Der Morgenstern hat seinen Glanz verloren, / die Nacht
geht mit dem Morgengrauen zu Ende.« / Er küßte sie auf ihren roten Mund.
/ »Ach, Herzallerliebste, nun ist es noch keine halbe Stunde her, / daß
wir uns glücklich umarmt haben.« // Mit fein verschlossenem Mund / begannen
sie zu seufzen und zu klagen, / daß der Glanz des hellen Tages / sie nun
verjagen würde. / Sie sagte: ›Mein Liebster, / was auch geschieht, / ich
gehöre nur dir.‹
Der Wächter begann zu singen / und ließ sein Horn laut ertönen,
/ so daß man ihn hörte. / Er kündigte einen leuchtenden Gast aus dem Osten
an. / Die junge Frau dachte in liebevoller Sorge: / ›Ach Sonne, was hat
dich hierher geführt? / Ich wünschte von ganzem Herzen, du wärst im Westen.
/ Auf dein Scheinen könnte ich gut verzichten. / Mir wäre lieber, uns
würde jemand den Abendstern ankündigen. / Den würde ich gerne sehen. Könnte
mein Wunsch doch in Erfüllung gehen.‹ / Der hübsche junge Mann lachte
laut: / »Mein liebster Schatz, das geht leider nicht, / voller Sehnsuchtsschmerz
muß ich von dir fortgehen. // Meine Freudenspenderin, / meines Herzens
Zuckerspeise, / du hast mich völlig / um Herz und Verstand gebracht.«
/ Sie umfingen einander und / umschlangen sich mit ihren nackten Armen.
/ »Ich muß fort, meine Liebste.«
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