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Kleist Ewald Christian von

Der Frühling

Empfang mich, schattigter Hayn, voll hoher grüner Gewölbe!
Empfang mich! fülle mit Ruh und holder Wehmuth die Seele!
Führ mich in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Tugend,
Der um sich die Schatten erhellt. Lehr mich den Wiederhall reizen
Zum Ruhm verjüngter Natur. Und ihr, ihr lachenden Wiesen!
Ihr holde Thäler voll Rosen, von lauten Bächen durchirret!
Mit euren Düften will ich in mich Zufriedenheit ziehen,
Und wenn Aurora euch weckt, mit ihren Stralen sie trincken.
Gestreckt im Schatten will ich in güldne Sayten die Freude,
Die in euch wohnet, besingen. Reitzt und begeistert die Sinnen,
Daß meine Töne die Gegend, wie Zephyrs Lispeln, erfüllen,
Und wie die rieselnden Bäche.

Aus rosenfarbnen Gewölcke, bekräntzt mit Tulpen und Veilchen,
Sank jüngst der Frühling vom Himmel. Aus seinem Busen ergoß sich
Die Milch der Erden in Strömen. Schnell rollte von Hügeln und Bergen,
Der Schnee in Haufen herab, und Felder wurden zu Seen, - - - - -
Allmählich verseigte die Fluth. Von eilenden Dünsten und Wolcken,
Flohn junge Schatten umher. Es schien der Himmel erweitert,
Und war voll Schimmer und Strahlen. Zwar streute der weichende Winter
Noch oft bey nächtlicher Umkehr von den geschüttelten Flügeln
Reif, Eis und Schauer von Schnee; noch liessen wüthrische Stürme
Die rauhe dumpfigte Stimm aus Islands Gegend ertönen,
Durchstreiften klagende Klüfte, verheerten taumelnde Wälder,
Und bliesen Schrecken und Furcht herum, Verderben und Kälte.
Und endlich siegte der vor noch ungesicherte Frühling.
Die Luft ward sanfter; es deckt' ein bunter Teppich die Felder,
Die Schatten wurden belaubt, ein sanft Getön erwachte,
Und floh und wirbelt umher im Hain voll grünlicher Dämmrung,
Die Bäche färbten sich silbern, im Luftraum flossen Gerüche,
Und Echo höret' im Grunde die frühe Flöte des Hirten.
Ihr, deren zweifelhaft Leben gleich trüben Tagen des Winters,
Ohn Licht und Freude verfließt, die ihr in Höhlen des Elends
Die finstern Stunden verseufzt, betrachtet die Jugend des Jahres!
Dreht ietzt die Augen umher, laßt tausend farbigte Scenen
Die schwarzen Bilder verfärben! Es mag die niedrige Ruhmsucht,
Die schwache Rachgier, der Geitz und seufzender Blutdurst sich härmen;
Ihr seyd zur Freude geschaffen, der Schmerz schimpft Tugend und Unschuld.
Saugt Lust und Anmuth in euch! schaut her, sie gleitet im Luftkreis
Und grünt und rieselt im Thal. Und ihr, ihr Bilder des Frühlings,
Ihr blühenden Schönen! flieht ietzt den athemraubenden Aushauch
Von güldnen Kerkern der Städte. Kommt, Kommt in winkende Felder!
Kommt! überlasset dem Zephyr die kleinen Wellen der Locken,
Seht euch in Seen und Bächen, gleich jungen Blumen des Ufers.
Plückt Morgentulpen voll Thau, und ziert den wallenden Busen.

Hier wo der spitzige Fels, bekleidet mit Sträuchen und Tannen
Zur Hälfte den bläulichen Strom, sich drüber neigend beschattet,
Will ich ins Grüne mich setzen auf seinen Gipfel, und um mich
Thal und Gefilde beschauen. O welch ein frohes Gewühle
Belebt das streifichte Land! Wie lieblich lächelt die Anmuth
Aus Wald und Büschen hervor! Ein Zaun von blühenden Dornen
Umschließt und röthet ringsum die sich verlierende Weite
Vom niedrigen Himmel gedrückt. Von bunten Moonblumen laufen,
Mit grünem Weizen versetzt, sich schmälernde Beete ins Ferne,
Durchkreutzt von blühendem Flachs. Feld-Rosenhecken und Schleestrauch
In Blüthen gleichsam gehüllt, umkränzen die Spiegel der Teiche
Und sehn sich drinnen. Zur Seite blitzt aus dem grünlichen Meere
Ein Meer voll güldener Stralen, durch Phöbus glänzenden Anblick.
Es schimmert sein gelbes Gestade von Muscheln und farbichten Steinen,
Und Lieb und Freude durchtaumelt in kleiner Fische Geschwadern,
Und in den Riesen des Wassers die unabsehbare Fläche.
Auf fernen Wiesen am See stehn majestätische Rosse,
Sie werfen den Nacken empor und fliehn und wiehern für Wollust,
Daß Hayn und Felsen erschallt. Gefleckte Kühe durchwaten,
Geführt vom ernsthaften Stier, des Meierhofs büschichte Sümpfe,
Der finstre Linden durchsieht. Ein Gang von Espen und Ulmen
Führt zu ihm, welchen ein Bach durchblinkt, in Binsen sich windend,
Von Reihern und Schwänen bewohnt. Gebirge, die Brüste der Reben
Stehn frölich um ihn herum; sie ragen über den Buchwald,
Des Hügels Krone, davon ein Theil im Sonnenschein lächelt
Und glänzt, der andere traurt im Flor vom Schatten der Wolken.
Die Lerche steigt in die Luft, sieht unter sich Klippen und Thäler;
Entzückung tönet aus ihr. Der Klang des wirbelnden Liedes
Ergetzt des ackernden Landmann. Er horcht eine Weile: dann lehnt er
Sich auf den gleitenden Pflug, zieht braune Wellen ins Erdreich,
Verfolgt von Krähen und Elstern. Der Saemann schreitet gemessen,
Und wirft den Saamen ihm nach. O daß der mühsame Landwirth
Für sich den Segen nur streute! Daß ihn die Weinstöcke tränkten
Und in den Wiesen für ihn nur bunte Wogen sich wälzten!
Allein, der frässige Krieg vom Zähne bleckenden Hunger
Und wilden Schaaren begleitet, verheert oft Arbeit und Hofnung.
Er stürmet rasend einher, zertritt die nährenden Halmen,
Reißt Stab und Reben zu Boden, entzündet Dörfer und Wälder
Für sich zum flammenden Lustspiel. Wie wenn der Rachen des Ätna
Mit ängstlich-wildem Geschrey, daß Meer und Klippen es hören,
Die Gegen um sich herum, vom untern Donner zerrüttet,
Mit Schrecken und Tod überspeyt, und einer flammenden Sündfluth.

Ihr, denen zwanglose Völker das Steuer der Herrschaft vertrauen,
Führt ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht ihr Väter der Menschen noch mehrere Kinder? Ists wenig
Viel Millionen beglücken? Erforderts wenige Mühe?
O mehrt derjenigen Heil, die eure Fittiche suchen,
Deckt sie gleich brütenden Adlern; verwandelt die Schwerdter in Sicheln,
Laßt güldne Wogen im Meer, fürs Land, durch Schiffahrt sich thürmen,
Erhebt die Weisheit im Kittel, und trocknet die Zähren der Tugend.

Wohin verführt mich der Schmerz! Weicht, weicht ihr traurigen Bilder,
Komm Muse! laß uns die Wohnungen und häusliche Wirthschaft des Landmanns
Und Viehzucht und Gärte betrachten.