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Kotzebue August von

Ausbruch der Verzweiflung

Ha! wer bin ich! und was soll ich hier
Unter Tigern oder Affen!
Welchen Plan hat Gott mit mir?
Und warum ward ich geschaffen?
Ist das Stöhnen dieser Brust
Lobgesang in seinen Ohren?
Ist mein Elend seine Lust? –
O warum ward ich geboren!

   Tobe, rase, wilder Sturm!
Lodre, Flamme, die mich brennet!
Wie! ist dem zertretnen Wurm
Auch das Krümmen nicht vergönnet? –

   Daß der Mensch Raub oder Spott
Thieren oder Engeln werde,
Warf ihn ein erzürnter Gott
Nackend auf die nackte Erde.
Und, so tritt er, weil er muß,
Wimmernd unter seines Gleichen,
Weinen ist sein erstes Lebenszeichen,
Klageton sein erster Gruß.

   O du Wesen aller Mängel!
Armes stolzes Mittelding!
Zu dem ersten seiner Engel
Sprach des Schöpfers ernster Wink:
    „Sieh herab auf deine jüngern Brüder,
    „Das Gewimmel hier und hier;
    „Schwebe sanft und hülfreich nieder,
    „Kleide jedes wilde Thier;
    „Gib dem Löwen seine Mähnen,
    „Jedem Vogel weichen Flaum!
    „Gib ein Federbett den Schwänen,
    „Eine Rinde jedem Baum;
    „Gib den Fischen ihre Schuppen,
    „Und der Kröte gib ein Schild;
    „Gib sogar den Raupen ihre Puppen —
    „Nur vorüber geh an meinem Ebenbild!“
Und der Engel der Vollstreckung
Ward dem jüngern Bruder gram,
Nur der Mensch erhielt statt der Bedeckung
Marterndes Gefühl der Scham! —

   O so schauet doch ein wenig
Jeden Vorzug näher an,
Den der Mensch, der Schöpfung König,
Eitel klügelnd sich ersann!
D i e V e r n u n f t , — ei wie in meinen Ohren,
Bettelstolz, dies Wörtchen tönt!
Wehe euch, ihr eitlen Thoren!
Die ihr einem Götzen fröhnt.
Wenn sie euch im ganzen Leben
Irre führte hin und her,
Lehrt sie noch im Tode beben,
Macht sie euch das Ende schwer.

   Ohne Grübeln, ohne Sorgen,
Unbekannt mit Qual und Tod,
Frißt am Abend wie am Morgen
Jeder Hund sein Stückchen Brod;
Nur ihr Menschen ---ei wie selig,
Leidet euren Tod allmählich,
Nur ihr armen Menschen wißt,
D a ß und w a n n ihr sterben müßt!
Und der Hölle Zweifel füllen,
Was auch Offenbarung spricht,
Euren Busen wider Willen:
„Werd’ ich leben oder nicht?
„Lieh dem Geiste nur die Hülle
„Dieser seelenlose Staub?
„Oder bin ich Gottes Grille?
„Bin ich der Verwesung Raub?“

   Sehet da die schönen Früchte
Eurer Weisheit, sie ist blind!
Eure Freuden sind Gedichte,
Die Vernunft ein schwaches Kind.
Eine Welt, die Niemand kennet,
Und Gewißheit einer Gruft, —
Ei das ist die große Kluft,
Die uns von den Thieren trennet.

   Kaum geboren hüpfet schon
Jedes Lamm um seine Mutter,
Kaum geboren findet schon
Jedes Huhn sein bischen Futter.
Nur der Mensch, das Gabelthier,
Kann sich keinen Schritt entfernen,
Und der Schöpfung solze Zier
Muß erst   g e h n   und   e s s e n   lernen.
Aber heute lehrten ihn
Noth und Beispiel   g e h n   und   e s s e n;
Morgen will er Sterne messen,
Und den Mond herunter ziehn;
Träumt von einer ew’gen Dauer,
Grübelt, betet, winselt, schreit,
Ueberspringt die hohe Mauer
Zwischen Zeit und Ewigkeit.

   Nur am stolzen Menschen haften
Und gedeihen überall
Herrschgewöhnte Leidenschaften,
Ohne Maß und ohne Zahl:
Ueppigkeit und Geiz und Tücke,
Und der Rachsucht Giftgeschwür,
Ruhmsucht, Uebermuth im Glücke,
Todesfurcht und Lebensgier.
K l a u e n ,   Z ä h n e   sind die Waffen,
Die man unter Thieren trifft;
W o r t e ,   S c h w e r t e r ,   B l i c k e ,   G i f t ,
Sind für Menschen nur geschaffen.

   Wenn die Thiere jeder Art
Nur der holde Frühling paart,
Ist der Mensch im ganzen Leben
Einem Stachel preis gegeben,
Dessen Name Wollust ist,
Der an seinem Dasein frißt,
Der ihm öfter schon als Knabe
Gift in süßem Honig beut,
Und den Gang zu seinem Grabe
Trügerisch mit Blumen streut.

   Wenn ein Greis dem ew’gen Morden
Achtzig Jahre lang entrann,
Fragt einmal den alten Mann:
Ob er wirklich alt geworden?
Zählt nur, was ihm übrig bleibt,
Wenn ihr seine Rechnung schreibt,
Und dies Wen’ge wohlerwogen,
Ist um eine Nadel feil!
Um des Lebens achten Theil
Hat die Kindheit ihn betrogen,
Und das letzte Achtel ist
Wie das erste ihm verflossen,
Ungenießbar, ungenossen,
Ungefühlet, ungeküßt.
Seines Lebens übersatt,
Kommt der Tod, ihn abzuholen;
Eine ganze Hälfte hat
Schon der Schlaf vorher gestohlen!
In die andre theilen sich
Schmerz und Krankheit brüderlich.
War verweint des Lebens Morgen,
War der Mittag dir zu heiß,
O der Abend, armer Greis,
Brachte statt der Kühlung — Sorgen!

   Ist die Farce endlich aus,
Fragt einmal von Haus zu Haus:
War auch Einer nur zufrieden
Mit dem Loos, das ihm beschieden?
Wünsche lösen Wünsche ab.
Neue Wünsche, neue Schmerzen;
Und der letzte Wunsch,   d a s   G r a b ,
Geht dem Menschen nicht vom Herzen.
Nicht vom Herzen? Trotz der Last,
Die ihn hier zu Boden drücket.?
Wenn, verfolget und gehaßt,
Ihn kein Freundes-Trost erquicket?
Wenn, verlästert und verkannt,
Thränen nur sein Brod befeuchten?
Blitze seine Nacht erleuchten?
Menschenhaß ihn aus der Welt verbannt?

   Sehet, wie sie sich beeifern,
Alles Gute, das geschah,
Zu verkleinern, zu begeifern,
Einem Dritten hie und da
Von der Ehre abzuschneiden;
S c h w ä r m e r ,   S o n d e r l i n g ,   P h a n t a s t,
Heißt der Mann, den sie beneiden;
Grübeln ohne Ruh’ und Rast,
Bis sie irgend einen Flecken
An der guten That entdecken:
O dann ist die Freude groß!
Zupfen hämisch sich und sprechen:
„Eines armen Bruders Schwächen
„Sind nun wieder nackt und bloß.“
Statt den Irrenden zu bessern,
Rücken sie ihm stets die Schwachheit vor,
Tragen sie von Ohr zu Ohr,
Und verschönern und vergrößern;
Suchen schalen Witz und Spott
An dem Strauchelnden zu schärfen,
Greifen hastig in den Koth,
Den Gefall’nen zu bewerfen.

   Wenn in einem weichen Herzen
Die Verzweiflung gräßlich wühlt,
Wenn ein Armer seine Schmerzen
Inniger und stärker fühlt,
Sprechen sie: „Es ist erlogen“
„Dieser Schmerz ist Poesie;
„Sind wir doch wie Jener groß gezogen,
„Und empfanden so was nie.“

   Wenn in stiller Armuth Hütten
Mir das Blut am Herzen stockt;
Wenn die Thräne eines Dritten
Auch die meinige in’s Auge lockt;
Wenn ich meine kleine Gabe
Reich an Mitleid dargebracht;
Wenn ich Alles, was ich habe,
Theilen möchte unbedacht;
Gott! Du weißt, ob ich empfinde,
Was mein nasses Auge spricht!
Aber Herzen in der Rinde
Sehen es und glauben’s nicht;
Machen ihre weisen Glossen,
Schelten es Empfindelei,
Genialsche Knaben-Possen
Und Romanen-Tändelei.

   Wenn die kriechende Chikane
Einen armen Bürger drückt,
Aber unter Pluto’s Fahne
Einem Reichen Alles glückt;
Wenn vor rächerischen Blitzen
Schnödes Gold, Geburt und Rang
Oft das kühne Laster schützen,
Und der Tugend Grabgesang
Mit des Goldes Zauberklang
Ohrzerschneidend sich vermischet;
Wenn ein schwelgerisches Mahl,
Einem Richter aufgetischet,
Seiner Göttin harten Stahl
In ein weiches Wachs verwandelt;
Wenn um eines Großen Gruß,
Einer Buhlerin Genuß,
Man Gerechtigkeit verhandelt —
O versucht es nur einmal,
Knirschet nur, ihr bessern Seelen!
Lachend wird man euch erzählen:
„Ist die Welt ein Ideal?“

   Fort! In meine stille Kammer!
Mich verzehret diese Gluth!
Fluch der Welt und ihrem Jammer!
Fluch der ganzen Menschen-Brut!
Heute mordet dich, der gestern,
Noch dich brüderlich umfaßt.
Kannst du lügen, kannst du lästern,
Bist du ein willkommner Gast.
Heucheln, schmeicheln, Zungen dreschen,
Oel in’s Feuer, statt zu löschen,
Dolche in den Rücken bohren,
Für Verleumdung offne Ohren,
Neideszahn an Tugend wetzen,
Brüder gegen Brüder hetzen,
Und dabei den Heil’genschein
Sich erbetet und ersungen —
Kannst du das, so ist es dir gelungen,
unter Menschen Mensch zu sein. — —

   O wer kann mir wiedergeben
Meines Daseins ersten Tag!
Als der Keim von meinem Menschenleben
Noch in einer Pflanze lag;
Als ich noch im Gras verborgen,
Ohne Freude, ohne Qual,
Mich bewußtlos jeden Morgen
Oeffnete der Sonne Strahl;
Als dem jungen Frühlings-Rasen
Ich geliehen eine Zier,
Bis ein wiederkäuend Thier
Endlich kam, mich abzugrasen.
So ging ich als Nahrungssaft
Einst in Milch und Blut hinüber;
So entstand die Zeugungskraft,
Die in einem Wollustfieber
Mich auf diese Erde warf. —

  O, daß ich nicht rechten darf! —
Hab’ ich deinen Plan gebilligt?
Und zu leben eingewilligt?
Hast du, Schöpfer, mich befragt,
Ob ich um die Hand voll Freuden
Dulden wolle unverzagt
Eine ganze Welt voll Leiden?
Ob es auch der Mühe werth,
Mich aus Nichts hervorzurufen,
Daß auf immer neuen Stufen
Neues Elend mich verzehrt?
Wo die Menschen fühllos spötteln
Bei dem nagendsten Verdruß –
Soll ich nun noch   G n a d e   betteln,
So das   R e c h t   mir werden muß?
Nein! Ich harre ungeduldig!
Denn vergelten  m u ß t  du mir!
Bist Unsterblichkeit mir  s c h u l d i g !
Sieh, ich   f o r d r e   sie von dir!