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Hennings August von

Der Mensch

Chaotisch lag ich, unbewußt
Daß ich erwachen würde;
Mein Herz schlug nicht, unthätig war
Ich Thon in fremden Händen.
Ein fremder Lebensbach durchfloß
Mich bildend, gab mir Leben,
Da fühlt' ich sinlos, regte mich,
Unwissend, daß ich strebte.

So ward ich, riß der Faden ab,
Der mich an andrer Leben,
An andrer Seyn mein Werden band,
Und mich zum Dasein reifte.
Gebildet war die Frucht, doch reif
Nur, um vom Stamm zu fallen;
Ein eignes Reifen sollte nun
Die Bildung erst vollenden.

Bewegung, Sinne, Geisteskraft
Entwickelten mich mälig
In mir; Auch aus mir? Wer weiß es?
Wer hat sich selbst entwickelt?
Wie langsam bildeten sich nicht
Nur erst die äußern Sinne,
Ich sah noch nicht, ich hörte nicht;
Ich wollte doch, und weinte.

Mich leitete an Mutterbrust
Der Mutter sanftes Wollen,
Ich forderte, sie gab und so
Lehrt sie mich, was ich wollte.
So ward mein Seyn zum zweiten mahl
Verwebt mit Andrer Daseyn,
Mechanisch sonst; iezt war mein Sinn
An andrer Sinn gefesselt.

Vom Körper Embrio, ward ich
Zum Embrio der Sinnen,
Noch immer wußt ich nichts davon,
Ich ließ mich ruhig werden.
Ich lächelte die Mutter an,
Und fühlte nicht dies Lächeln;
Das größte Glük, das sie mir gab,
War Schlaf am Mutterbusen.

Mit Schreien trat ich in die Welt
Das Schreien ward zum Weinen,
Zum Lallen dies, und wieder dies
Zu ungeformten Tönen.
Die Mutter wandelte den Ton
In Wörter, die in Sprache;
Doch welcher Gott verwandelte
Die Sprache zu Gedanken?

Der Strahl des hohen Sonnenlichts
Glitt unbemerkt vorüber,
Der Odem Gottes, Mensch du bist!
Ward fühllos eingeathmet
Nicht so, wie einst Pigmalion
Elisens Seyn belebte;
Nicht wie Elisens Frohgefühl
Des Seyns, des ersten Denkens.

Ist das Empfinden, wenn man nicht
Daß man iezt fühlt, empfindet?
Ists Denken, wenn man nicht in sich
Daß man iezt denke, denket.
Ists Wollen, wenn nichts in uns sagt,
Das will ich, um zu wollen,
Ists Thun, wenn freie Wahl nicht spricht
Das thu ich, weil ichs wollte?

Ist's eigne Kraft, die ihre Kraft
Nicht kennt in eignen Ueben?
Ists eigner Geist, der seinen Geist
Nicht Sonnenhell durchschauet?
Wenn im betrognen Selbstgefühl
Der Hellung Glaub' uns lauschet,
Ists Irrung, wenn wir weiter sehn,
Als das wir sehen lernen.

Wie wenn vom Stahl der Funken schlägt,
Der trokne Zunder lodert;
Der kennt die Glut nicht die er giebt,
Der nicht, die in ihm glühet.
So senkt in uns der Funke sich
Der einst als Flamme lodert,
So sehen wir, noch unbewußt
Des Sehns zum Bessersehen.

So lernt ich sehn, und habe nie
Erfahren, wie ichs lernte;
So lernt ich hören, aber wie?
Blieb immer mir verborgen.
So lernt ich fühlen, aber was
In mir das Glühn erwekte,
Von Muttermilch zu Sonnenglut,
Wer hat mirs sagen können?

Die frohe Menschheit ward in mir,
(Noch kann ichs dunkel denken)
Erwekt - zu lauter Kinderspiel
Ich war, das war auch alles!
Mit allen Kräften, die ich einst
Als Mann entwickeln sollte;
Und rascher noch, und thätiger, -
Lernt ich den Kräusel drehen.

Den Blüten gleich, die Zephyrs Hauch
Am Frühlingstag entfaltet
Blüht ich als ob der Abend einst
Auch mich verwehen sollte.
Ich dacht' an künft'ge Früchte nicht;
Doch sorgsam spähten andre
Den Blüten nach, und wandelten
Sie zu einst reifen Früchten.

Ein dritter Embrio ward ich
Jetzt Embrio des Denkens;
Ich selbst war nichts, ich wechselte
Nur neue Gängelbänder
Wer war's der über mich entschied,
(Noch kann's mir niemand sagen)
Ob oder Wie ein Lichtstrom einst
Den Geist erhellen sollte?

Ob Ammen Mähr und Vorurtheil
Im Dunkel mich erschrecken,
Ob ich den Waldbewohnern gleich
Ohn' alles Licht erwachsen,
Ob höhern Geistes Strebens voll
Den Sinnen ich entsagen
Und kühn in frohem Sonnenlicht
Mich aufwärts schwingen sollte.

Im Cathechismus Unterricht
Als Märtirer des Glaubens,
Als Held beim Nepos und Plutarch
Beim Socrates als Denker,
War das Gemisch amalgamirt,
Das den Charakter bildet,
Halb Ammenlehr halb Selbstgefühl
Nie selbstgeschaffnes Denken.

Von Sclaverei zu Sclaverei,
Von Leitungen zu Leitung,
Von Gängelband zu Gängelband,
Entwickelt sich die Menschheit.
Wir werden aus Nichts, und aus Nichts
Entstehen die Begriffe.
Sich selbst schaft keiner, keiner schaft
Ideen, die er denket.

Erst Theil des Mutterleibes, dann
Noch Theil des Mutterwillens.
Dann Theil der Lehrer, und dann Theil
Von iedem Sinnen Eindruk.
Dann Theil der rauhen Leidenschaft
Und sanfterer Gefühle,
Und überall durch Zaubermacht,
Man weiß nicht wie, geleitet.

Das, Mensch bist du, den Stuffengang
Gehst du als Mensch; zur Freiheit? -
Von Freiheit hast du nur die Kraft,
Sie sehnsuchtsvoll zu denken.
Zu wollen sie mit Geisteskraft,
Weil du als Theil von Allem
Im Ganzen Freiheit fühlst, wenn gleich
Kein Theil, als Ganzes, frei ist.

Verlange nicht mehr! Ruhig sey
Dem Ganzen angemessen,
Empör dich nicht, Vergebens ist
Sich selbst ins Seyn zu rufen.
Wie du gerufen wardst, so geh
Am Gängelband des Ganzen.
Gut ist das Ganze; o so sey
Dein ganzes Seyn auch Güte!