literatur pinselpark    


  Home
Zum Autor
Sitemap/Inhalt
Vorherige Seite
   
  Suche /Wörterbuch
Forum
Mail
Seite weiterempfehlen

Drucken
Disclaimer
Wichtige Downloads

 

Novalis (Friedrich von Hardenberg)

Hymnen an die Nacht

5
Über der Menschen weitverbreitete Stämme
herrschte vor Zeiten ein eisernes Schicksal
mit stummer Gewalt. Eine dunkle, schwere Binde
lag um ihre bange Seele - Unendlichwar die Erde -
der Götter Aufenthalt, und ihre Heimat.
Seit Ewigkeiten stand ihr geheimnisvoller Bau.
Über des Morgens roten Bergen, in des Meeres heiligem Schoß
wohnte die Sonne, das allzündende, lebendige Licht.
Ein alter Riese trug die selige Welt. Fest unter Bergen lagen
die Ursöhne der Mutter Erde. Ohnmächtig in ihrer zerstörenden Wut
gegen das neue herrliche Göttergeschlecht und dessen Verwandten,
die fröhlichen Menschen. Des Meers dunkle, grüne
Tiefe war einer Göttin Schoß. In den kristallenen Grotten
schwelgte ein üppiges Volk. Flüsse, Bäume, Blumen und
Tiere hatten menschlichen Sinn. Süßer schmeckte der Wein
von sichtbarer Jugendfülle geschenkt - ein Gott in den        
Trauben - eine liebende, mütterliche Göttin, emporwach-   
send in vollen goldenen Garben - der Liebe heilger Rausch
ein süßer Dienst der schönsten Götterfrau - ein ewig buntes
Fest der Himmelskinder und der Erdbewohner rauschte das
Leben, wie ein Frühling, durch die Jahrhunderte hin - Alle  
Geschlechter verehrten kindlich die zarte, tausendfältige
Flamme, als das höchste der Welt. Ein Gedanke nur war es,
Ein entsetzliches Traumbild,

Das furchtbar zu den frohen Tischen trat
Und das Gemüt in wilde Schrecken hüllte.
Hier wußten selbst die Götter keinen Rat
Der die beklommne Brust mit Trost erfüllte.
Geheimnisvoll war dieses Unholds Pfad
Des Wut kein Flehn und keine Gabe stillte;
Es war der Tod, der dieses Lustgelag
Mit Angst und Schmerz und Tränen unterbrach.

Auf ewig nun von allem abgeschieden,
Was hier das Herz in süßer Wollust regt,
Getrennt von den Geliebten, die hinieden
Vergebne Sehnsucht, langes Weh bewegt,
Schien matter Traum dem Toten nur beschieden,
Ohnmächtiges Ringen nur ihm auferlegt.
Zerbrochen war die Woge des Genusses
Am Felsen des unendlichen Verdrusses.

Mit kühnem Geist und hoher Sinnenglut
Verschönte sich der Mensch die grause Larve,
Ein sanfter Jüngling löscht das Licht und ruht -
Sanft wird das Ende, wie ein Wehn der Harfe.
Erinnerung schmilzt in kühler Schattenflut,
So sang das Lied dem traurigen Bedarfe.
Doch unenträtselt blieb die ewge Nacht,
Das ernste Zeichen einer fernen Macht.

Zu Ende neigte die alte Welt sich. Des jungen Geschlechts
Lustgarten verwelkte - hinauf in den freieren, wüsten Raum
strebten die unkindlichen, wachsenden Menschen. Die Göt-
ter verschwanden mit ihrem Gefolge - Einsam und leblos   
stand die Natur. Mit eiserner Kette band sie die dürre Zahl
und das strenge Maß. Wie in Staub und Lüfte zerfiel in
dunkle Worte die unermeßliche Blüte des Lebens. Entflohn
war der beschwörende Glauben, und die allverwandelnde, 
allverschwisternde Himmelsgenossin, die Phantasie. Un-
freundlich blies ein kalter Nordwind über die erstarrte Flur,
und die erstarrte Wunderheimat verflog in den Äther. Des
Himmels Fernen füllten mit leuchtenden Welten sich. Ins 
tiefre Heiligtum, in des Gemüts höhern Raum zog mit ihren
Mächten die Seele der Welt - zu walten dort bis zum
Anbruch der tagenden Weltherrlichkeit. Nicht mehr war das
Licht der Götter Aufenthalt und himmlisches Zeichen - den
Schleier der Nacht warfen sie über sich. Die Nacht ward der
Offenbarungen mächtiger Schoß - in ihn kehrten die Götter
zurück - schlummerten ein, um in neuen herrlichern Gestal-
ten auszugehn über die veränderte Welt. Im Volk, das vor
allen verachtet zu früh reif und der seligen Unschuld der  
Jugend trotzig fremd geworden war, erschien mit niegesehe-
nem Angesicht die neue Welt - In der Armut dichterischer  
Hütte - Ein Sohn der ersten Jungfrau und Mutter - Geheim-
nisvoller Umarmung unendliche Frucht. Des Morgenlands
ahndende, blütenreiche Weisheit erkannte zuerst der neuen
Zeit Beginn - Zu des Königs demütiger Wiege wies ihr ein
Stern den Weg. In der weiten Zukunft Namen huldigten sie
ihm mit Glanz und Duft, den höchsten Wundern der Natur.
Einsam entfaltete das himmlische Herz sich zu einem Blü-
tenkelch allmächtger Liebe - des Vaters hohem Antlitz
zugewandt und ruhend an dem ahndungsselgen Busen der  
lieblich ernsten Mutter. Mit vergötternder Inbrunst schautedas
weissagende Auge des blühenden Kindes auf die Tage
der Zukunft, nach seinen Geliebten, den Sprossen seines
Götterstamms, unbekümmert über seiner Tage irdisches
Schicksal. Bald sammelten die kindlichsten Gemüter von
inniger Liebe wundersam ergriffen sich um ihn her. Wie 
Blumen keimte ein neues fremdes Leben in seiner Nähe.
Unerschöpfliche Worte und der Botschaften fröhlichste fie-
len wie Funken eines göttlichen Geistes von seinen freundlichen
Lippen. Von ferner Küste, unter Hellas heiterm Himmel geboren,
kam ein Sänger nach Palästina und ergab sein   
ganzes Herz dem Wunderkinde:

Der Jüngling bist du, der seit langer Zeit
Auf unsern Gräbern steht in tiefen Sinnen;
Ein tröstlich Zeichen in der Dunkelheit -
Der höhern Menschheit freudiges Beginnen. 
Was uns gesenkt in tiefe Traurigkeit
Zieht uns mit süßer Sehnsucht nun von hinnen.
Im Tode ward das ewge Leben kund,
Du bist der Tod und machst uns erst gesund.

Der Sänger zog voll Freudigkeit nach Indostan - das Herz
von süßer Liebe trunken; und schüttete in feurigen Gesän-
gen es unter jenem milden Himmel aus, daß tausend Herzen
sich zu ihm neigten, und die fröhliche Botschaft tausend-
zweigig emporwuchs. Bald nach des Sängers Abschied ward
das köstliche Leben ein Opfer des menschlichen tiefen Ver-  
falls - Er starb in jungen Jahren, weggerissen von der ge-
liebten Welt, von der weinenden Mutter und seinen zagen-
den Freunden. Der unsäglichen Leiden dunkeln Kelch
leerte der liebliche Mund - In entsetzlicher Angst nahte die
Stunde der Geburt der neuen Welt. Hart rang er mit des  
alten Todes Schrecken - Schwer lag der Druck der alten
Welt auf ihm. Noch einmal sah er freundlich nach der
Mutter - da kam der ewigen Liebe lösende Hand - und er
entschlief. Nur wenig Tage hing ein tiefer Schleier über das
brausende Meer, über das bebende Land - unzählige Tränen 
weinten die Geliebten - Entsiegelt ward das Geheimnis -  
himmlische Geister hoben den uralten Stein vom dunkeln
Grabe. Engel saßen bei dem Schlummernden - aus seinen
Träumen zartgebildet - Erwacht in neuer Götterherrlichkeit
erstieg er die Höhe der neugebornen Welt - begrub mit 
eigner Hand der Alten Leichnam in die verlaßne Höhle, und
legte mit allmächtiger Hand den Stein, den keine Macht
erhebt, darauf.

Noch weinen deine Lieben Tränen der Freude, Tränen der
Rührung und des unendlichen Danks an deinem Grabe -
sehn dich noch immer, freudig erschreckt, auferstehn - und
sich mit dir; sehn dich weinen mit süßer Inbrunst an der
Mutter seligem Busen, ernst mit den Freunden wandeln, 
Worte sagen, wie vom Baum des Lebens gebrochen; sehen
dich eilen mit voller Sehnsucht in des Vaters Arm, bringend
die junge Menschheit, und der goldnen Zukunft unversiegli-
chen Becher. Die Mutter eilte bald dir nach - in himmli-
schem Triumph - Sie war die Erste in der neuen Heimat bei
dir. Lange Zeiten entflossen seitdem, und in immer höherm
Glanze regte deine neue Schöpfung sich - und Tausende
zogen aus Schmerzen und Qualen, voll Glauben und Sehn-
sucht und Treue dir nach - wallen mit dir und der himmli-
schen Jungfrau im Reiche der Liebe - dienen im Tempel des
himmlischen Todes und sind in Ewigkeit dein.

Gehoben ist der Stein -
Die Menschheit ist erstanden -
Wir alle bleiben dein
Und fühlen keine Banden.
Der herbste Kummer fleucht
Vor deiner goldnen Schale,    
Wenn Erd und Leben weicht,
Im letzten Abendmahle.

Zur Hochzeit ruft der Tod -
Die Lampen brennen helle -
Die Jungfraun sind zur Stelle
Um Öl ist keine Not -
Erklänge doch die Ferne
Von deinem Zuge schon,
Und ruften uns die Sterne
Mit Menschenzung und Ton!

Nach dir, Maria, heben
Schon tausend Herzen sich.
In diesem Schattenleben
Verlangten sie nur dich.
Sie hoffen zu genesen 
Mit ahndungsvoller Lust -
Drückst du sie, heilges Wesen,
An deine treue Brust.

So manche, die sich glühend
In bittrer Qual verzehrt, 
Und dieser Welt entfliehend
Nach dir sich hingekehrt;
Die hülfreich uns erschienen
In mancher Not und Pein -
Wir kommen nun zu ihnen 
Um ewig da zu sein.

Nun weint an keinem Grabe,
Für Schmerz, wer liebend glaubt.
Der Liebe süße Habe
Wird keinem nicht geraubt - 
Die Sehnsucht ihm zu lindern,
Begeistert ihn die Nacht -
Von treuen Himmelskindern
Wird ihm sein Herz bewacht.

Getrost, das Leben schreitet 
Zum ewgen Leben hin;
Von innrer Glut geweitet
Verklärt sich unser Sinn.
Die Sternwelt wird zerfließen
Zum goldnen Lebenswein,
Wir werden sie genießen
Und lichte Sterne sein.

Die Lieb ist frei gegeben,
Und keine Trennung mehr.
Es wogt das volle Leben
Wie ein unendlich Meer.
Nur Eine Nacht der Wonne -
Ein ewiges Gedicht -
Und unser aller Sonne
Ist Gottes Angesicht.