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Heinrich von Veldeke

In den tîden van den jâre

In den tîden van den jâre
dat dî dage werden lanc
ende dat weder weder clâre,
sô ernouwen openbâre
merelâre heren sanc,
dî uns brengen lîve mâre.
gode mach hers weten danc
dê hevet rechte minne
sunder rouwe ende âne wanc.

Ich bin blîde dore here êre
dî mich hevet dat gedân
dat ich van den rouwen kêre,
dê mich wîlen irde sêre.
dat is mich nû alsô ergân:
ich bin rîke ende grôte hêre,
sint ich mûste al umbevân
dî mich gaf rechte minne
sunder wîc ende âne wân.

Dî mich drumbe willen nîden
dat mich lîves ît geschît,
dat mach ich vele sachte lîden
noch mîne blîscap nît vermîden,
ende ne wille drumbe nît
nâ gevolgen den unblîden,
sint dat sî mich gerne sît
dî mich dore rechte minne
lange pîne dolen lît.

 

Neuhochdeutsch:
In der Jahreszeit, da die Tage lang werden und das Wetter wieder schön, da lassen, jedem vernehmbar, die Amseln ihren Gesang von neuem hören, die uns liebe Kunde bringen. Der mag Gott Dank dafür wissen, der rechte Minne hat ohne Schmerz und ohne Schwanken.

Ich bin glücklich in der Verehrung derjenigen, die bei mir erreicht hat, dass ich mich von den Schmerzen abkehre, die mich vorher sehr belästigten. Jetzt ist es mir so ergangen: Ich bin reich und sehr froh, seit ich die umarmen durfte die mir rechte Minne schenkte, ohne Schwanken und ohne Täuschung.

Wenn mich die Leute darum beneiden, dass ich Liebe erfahren darf, das kann ich ganz gut ertragen und muss deswegen nicht auf meinen Frohsinn verzichten und den Trübseligen nachlaufen, da sie mich gern sieht, die mich um der rechten Minne willen lange Zeit Qualen erdulden ließ.