|
Neithart von Reuenthal
1 Sumers und des winders beider vîentschaft
kan ze disen zîten niemen understân.
winder der ist aber hiwer mit sînen vriunden komen:
er ist hie mit einer ungevüegen kraft;
erne hât dem walde loubes niht verlân
und der heide ir bluomen unde ir liehten schîn benomen.
sîn unsenftikeit
ist ze schaden uns bereit.
sît in iuwer huote! er hât uns allen widerseit.
2 Alsô hân ich mîner vrouwen widersagt:
sî endarf mîn niht ze dienestmanne jehen;
ich gediene ir williclîchen nimmer einen tac,
sît si guoten vriunt in vîndes stricke jagt.
ich wil mir ein lange wernde vrône spehen,
diu mich hin ze gotes hulde wol gebringen mac.
die verliust si mir:
deste wirs getrouwe ich ir.
sî sol wizzen, daz ich ir ze vrouwen wol enbir.
3 Ist daz niht ein wandel an der vrouwen mîn?
swer ir dienet, dem ist kranker lôn beschert.
sî verleitet manegen, daz er in dem drûhe lît;
des muoz leider liebes lônes âne sîn,
der ouch in ir dienste hin ze helle vert.
er ist saelic, swer sich von ir verret bî der zît,
daz er ze mittem tage
sînen phenninc hie bejage,
den er um die vesperzît verdienet mit im trage.
4 Swaz ich nû gesinge, daz sint klageliet:
dâ envreut sich lützel leider iemen von.
ê dô sang ich, daz den guoten liuten wol gezam.
sît daz mich daz alter von der jugende schiet,
muoz ich dulden, des ich ê was ungewon.
niemen sich verzîhe, im geschehe vil lîhte alsam!
wirt er als ich grâ,
sô ist missebieten dâ.
sô der wolf inz alter kumt, sô rîtet in diu krâ.
5 Ê dô kômen uns sô vreuden rîchiu
jâr,
dô die hôchgemuoten wâren lobesam:
nu ist in allen landen niht wan trûren unde klagen,
sît der ungevüege dörper Engelmâr
der vil lieben Vriderûne ir spiegel nam.
dô begunde trûren vreude ûz al den landen jagen,
daz si gar verswant.
mit der vreude wart versant
zuht und êre; disiu driu sît leider niemen vant.
6 Der mir hie bevor in mînen anger wuot
und dar inne rôsen zeinem kranze brach
unde in hôher wîse sîniu wineliedel sanc,
der beswârte nie sô sêre mir den muot
als ein dinc, daz ich von Willekinde sach.
do'r den krumben reien an ir wîzen hende spranc,
dô swanc er den vuoz,
des mîn vreude swinden muoz.
er und Gätzeman gewinnet nimmer mînen gruoz.
7 Er spranc winsterthalben an ir wîzen hant:
houbet unde hals gie im vil vaste entwer,
dem gelîche, als der des lîbes niht gewalten mac.
dô wart mir der oede krage alrest bekant.
wê, wer brâhte in ie von Atzenbrucke her?
dâ hât er gesungen vor vil manegen vîretac:
des tuot er wol schîn.
er wil alsô tiuwer sîn,
als der durch daz röckel trat der lieben vrouwen mîn.
7a Saelde diu ist verre bezzer danne golt.
swem si guotes willen wil genaedic sîn,
dâ gewinnet slâfen aller guoter dinge vil:
sô gît ungelücke bitterlîchen solt.
daz ist an mir selben leider worden schîn:
mîne sinne sint ân saelde mir ein gogelspil,
des mir manger giht.
hât ein man der saelden niht,
swaz er denne gedienet, sô ist al sîn sin ein wiht.
8 Minne, wer gap dir sô rehte süezen namen,
daz er dir dâ bî niht guoter witze gap?
Minne, hôhe sinne solten dîn geleite sîn.
ich muoz mich ze manegen stunden vür dich schamen:
dû verliusest dicke dînen riutelstap.
daz dû swachen vriunden gîst dîn haerîn vingerlîn,
dêst dîn êre kranc.
daz dû, vrouwe, habest undanc!
in dîn haerîn vingerlîn ein kneht den vinger dranc.
9 Daz siz niht dem ritter an den vinger stiez,
dô iz in der niuwe und in der wirde was!
dannoch hete siz dem knehte wol vür vol gegeben.
ich weiz rehte niht, war umbe sî daz liez.
lîhte was der kneht ir ougen spiegelglas.
Minne ist sô gewaltic, dâ si hin beginnet streben,
Minne ist sô gemuot,
der mit werke ir willen tuot,
daz si dâ hin minnet, dâ ir êre ist unbehuot.
9a Her Nîthart, ê was iuwer sanc gemeine gar:
nû welt ir in um die ritter eine hân.
tugenthafte knehte iu nimmer solten werden holt.
ob ein kneht eins vingerlînes naeme war,
dar um soltet ir in ungeniten lân.
ritter solten tragen billîch sîden unde golt;
haerîn vingerlîn
solten wol gemaeze sîn
einem knehte, daz er sînen vinger stieze drîn.
9b Genuoge frâgent in dem lande über al,
wer er müge sîn, der alsô schône sanc
von den tumben gouchen, der vil in der werlte sint.
sô wil ich in nennen: der von Riuwental.
saelic sîn, die mir sîn alles sagen danc!
den singe ich niuwe freude, daz in trûren wirt ein wint.
alle werde man,
seht, die suln ir trûren lân!
mich müet sêre an Metzen, wil diu Kuonzen für mich hân.
9c Sît nu Kuonze an Metzen hât mir vür
gerant,
sô fürhtet er mich niht, wie kleine ist umbe ein hâr.
sîne friunde er bittet, daz si mir unwaege sîn.
wer die sîn, daz tuon ich iu nu wol bekant:
daz ist Gumpe und Eppe, Gôze und Engelmâr.
die dünkent sich noch scherpfer dan diu wilden eberswîn.
sî bestüenden wol
einen kezzel bônen vol.
sî sint freche helde, dâ man rüeben sieden sol.
9d Gumpe unde Gôze die sint mir niht trût,
daz si nement mir sô gar unrehten stîc:
dô sî mit ir gesellen zuo dem tanze wolten gân,
dô liefen sî mir beide durch mîn gartenkrût.
zwischen in gienc Künegunt und Hedewîc.
kein gewissez tor enmohte dô vor in bestân,
alde ez waere vlorn.
swert diu sluogen ûf ir sporn,
daz si lûte erklungen; daz tet mir ze den vil zorn.
Neuhochdeutsch:
1 Zwischen Sommer und Winter / kann jetzt niemand Frie-
den stiften. / Der Winter ist wieder mit seinem Gefolge
ein gezogen, / er ist hier mit unbilliger Macht. / Er hat
den Wald entlaubt / und die einst leuchtend blühenden
Fluren öde und düster gemacht. / Seine Rauheit / will uns
allen schaden. / Seid auf der Hut! Er hat uns allen den
Krieg angesagt.
2 So habe ich meiner Herrin den Dienst aufgekündigt.
/ Sie
darf mich nicht mehr zu ihren Hörigen zählen, / nicht einen
Tag länger bin ich ihr freiwillig zu Diensten, / denn sie jagt
einen treuen Freund in die Fesseln des Feindes. / Ich
will mir einen beständigen Herrendienst suchen, / der mir
die Gnade Gottes sichert. / Gerade die verwirkt mir diese
Herrin: / Darum mißtraue ich ihr. / Sie muß wissen, daß
ich gern auf ihre Gunst verzichte.
3 Ist das nicht ein Fehl meiner Herrin, / dem, der ihr
dient,
bösen Lohn zu bescheren? / Sie führt manchen in die Irre,
bis er in der Falle liegt. / So bleibt auch leider der ohne
guten Lohn, / der in ihren Diensten zur Hölle fährt. /
Selig ist der, der sich zur rechten Zeit von ihr lossagt, / so
daß er bis zum Mittag / seinen Pfennig hier erwirbt, / den
er als Verdienst zur Vesper bei sich tragen kann.
4 Was ich jetzt noch singe, das sind Klagelieder. / Daran
freut sich leider kaum einer. / Früher habe ich gesungen,
was guten Leuten geziemte. / Seit mich das Alter von der
Jugend trennt, / muß ich dulden, was mir früher
erspart blieb. / Niemand schließe aus, daß ihm sehr leicht
das gleiche geschähe. / Wird er wie ich grau und alt, / so
stellt sich Unbill ein. / Wenn der Wolf in die Jahre kommt,
reitet ihn die Krähe.
5 Früher herrschte eine so freudenvolle Zeit, / als
Zuver-
sicht die Menschen löblich handeln ließ. / Jetzt gibt es
überall nur Traurigkeit und Klage. / Als der grobe Dörfer
Engelmar / der geliebten Friderun den Spiegel weg-
nahm, / trieb Jammer die Freude aus der Welt, / so daß
sie ganz und gar verschwand. / Mit der Freude
verschwanden / Zucht und Ehre; alle drei hat seither
niemand gesehen.
6 Einer, der mir zuvor meine Wiese niedergetreten / und
Rosen für einen Kranz gepflückt hat, / aber hat mir kein
so großes Leid getan / wie etwas, das ich Willekind
tun sah, / als er an ihrer weißen Hand den krummen
Reigen tanzte / und dabei den Fuß so schwang, / daß mir
der Spaß verging. / Ihn und Gätzemann würdige ich
keines Grußes mehr.
7 Er hopste links an ihrer weißen Hand: / Kopf und
Kragen
flogen hin und her, / als sei er seines Körpers nicht mehr
mächtig: / Da habe ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit
dem dummen Tropf gemacht. / O weh! Wer hat ihn nur
von Atzenbruck hierher geholt? / Da hat er an manchem
Feiertag vorgesungen: / darauf ist er stolz. / Er macht sich
so beliebt / wie der, der meiner lieben Herrin beim Tanz
das Röckchen zerriß.
7a Glückseligkeit ist viel wertvoller als Gold. /
Wem sie mit
Wohlwollen ihre Huld zuteil werden läßt, / dem bringt das
Schlafen viel von allem Guten: / Dagegen bringt Unglück
bitteren Sold. / Das habe ich leider selbst erfahren: /
Meine Sinne sind ein unglückseliges Gaukelspiel, / was
mir mancher sagt. / Fehlt es dem Menschen an Glück-
seligkeit, / so ist alles, was er auch immer erwirbt, all sein
Streben nichtig.
8 Minne, wer verlieh dir den so wohlklingenden Namen, /
ohne dir dazu den rechten Verstand zu geben? / Minne,
edle Gesinnung sollte dich begleiten. / Ich muß mich oft
für dich schämen: / Du verlierst oft deinen Reutel. /
Daß du niedrigen Freunden deinen Haarring schenkst, /
das bringt dich um deine Ehre. / Dafür seist du, Herrin,
verwünscht. / In deinen Haarring hat ein Knecht den
Finger gezwängt.
9 Daß sie ihn nicht dem Ritter an den Finger steckte,
/ als
er neu und noch wertvoll war! / Außerdem hätte sie ihn
dem Knecht bestimmt mit vollem Wert gegeben. / Ich
weiß so recht nicht, warum sie das nicht tat. /
Vielleicht war der Knecht ihrer Augen Spiegel. / Minne
bringt in ihre Gewalt, was sie auch erstrebt, / Minne ist so
gesinnt, / daß man ihrem Willen folgt, / daß sie auch dahin
strebt, wo ihre Ehre verloren ist.
9a Herr Neidhart, einst war Euer Lied für alle da:
/ Jetzt
wollt Ihr nur für die Ritter singen. / Wackere Knechte
sollten Euch nie mehr hold sein. / Wenn ein Knecht einen
Ring wahrnähme, / so solltet Ihr ihn darum nicht
beneiden. / Rittern geziemen Seide und Gold; / Ein
Haarring / sollte gemäß sein / dem Knecht, damit er
seinen Finger darein stecke.
9b Viele fragen überall im Lande, / wer der wohl sei,
der so
schön sang / von den törichten Narren, von denen es so
viele auf der Welt gibt. / Ich will ihn nennen: der von
Reuental. / Wohl denen, die mir aller seiner Taten
wegen dafür danken! / Denen singe ich von neuer Freude,
daß ihnen das Klagen vergeht. / Alle guten Menschen /
sollen das Klagen lassen! / Mich betrübt sehr an Metze,
wenn sie Kunz mir vorzieht.
9c Seit Kunz mir bei Metze zuvorgekommen ist, / fürchtet
er mich nicht, so wenig wie ein Haar. / Seine Freunde wie-
gelt er gegen mich auf. / Wer die sind, das tue ich euch
wohl kund: / Das sind Gumpe und Eppe, Goze und
Engelmar. / Sie dünken sich noch gefährlicher als Wild-
schweine. / Sie hielten wohl / einem Kessel voller Bohnen
stand. / Sie sind dreiste Helden, wo man Rüben kochen
soll.
9d Gumpe und Goze sind mir nicht freund, / denn sie nah-
men einen mir so schädlichen Weg, / als sie mit ihren
Gefährten zum Tanze gingen, / da liefen sie beide durch
mein Kraut im Garten. / Zwischen ihnen gingen
Künegund und Hedwig. / Kein festes Tor konnte ihnen
standhalten, / es wäre niedergebrochen worden. / Die
Schwerter schlugen auf ihre Sporen, / daß sie laut tönten;
das hat mich sehr zornig auf sie gemacht.
|