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Haller
Albrecht von
Unvollkommne
Ode über die Ewigkeit
Auf
daß sich niemand an den Ausdrücken ärgere / worinnen ich von
dem
Tode als einem Ende des Wesens / oder der Hoffnung spreche / so
berichte /
daß alle diese Reden Einwürfe haben seyn sollen / die ich würde
beantwortet
haben / wann ich fähig wäre / diese Ode zu Ende zu bringen.
I.
Ihr Wälder! wo kein Licht durch finstre Tannen strahlt /
Und sich in jedem Busch die Nacht des Grabes mahlt:
Ihr holen Felsen dort! wo im Gesträuch verirret
Ein trauriges Geschwärm einsamer Vögel schwirret:
Ihr Bäche! die ihr matt in dürren Angern fließt /
Und den verlohrnen Strom in öde Sümpfe gießt:
Erstorbenes Gefild und Grausen-volle Gründe!
O daß ich doch bey euch / des Todes Farben fünde!
O nährt mit kaltem Schaur / und schwarzem Gram mein Leyd!
Seyd mir ein Bild der Ewigkeit!
II.
Mein Freund ist hin.
Sein Schatten schwebt mir noch vor dem verwirrten Sinn;
Mich dünkt ich seh sein Bild / und höre seine Worte:
Ihn aber hält am ernsten Orte
Der nichts zurücke läßt
Die Ewigkeit mit starken Armen fest.
III.
Noch heut war er was ich / und sah auf gleicher Bühne /
Dem Schauspiel dieser Welt / wie ich / beschäftigt
zu.
Die Stunde schlägt und in dem gleichen Nu
Ist alles nichts so würklich als es schiene.
Die dicke Nacht der öden Geister-Welt
Umringt ihn itzt / mit Schrecken-vollen Schatten /
Und die Begier ist was er noch behält /
Von dem was seine Sinnen hatten.
IV.
Und ich? bin ich von höherm Orden?
Nein / ich bin was er war / und werde was er worden.
Mein Morgen ist vorbey / mein Mittag rückt mit Macht:
Und eh der Abend kömmt / kan eine frühe Nacht /
Die keine Hofnung mehr zum Morgen wird versüssen /
Auf ewig meine Augen schliessen.
V.
Forchtbares Meer der ernsten Ewigkeit!
Uralter Quell von Welten und von Zeiten!
Unendlichs Grab von Welten und von Zeit.
Beständigs Reich der Gegenwärtigkeit!
Die Asche der Vergangenheit
Ist dir ein Keim von Künftigkeiten.
VI.
Unendlichkeit! wer misset dich?
Bey dir sind Welten Tag und Menschen Augenblicke.
Vielleicht die tausendste der Sonnen welzt itzt sich
/
Und tausend bleiben noch zurücke.
Wie eine Uhr beseelt durch ein Gewicht /
Eilt eine Sonn aus GOttes Kraft bewegt:
Ihr Trieb lauft ab / und eine andre schlägt /
Du aber bleibst und zählst sie nicht.
VII.
Der Sternen stille Majestät /
Die uns zum Ziel befestigt steht /
Eilt vor dir weg / wie Gras an schwülen Sommer-Tagen /
Wie Rosen die am Mittag jung /
Und welk sind vor der Dämmerung /
Ist gegen dich der Angelstern und Wagen.
VIII.
Als mit dem Unding noch das neue Wesen rang /
Und kaum noch reif die Welt / sich aus dem Abgrund
schwang /
Eh als das Schwere noch den Weg zum Fall gelernet /
Und auf die Nacht des alten Nichts /
Sich goß der erste Strom des Lichts /
Warst du so weit als itzt von deinem Quell entfernet.
Und wann ein zweytes Nichts wird diese Welt begraben;
Wann von dem ganzen All / nichts bleibet als die Stelle;
Wann mancher Himmel noch / von andern Sternen helle
Wird seinen Lauf vollendet haben /
Wirst du so jung als itzt / von deinem Tod gleich weit
/
Gleich ewig künftig seyn / wie heut.
IX.
Die schnellen Schwingen der Gedanken
Wogegen Zeit / und Schall / und Wind
Und selbst des Lichtes Flügel langsam sind/
Ermüden über dir / und hoffen keine Schranken;
Ich häuffe ungeheure Zahlen
Gebürge Millionen auf.
Ich welze Zeit auf Zeit / und Welt auf Welt zu Hauf /
Und wann ich von der grausen Höhe
Mit Schwindeln wieder nach dir sehe /
Ist alle Macht der Zahl vermehrt mit tausend mahlen
Noch nicht ein Theil von dir /
Ich zieh sie ab und Du liegst ganz vor mir.
X.
O GOtt du bist allein des Alles Grund /
Du Sonne bist das Maaß der ungemeßnen Zeit /
Du bleibst in gleicher Kraft und stetem Mittag stehen /
Du giengest niemals auf und wirst nicht untergehen
/
Ein einzig Itzt in dir / ist lauter Ewigkeit.
Ja / könnten nur in dir die festen Kräfte sinken
So würde bald mit aufgesperrtem Schlund
Ein allgemeines Nichts des Wesens ganzes Reich /
Die Zeit und Ewigkeit zugleich /
Als wie der Ocean ein Tröpfgen Wasser trinken.
XI.
Vollkommenheit der Grösse!
Was ist der Mensch der gegen dich sich hält!
Er ist ein Wurm / ein Sandkorn in der Welt.
Die Welt ist selbst ein Punct wann ich an dir sie messe.
Nur halb gereiftes Nichts / seit gestern bin ich kaum
/
Und morgen wird ins Nichts mein halbes Wesen kehren /
Mein Lebens-Lauf ist wie ein Mittags-Traum /
Wie hoft er dann den deinen auszuwähren.
XII.
Ich ward / nicht aus mir selbst / nicht weil ich werden wolte /
Ein etwas das mir fremd / das nicht ich selber war
/
Ward auf dein Wort mein Ich. Zu erst war ich ein Kraut
Sich unbewußt / noch unreif zur Begier /
Und lange war ich noch ein Thier
Da ich ein Mensch schon heißen solte.
Die schöne Welt / war nicht für mich gebaut /
Mein Ohr verschloß ein Fell / mein Aug ein Staar /
Mein Denken stieg nur noch biß zum Empfinden /
Mein ganzes Kenntnüß war / Schmerz / Hunger und die Binden.
XIII.
Zu diesem Wurme kam noch mehr von Erdenschollen
Und etwas weißer Saft /
Ein inn'rer Trieb fing an die schlaffen Sehnen
Zu meinen Diensten auszudehnen /
Die Füsse lernten gehn durch Fallen /
Die Zunge reiffete zum Lallen
Und mit dem Leibe wuchs der Geist.
Er prüfte nun die ungeübte Kraft
Wie Mücken thun die von der Wärme dreist
Halb Würmer sind und fliegen wollen.
Ich starrte jedes Ding als fremde Wunder an /
Ward reicher jeden Tag / sah vor und hinder heute /
Maaß / rechnete / verglich / erwählte / liebte / scheute
/
Ich irrte / fehlte / schlieff' / und ward ein Mann.
XIV.
Itzt fühlet schon mein Leib, die Näherung des Nichts,
Des Lebens lange Last erdrückt die müden Glieder;
Die Freude flieht von mir, mit flatterndem Gefieder,
Der sorgenfreyen Jugend zu.
Mein Eckel, der sich mehrt, verstellt den Reitz des Lichts,
Und streuet auf die Welt den Hofnungslosen Schatten.
Ich fühle meinen Geist in jeder Zeil' ermatten,
Und keinen Trieb, als nach der Ruh.
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